Skip to main content

Full text of "Ptolemaer And Romer"

See other formats








Münchener 5eitrage 
zur Papyrusforfchung 

herausgegeben von 

Leopold Wenger 

Professor an der Universitfit München 


2. Heft 

Mariano San Nicolö: 
Ägyptifches Vereinswefen zur Zeit der 
Ptolemäer und Römer 

Zweiter Band, Erfte Abteilung 



München 1915 

C. H. 5eckTdie Verlagsbuchhandlung Oskar Beck 


Ägyptifches Vereinswefen 

zur Zeit der 

Ptolemäer und Römer 


Dr. jur. Mariano San Nicolö 


Zweiter Band, Erfte Abteilung 



München 1915 

C. H. BedrTdie Verlagsbudihandlung Oskar Beck 



C. H« JBeck’sche Buchdruckerei in !Nördliugen 





Vorwort. 

Nach der Ankündigung im ersten Bande dieser Arbeit 
hätte der zweite Band in kurzer Zeit folgen sollen, aber 
die Anfänge der Lehrtätigkeit an der Grazer Universität 
nahmen zunächst meine Zeit in Anspruch. Erst Ende Juli 
vergangenen Jahres war der Druck so weit vorgeschritten, 
daß ich zuversichtlich den ganzen zweiten Band bis Ok- 
tober publizieren zu können hoffte. Meine bei Kriegsaus- 
bruch erfolgte Einberufung zur Erfüllung höherer Pflichten 
veranlaßt mich nun, da ich nicht weiß, wann ich das 
Ganze werde vollenden können, doch den bereits fertigen 
Teil als Bd. II/l herauszugeben. Es sind dies die drei 
Kapitel: Entstehung und Endigung der Vereine; Vereins- 
organe; Vereinsvermögen. Bd. II/2, der im Manuskript 
größtenteils vorliegt, wird Kap. IV — VII umfassen und den . 
Abschluß bilden. Kap. IV wird das innere Vereinsrecht 
(Ehren, Privilegien und Vorrechte der Vereinsmitglieder; 
Gerichtsbarkeit und Disziplinargewalt; Geselligkeit und 
Vereinsleben), Kap. V die Stellung der ägyptischen Vereine 
im staatlichen Organismus während der ptolemäischen, 
römischen und byzantinischen Herrschaftsperiode, sowie 
den Ursprung des Vereinswesens in Ägypten behandeln. 
In Kap. VI werden, wie in der folgenden Einleitung S. 3 ff. 
ausführlich dargelegt ist, die gewonnenen Teilresultate zu- 
sammengefaßt und daraus der Begriff der griechischen 
Körperschaft formuliert werden. Dabei wird auch die Rechts- 
fähigkeit der Vereine erörtert und schließlich zur Frage der 
juristischen Person bei den Privatgenossenschaften inÄgypten 
Stellung genommen werden. Kap. VII wird die Terminologie 
(Vereinsbezeichnungen; Mitgliedernamen; Epitheta) behan- 
deln. In einem Nachtrage sollen alle in der Zwischenzeit 



VI 


Vorwort. 


dazugekotnmenen Quellen gesammelt werden und es wird 
auch für Indices zu beiden Bänden gesorgt werden. 

Wie im Vorwort zum ersten Bande habe ich auch 
hier einer lieben Pflicht der Danksagung zu genügen. Er- 
gebensten Dank schulde ich wiederum dem hohen k. k. 
Unterrichtsministerium für Beisesubventionen, die mir in 
den letzten Jahren einen wiederholten Studienaufenthalt 
im Auslande ermöglichten. Herzlichsten Dank sage ich 
vor allem meinem Lehrer und steten Berater Herrn Prof. 
Wenger, dessen Oastfreundschaft im Münchner Seminar 
für Papyrusforschung ich seit fünf Jahren genieße. Er hat 
die Mühe nicht gescheut, das ganze Manuskript durch- 
zulesen, manches zu korrigieren und mir öfter wertvolle 
Winke und Anregungen zu geben. Bei der Interpretation 
der demotischen Papyri verdanke ich sodann sehr viel der 
Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. Spiegelberg in Straß- 
burg, der mir auch manches Neue brieflich mitgeteilt hat. 
Zu Dank bin ich für das freundliche und mich in so vielem 
fördernde Interesse verpflichtet, das ich bei meinen verehrten 
Lehrern an der Grazer Universität, insbesondere bei den 
Herren Hofrat Hanausek und Prof. Pfaff gefunden habe. 

Die außergewöhnlichen Umstände, unter denen ich die 
Korrektur des Satzes besorgen mußte, mögen für manche 
Unebenheiten eine Entschuldigung gestatten. Bei der Re- 
vision der Aushängebogen hat mein Kamerad, Oberleut- 
nant Dr.FelixFriedrich, Richter in Wien, sprachlich mehr- 
fach nachgebessert, während mein Kollege an der Grazer 
Universität, Privatdozent Dr. A. Steinwenter, die Güte 
hatte zahlreiche Quellenzitate nachzuprüfen. Beiden Freun- 
den sei auch an dieser Stelle mein Dank ausgesprochen. 

Brixen a. E., Palmsonntag 1915. 


Der Verfasser. 



Inhaltsverzeichnis. 


Beite 

Vorwort V 

Inhaltsverzeichnis VII 

Einleitung 1 

Zweiter Teil. Vereinswesen und Vereinsrecht 
Erstes Kapitel. Entstehung und Endigung der Vereine 6—39 

§ 1. Vereinsgründung 6 

§ 2. Die Vereinsstatuten 16 

§ 3. Mitgliederaufnahme. Die Vereinsmitglieder. Aus- 
tritt aus dem Vereine 23 

§ 4. Auflösung der Vereine 36 

Zweites Kapitel. Die Vereinsorgane 40 — 136 

§ 5. Mitgliederversammlung 41 

§ 6. Der Vorstand 53 

§ 7. Die übrigen Vereinsbeamten 67 

§ 8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane . . 96 

Drittes Kapitel. Das Vereinsvermögen 137 — 204 

§ 9. Vereinsvermögen im engem Sinne 137 

§ 10. Einnahmen 155 

§ 11. Ausgaben 170 

§ 12. Vermögensrecht 174 




Einleitung. 

Nachdem im ersten Bande das ganze für uns hier 
«In Betracht kommende Material aus Ägypten kritisch 
gesichtet 1 und die einzelnen Vereine und Genossen- 
schaften in verschiedene mehr oder weniger scharf von- 
einander getrennte Gattungen eingeteilt worden sind, ist 
es Aufgabe des hier folgenden zweiten Teiles unserer Dar- 
stellung des ägyptischen Vereinswesens, die geordneten 
Urkunden nach der historischen und vor allem juristischen 
Seite hin zu bearbeiten. Es soll im vorliegenden Bande 
der Versuch gemacht werden, das komplizierte ägyptische 
Assoziationswesen während der drei Perioden ptolemäischer, 
römischer und byzantinischer Herrschaft in Umrissen dar- 
zustellen. 

Ich sehe mich schon hier genötigt, einige Worte über 
die zeitliche Abgrenzung der vorliegenden Arbeit zu sagen, 
obwohl diese in einem der folgenden Kapitel (Kap. V) eine 
bessere, sachliche Begründung erfahren wird. Ich gebe 
zu, daß es prima facie als ein empfindlicher Mangel er- 
scheinen mag, wenn im ersten Bande, bei den einzelnen 
Vereinsklassen, fast nirgends auf die vorhellenistischen 
Verhältnisse Bezug genommen und somit das „enchorische 
Ägyptertum“ vernachlässigt worden ist.* Gerade dem Ägypto- 

^ Die inzwischen neu dazugekommenen Quellen sind im Nachtrage, 
am Schlüsse des Werkes besprochen. 

’ , Bedauerlich ist es höchstens, daß auch hier San Nicolö der 
viel erörterten Frage nach dem enchorischen Ursprung der Gewerbe- 
innuugen .... nicht näher getreten ist*, Poland in Berl. Phil. Woch. 
1918 Sp. 1186. 

S&n Kicolb, Ägyptisches Vereinswesen II. 1 



2 


Einleitung. 


logen aber wird meine notgedrungene Abgrenzung des 
Stoffes gerechtfertigt erscheinen (vgl Wiedemann, Woch. 
für klass. Phil. 1913 Sp. 822) und mit gutem Grunde: denn 
erstens sind die Spuren eines vorhellenistischen Vereins- 
wesens äußerst spärlich und würden nicht einmal den be- 
scheidensten Erwartungen der Hellenisten, die das umfang- 
reiche griechische Material vor Augen haben, entsprechen^ 
zweitens aber sind die wenigen Urkunden (meist Grab- 
inschriften), worin sich Erwähnungen von Vereinen oder 
anderen Körperschaften vermuten lassen, noch im vollsten 
Sinne des Wortes unbearbeitet. Mit einigen Ausnahmen, 
die man an den Fingern einer Hand zählen könnte, sind 
die Texte nicht einmal noch gelesen. Solche Urkunden hier 
zu publizieren war nicht möglich, denn abgesehen von den 
recht geringen ägyptologischen Kenntnissen des Verfassers, 
die ihn dazu kaum legitimieii; hätten, wäre doch durch die 
Notwendigkeit eines umfassenden textkritischen Apparates 
der Einheit der Darstellung in beträchtlicher Weise Ab- 
bruch getan worden. Es sind übrigens an vielen Stellen 
des vorliegenden Bandes nationalägyptische Quellen heran- 
gezogen worden, die jedoch meistens der ptolemäischen 
Periode angehören. Aus diesen Einzelnachrichten aber ein 
klares Bild der vorhellenistischen Verhältnisse gewinnen 
zu wollen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, da man in 
vielen Fällen nicht einmal für die Exaktheit der Textes- 
wiedergabe einstehen kann. 

Bei der folgenden Darstellung der einzelnen Abschnitte 
des Vereinsrechtes wurde die eigentliche Hauptaufgabe 
dieses Buches, wie sie in der Einleitung zu Bd. I S. 10 
dargelegt ist, nie aus den Augen gelassen: Durch die 
genaue Untersuchung der Privatkorporationen in 
Ägypten während der ptolemäischen, römischen 
und byzantinischen Zeit sollte ein Beitrag zur Er- 


Einleitoiig. 


s 


kenntnis des Wesens der römischen juristischen 
Person geliefert werden. Ausgegangen wurde dabei 
immer vom griechischen Rechte und zwar vom griechischen 
Rechte im allgemeinen Sinne des Wortes, indem als Basis 
nicht die attischen Quellen allein, sondern das Urkunden- 
material der hellenistischen Länder und insbesondere des 
vorrömischen Ägypten genommen wurde.*) 

Die in jedem Abschnitte erzielten und dort dargestellten 
Teilergebnisse wurden dann im Kap. VI zusammengefaßt 
und daraus der Begriff der Körperschaftim griechi- 
schen Rechte gewonnen. Erst nachdem dieser Begriff 
feststand, konnte ich zur Betrachtung der Rechtsverhäl1>- 
nisse im römischen Ägypten übergehen. Die ebenfalls ab- 
schnittsweise vorgenommene Untersuchung dieser Peri- 
oden ergab, daß der römische Einfluß den hellenisti- 
schen Begriff der Korporation, wenigstens auf privatrecht- 
lichem Gebiete, nicht geändert hat. Die Genossenschaften 
blieben auch in römischer Zeit, was sie früher gewesen 
waren, nämlich Organismen des wirklichen Lebens, die 
keine abstrakte Existenz führten, sondern durch die Ver- 
mittlung der korporativen Rechte mit dem Leben der Ge- 
nossen innig verbunden waren. 

Durch die Umgrenzung und Fixierung des Begriffes der 
hellenistischen Korporation einerseits und andererseits durch 
die Konstatierung, daß in Ägypten dieser Begriff, wenigstens 
bezüglich der privaten Körperschaften, auch unter der römi- 
schen Herrschaft keine wesentliche Änderung erfahren hat, 
ist unsere Untersuchung zu ihrem Ende gelangt. Mit dem 
Nachweise eines bedeutenden, unversöhnlichen Wider- 
spruches zwischen der römischen Theorie und der Praxis 


‘ Im selben weiteren Sinne von gemeingriechisch ist in den folgenden 
Seiten das Wort .griechisch* anfzufassen. 



4 


Einleitnsg. 


auch auf dem Gebiete der juristischen Personen mufi diese 
Arbeit abgeschlossen werden. 

Bei einem Versuche, diesen Widerspruch zu erklären, 
köonte man sich mit der Annahme begnügen, daß das 
Partikularrecht in Ägypten einfach seinen Standpunkt 
gegenüber dem Beichsrecht bewahrt habe und in seiner 
Auffassung der Genossenschaften von diesem unbeeinflufit 
geblieben sei. Ich glaube aber weiter gehen zu dürfen. 
Denn gelegentliche, im Verlaufe dieser Arbeit vorgenom- 
mene Streifzüge in das Inschriftenmaterial der westlichen 
ßeichshälfte zeigen, daß der erwähnte Gegensatz zwischen 
Praxis und Theorie nicht nur in den östlichen Provinzen, 
sondern auch in Italien und sogar in Rom vQrhanden 
ist, indem man in der Genossenschaft nicht immer und 
konsequent eine persona ficta erblickte, welche, von ihren 
Mitgliedern vollständig getrennt, ein eigenes Leben führte. 
Die konkretere, nätürlichere Auffassung, wie ich sie für 
das griechische Recht nachgewiesen zu haben hoffe, hat 
auch in Rom nicht gefehlt und eine planmäßige Be- 
arbeitung der gesamten lateinischen Inschriften würde 
gewiß noch viel mehr ans Licht bringen. 

Wie kann dieser neue Widerspruch gelöst werden? 
Drängt sich hier der Zweifel an der Richtigkeit der 
romanistischen Theorie nicht von selbst auf? Haben die 
römischen Juristen bezüglich der juristischen Person und 
insbesondere hinsichtlich der Privatkorporation wirklich 
jene Anschauung gehabt, die ihnen unsere spekulative 
Dogmatik zuschreibt? Eigentlich kennen wir ja die 
Theorien der römischen, klassischen Juristen nicht direkt, 
sondern bloß durch die Kompilation Justinians. Hat da 
unsere Dogmatik, die auf diesem Gebiete, wie auf keinem 
anderen, stark von mittelalterlichen, scholastischen Rechts- 
anschauungen beeinflußt worden ist, die justinianeischen 


Einleitung. 


5 


Quellen richtig verstanden und wirklich den Gedankengang 
der römischen Juristen dargestellt? 

Wir können in diesem Buche das Problem nur durch 
Untersuchung des ägyptischen Vereins wesens weiter führen: 
eine Beantwortung der gestellten Frage soll an anderer 
Stelle versucht werden. 



Zweiter Teil. 

Vereinswesen und Vereinsrecht. 

Erstes Kapitel. 

Entstehung und Endigung der Vereine. 

§ 1 . * **’> 

Vereinsgründung. 

Die Gründung eines Vereines fand auch in Ägypten nach 
den allgemeinen, von Ziebarth a. a. 0. S. 140 und Poland 
a. a. 0. S. 27 1 ff. geschilderten, griechischen Grundsätzen statt. 
Es sind zwei Hauptfälle zu unterscheiden, erstens der frei- 
willige Zusammentritt der ersten Mitglieder ohne besonderes 
Hervorragen der Tätigkeit einer Hauptperson und zweitens 
der Zusammentritt unter Führung und Leitung einer Einzel- 
person. Die erstere Gründungsweise ist aus naheliegenden 
Gründen seltener belegt als die zweite. Poland a. a. 0. er- 
wähnt nur ein Beispiel aus Griechenland, den Eranisten- 
verein aus Alopeke, IG. III 1, 23, 29 (1. Jahrh. n. Chr.), welcher 
dadurch gegründet wurde, dah „befreundete Männer“ xoivfj 
ßovXfj -deofidv g)dit]s vneyQoniav.^ Aus Ägypten möchte ich 
die oft zu erwähnende Eultgenossenscbaft des Suchos zu 
Tebtynis hierher zählen, welche sich jährlich anläßlich der 

* Vgl. für Rom den Sprach des Neratins: tres facere collegium in 
D. 50, 16, 85 und dazu Pemice, Labeo 1 S. 292; Cohn, Zum rOmiachen 
Veieinsrecht S. 19 f. und Liebenam, Geschichte des römischen Vereins- 

Wesens S. 169. 



Entsiehimg imd Endignng der Vereine. — § 1. VereüsgrQn^g. 7 


großen Feierlichkeiten zu Ehren des Suchos und der Suchos- 
götter neu konstituierte.^ 

Dagegen bildete die (Jrttn^ung unter besonderer Be- 
tätigung einer Hauptperson dje Regel. Dem Gründer stand 
dann für seine Bemühungen, auch für die reichen 

materiellen Unterstützungenrilie dem gegründeten Ver- 
eine zukommen ließ, ein iCecht auf besondere Verehrung 
innerhalb der Genossenschaft zu; er wird oft xxioxrjg genannt* 
und gibt bisweilen der Vereinigung seinen Namen.* Manch- 
mal bleibt die Genossenschaft auch nach der Gründung 

‘ D«pa. P. Cairo Cat. 31178 (180/79 v. Chr.); 80606 (158/7 v. Chr.); 
30605 (157/6 v.Chr.); 81179 (148/7 v. Chr.); 80619a -f b (138/7 v.Chr); 
30618 (187/6 v.Chr.). Bei den in Breccia, Iscrizioni Nr. 143 (2. Jahrh. 
V. Chr.) und Milne, Greek Inscriptions Nr. 9296 (80—69 v. Chr.) vor- 
kommenden Vereinigungen von xuatai, bezieht sich die Gr (Indertätigkeit 
dieser Personen nicht auf den Verein, sondern auf den Tempel, dessen 
Errichtung den Anlaß zur Vereinsbildung gab. 

* Vgl. den xov xotvov auf Rhodos, IG. XII 1, 127, 60 (1. Jahrh. 

v.Chr.); den xtioxtjg eie(j(ov f^nmnov von Melos, IG. XII 8, 1098 u. a.m., 
Poland a.a.O. S. 278. Nicht zu verwechseln damit sind die bloßen Stifter 
von Bauten oder Bauplätzen, vgl. aus Ägypten, Preisigke S. B. 1106, 3: 
xxhtrjv ZOO xojtov, ln der Kaiserzeit ist der Titel xxiaxrjg ein allgemeiner 
Ehrentitel für Wohltäter und Herrscher, vgl. z. B. Dittenb. Or. Gr. II, 
491, 5; Or. Gr. II, 492, 7 (117-188 n. Chr.); Syll.» I, 889, 8 (Mitte des 
2. Jahrh. n. Chr.). Auch bei den römischen collegia ist oft von einem 
constitutor collegii die Rede: C. I. L. VI 2, 10251a; vgl. noch C. I. L. XIV, 
3659; dazu Waltzing, Etüde historique sur les corporations professionelles 
chez les Romains I S. 837; Liebenam a. a. 0. S. 170 und die S. 169 
Anm. 8 zitierten Stellen. 

* Vgl. die ovvoöo: Aafxä aus P. Teb. 573 (Ende des 1. Jahrh. n. Chr.) 
und die ovvodog deiödxos in P. Lond. III S. 193 ff., 78 (258/9 n. Chr.); vgl, 
noch ovvoSog ^coxdtag Z. 122 dortselbst. Unsicher die avvodog ^Avxoaviw; 
n P. Teb. 401, 85 (Anfang des 1. Jahrh. n. Chr.); dazu Bd.I S.210,6. 
Dagegen wohl genau das noXixevfia *Ag&wxov fxeydXov fiaxaglzov in gr. 
Inschr. XV (95 n. Chr.) in Annales du Service 1918 S. 88 ff., wobei je- 
doch zu bedenken ist, ob nicht etwa die Bezeichnung /^oxaQltrjg auf 
eine Gründung laut lotztwilliger Verfügung zu beziehen wäre. 




% EntÄehmig und Endigung der Vereine. — § 1. Vereinsgrttndnng. 

. " 

unter seiner Leitung. ^ Für die Tätigkeit des Gründers 
wird meistens der Ausdruck ovvdyeiv verwendet,* wobei 
auch das Hauptwort ovvam^^ neben ittiorfjg vorkommt.* 
Nicht immer aber entsteht^n ^erein zu Lebzeiten seines 
Gründers, oft wird er erst 'Äßh dem Tode desselben, auf 
Grund testamentarischer StiMlb ins Leben gerufen. Die 
Beispiele hierfür 'aus Griechenland und Born sind sehr 
zahlreich,* fehlen aber aus Ägypten bis jetzt vollständig, 
was vielleicht auf die eigenartige Entwicklung der Stiftung 
dortselbst zurückzuführen ist. 

Mit der Vereinsgründung, als der Vereinigung mehrerer 
Personen zu einem bestimmten Zwecke, ist natürfich noch ^ 
die Frage nicht beantwortet, ob diese Personenmehrheit 
auch eine selbständige juristische Persönlichkeit hat, 
das heißt also, als solche Rechte und Pflichten haben kann. 
Wenngleich wir unten sehen werden, daß die gemein- 


' Vgl. z. B. IGR. 1, 1095 (29/8 v. Chr.): ^vvioxcoQ ovmylcoyetjc) xai 
nQooxaxiqoaq xxl; ebenso BGÜ 1137, 8 f. (6 v. Chr.): (ovvddov sc.) avva- 
[ywyffvff] xai nQooxdxrig JjQXfjiog KaloaQog; vgl. Anm. 3. 

* Vgl. ovvdysiv in IG, XII 3, 330. 22. 27. 40 f. 79 (210—195 v. Chr.) 
und IG. II 1, 621, 14 f, und öfters; vgl. Poland a. a. 0. S. 272, Anm. 1 ; anders 
jedoch unten S. 43, 5. 

* Der in ägyptischen Inschriften oft erwähnte ovvaycoyögf oj’va- 
ycoyevg und aQx^ovrayMydg darf nicht immer als Gründer des Vereines 
angesehen werden, indem er auch bloß Einberufer der Versammlung 
sein kann. Dagegen wird es sich aber in den Fällen, wo er als erster 
Beamter angeführt wird, z. B. Preisigke, S. B. 623 (80—68 v. Chr.) wohl 
um den Vereinsgründer handeln. Ebenso auch, wenn unter den ver- 
schiedenen Titeln eines Beamten, owaycoyög der erste ist, vgl. IGR. I, 
1095 und BGÜ 1187, 8 f.; ebenso Preisigke S.B.639 (25 v. Chr.). Im 
übrigen vgl. unten Kap. Terminologie. 

^ Vgl. den Verein der Epikteta auf Thera, IG. Xll 3,330; den des 
Diomedon auf Kos, Dittenb. Syll.* II, 784 (8. oder 2. Jahrh. v. Chr.); die 
Genossenschaft des Poseidonios von Halikamaß, Dittenb. Syll.* II, 641 
(8. oder 2. Jahrh. v. Chr.); u. a. m. Poland a. a. 0. S. 273. 



Entstehung und Endigung der Vereine. § 1. VereinsgrflttdilCg« 9 

' " '■ ‘r 

rechtliche und als rSmisdh .bezeichnete Konstruktion der 
den Vereinsgeiiossen ganz selbständig gegenüberstehenden 
juristischen Person des Vefefet|8 selbst auch für das "ägyp- 
tische Vereinsrecht einer lebÜKten Korrektur nach der 
genossenschaftlichen Seite^^üJpedarf, so können wir doch 
nicht an der Frage vorÜbergH^, ob der Verein mit seiner 
Gründung schon juristische^erson hatte, oder ob er als 
„nicht rechtsfähiger Verein“, um mit dem deutschen BGB. 
§ 54 zu sprechen, zustande Jiam und nachträglich erst die 
Rechtssubjektivität erhielt. Dabei erhebt sich nun freilich die 
schwer zu beantwortende Frage, ob die Vereinigung durch 
j^Partei willen der Vereinsgründer sofort auch Rechtsfähigkeit 
erhalten konnte, es also im Willen der Gründer lag, ob sie 
eine bloße Gesellschaft oder einen Verein bilden wollten, 
oder ob noch andere Erfordernisse erfüllt sein mußten, 
ehe die Vereinigung juristische Person wurde. Oder, wenn 
wir die l'rage im Sinne der modernen Dogmatik stellen 
wollen: ob das System freier Körperschaftsbildung 
galt, wonach es die Parteien in ihrer Hand hatten, sich 
zu bestimmten Zwecken mit korporativer Verfassung 
zu vereinigen und sich so selbst Rechtssubjektivität zu 
verschaffen, oder ob das Konzessionssystem herrschte, 
wonach der Verein die Rechtssubjektivität erst nach Er- 
messen durch den Staat verliehen erhielt, oder endlich ob 
die .Personenvereinigung unter Erfüllung gewisser gesetz- 
licher Voraussetzungen, die im voraus feststanden, Be- 
kundung dieser Erfüllung durch einen gesetzlichen Akt 
verlangen konnte und durch diese Bekundung Rechts- 
subjekt wurde, also das System der gesetzlichen Nor- 
mativbedingungen galt.^ 


^ Vgl. etwa Enneccerus-Eipp-Wolf, Lehrb. des bürgerlichen Rechtes 
I. 1 S, 240. 



10 Entstehuiig and Endigung der Vereine. — § 1. Vereinegrllndang. 


Während in Griechenlandl und auch im ptolemäischen 
Ägypten* das freie Vereinigungsprinzip allgemein 
galt und bei der Vereii^grflnd||mg^ keine solche Spuren 
eines staatlichen Zwangt odTer einer Aufsicht zu ent* 
decken sind, darf in Eon|;4i% Freiheit des Zusammen- 
schlusses zu korporativei|^3||rgani8ationen höchstens für 
die republikanische Zeit angenommen werden. Dagegen 
wurde „vom Ausgang der Republik an die Vereinsgründung 
streng von staatlicher Genehmigung abhängig“.» Grund- 
gesetz war in dieser Richtung die lex Julia de collegiis, 
deren Bestimmungen später durch Senatsbeschlüsse auf 
Italien, durch kaiserliche Mandate auf die Provinzen aus- 
gedehnt wurden.^ In den kaiserlichen Provinzen stand das 
Konzessionsrecht dem Kaiser, dagegen in Rom, Italien und 
in den senatorischen Provinzen dem Senate zu. Die Teilung 
der Kompetenz scheint aber nicht immer konsequent durch- 
geführt worden zu sein und Waltzing hat an der Hand 
zahlreicher Beispiele a. a. 0. 1 S. 125 f. gezeigt, daß der 
Kaiser oft in Italien und auch in senatorischen Provinzen 
die Autorisation zur Vereinsbildung gegeben hat.» Inwie- 

' Vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 170 ff. 

* Dafür spricht schon das vollständige Schweigen aller literarischen 
und urkundlichen Quellen über diesen wichtigen Punkt. Im übrigen 
vgl. unten Kap. V. 

^ Mitteis, Privatrecht S. 395. 

* Vgl. vor allem Waltzing a. a. 0. 1 S. 123 ff.; Mittels, Privatrecht I 
S. 396. Bezüglich der kaiserlichen Mandate s. auch D. 47, 22, 1 pr. (Mar- 
cianus): Mandatis principalibus praecipitur praesidibus provinciarum, ne 
patiantur collegia esse sodalicia ; ebenso 1. 3 ; vgl. weiter Dio Cass. LX, 6, 6 ; 
Plinius ep. ad Trajan. 96 (Keil). Vielleicht bringt der in einem unpubli- 
zielten Berliner Papyrus enthaltene über mandatorum des Kaisers Augustus 
an den i'dio; Xoyog von Ägypten einige Aufklärung auf diesem Gebiete, 
da nach einer Mitteilung (DLZ. 1914, Sp. 75) auch ein kleiner Abschnitt 
über Vereinsrecht darin enthalten sein soll. 

^ Bezüglich C. 1. L. V, 1, 4428: socii quibus ex permissu divi Pii arcam 




Entfitekimg and Endigung der Vereme. — § 1. VeremBgrttpdnag. H. 


weit die Frage der Rechtsfähigkeit von der bloßen, durch 
Konzession gewährten Anerkennung eines Vereines zu 
trennen ist, hat Mitteis a. a. 0. S. 397 ff. im allgemeinen 
dargestellt. Bezüglich Ä^^iptens werden wir in Kapitel V 
noch darauf zurückkomm^. ^ 

Grundsätzlich sollte also ip römischer Zeit jeder Verein 
in Ägypten, als einer kaiserhclf^n Provinz, zu seiner Grün- 
dung die Autorisation des Kaisers erhalten haben. Trotzdem 
aber ist in den zahlreichen Urj^unden aus dieser Periode nicht 
ein einziges Mal von der Gewährung einer Konzession oder 
dem Ansuchen um eine solche die Bede. Wie ist dieser 
Widerspruch zu erklären, und wie stand es mit den Ge- 
nossenschaften, die bereits in ptolemäischer Zeit gegründet 
worden waren, nach dem römischen Einzuge? Eine Be- 
antwortung dieser zwei Fragen stößt auf große Schwierig- 
keiten. Denn wir stehen hier vor einer Erscheinung, die 
nicht nur in Ägypten oder überhaupt im Osten, sondern ^ 
auch in Italien und in den westlichen Provinzen begegnet. 
Obwohl nämlich außerhalb Ägyptens viele Vereine zu finden 
sind, die sich auf die erhaltene Konzession berufen und 
ihr ius coeundi ex auctoritate senatusconsulti oder Gaesaris 
sogar im Vereinstitel hervorheben, so bilden sie trotzdem 
immer nur die Minderheit^ gegenüber der großen Masse 
der Vereinsinschriften, in denen davon nicht die Rede ist. 

Das Nächstliegende wäre anzunehmen, daß die Er- 
teilung der Konzession nicht notwendigerweise im Titel 
der Genossenschaft zu führen war und daß viele Genossen- 
schaften die gesetzliche Autorisation erhalten hatten, auch 
wenn sie das in ihrem offiziellen Namen nicht besonders 

habere permissum est (Brixia), xnbchte ich zweifeln, ob damit die bloße 
Anerkennung, oder nicht eher die Erteilung der Rechtsfähigkeit ge- 
meint sei. Anderer Ansicht ist Mommsen, Staatsrecht* 11 S. 886, 2. 

' Vgl. z. B. die Inschriften bei Waltzing a. a. 0. 1 S. 125 f. 



12 Entstehung und Endigung der Vereine. — § 1. Vereinsgründung. 


kenntlich machten. Das läßt sich aber in befriedigender 
Weise nicht bei allen Verbänden annehmen und daher 
haben Liebenam a. a. 0. S. 39, Waltzing a. a. 0. 1 S. 129 
und Mitteis a. a. 0. S. 397, m. E. mit Recht die Folgerung 
gezogen, daß die Handhabung der Vorschriften über die 
Erteilung der Konzession nicht besonders strenge gewesen 
sei und daß viela Kollegien de facto existiert haben, die 
eine kaiserliche oder senatorische Autorisation gar nicht 
erhalten hatten. Diese collegia illicita konnten natürlich 
grundsätzlich von den Verwaltungsbehörden jederzeit auf- 
gelöst werden und galten nicht als eine juristische Person 
im römischrechtlichen Sinne. ^ 

Diese Annahme darf aber nicht zu sehr verallgemeinert 
werden, denn man kann doch nicht angesichts der über- 
wiegenden Zahl solcher nach den römischen Gesetzen als 
illicita anzusehender collegia behaupten, daß die meisten 
Vereine im ganzen Reiche eine solche prekäre und ua- 
sichere Existenz geführt hätten. Wir müssen uns viel- 
mehr die Frage vorlegen, ob im römischen Reiche wirklich 
nur diejenigen collegia zu Recht bestehen durften, die vom 
Kaiser oder vom Senat die Konzession erhalten hatten, 
es muß m. a. W. erwogen werden, ob die römischen 
Vereinsgesetze und Vereins verböte im ganzen Reiche galten 
oder ob sie nicht etwa durch die Anerkennung von Parti- 
kularrechten in ihrem Geltungsgebiet eingeschränkt waren. 
Ein Licht auf diesen dunklen Punkt werfen die ep. 92 und 
93 ad Trajanum des jüngeren Plinius. In der ersten schreibt 
Plinius, als Statthalter von Bithynien (111 — 113 n. Chr.) 
an den Kaiser: Amisenorum civitas libera et foederata 

* Vgl. Tacitus, Annal. XIV, 17 (59 n. Chr.) bezüglich der Unruhen 
in Pompei: et rursus re ad patres relata, prohibiti publice decem in 
annos ejusmodi coetu Pompeiani, collegiaque, quae contra leges in- 
atituerant, dissoluta; vgl. D. 47, 22, 3; Waltzing a. a. 0. 1 S. 123 ff., 132 ff. 



EniBUhuDg and Endigung der Vereine. — § 1. Vereinagrttndnng. 18 


beneficio indulgentiae tuae legibus suis utitur. In hac 
datum mihi libellum ad eranos pertinentem his litteris 
subjeci et cet. Darauf antwortet der Kaiser (ep. 93): Ami- 
senos, quorum libellum epistulae tuao junxeras, si legibus 
istorum, quibus de officio foederis utuntur, concessum 
est eranum habere, possumus quominus habeant 
non impedire. Wie man sieht, war ^ie Regelung des 
Vereinswesens, wenigstens bezüglich der Gründung, in den 
kleinasiatischen Städten nicjit der lex Julia unterworfen, 
sondern gehörte zur Kompetenz der Stadtgemeinde, welche 
in ihren Vorschriften selbstverständlich das griechische 
Prinzip des freien Assoziationsrechtes befolgte. Es ist wohl, 
nach Analogie dieser für Kleinasien feststehenden Tatsache, 
die Annahme nicht unbegründet, daß die Römer, wie sie 
in den municipia Kleinasiens das freie Assoziationsrecht 
der vorrömischen Zeit in Geltung ließen, auch in Ägypten, 
wo sie ebenfalls vor der hellenistischen Kultur standen, 
bezüglich der Vereinsfreiheit das Vorgefundene ptolemäische 
Vereins- und Korporationsrecht nicht abänderten, so daß 
es auch jetzt erlaubt war, Vereinigungen frei zu gründen, 
solange sie nicht mit dem öffentlichen Rechte in Konflikt 
kamen und politische oder verbotene Zwecke verfolgten. 
Ein solches Verhalten der römischen Regierung ließe sich 
um so leichter erklären, als bei den Vereinen des griechischen 
Rechtes die Rechtspersönlichkeit der Korporation, wie wir 
in den folgenden Kapiteln nachzuweisen versuchen werden, 
eine ganz andere Grundlage hatte, als bei den römischen 
Genossenschaften. Es darf weiter nicht unbeachtet bleiben, 
daß trotz dieser Vereinsfreiheit dem Statthalter auch in 
Ägypten wie in den anderen Provinzen, kraft kaiser- 
lichen Mandates das Recht zustand, jeden Verein, der 
eine Gefahr für die öffentliche Ruhe bildete, aufzulösen, 
wobei es natürlich gleichgültig war, ob der Verein eine 


14 Entstehnng und Endigung der Vereine. — § 1. Vereinsgrfindung. 


Konzession erhalten hatte oder nicht. Denn auch nach den 
römischen Gesetzen wurde jeder Verein, der statt seiner 
ursprünglichen Aufgabe politische Zwecke irgendwelcher 
Art verfolgte, dadurch zu einem collegium illicitum, welches 
ohne weiteres aufzulösen war.^ In der Tat erfahren wir 
aus den literarischen Quellen, wie eifrig die Statthalter in 
Kleinasien und Ägypten mit der Durchführung dieser poli- 
tischen Maßregeln zu Werke gingen.* Vielleicht bringt der 
schon oben erwähnte über mandatorum des Berliner Papyrus 
offizielle Nachweise auch auf diesem Gebiete. Jedenfalls 
glaube ich schon jetzt annehmen zu dürfen, daß sich der 
Umfang der Befugnisse des Statthalters hinsichtlich der 
Vereinspolizei ganz nach der jeweiligen politischen Situation 
der betreffenden Provinz richtete und möglicherweise sogar 
bis zu einer zeitweiligen Suspension des freien Vereinigungs- 
rechtes gehen konnte. Im allgemeinen aber berechtigt uns 
das vollständige Schweigen der ziemlich zahlreichen In- 
schriften und Papyri die Ansicht zu vertreten, daß die 
Römer die freien Rechtsverhältnisse der ptolemäischen Zeit 
bezüglich der Gründung von Vereinen in Ägypten nicht 
wesentlich abgeändert und keinesfalls einen allgemeineren 
Konzessionszwang durch den Kaiser oder Statthalter ein- 
geführt haben.* 


* Vgl. Waltzing a. a. 0. 1 S. 186 f.; dazu ülpian in D. 47, 22, 2; all- 
gemeiner in Bas. LX, 32, 2 und I dazu. 

* Vgl. die Zitate bei Waltzing a. a. 0. 1 S. 123 f. 186. 188; Ziebarth 
a. a. 0. S. 95; Mommseu, Römische Geschichte V S. 828; Reil, The muni- 
cipalities of the Roman Empire (1918) S, 518. Bezüglich Ägyptens werden 
wir das Ganze bei der Darstellung des Verhältnisses zwischen Staat 
und Vereinen genauer ausführon. 

* Unter Ägypten ist hier wieder das ganze Land gemeint, denn die 
Griechenstädte werden um so eher ihre eigenen Gesetze behalten haben. 
Im revolutionären und unruhigen Alexandrien gaben die politischen 




Entstebimg und Endigang der Vereine. — § 1. Vereinegrüiidang. 15 


Möglich wäre aber endlich auch wohl die Annahme, 
daä man schon in der römischen Praxis zum obengenannten 
System gesetzlicher Normativbedingungen gekommen sei, 
das die heutige Dogmatik als das vorgeschrittenste System 
erklärt (vgl. Enneccerus a. a. 0.). Freilich möchte ich diese 
Vermutung nur mit aller Vorsicht aussprechen, aber sie 
könnte vielleicht den eigenartigen Widerspruch am ehesten 
aufklären, wenn wir zugleich annehmen dürften, daia als 
gesetzliche Normativbedingungen etwa gewisse allgemeine, 
vielleicht schon früher in Geltung gewesene Vorschriften 
über »die Ordnung der Verfassung und die Sicherung 
des Verkehrs nach außen“ (Enneccerus a. a. 0. unter Z. 3) 
genügten. Für diese Annahme würde auch der Umstand 
sprechen, daß in römischer Zeit gesetzliche Normativ- 
bedingungen für die Mitgliederaufnahme in gewissen Ver- 
einen tatsächlich Vorkommen (S. 24). Jedenfalls läßt sich, 
wie schon bemerkt, beim jetzigen Stande der Quellen nichts 
Bestimmtes behaupten. 

Der Technitenverband von BGU 1074 (275 n.Chr.) ver- 
dient hier wegen seiner Bedeutung besondere Erwähnung. 
Z. 1—3 der soeben angeführten Urkunde enthält einen Erlaß 
des Kaisers Claudius aus d. J. 43 n. Chr.,^ worin er die von 
Augustus dem Verbände gewährten vdfiijuLa xai (pikdv^Q(ona 
bestätigt. Diese vofAifia xal cpdäv&Qcona des Augustus sind 
wieder in Z. 6, einem Brief des Severus, angeführt und 
zwar als önoaa eij^^exe ^QXV^ vjio xdyv jiqö ijuov clvxo^ 
XQaxoQÖiv ÖEdo/iiava viüv dixaia xal (pddv&Qwna (Wilcken, 
Arch. IV S. 565). Daß die q>ddvd^Q(ona einfach allgemein 
als Wohltaten und Gnaden zu nehmen sind, steht außer 

szaiQsiai dem Statthalter viel zu tun; vgl. die wiederholten Vereins- 
Verbote und die häufigen Auflösungen unten Kap. V. 

* P. Viereck in Klio VIU S.419, ebenso Wilcken, Arch. IV, 564, 
gegen Berl. Phil. W.8chr. 1907 Sp. 554 (Viereck). 


16 Entstehung und Endigung der Vereine. § 2. Die Vereinsstatuten. 


Zweifel (vgl Dittenb. Syll.* II, 730, 14 (180 v. Chr.), man 
könnte aber die vojup^a und binaia trotz Z. 3 f. auf die kaiser- 
liche Anerkennung oder auf die Gewährung der Rechtspersön- 
lichkeit an die Genossenschaft beziehen. Wie dem auch 
sei, es würde auch eine solche Interpretation unserer An- 
nahme, daß die Vereinsgründung von der kaiserlichen 
Konzession unabhängig war, keinen Abbruch tun, da es 
sich hier nicht um eine ägyptische Genossenschaft hanr 
delt, sondern, wie die Adresse des Erlasses des Claudius 
zeigt (Z. 1), um den den orbis terrarum umfassenden Ver- 
band der dionysischen Künstler. 

Ob zur Zeit der Verstaatlichung der Zünfte eine Ände- 
rung in den Verhältnissen eintrat, lassen uns die äußerst 
kargen Quellen dieser Periode nicht erkennen. 


§ 2 . 

Die Vereinsstatuten. 

Die Verwaltung der Vereine richtet sich heute nach den 
Grundsätzen, welche die Vereinsverfassung vorschreibt. Es 
besitzt eben jeder Verein eine Verfassung, die teils auf 
zwingender Rechtsvorschrift, größtenteils auf der Satzung, 
zum Teil endlich auf dispositivem Recht beruht. Regel- 
mäßig wird die Satzung schriftlich und beim Gründungsakte 
fixiert. Da sie den Kern des inneren tind äußeren Vereins- 
rechtes bildet und dabei staatliche Interessen berührt 
werden, sind vom Gesetze eine Reihe von Vorschriften 
aufgestellt worden, die in den Statuten aller Vereine ent- 
halten sein müssen. Infolgedessen gestaltet sich der Inhalt 
der Satzung eines Vereines entweder so, daß diese gesetz- 
lichen Vorschriften unverändert aufgenommen werden, oder 




Entotebimg und Endigung WY^reiuB. -- §2. Die VerainMtaiuten* 17 


aber nach den erlaubten Richtungen hin weiter aua^r 
gearbeitet werden.^ 

Anders dagegen im Altertum: in Griechenland hatte 
jeder Verein nach dem solonischen Gesetze das Recht voll- 
ständiger Autonomie in der Festsetzung seiner Statuten, 
soweit darin nicht die geltenden Gesetze verletzt wurden: 
iäv de dtj/Liog fj (pQdxoQsg lego^ ögyicov [ßvrmV) vavtm 
ovaaiToi fj 6fioxAq)oi fj ^laoanai fj Ini Xelav olxdjLievoi fj etg 
IfiTioglav, 8x1 äv xovxcov Sia'&cbvxai ngSg dXXi^Xovgp xvgiov elvai 
iäv fjLf] äTzayogevofi dfjfioaia ygdjLLjuaxa.^ Als Vorbild galten 
hier wohl die staatlichen Institutionen, und schon die Ter- 
minologie zeigt uns, wieweit Entlehnungen auf diesem 

Gebiete stattfanden. Jedenfalls ist die Annahme einer 

% 

Gestaltung der Korporationssatzung nach irgendwelchen 
staatlichen Vorschriften für die Länder des griechischen 
Rechtes schlechthin abzulehnen. Wohl aber wurde, wie 
Ziebarth a. a. 0. S. 144 treffend hervorgehoben hat und 
übrigens auch jedem Kenner der griechischen Inschriften 

* Vgl. z. B. die verschiedenen Vorschriften des BGB. bezüglich der 
Idealvereine: es gibt Vorschriften, die in den Statuten beobachtet werden 
müssen, solche, die es sollen (§§ 57 Abs. 2; 58; 59 BGB.), endlich solche, 
die befolgt werden können (so die Forschriften der §§ 21— 54 BGB., 
welche nicht zwingender Natur sind); vgl. u. a. J. v. Bülow, Vereinsrecht 
des Bürgerl. Gesetzbuches S. 79 f. 

* D. 47, 22, 4 Gaius lib. IV ad legem XII tabularum; Uber die Lesung 
6gy/cov &vtai vgl. Pernice, Labeo I S. 290. Über die Authentizität des 
Gesetzes (Gaius sagt .videtur“) vgl. Liebenam a. a. 0. S. 19; Cohn, 
Vereinswesen S. 83 Anm. 47 und Eayser, Abhandl. aus dem ProzeB> und 
Strafrecht II S. 140. Die Herstellung des Textes nach Bns. LX, 32, 4 
ist übrigens auch nicht zu empfehlen. Aus dieser Stelle wurde mit Un- 
recht von Pernice a. a. 0., von Bouchd-Leclercq, Manuel des institutions 
romaines (1886) p. 473, 2 und von anderen die Vereinsfreiheit für die 
Zeit der XII Tafeln gefolgert; dagegen mit Recht: Mommsen, De col- 
legiis p. 36; Liebenam a. a.0. S. 18; Waltzing a. a. O.I S. 79; S. 884f.; 
Mittels a. a. 0. S. 897. 

San Nieolb, ÄgyptiBohes Vereintwosen IL 


2 



18 Entstehung und Endigung der Veiiine. — § 2. DieVereinsstatnten. 


auffallen mußte, die Freiheit der Vereine durch den Willen 
von Stiftern und Wohltätern dadurch eingeschränkt, daß 
diese die Aufnahme von umständlichen Klauseln und 
Bestimmungen in die Vereinssatzung zur Bedingung für 
ihre Freigebigkeit machten. ^ 

In Rom finden sich dieselben Zustände wie in Griechen- 
land. Schon von Anfang an ließ man den Kollegien volle Auto- 
nomie in der Regelung ihrer Statuten. Gaius sagt in D. 47, 
22, 4 bezüglich der zwölf Tafeln: Sodales sunt, qui eiusdam 
collegii sunt, quam Graeci haiQiav vocant. His autem po- 
testatem facit lex, pactionem quam velint sibi ferre, dum 
ne quid ex publica lege corrumpant. Sie mußten sich daher 
nur ein Prinzip vor Augen halten: jus publicum privatis 
pactis mutari non potest.* Grundsätzlich wurde auch in 
der Kaiserzeit diese Autonomie vom Staate anerkannt, nur 
hinsichtlich der collegia tenuiorum bestand die Beschrän- 
kung, daß sie nur eine Sitzung im Monate abhalten durf- 
ten.» Erst als man später die Vereine mit der Ausführung 
staatlicher Aufgaben betraute, griff der Staat in das Selbst- 
bestimmungsrecht der Korporationen ein. Er regelte die 
Pflichten der Mitglieder in den corpora und trachtete durch 


^ Besonders bei den Familienvereinen; vgl. z. B. die testamentarisch 
angeordnete Gründung des xoivov jov dvögsiov t&v ovyyevcöv auf Thera, 
seitens der Epikteta, IG. XII 3, 880 (210—195 v. Chr.); weiter den zur 
Vereinssatzung erhobenen legov vöfiov %ov djioXsXEifx^kvov vjto JCgdtcDvo^ 
in Dittenb. Or. Gr. II, 826, 85 (152/1 v. Chr.) ; ebenso GIG. 2562 (125 n. Chr.). 
In diesen und anderen Fällen ist ein ganz eigenartiges Gemisch von 
Stiftung im modernen Sinne und donatio sub modo wahrzunehmen. 

* D. 2, 14, 88 (Papinianus). 

* Vgl. D. 47,22, 1 (Marcianus); dazu Bruns, Fontes^ Nr. 175, 10 ff. 
(186 n. Chr.): Eaput ex SC. p(opuli) B(omani). Qui[bus coire cojnvenire 
collegiumq(ue) habere liceat. Qui stipem menstruam conferre volen[t in 
funejra, in it collegium coeant, neq(ue) sub specie eius collegii nisi 
semel in mense c[oeant cojnferendi causa, unde defuncti sepeliantur. 




Entstohimg und Endigung der Vmine. — § 2. DieVaremsstotaten. 19 


eine sonderrechtliche Gestaltung des Vermögensrechtes die 
materielle Existenz der Genossenschaften zu sichern. Da 
überdies in dieser Zeit den Mitgliedern mancher Vereini- 
gung gewisse Privilegien zugestanden wurden, schrieb der 
Staat die Bedingungen für die Aufnahme in den Verein vor. 
Sonst aber kann man auch bei den römischen Körper- 
schaften und Vereinen, abgesehen von den zuletzt er- 
wähnten eigenartigen Verhältnissen der späteren Zeit, 
Autonomie in der Festsetzung der Statuten annehmen. 

Wir besitzen vollständige und fragmentarische Statuten 
griechischer 1 und römischer* Vereine und auch Satzungen 
von ägyptischen Genossenschaften fehlen nicht. Vollständig 
erhalten sind die Statuten der großen Kultgenossenschaft 
des Sobk von Tebtynis aus den Jahren 180/79 (dem. P. 
Cairo Cat. 311 78), 158/7 (dem. P. Cairo Cat. 30606), 157/6 (dem. 
P. Cairo Cat. 30605), 148/7 (dem. P. Cairo Cat. 31179) und 
138/7 V. Chr. (dem. P. Cairo Cat. 3061 9 a + b), worin die Rechte 


^ Hervorzuheben sind darunter: der vofiog igaviotö^v in IG. Ill 1, 28 
(Alopeke), der vö/nog der "loßaxxoi, Dittenb. SylL* II, 737 (ca. 178 n. Chr.), 
die Statuten des Familienvereines der Epikteta auf Thera, IG. XII 8, 880 
(210—195 V. Chr.), die Satzung der v/nvcpdol (IGR. IV, 858) und vsol von 
Pergamon (Mitteil, des deutschen archäol. Instit. XXXII (1907) S. 248 ff., 
gr. Inschr. Nr. 18), beide aus römischer Zeit ; zurV ervollständigung s. Ziebarth 
a. a. 0. S. 145 und Poland a. a. 0. S. 886 Anm. 2. 

^ Vgl. unter anderen die Statuten des coUegium aquae, Bruns, 
Fontes^ Nr. 178 (1. Jahrh. n. Chr.), der Gilde der Elfenbeinarbeiter und 
Kunsttischler unter Hadrian, Bruns, Fontes^ Nr. 181 (dazu Gradenwitz 
in Sav.Z. XI S. 72 ff. ; XII S. 188 ff.), die lex collegi Dianae et Antinoi, 
Bruns, Fontes^ Nr. 175 (186 n.Chr.), die Satzung des coUegium Aeseulapii 
et Hygiae, Bruns, Fontes^ Nr. 176 (158 n. Chr.), die eines afrikanischen 
coUegium militum, Bruns, Fontes^ Nr. 179 (208 n. Chr.) und eine lex 
collegi tnbicinum, lat. Inschr. in Klio VII S. 188 f. (Zeit der Severe). Im 
allgemeinen s. Karlowa, Rechtsgeschichte I S. 818 ff.; Liebenam a. a. 0. 
S. 181 f. ; Waltzing a. a. 0. 1 S. 871 ff. ; Komemann in Pauly-Wissowa IV 
Sp. 415 f. 


2 * 



20 Entstehiiiig and Endigung der Vereine. — §2. DieVereinsstatuten. 


und Pflichten der Mitglieder für ein Jahr festgesetzt werden. 
Überdies wird in Dittenb. Or. Qr. 1, 1 1 1 (kurz vor 163 v. Chr.),^ 
Or. Gr. II, 737 (176 oder 112 v. Chr.),» P. Lond. HI 214 flf. 
(194 n. Chr.)» und in BGÜ 1074 (274/5 n. Ch^» auf den 
v6fio(; avvödov Bezug genommen. Schon Waltzing a. a 0. 1 
S. 371 und Ziebarth a. a. 0. S. 145 haben mit Becht be- 
merkt, dafl man sich unter den Vereins-vd/iot nicht voll- 
ständige Satzungen im modernen Sinne vorstellen darf, 
worin Zweck des Vereines, Aufnahme und Ausschließung 
von Mitgliedern, Ernennung und Funktionen der Beamten, 
Rechte und Pflichten der Mitglieder, Maßregeln bei einer 
eventuellen Auflösung des Vereins usw. enthalten sind. 
Alle uns erhaltenen v6/xoi regeln meistens bloß den einen 
oder den anderen, höchstens mehrere, nie aber alle diese 
Punkte. Daraus erklärt sich m. E. auch die Tatsache, daß 
die Statuten einer Genossenschaft oft aus einem Komplexe 
von solchen v6/j,oi bestanden haben müssen, da man in 
den Inschriften von Rechten, Pflichten und Ansprüchen 
nicht nur xard rbv vöjuov, sondern auch xarä rovs v6/iovs 
spricht.» Alles was im vö/io; nicht normiert war, scheint, 
insoweit nicht Gewohnheitsrecht eingriff, den Beamten oder 
eher der souveränen Mitgliederversammlung zur Regelung 
überlassen worden zu sein. Ich möchte sogar in dieser 
Unvollständigkeit der Statuten einen Beweis mehr für die 

* Dittenb. Or. Gr. 1, 111, 80 f.: natä xbv xeiftsvop [avvoSix]6v v6(Ao\y\\ 
Wilcken, Arch. III, 823. 

* Dittenb. Or. Gr. II, 787, 15: avayoQsvBo^m avx&i xaxa xw 

sidxQtov VOftOV. 

* P. Lond. III S. 214 ff. Z, 6. 43. 

* BGÜ 1074, 15: xaxd xov vöfiov xdv ßaailixov, vgl, S. 24. 

‘ Vgl. z. B. IG. II, 616, 5 ff.: [xard xovc v6]fiovc xovg xotvovg x[cöy 
iQaviax&]v; IG. IV, 558, 18 (108 v. Chr.): al xaxk xovg vofiovg ^oiai\ IG. 
XII 8, 880 Z. 225 f. : xd yeyQafjifiiva iv xoTg vofjiotg ; u. a. m. vgl. Poland 
a. a. 0. S. 886 Anm. 2. 




Eatatohnng and Endigang derT^rein«. — § 2. Die VareiBnUtat«i. 21 


unten näher auszuführende Annahme der souveränen Stel- 
lung der Genossenversammiung bei den griechischen Ver- 
einen sehen. Diese Einseitigkeit und Unvollständigkeit der 
Statuten sftzt m. E. eine Mitgliederversammlung voraus, 
die kein bloßes Vereinsorgan, sondern die sichtbare Ge- 
nossenschaflr selbst ist und daher immer in der Lage ist, 
über jede Vereinsangelegenheit auch konstitutioneller Natur 
Verfügungen mit bindender Kraft zu treffen. 

Es soll hier bezüglich der Vereinsstatuten noch ein 
anderer Umstand hervorgehoben werden, auf welchen im 
weiteren Verlaufe dieser Arbeit noch zurückzukommen sein 
wird. Wenn wir die einzelnen Urkunden durchsehen, so 
finden wir, daß die Satzung immer in der Mitglieder- 
versammlung formuliert und sanktioniert wird, denn sie 
erscheint formell überall als ein Beschluß der genannten Ver- 
sammlung. Es ist in diesem Beschlüsse das Merkmal der 
gegenseitigen vereinbarten Bindung der Mitglieder 
untereinander besonders charakteristisch. Das solonische 
Gesetz sagt: Sn &v tovtcov öiad'mvxai ngdg dXiijiovc 
xvQiov elvai und Gaius fügt bezüglich des alten römischen 
Rechtes hinzu: Eis (sc. sodalibus) autem potestatem facit 
lex pactionem quam velint sibi ferre (D. 47, 22, 4). 
Ebenso sagen die demotischen Statuten der großen Eult- 
genossenschaft des Suchos von Tebtynis: ,Das Gesetz, dem 
die Leute der Secbserschaft zugestimmt haben . . . welche 
sich vor Suchos und den Suchosgöttem versammelt haben 
an den Festen und Prozessionen . . . indem sie sagen ins- 
gesamt: Wir tun es (sc. das Gesetz).** Weiter heißt es 

* Vgl. dem. P. Cairo Cat. 80605, 8 f. (157/6 v. Chr.): pl hp r mte n 
s)s(n)J (?) r-f , . . nt htns mb\k 8bk n> ntrw Sbk n nJ hb nl he n Sbk nl 
ntrw Sbkt und dem. P. Cairo Cat. 80619, 8 (188/7 y. Chr.): )ww dd n 

sp yvMi yr*f\ ebenso die anderen ; dem. P. Cairo Cat. 80606, 4 f. (158/7 
V. Chr.); 81179, 4 f. (148/7 v. Chr.). Die gleiche Ausdmckaweise ist auch 




22 Entstehaog nnd Endigung der Vereine. — § 2. Die Vereinaststaten. 


bei einem römischen Eultverein, C. I. L. X 1, 1579: hic ager . . . 
eorum possessorum raris est, ... qui nihil ad versus lecem 
(sic) et conventionem eins corporis facere persevers- 
verint.‘ ^ 

Die Tatsache, dah ein Beschluß der Versammlung einer 
Korporation als das Produkt der Vereinbarung, der Eini- 
gung der gesamten Genossen untereinander aufgefaßt wird, 
wie es aus den soeben angeführten Quellen hervorgeht, 
spricht m. E. gegen die Organsqualität der Vereinsver- 
sammlung. Wenn der Willensakt dieser Versammlung als 
ein zusammengesetzter Willensakt aller Genossen der Kor- 
poration, die Abwesenden durch die Anwesenden ver- 
treten, erscheint, so kann diese Versammlung nicht ein 
bloßes Organ des Gemeinwesens sein, die Korporation ist 
vielmehr selbst in der Versammlung sichtbar und tätig. 
Es liegt m. a. W. ein unmittelbarer Gesamtwillensakt vor, 
indem die Korporation nicht mittelblr durch die Mitglieder- 
versammlung als Organ, sondern unmittelbar selbst in 
derVersammlungdenWillen kundgibt. Doch darüber später. 

bei der Feetsetzung der Statuten der Choachytengenoeeenecbaft in dem. 
P. Berl. 8115 (107 — 104 v. Chr.) wabrzunehmen, indem es S. 4 beiit: 
,Die Bestimmungen mit denen die Cboacbjten der Totenstadt ein- 
verstanden waren, sie zu macben, um die Genossenscbaft des Ämon 
von Karnak zu konstituieren*; ebenso S. 2 (104 v. Cbr.). 

Obwohl die Priestergenossenscbaften grundsätzlich von dieser Arbeit 
ausgeschlossen worden sind, sei es mir erlaubt, hier und öfters diesen 
Papyrus zu zitieren, da der Verein einen ausgesprochenen privaten 
Charakter hatte. 

* Meistens werden die Vereinsstatuten wohl als lex bezeichnet. 
Lex bedeutet dabei nichts weiter als .Bindung*; vgl. Mommsen. Rö- 
misches Staatsrecht III S. 808 Anm. 3 nnd 4; Meringer, Indogerm. Forsch. 
XVII 8. 144; Mittels, Privatrecht S. 149 f.: .den Vertrag in seiner for- 
mellen Redaktion und zwar sowohl als konkretes Übereinkommen, wie 
auch als abstraktes Foimularund Schema*; Wenger, Wörter und Sachen 
I S.84. 




Entsiehimg und Endigung der Verein«. — §8. Mitgliederaufiiahnik 23 


§3. 

f 

Mitgliederaufnahme- Die Vereinsmitglieder. 
Austritt aus dem Vereine. 

Die sollst für das Vereinsrecht so wichtigen Statuten 
der Eultgenossenschaft des Suchos zu Tebtynis enthalten 
keine Bestimmungen über die Aufnahme neuer Mitglieder 
in den Verein, weil die 'Genossenschaft sich sozusagen 
alljährlich^ neu konstituierte und die Statuten von Jahr 
zu Jahr festsetzte. Wir sind bezüglich der Mitglieder- 
aufnahme auf kleine, verstreute Einzelnachrichten an- 
gewiesen. Soweit wir beurteilen können, scheinen keine 
besonderen Abweichi|ngen von den leitenden griechischen 
Grundsätzen, wie sie Ziebarth a. a. 0. S, 140 flf. geschildert 
hat, bestanden zu haben. Selbstverständlich hatte in Ägyp- 
ten, wie auch sonst in der hellenistischen Welt, auf diesem 
Gebiete das SelbstbesÄmmungsrecht der einzelnen Körper- 
schaften den weitesten Spielraum: eine Einmischung der 
Staatsgewalt wird wohl auch für die römische Zeit im all- 
gemeinen kaum anzunehmen sein.^ Nur insoweit mit der 
Mitgliedschaft gewisser Vereinigungen Privilegien ver- 
bunden waren, vor allem die Steuer- und Liturgienfreiheit, 
äxüeta^ wird der römische Staat die Autonomie der Kor- 
porationen eingeschränkt haben. ^ Letzteres scheint mir aus 
einigen Worten des schon erwähnten Mitgliedsdiploroes des 
Reichstechnitenverbandes, BGÜ 1074, hervorzugehen, in- 
dem es dort Z. 15 heißt: äjiodedcoxöxa (xdy xaxd xov vöfiov 
x6v ßaaihxov ivxdyiov. Obwohl in der Parallelurkunde der 

^ Gemäß dem Grundsätze der EU Tafeln in D. 47,22, 4 (Gaius), 
der ausdrücklich aus einem solonischen Gesetze stammen soll. Darüber 
oben S. 18f. 

> Über die Bestätigung der Privilegien durch die Öffeatüchen Be- 
hörden vgl. unten Kap. V. 




24 Sntstehang und Eiidiguiig der Vereiiie« *^ § 8. Mitgliederaiifieuiliine. / 


athletischen Beichssynode, P. Lond. III S, 214 ff. Z. 6. 48 
bloß: rd xard xöv Ufwv hndyiov steht, wird auch hier 
ßaaihxdv oder ^eiov zu ergänzen sein. Der ßamXixbe vöftos ' 
sind nun die vom Kaiser genehmigten Tereinsstatuten 
-oder wenigstens die darin enthaltenen Bestimmungen Ober 
die Mitgliederaufiiahme. Das Hervorheben des ßaadixös 
an dieser Stelle weist deutlich auf die staatliche Einwir- 
kung hin.‘ Es fragt sich nur, wie sich diese Mitwirkung 
des Staates äußerte. M. E. in der Weise, daß %ie Kaiser 
hier, ähnlioh wie später bei den Zünften in Born, Normativ- 
bedingungen aufstellten, die bei der durch den Verein auto- 
nom erfolgenden Aufnahme einzuhalten waren, so daß nur der 
in den Verein aufgenommen werden'j|.urfte und damit die 
ixüeia und andere Privilegien %rreicht^, der diesen gesetz- 
lichen Voraussetzungen entsprach. Diese Annahme hat vor 
der anderen, einer von Fall zu Fall stattfindenden Ge- 
nehmigung der Aufnahme eines neuen Mitgliedes, die Ver- 
einbarkeit mit unseren speziellen Quellen voraus und außer- 
dem stimmt dieses Verfahren mit dem bei Befreiung von 
Liturgien aus anderen Gründen eingeschlagenen überein 
(Kuhn, Städt. und bürgerl. Verf. I S. 70; Wilcken, Grund- 
züge S. 344 f.). 

Weiter reicht das Eingreifen der Staatsgewalt bei den 
römischen Zünften gleichzeitig mit deren fortschreitender 
Verstaatlichung in byzantinischer Zeit. Zahlreiche kaiser- 
liche Konstitutionen ordneten an, daß nur solche Leute in 
die Collegia aufzunehmen seien, die ein gewisses Vermögen 
besaßen, also idonei facultatibus waren, um die munera zu 

ertragen.* Man ging sogar noch weiter: der Staat konnte 

^ 

^ Gegen den Mißbrauch solcher Privilegien richten sich die kaiser- 
lichen Reskripte, P. Lips. 44, col. 2 (4. Jahrh. n. Chr.) und C. J. X, 54, c. un. 
(Diocletianus et Maxim.); darüber unten Kap.V. 

* Vgl. C. Theod. XIII, 5, 13 (869 n. Chr.); C. Theod. XIV, 8, 9 (c|.870 



" Eiit8tehiiiigandInd]gangd«rVer6m6/---§8* Mitgli^deraafiilüimei 25 


gewisse Personen nötigen, in die Zwangsverbände ein- 
zutreten; das waren die addicti corpori. Sonst öberließ 
man zwar den Korporationen die adlectio ihrer Mitglieder, 
da sie ja auch für sie hafteten, ^ aber die Wahl war immer 
der Genehmigung der Behörde unterworfen und konnte 
annulliert werden, wenn gewisse Voraussetzungen bezüg- 
lich der Vermögens- und Lebensverhältnisse des neu auf- 
zunehmeiidw Mitgliedes nicht genau zutrafen.* Das läßt 
uns die Pijt|e aufwerfen, ob auch im byzantinischen Ägyp- 
ten, wo der jidgos schon von jeher eine so große Rolle 
spielte, daß die Bevölkerung für die Liturgievorschläge in 
:;tdpof-Kla8sen zu Hunderten von Drachmen * eingeteilt war, 
ähnliche Bestimmungen und Vorschriften bestanden haben. 
Die Frage kann jetzt durch aas jüngst erschienene vierte 
Heft der Pap. Jandanae wenigstens teilweise dahin be- 
antwortet werden, daß schon im 2. Jahrh. n. Chr. die Mit- 
glieder des Corpus chiristarum^ wenigstens 30000 Sesterzien 
bemitzen mußten,^ oder locuin ex quo quattuor sestertia 
annu# consequatur (P. Jand. 68, coL 2, 26 ff.). Verminderte 
sich ihr Vermögen, so mußtbn sie aus dem Verbände 
scheiden. Es würde zwar nicht zu gewagt sein, daraus 

n. Chr.); C. Theod. XIII, 5, 18 (a. 890); C. Theod. XIV, 3, 12 (a. 370); Wal- 
tzing a. a. Ö. II S. 277 f.; 324 ff. 

^ Vgl. bei den fabricenses Nov, Theod. VI (a. 488); Waltziog a. a. 0. 
IIS. 365 f. 

* Vgl. wieder bei den fabricenses C. Theod. X, 22, 6 (s= C. J. XI, 10, 4) 
(a. 412) und auch bei den anderen Zwangsverbänden, Waltzing a. a. 0. II 
S. 365 f. 

* Vgl. P. Bibi. Nat. Suppl. gr. 910 (= Wilcken, Chrest. Nr. 892); P. 
Fay. 28 und 23 a (alle a. d. 2. Jahrh. n. Chr.), dazu Wildten, Ostr. I S. 506 ff. ; 
Gmndzfige S. 342f. 

* Vgl. unten Nachtrag. 

* P. Jand. 68, col. 1, 27 ff.: [op]or<erW cÄ[t]^tom cenaum habere non 
inin[ö\r^em\ quam tr[{]g[int]a mUia [jÖ]5^ et eet. 




26 Entstehung mid Endigung der Vereine. — §8. MitgUedernalnahme. 


Schlüsse auf die byzantinischen Zünfte zu ziehen, aber es 
muß davor gewarnt werden, zuviel Analogien auf diesem 
Gebiete zwischen ßom und Ägypten finden zu wollen. Das 
Erstarren der Zünfte zu rein staatlichen Institutionen ist 
für Ägypten, vielleicht mit Ausnahme der vaixlrjQoi^ noch 
nicht zweifelfrei bewiesen. 

Aus allen diesen Erwägungen ergibt sich, daß die Mit- 
gliederaufnahme auch in der römischen Zeit wohl meistens 
zum autonomenWirkungskreisederGenossensclialten gehörte. 

Die Aufnahme erfolgte auf Grund eines Beschlusses 
(xpi^ipiöjua) der Mitgliederversammlung, Dittenb. Or. Gr. II, 
735, 1 ff. (159 — 145 v. Chr.): Sdo^ev zm xoivoji löv] Bdx- 
Xiozcbv h {yofxalai avvddml^^ nachdenj man sich vom Cha- 
rakter und von den Fähigkeiten des neu aufzunehmenden 
Mitgliedes in mehr oder minder gewissenhafter Weise über- 
zeugt hatte. Besonders genau scheint man es dabei nicht 
genommen zu haben, denn von einer doxijuaala^ wie wir 
sie bei manchen griechischen Vereinen treffen,* ist beiden 
ägyptischen Genossenschaften nie die Rede. ^ 

^ Fttr Griechenland vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 141 ; für Rom Liebeuam 
a. a. 0. S. 170 f. und die dort zitierten Stellen, wobei auch auf D. 47, 22, 3 
§ 2 (Marcianus) aufmerksam gemacht wird. 

Die in Ägypten zur Bezeichnung der Aufnahme vorkommenden 
Ausdrücke sind neben ijtdyeiv in Dittenb.Or.Gr.il, 735, 25 noch >cata^ 
tdaoEiv, wohl „einweihen“ in P. Lond. III S. 214 ff. Z. 68 und BGÜ 1074, 19 
und öfters, vgl. Arch. IV 566, und weiter xaxaXiyeiVt BGÜ 1078, 10 und 
(ergänzt von Viereck) BGÜ 1074, 15; letzteres entspricht wohl dem latei- 
nischen adlegere, vgl. D. 50, 6, 5 § 12 (Callistratus) ; Bruns, Fontes^ 
Nr. 176, 5 f. (153 n. Chr.); Nr. 181 öfters und C. 1. L. XIV, 2408; Liebenam 
a. a. 0. S. 170, 1 ; vgl. auch Bas. LX, 32, 3. In Ostr. Lamer (= Wilcken, 
ehrest. Nr. 110 A) Isißt es eiödyeiv, Z. 14. 

* Vgl. Dittenb. Sy 11.* II, 737, 32 ff.: fAfjSevi s^iaxeo loßanxw shm, 
mv fÄtj jrgaiTov oJioygdy^tjxai nagd zm UgsT xijv vsvofiiofiivrjv djroyga(p^v 
xai dofHfAac{^fj vno xeov ioßdxxcor rpriqxgt (palvoito Hai smx^^ 

dfioj Tf> Banxsieg; ebenso IG. III 1, 28, 80 f. (1. Jahrh. n. Chr.). 



Eatetehimg und Endigung der Vnraine. — § 8. lOtgliedeimufiiidiiiite. 27 


Wohl aber war die Zahlung des Eintrittsgeldes Voraus- 
setzung für die Aufnahme in die Vereinsliste, ^ wenn es 
sich nicht um Ehrenmitglieder handelte, die ohne Gebühren 
aufgenommen wurden. Erst nach erfolgter Zahlung wurde 
dem Neueintretenden das Mitgliedsdiplom eingehändigt. 
Dasselbe hieß bei den athenischen Jobakchen IniatoXij ’ und 
wird auch sonst diese Bezeichnung gehabt haben. Mit 
Recht, denn den Kern des Diplomes machte, wie wir jetzt 
aus den Papyri wissen, der Vereinsbrief aus, worin den 
Genossen mitgeteilt wurde, daß „der X. Y. jetzt Mitglied 
des Vereines sei"*. Die Formel dürfte sich immer gleich 
geblieben sein — nach den uns bekannten Fällen zu ur- 
teilen — und lautete nach P. Lond. III S. 214 ff. Z. 2 ff. und 
36 ff. : . . . avvodog toig &i6 xYjg avxrjg ovvddov 

ylyvcooaetE ovxa '^/jlcov avvodeixtjv "^Eg/bteivov x6v xai Mcßgov 
*EQßi07ioke(xtjg nvxxijv , . . xal änoSedcoxota x6 xaxd x6v v6/aov 
hxäyiov näv Ix nXrjoovg drjvdgia Ixaxöv, iygd^pajjLev ol)v v/mv 
Xva eidrjxe, Sggcoo&e;^ darauf folgten die Unterschriften der 
versdfiiedenen Vereinsvorsteher. Bei bedeutenden Korpora- 
tionen, wie z. B. bei den Reichssynoden der Athleten und 
Techniten, wurde den eigentlichen Vereinsbriefen eine 
Reihe von Kaiserbriefen im Diplome vorausgeschickt, 
welche die verschiedenen Geschenke, Privilegien und Im- 
munitäten, die der Korporation verliehen worden waren. 


^ Vgl. P. Lond. III S. 214£f. Z. 5ff.: xai djtsS(odox6ta to xatä vo/iiw 
[hrdyiov] Jiäv kx nX^Qovg kxaxov xtX.; ebenso Z. 42ff.; nach 

BGÜ 1074, 15 sogar xai tag xifidg xov 8ü}g g {sxovg); darüber s. unten 
S. 160, 6, ebenso in Griechenland, Dittenb. Syll.yj, 787, 60 f.: 
xov äoT T<p iegev x6 laijXvaiov; ebenso IG. II 5, 618 b, 19 f.: ijtdv xataßd- 
Xcoatv x6 8xißaXXo[v] avxolg xxX, 

* Dittenb. Syll.* II, 787, 59 f. : diöoxo) 6 leQsvg imatoXt^v oxi ioxiv Id- 
ßotxxog, 

* Ebenso mit unbedeutenden Variationen BGU 1074, 15 f. 




28 EntstehnngimdlindigaBgderyereine. — §8. Hitgliedenufiwiune; 


enthielten. Das änderte aber selbstverständlich an der 
eigentlichen Diplomsform nichts. 

Einen sehr interessanten Beitrag zur Darstellung der 
Aufnahme in die Vereine bietet das thebanische Ostrakon 
Lamer (= Wilcken, Chrest. Nr. IlOA) aus dem Jahre 110 
V. Chr. Dasselbe enthält einen Tempeleid, nach welchem 
sich ein gewisser Herakleides verpflichtet^ sobald sein 
Vater sterbe, seinen eigenen Sohn, also dessen Enkel, in 
einen nicht näher bezeichneten Verein (ai5rodo?) ein- 
zuführen. i Der Eid sollte eine Streitigkeit zwischen He- 
rakleides und Kephalon, wahrscheinlich in Vereinsangelegen- 
beiten, beilegen; daher war auch der Wortlaut in den vor 
dem ygafifiarevi (Vereinsschreiber?) stattgefundenen Verein- 
barungen genau fixiert worden.* Aus dem verso des Ostrakon 
entnehmen wir, daß die Parteien übereingekommen waren, 
dafl, falls Herakleides den Eid leiste, Kephalon dem Verein 
ein Keramion Wein zu liefern habe, offenbar wegen falscher 
Anklage eines Vereinsgenossen, wenn Herakleides aber 


* Vgl. Wilcken, Chrest. Nr. 110 A, 12 f.: Sion iav TBkevr^og 6 nax^Q 
floVy eiad^co rov sfMavxov vl6%> slg xijv gvvoöov, 

* Vgl. auch P. Par. 46, 12 (158 v. Chr.) und besonders Wilcken in 

Äg. Z. 48 (1910), S. 168 ff. Der Eid wird als oQxog Sv öeT 6f46aai ^HQaxXetSrjv 
bezeichnet, was Wilcken mit Recht auf die getroffenen Vereinbarungen 
bezieht; vgl. noch einige demotische Beispiele: dem. P. Byl. 86 (90 v.Chr.); 
dem. P. Straßb. 12 (88 v. Chr.); dem. Ostr. Brugsch, Thesaurus p. 1045; 
dem. Theb. Ostr. D 88 (S. 57); D 104 (S. 59); D 82 (S. 58); D 179 (S. 60), 
wo das Verbum ebenfalls in der Zukunftsform ist, was auch Sah. 
n&ti&a{ CTcpcpißic (Herausgb. S. 67, 1) entspricht. Auf die grie- 

chische Parallele Ostr. Wi. 1150 haben schon Wilcken a. a. 0. S. 172 und 
Spiegelberg, Dem. Pap. Straßb. S. 84, 2 aufmerksam gemacht. 

Zur Textkritik wftre vielleicht noch zu bemerken, daß Z. 16f.: 
ds higov xivog ngdy/naxog ogog ovdslg yiyovev lebhaft an die spätbyzan- 
tinischen diaXvastg erinnert, wo auch Sgog, Sgxog und fxsaixela neben- 
einander Vorkommen; vgl. Steindorff, KRÜ.86, 82.51; KRÜ. 87; ERU.44 ; 
Crum, Catalogue of Coptic Mas.. Nr. 1072. 




Entetehnagand Endignng derYttmae. — §8. MUglMderaafiialime. 29 


nicht schwöre, so soll er selber diese Strafe zahlen. Wie 
wir aus Z. 27 f. entnehmen, hat Herakleides den verein* 
barten Wortlaut doch nicht beschworen: AtoQxelo'^ äi(ioe) 
Für das Vereinswesen aber ist, wie schon Wilcken 
und auch Poland (Philologus LXX (1911) S. 524 ff.) hervor- 
gehoben haben, das Versprechen des Herakleides, seinen 
Sohn nach di|m Tode des eigenen Vaters in den Verein 
einzufahren, sehr wichtig. Es liegt nahe anzunehmen, daß 
es sich hier um Besetzung einer in eventu frei werdenden 
Mitgliedschaft dieser avvoSos handelte; da die avvoSoc an- 
scheinend eine beschränkte Mitgliederzahl hatte, kam es 
dann natürlich zu solchen Anwartschaften. Poland hat 
auf ähnliche Fälle in Griechenland hingewiesen, wo die 
Söhne an Stelle des verstorbenen Vaters als vollberechtigte 
Mitglieder in die Genossenschaften einröckten (a. a. 0. 
S. 527 und Vereinswesen S. 298 ff.). Ich hebe dabei bloß 
hervor, daß bei den Jobakchen Athens und bei den per- 
gamenischen Hymnoden die Söhne, beziehungsweise Enkel 
der Mitglieder noch dadurch bevorzugt wurden, daß sie 
ein geringeres Eintrittsgeld zahlen mußten.^ 

Wenn man diese Begünstigung betrachtet und wenn 
man andererseits bedenkt, daß möglicherweise bei vielen 
und kostspieligen Vereinen für die Mitglieder die mehr 
oder weniger ausdrücklich ausgesprochene Pflicht bestand, 

* Vgl. Dittenb. SylL’ II, 787, 87 fi.: hio St t 6 (t)lat)Matoy rtji /u^ dnö 

naiQog ^ v xai anovSi^. ofiolcog xai ol ano naxQog iLnoyQaqfBO^maav im 
^ xe dtöovieg ^fmpoQiov juexQig oxov Jtgog yvvaXxag cSoiv; IGR. IV, 858d 
Z. 17 f. Bei den Geronsiasten des Asklepos von Hyettos (8. Jahrh. n. Ohr.) 
hatte der Verein die Wahl unter den hinterlassenen Söhnen des ver- 
storbenen Mitgliedes; vgl. Dittenb. Syll.* II, 740,40ff.: et ng x{(üv)[v d]v- 
(d)pd>[v iino&\dvoi\e\Vf xovtov v/]cöv a^rot) yelveo'^li, o]v [5]^ ^ yegov- 

(ot)a eXtixaif idv 6k sxjj ^atö/[a], xmv iyy\yxa\xa avyyev&v og elatwv 
[6o)\oet xfj yeQovoiq X y . [av] 6i xig iSco^ev 6oxtfia[ad][j vn6 xijg yeQovoiag, 
ei[a\[peQix(o ev&i(og xfj yeQovoiq ixaxov. 



80 Entoiehuiig und Endigung der Vereine. §8. Mitgliederanfnahme. 


ihre Söhne in die Genossenschaft einzuführen, ^ so ist es 
wohl klar, daß sich Differenzen und Streitigkeiten zwischen 
den Mitgliedern bezüglich eines solchen Nachrückens ergeben 
konnten. In unserem Falle waren wohl Herakleides und 
sein Vater gleichzeitig beide Mitglieder der genannten 
ovvoöog^ eine Tatsache, die auch sonst oft in Griechen- 
land* und in Ägypten* bezeugt ist. 

Leider lassen sich im Ostrakon Lamer die konkreten 
Verhältnisse des Falles nicht erkennen, dürften aber nicht 
viel anders als die soeben dargestellten gewesen sein. 

Von den sonstigen Formalitäten bei der Aufnahme ist 
uns nichts erhalten, insbesondere hören wir von einer Be- 
eidigung auf die Statuten, die sonst im griechischen Vereins- 
leben häufig vorkam, ^ nichts. 

Ich will die Besprechung der Mitgliederaufnahme nicht 
abschließen, ohne des collegium Aesculapii et Hygiae in 
Rom zu gedenken, deren Statuten infolge der Bestim- 
mungen eines Legates von 50000 Sestertien ähnliche Vor- 
schriften über das Nachfolgerecht der Kinder verstorbener 

‘ Der dabei konsequent angewendete Ausdruck ist slodyeiv. 

* Vgl. z.B. Poland a. a. 0, S. 298 ff. und IGR. IV 353 a, Z. 10. 12. 14. 18. 

* Vgl. bei den theraischen Bakchioten, Dittenb. Or. Gr. II, 735, 22, 
wo die Frau und die Nachkommen {evyovoi) eines gefeierten Genossen 
uno actu zu Ehrenmitgliedern des Vereines gemacht werden; ebenso 
ersieht man aus Dittenb. Or. Gr. II, 713 (3. Jahrh. n. Chr.), daß der Vater, 
Großvater und Schwiegervater der Geehrten Mitglieder der isgd dv^ie- 

xal ^vaxixt] ovvoöog gewesen waren. Vgl. auch Preisigke, S. B. 639 
(25 V. Chr.): H\Qaxkei6r}g\ AVot/covoc xov lAoißäxog ovvayoyov ngoaxaxrjoag. 

^ So insbesondere bei den athenischen politischen Vereinen owco- 
fioolai, vgl. Dittenb. Syll.* II, 461; Syll.» II, 462; Syll.» II, 468; ebenso die 
owoifAooCa in Kibyra aus der Zeit des Klaudius, in Inscr. graec. in itinere 
Asiat, collect, ab Ed, Falkenero, ed. G. Benzen, Rom (ex annalibus in- 
stit. archael. p. 115 sqq.) auf S. 59 des S. A., nach Ziebarth a. a. 0. S. 95, 1 ; 
u. a. m.; vgl. S. M. Calhoun, Athenian Clubs in Politics and Litigation 
(Bull, of the Univ. of Texas Nr. 262) S. 94 ff. 




Entstehung und Endigung der Vereine. — § 8. Mitgliederanfoshme. 3 1 


Mitglieder enthielten, wie die soeben besprochenen grie- 
chischen Vereine. Die SteUe, die Gegenstand verschieden- 
artiger Interpretationen geworden ist,^ lautet (Bruns, Fontes 
Nr. 176, 5fif. aus dem Jahre 153 n.Chr,): item eadem Mar- 
cellina collegio 8(upra) s(cripto) dedit donavitque HS L m(iJia) 
n(ummum) hominibus n(umero) LX sub hac condicione, ut 
ne plures adlegantur, quam numerus 8(upra) s(criptus), et 
ut in locum defunctorum loca veniant et liberi adlegantur, 
vel si quis locum suum legare volet filio vel fratri, vel 
liberto dumtaxat, ut inferat arkae n(ostrae) partem dimi- 
diam funeratici. Der numerus clausus betrug also sechzig 
Mitglieder. Die frei werdenden Stellen sollten verkauft 
werden, nur Freie durften aufgenommen worden. Wenn 
aber der Verstorbene seine Mitgliedschaft seinem Sohne 
oder seinem Bruder oder einem libertus hinterlassen hatte, 
so mußte der Bedachte aufgenommen werden, wenn er die 
Hälfte des funeraticium wieder in die Vereinskasse ein- 
zahlte.* Eine Begünstigung lag also hier insoweit vor, 
als das Vorkaufsrecht der Genossenschaft eingeschränkt 
wurde zugunsten letztwilliger Verfügungen der Mitglieder.» 

Darum aber kann man hier ebensowenig wie bei den 
griechischen Vereinen von einer Vererbung der Mitglied- 
schaft sprechen. Die nächsten Verwandten und vor allem 
die Söhne des Verstorbenen haben bloß das Recht, in die 
freigewordene Mitgliedsstelle gegen Zahlung eines geringeren 

^ Vgl. Pernice in Sav.Z. 5 (1884) S. 101 ff.; Cohn a. a. 0. S. 187; 
Huflchke in Ztechr. für gesch, RWiss. XII 8. 185; Schieß a. a. 0. S. 82; 
Liebenam a. a. 0. S. 250, 2; Karlowa, Rechtageschichte. I 8. 814; Waltzing 
a. a. 0. 1 8. 524 f. 

* So auch Liebenam a. a. 0. 8. 250. 

* Ich möchte hier auf ein Versehen im Index zu Bruns Fontes von 
Gradenwitz aufmerksam machen : 8. 5 s. v. allögo, indem das adlegantur 
von Nr. 176, 5 f. wohl nur von allögo stammen kann, welche auch immer 
die Interpretation der Stelle sei. 




32 Entstehang nnd Endigiug der Vereine. — § 8. HitgliederanfnaluDe. 


(meistens die Hälfte) Eintrittsgeldes einzurficken. Das ganze 
war vielmehr ein Vorrecht der Söhne gewesener Mitglieder 
tgegen Fremde; aber ihr l^achrücken an Stelle des ver- 
storbenen Vaters erfolgte auf Grund formeller Aufnahme 
seitens der Genossenschaft. Nach den Statuten' des Col- 
legium Aesculapii et Hygiae muMe dieses Vorrecht vom 
verstorbenen Mitglie<l dem Erben sogar ausdrücklich ein- 
geräumt worden sein, sonst war die Genossenschaft in 
ihrer Wahl frei. Übrigens traten bei den erwähnten grie- 
chischen Vereinen der attischen Jobakchen und pergame- 
nischen Hymnoden die viol schon bei Lebzeiten ihrer Väter 
wenigstens als außerordentliche Mitglieder mit geringeren 
Gebühren den Genossenschaften bei.^ 

Über den Stand und die gesellschaftliche Stellung der 
Mitglieder verraten uns die Quellen bezüglich der ägypti- 
schen Vereine nicht viel von Belang. Einige allgemeine 
Gesichtspunkte werden in § 15 besprochen werden. Be- 
sonders schlecht ist es mit der Beantwortung der Frage 
nach dem Vorkommen von Sklaven in den Vereinen be- 
stellt. Es ist ja allgemein anerkannt, daß das Verein^ 

' Vgl. Dittenb. Sy 11.* II, 737, 86 £f.: xai ol ojio jraxQog ano- 

yQatpea&cooav km X öibovxeg ^fjiitpoQiov ovov yvvalxag moiv; 

dazu Wide, Mitteil. d. arch. Inst, in Athen XIX (1894) S. 248. Vgl. IGR. 
IV, 853 d, 20 f. : ol de ägxovxeg datoovoi xai vloXg xötg xä \x]oQeia dedmxoat 
xov kenxov navxog xä ; dazu Ziebarth a. a. 0. S. 92 ; Frftnkel, Alter« 
tümer von Pergamon II S. 270; Poland a. a. 0. S. 301 f. Ebenso bei einem 
pergamenischen Verein der nQeoßvxegoi (oder yeQovaM)^ gr. Inschr. Nr. 18, 
in Mitteilungen d. arch. Instit. Athen XXXII (1907) S. 298 ff. Es heiht 
dort bc, Z. 7 ff.: öfiolcog de eloeQxsod-ai xovg viovg xwv fiexexövxcov, doxi~ 
fjiaa^evxag (lev xai avxovg, didovxag de elatjlvoiov X v# « ye avxdiy 
ol naxe^eg xqo nevxaexiag fiexeXxov xov ovoxi^fAaxog, käv de ^ avyeto/ff naXg 
TtaxQt, tj jcgiv jtevxaexiav dieX^eXv x^ naxgi xod xaxakelex^tf avxog inei* 
OBQxrjxai, xai avxov didovai Xoo\v xo lorjkygior d>g ovx Svxa naxgog 
fiexexov[xog] xxk. 



Entstehimg und Endigung der Vereine. *—83. Mägliedemufiialiine. 33 


leben der Sklaven besser auf römischem als auf griechi- 
% schem Boden zur Entfaltung kapi, was auch selbstverständ- 
lich ist.^ Ebenso stand es mit den Freigelassenen, die^ 
auf hellenistischem Rechtsgebiete auch erst in römischer 
Zeit eine größere Rolle spielten.* Aus Ägypten, wo die 
Sklaven nie irgendwelche Bedeutung erlangt haben,* dürfen 
wir auch nicht viel in dieser Richtung erwarten. Es kommt 
hier nur die ovvodog ^eßaari^ von B6U 1137 aus dem 
Jahr 6 v. Chr. in Betracht. Mehrere Mitglieder dieses 
Vereins führen nämlich hinter ihrem Namen das Attribut 
Kaiaagog und charakterisieren sich hiermit als kaiserliche 
Sklaven.^ Davon zu trennen sind die Kaiadgeioi von Alexan- 
drien, die zweifellos Freigelassene waren und eine eigene 
Korporation im Prytanen-Kollegium bildeten.* 

Weiter möchte ich bemerken, daß es auch bei den 
ägyptischen Vereinen nicht an Spuren fehlt, daß die Ge- 
nossenschaften neben den eigentlichen Genossen noch außer- 
ordentliche und Ehrenmitglieder zählten. So erwähnt das 
Mitgliederverzeichnis des Verbandes dionysischer Künstler 
aus Ptolemais neben den ordentlichen Mitgliedern auch 
Tigd^irfoi und (pdorexvlmi.^ Weiter finden wir in den Ausgaben 

' Vgl. Poland a. a. 0. S. 829 ; Liebenam a. a. 0. S. 41 und 178; Wal- 
tzing a. a. 0. 1 S. 214 f. ; S. 283 ; II S. 888 und S. 859 f. 

* Aus vorrömischer Zeit käme eigentlich nur Dittenb. Syll.* II, 734 
(8. oder 2. Jahrh. v. Chr.) in Betracht, wobei aber die Freigelassenen 
nicht Mitglieder des Vereines sind. 

* Vgl. Wilcken, Grundzüge S. 27 und 260. Für eine Sklavensteuer 
aus ptol. Zeit vgl. P. Hib. 29 (265 v. Chr.) und P. Grad. 1 (Mitte 8. Jahrh. 

V. Chr,). 

* Vgl. Blumenthal in Arch. V, 832 gegen Schubart, Arch.V, 117; 
ebenso Wilcken, Chrest. zu Nr. 112, 

» Vgl. P. Oxy. 477 (182/8 n. Chr.) und P. Teb. 817 (174/5 n. Chr.) 
und die Literatur Bd. I 8. 28, 5. 

* Vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 51 (ca. 240 v. Chr.), Z. 67 ff. und Z. 78 ff. 
Darüber Poland a. a. 0. S. 289. 

San Nieolö, Ägyptisehos yereinaweaen II. 


8 




34 Ent8tehiuigiindEDdigniigdery«reine. — §8. MitgUcderauftuihine. 

eines Geselligkeitsvereines aus dem Faijüm — der avv~ 
Semvot — oft den Posten was darauf hinweist, daß 

sie oft auch Gäste zu ihren Gastmählern zuließen.* Ebenso 
beteuern die Vorstände der Zunft aus derOxyrhyn- 

chos: prjds /ia&tjrde ^ im^hov; W 

lixvfi dg rijv hem&aav ^fdgav xtL (P. Oxy. 1209, 24 flf. aus 
dem Jahre 107 n. Ohr.),» 

Die beste Auskunft Uber die Nationalität und die Zahl 
der Mitglieder in den Vereinen geben uns die Mitglieder- 
verzeichnisse. Leider besitzen wir keine vollständigen 
Listen, sondern nur Bruchstücke, oder solche, die nur die 
Mitglieder aufzählen, welche einem bestimmten Dekret bei- 
gestimmt, oder sich bei einer bestimmten Weihe oder 
Dedikation beteiligt haben. Daher sind aus solchen Ver- 
zeichnissen keine Schlüsse auf die genaue Mitgliederzahl 
einer Genossenschaft zu schließen. Ich erwähne hier bloß 
Dittenb. Or. Gr. I, 51, 29 flf. mit über 50 Namen, weiter 
Milne, Greek Inscriptions Nr. 9296. 5 flf. (80 — 69 v. Ohr.) mit 
ca. 300 Namen,* Breccia, Iscrizioni Nr. 143 (2. Jahrh. v. Chr.) 
mit über 170 Namen und die verschiedenen Listen in den 
Papyri der Kultgenossenschaft des Suchos vor Tebtynis.®) 

‘ Vgl, P. Teb. 118, 4. 12 (Ende 2. Jahrh. v. (Ihr.); P. Teb. 177 (112/1 
V. Chr. oder 76/6); P. Teb. 224 col. 3 (108 v. Chr.); P. Teb. 226 (Ende 
2. Jahrh. v. Chr.). 

* Vgl. die f^toTixoi vjuvcpdoi in IGR. IV, 353c, 12; Poland a. a. 0. 
S. 288. 

* Vgl. die im(svoi der yegStoi in P. Teb. 584 (158 n. Chr.). 

Über die darin vorkorom enden semitischen Namen vgl. Lidzbarski, 
Ephemeris für semit. Epigraphik II S. 888 f. 

“ Dem. P. Cairo Cat. 31178 B (180/79 v. Chr.); dem. P. Cairo Cat 
30606, col. 2 (168/7 v. Chr.); dem. P. Cairo Cat. 80606, col. 2 f. (157/6 
V. Chr.); dem. P. Cairo Cat. 31179, col. 2 (148/7 v. Chr.); dem P. Cairo 
Cat 80618 (138/7 nnd 187/6 v. Chr.); dem. P. Cairo Cat 30619a + b, 
col. 1 ff. (138/7 V. Chr.). 



Entstebnog und Endigung der Vdrein«. — § 8. Mitgliederaufoahme« 35 


Aus römischer Zeit kann man vielleicht Ostr. Theb. 142 
anführen. 

Über die Möglichkeit und die Voraussetzungen des frei- 
willigen Austrittes eines Mitgliedes aus der Korporation 
hören wir bei den griechischen und römischen Vereinen 
und auch in den Papyri gar nichts. Die wenigen grie- 
chischen Quellen beziehen sich alle auf die als Strafe zu 
verhängende Exklusion und sind daher im Abschnitte über 
die Disziplinargewalt der Genossenschaften zu besprechen. 
Trotz dieses Schweigens der Urkunden möchte ich jedoch 
annehmen, daß ein Austritt aus dem Vereine, wenn auch 
vielleicht nur mit Zustimmung der Mitgliederversammlung, 
doch möglich war. Dieser Annahme widerspricht die Bestim- 
mung des Kaisers Valentinian aus dem Jahre 365 nicht, 
da es sich hier um die Zwangsinnung der pistores handelt.^ 

Es ist hierbei die Frage wichtig, wie es mit den kor- 
porativen Sonderrechten des ausscheidenden Mitgliedes steht. 
Die Antwort kann nur eine sein: die korporativen Sonder- 
rechte der Genossen — wovon unten ausführlich die Rede 
sein wird — sind mit der Mitgliedschaft derart verbunden, 
daß sie einem Nichtgenossen nicht zustehen können, daher 
geht der austretende Genosse derselben verlustig. Ebenso 
hat er auch nicht das Recht, seinen eventuellen Anteil am 
Korporations vermögen zu verlangen, denn es ist für den 
einzelnen nicht möglich, das korporative Verhältnis am 


Überdies lassen vielleicht die Bezeichnnngec * ovvoöos Qt^y x&v 
a<pdlo}v Hai {xdioSgaxfiojv) in BGU 1190 (Zeit des Auletes) und fxaxaigo- 
<p]6q(üv wv TCQoatdtrig in Preisigke, S. B. 624, 2 (aus ptolemüischer 
Zeit) Sckilüsse auf die Mitgliederzahl zu. 

* Vgl. C. Theod. XIV, 8, 8: In speculis erit officium sinceritatiB tuae, 
ne cui, qui semel pistorum corpori fuerit deputatus, abscedendi qualibet 
ratione copia facultasque tribuatur, etiamsi ad absolutionem eius pisto- 
rum omnium laboret adsensus et consessus convenisse videator. 

8 * 



36 Entstehung und Endigung derV ereine. — § 4. Aaflfisnng derY ereine. 


GenoBsenschaftsvermöglBn aufzulösen. Das Reskript der 
divi fratres: si quis in duobus (sc. collegüs) fuerit, roscriptum 
est eligere eum oportere, in quo magis esse yelit, accep- 
turum ex eo collegio, a quo recedit, id quod ei competit 
es ratione, quae communis fuit‘ regelt bloß exzeptionelle 
Verhältnisse, da es sich auf das Verbot, zwei Kollegien 
anzugehören, bezieht. Wohl aber könnte statutarisch be- 
stimmt werden, daJg der ausscheidende Genosse unter ge- 
wissen Voraussetzungen seine Einlage zurückbekommen 
solle; dieses Recht würde ihm natürlich im Falle der Ex- 
klusion abgesprochen werden. 

§4. 

Auflösung der Vereine. 

Nirgends versagen die ägyptischen Quellen so voll- 
ständig, wie bezüglich der Auflösung der Genossenschaften. 
Es ist schwer, bloß auf Grund von Analogien allgemeine 
Bestimmungen zu vermuten, obwohl man in diesem Punkte 
auch in Ägypten kaum von den hellenistischen, beziehungs- 
weise römischen Grundsätzen abgewichen sein wird. 

Wie im modernen Vereinsrecht muß man, was auch 
schon Liebenam a. a. 0. S. 176 betont, zwischen einer frei- 
willigen und einer gezwungenen Auflösung unterscheiden. 
Was nun die erstere Art betrifft, so konnte wohl grund- 
sätzlich jede Genossenschaft mittels eines durch ein be- 
stimmtes Stimmenverhältnis qualifizierten Beschlusses ihrer 
Mitgliederversammlung die Auflösung verfügen. Praktisch 
wird das nicht so oft vorgekommen sein, da die meisten 
Genossenschaften doch zu ständigen, dauernden Zacken 
gegründet wurden; immerhin versuchte man schon in den 
Statuten der Möglichkeit einer Auflösung möglichst vor- 


‘ D. 47, 22, 1 § 2. 



£ntBtehi»giud£ndigaagderYer6me.~§4. AafldeimgdarVereme, 87 


zubeugen. So heißt es im vdfxog des Familienvereines auf 
Thera, IG. XII 3, 330, 254 flf. (210—195 v. Chr.): fi d£ na 
66^81 toXg nXeloai rov xoivov, xavta HVQia Sara) 7tk\a\v^ vnkg 
ötaliaeog* {)7tkQ 6k xovxov firj ixixoi l^ovalav jurj'&elg juii^xe 
ehtai iXYjXB ygdym^ d)Q deelafj öialvaai xd xoivdv el di x(g 
xa ehtet ^ y^axpait x6 xe gri'^kv ^ yQaipkv &xvgov kaxco xal 6 
etnag ^ ygdtpag oxegiö^a) xov xoivov xal 6(peik\£\xo} avxm 
Ögaxf^dg jievxaxoolag xxL Besonders lehrreich für die 
römischen Verhältnisse ist die siebenbürgische Wachs- 
tafel, Bruns, Fontes*^ Nr. 177 (167 n. Chr.), eine durch 
sieben Zeugen beglaubigte Abschrift der Auflösungsurkunde 
des Collegium des Jovis Cerneni aus Albunus maior.* Als 
Grund der Auflösung wird angegeben Z. 7 ff. ; Ex eo col- 
legio s. s., ubi erant ho[m(ines)] LIIII, ex eis non plus 
remasisse ad Alb(urnum), quam quot h(omines) XVII; 
Julium Juli quoque, commagistrum suum, ex die magiateri 
sui non accessisse ad Alburnum, neq(ue) in collegio. 

Viel häufiger wird wohl die gezwungene Auflösung 
vorgekommen sein, und zwar entweder weil keine Mit- 
glieder mehr da waren, oder aber als Verwaltungsmaß- 
regel seitens der Staatsgewalt. Bezüglich des ersten 
Punktes ist mir aus Ägypten nichts bekannt und es er- 
scheint mir fraglich, ob der Ausspruch ülpians in D.3,4,7 
§ 2 in der Praxis wirklich so durchgeführt wurde, als 
man das gewöhnlich annimmt.® Dagegen ist das Ein- 
greifen der röinischen Regierung und die Abschaffung zahl- 
reicher Korporationen und Vereine im ersten Jahrhundert 


^ Die in Ziebarth a. a. 0. S. 140 noch erhaltene Lesung 7tä[oi]v ist 
zu verwerfen. 

* Dazu Mafiniann, Libellus aurarius et cet. (1840); Huschke, Ztschr. 
f. gesch. Bechtswiss. XU S. 178; laebenam a. a. 0. S. 176 f. 

• Vgl. Qierke, Genossenschaftsrecht lü S. 181 f.; Pernice a. a. 0. 1 
S. 308; richtiger Savigny, System II S. 841. 



38 Entatehung und Endigung derVereine. § 4. Auflösung derVereine. 


der Kaiserzeit auch für Ägypten in den literarischen 
Quellen öfters bezeugt.^ Der maßgebende Gesichtspunkt 
war hier die Störung und Gefährdung der öffentlichen 
Buhe. Die Möglichkeit solcher Auflösung wird wohl auch 
schon für die vorrömische Zeit anzunehmen sein; war sie 
doch auch bereits im solonischen Gesetze gegeben. 

♦ Juristisch wichtig ‘ist die Gestaltung der Rechte am 
Kfcrporationsvermögen bei Auflösung der Genossenschaft. 
Wird der Verein durch einen gültigen Beschluß aufgelöst, 
so zerfällt die Körperschaft in ihre Bestandteile und daher 
fällt das Vermögen den vorhandenen Mitgliedern zu. Wir 
werden später nachweisen, daß unter den mitgliedschaft- 
lichen Sonderrechten bei den griechischen Vereinen auch 
eine Anwartschaft auf das Korporationsgut sich findet. 
Diese Anwartschaft gewährte dem einzelnen Genossen bei 
Wegfall des genossenschaftlichen Bandes — also haupt- 
sächlich bei der Endigung der Korporation* — das Recht 
auf freies Eigentum an einem aliquoten Teile des Ge- 
nossenschaftsvermögens. Die teilbaren Bestandteile wurden 
unter den Mitgliedern verteilt und bezüglich der unteil- 
baren trat schlichtes Miteigentum nach Kopfteilen ein. 
Ähnliche Berechtigungen der Mitglieder scheinen auch bei 
den römischen Vereinen vorhanden gewesen zu sein, denn 
bei der Auflösung des oben erwähnten collegium Alburnense 
wird die Vereinskasse vom magister und den Quästoren 
tatsächlich verteilt: Artemidorus A. mfgister ... et Va- 
lerius N. et Offas M testantur: seque eis, qui pre- 

^ Darüber ausführlich unten Kap. V. 

* Das genossenschaftliche Band konnte aber auch bloß bezüglich 
eines bestimmten Vermügensbestandteiles schon während des Bestehens 
der Genossenschaft aufgehoben werden, indem die Verteilung des be- 
stimmten Gutes unter den Genossen verfassungsmäßig beschlossen 
wurde; darüber unten S. 179 f. 



Entstehung und Endigung derVereine. — § 4. Auflösung derVereine. 39 


sentes fuerunt, rationem reddedisse, et si quit eorum (h)a- 
buerat reddedisset et cet., Bruns, Fontes^ Nr. 177, 4 ff. 
Dasselbe kann übrigens auch schon aus den Bestimmungen 
bei der Auflösung eines collegium illicitum durch den Staat 
erschlossen werden: sed permittitur iis, quum dissolvuntur, 
pecunias communes si quas habent dividere pecuniamque 
inter se partiri, D. 47, 22, 3 pr. (Marcianus).^ Eine anderf 
Verwendung des Vermögens hätte nur bei satzungsmäßifei# 
Bestimmungen stattönden können; insbesondere ist das 
als »römisch“ bezeichnete Anfallsrecht des Fiskus quellen- 
mäßig nicht nachweisbar.* Ebenso muß, falls die Ge- 
nossenschaft »ad unum redit“, das Vermögen ins freie Eigen- 
tum dieses letzten Mitgliedes gekommen sein. Bei der Auf- 
lösung durch die Staatsgewalt konnte das Vereinsvermögen 
als Strafe vom Staate konfisziert werden,* doch mußte diese 
Strafmaßregel nicht immer eintreten.* 

Inwieweit später bei den byzantinischen Gewerbe- 
innungen das freie Auflösungsrecht der Korporationen ein- 
geschränkt oder gar ausgeschlossen wurde,* dafür fehlen 
für Ägypten noch alle Zeugnisse. 

^ Dazu schon Pernice a. a. 0. 1 S. 309 ; Cohn a. a. 0. S. 97 ; Waltzing 
a. a. 0. 1 S. 136 und neuerdings genauer Mittels, Privatrecht S. 346, 19 
gegen Savigny, System II S. 257. 

^ Vgl. Gierke, Genossenschaftsrecht III S. 238 Anm. 171 ; S. 351 
Anm. 341; S. 412 ff.; S. 499 ff., der die Ausbildung dieser Theorie erst 
durch die mittol^tfrliche Jurisprudenz treffend darstellt; ebenso Genossen- 
schaftstheorie S. 85? Anm. 3; Privatrecht I S. 565 f. 

» Vgl. z. B. C. Theod. XVI, 10, 20, 1 (a. 415) (= C. J. 1, 11, 5): omnia 
etiam loca, quae sacris error veterum deputavit, secundum divi Gratiani 
constituta nostrae rei iubemus sociari et cet. ; Pernice a. a. 0. 1 S. 309. 

^ Vgl. D. 47, 22, 8 pr. ; dazu Waltzing a. a. 0. 1 S. 186 f. ; Mitteis 
a. a. O. S. 346. 

® Vgl. unten S. 203 und Kap. V. 




Zweites Kapitel. 

Die Vereinsorgane. 

k-. Als Organe des Vereines, welche die Vertretung, Ver- 
waltung und Leitung desselben in den Händen haben, er- 
scheinen nach modernem Rechte und nach der herrschenden 
Lehre auch in der antiken Welt die Mitgliederversamm- 
lung und die Beamten. Das Verhältnis dieser beiden zu- 
einander ist für die ganze Entwicklung des Vereinslebens 
von der allergrößten Bedeutung. In Griechenland war wohl 
nach demokratischem Prinzip, welches deutlich vom öffent- 
lichen Leben auch ins Vereinswesen drang, die plenossen- 
versammlung das Primäre, denn von ihr wurden die Be- 
amten als Träger der Exekutivgewalt ernannt und zur 
Vertretung des Vereines delegiert.* Bei den römischen 
Collegia war die Vereinsadministration zwischen dem con- 
ventus und den Beamten geteilt und zwar so, daß der erste 
gesetzgebende, rechtsprechende und wahlrechtliche Befug- 
nisse hatte, während die Exekutive und Vertretung nach 
außen den Vereinsvorständen und anderen Organen zufiel.* 
Die Betrachtung der Quellen zeigt uns jedoch, daß in der 
Antike der Begriff der Mitgliederversammlung als eines 
dem Vorstände und den anderen VereilÜbeamten etwa 
gleichgestellten und nur in gewissen Hinsichten mit höherer 
Gewalt ausgestatteten Organes, nicht so geläufig und natür- 
lich war, wie heutzutage. Nach der griechischen Rechts- 
anschauung war die Genossenversammlung im Vereine das- 

^ So auch Ziebarfch a. a. 0. S. 144. 

* Waltziug a. a. 0. 1 S. 868 S,, 877; Liebeuam a. a. 0. 8. 279. 



Die VereinBorgane. — §5. Mitgliederyeraainmlimg. 


41 


selbe wie in der jiöiig die Bürgerversammlung: ydg nöAtg 
noht&v n iativ,^ nämlich der durch seine Träger 

dargestellte Staat, bezw. Verein. Diese, im Vergleiche mit 
der uns geläufigen Lehre der juristischen Person, primitivere 
Anschauung, ist jedoch für die richtige Beurteilung des Ver- 
bandsbegriffes in der griechischen Welt von großer Wichtig- 
keit; wir werden darüber im zweiten Abschnitte dieses Kapitel^ 
ausführlich sprechen. 

Schon eine flüchtige Durchsicht der Quellen läßt uns 
freilich erkennen, daß bei den ägyptischen Vereinen die 
Tätigkeit des Vorstandes eine weit umfangreichere war, 
als die der Mitgliederversammlung, die nur selten zusammen- 
trat, um bloß über die wichtigsten Dinge Entscheidungen 
zu treffen. Der Vorstand dagegen, sei er ein geistlicher 
oder ein weltlicher Funktionär, ist die erste Autorität im 
Vereine und die Person, die den Verein im Verkehr re- 
präsentiert. Dieser Umstand hat indes mit der juristischen 
Stellung der Genossenversammlung nichts zu schaffen, er 
ist vielmehr dem Einflüsse des staatlichen Dranges nach 
Zentralisation zuzuschreiben, der sich auch im Vereinsleben 
bemerkbar machte und einer rein demokratischen Verfassung 
im Vereinswesen nicht günstig gegenüberstand. Wenn aber 
auch die Versammlung weniger in Aktion trat als der Vor- 
stand, brauchte sie deshalb noch immer nicht ihre Natur 
zu ändern und zum bloßen Organe herabzusinken. 

*r 

§ 5 . 

Mitgliederversammlung. 

Es ist eben bemerkt worden, daß in den uns erhaltenen 
Nachrichten über ägyptische Vereine verhältnismäßig nicht 
viel von den Mitgliederversammlungen zu hören ist, was 


^ Aristot. Polit. III, i p. 1274 b. 



42 


Die Vereinsorgane. — § 5. Mitgliederversammlang. 


seinen Grund darin haben mag, daß als geschllftsführendes 
Organ, dem auch die Vertretung des Vereines nach außen 
zufiel, immer bloß der Vorstand erscheint. Die Mitglieder- 
versammlung, gleich^Itig ob sie als beschlußfassendes 
Organ, oder als die versammelte Genossenschaft selbst zu 
betrachten ist, tritt weniger hervor als der Vorstand; die 
Jlditglieder fanden es bequemer, die Erledigung der Vereins- 
angelegenheiten einem oder mehreren Beamten zu über- 
tragen, als selber in der Mitgliederversammlung an der 
Verwaltung teilzunehmen. 

Poland a. a. 0. S. 247 f., 830, 332 und auch Ziebarth 
a. a. 0. S. 144, 1 unterscheiden zwischen Zusammenkünften 
zu religiösen oder geselligen Zwecken und der eigentlichen 
Mitgliederversammlung zur Abwicklung der Vereinsange- 
legenheiten. Nach ihrer Ansicht^ zeigt sich diese Unter- 
scheidung sogar in der Terminologie, indem ovvodog und 
avvaycoy)] nie für Versammlungen der zweiten Art ver- 
wendet werden, sondern immer ein festliches Zusammen- 
treten der Vereinsgenossen, meistens im Anschluß an Opfer, 
bezeichnen. M. E. läßt sich diese Annahme nicht aufrecht 
erhalten; schon Poland muß auf Grund von IG. XII 1, 155 
Z. 23 (2. Jahrh. v. Chr.) zugeben, daß „auch bei Gelegenheit 
einer ovvodog etwas Geschäftliches ausnahmsweise erledigt 
werden konnte“ (S. 247, 4) und ich sehe keinen Grund, warum 
die Mitglieder, da sie einmal beisammen saßen, auch nicht 
etwas in derVereinsverwaltungtun konnten, anstatt zu diesem 
Zwecke noch einmal Zusammenkommen zu müssen. Bei der 
Kultgenossenschaft des Suchos von Tebtynis (dem. P. Cairo 
Cat. 31178; 30606; 30605; 31179; 30619a + b) werden bei 
den „Festen (und) Prozessionen des Suchos (und) der Suchos- 
götter an (?) dem Ruheplatz des heiligen Krokodils von der 

Besonders Poland a. a. 0. S. 382 f. 




Die Vereinsorgane. — § 5. Mitgliederrereianimliuig. 


48 


Stadt des (dem. P. Cairo Cat. 80605, 4) die jährlichen 
Statuten der Genossenschaft festgesetzt. Daß bei manchen 
griechischen Vereinen die geschäftlichen Zusammenkünfte 
direkt in Gegensatz zu den festlich-re^giösen gestellt werden, 
was auch seine römische Analogie im oft erwähnten Col- 
legium funeraticium Lanuvinum (136 n. Chr.) hat,^ ist eben 
auf eine besondere Statutenbestimmung* zurückzuführe^ 

Speziell in Ägypten werden für die Mitgliederversamm- 
lung folgende Ausdrücke angewendet: ovXkoyoQf^ ovvaycoyi^^ , 
und wahrscheinlich auch avvoöog^ 

‘ Bruns, Fontes^ Nr. 175, 23 f.: item placuit, si quisquid queri aut 
referre volet, in conuentu referat, uti quieti e[t] hilares diebus sollem- 
nibus epulemur. Dazu Waltzing a. a. 0. 1 S. 281. 

* Poland a.a. 0. S. 333 zitiert daf(ir den Verein der Haliadeo-Haliasten 
aus Rhodos, einen fjoavof- Verein aus dem 2. Jahrh. v. C.: IG. XII 1, 155 
bes. Z. 60 f. 

* BGU 1073, 12 f. (274 n. Chr.): nsgi tov xarcd[B]XByJ)‘ai aJüxov Big TOT 
avXkoyov xrjg Ugag avvoöov. Obwohl die Phrase doch ein Pleonasmus 
ist (so auch Viereck in Klio VIII S. 424, 3), ist sie doch bezeichnend 
genug, da die Aufnahme neuer Mitglieder — und um einen solchen Fall 
handelt es sich ja hier — in der Mitgliederversammlung beschlossen 
wurde. Das stimmt überdies auch mit dem sonstigen griechischen Sprach- 
gebrauch überein, vgl. z. B. der Epiktetaverein auf Thera, IG. XII 8, 
330 Z. 149. 208. 229. 231 u. ö. 

* BGü. 1137, 1 f. (6 V. Chr.): xfjg yB\yfji\d‘Biorjg ovvayxayfjg \ nichts 

verrät hier, daä diese Versammlung, bei welcher der Verein die Schuld 
eines Beamten a|s gemeinsame Schuld zu verrechnen beschließt und 
über welche genau Protokoll geführt wird, zu etwas anderem einberufen 
worden sei, als zur Erledigung von Vereinsangelegenheiten. Ebenso bei 
der owayoyyri in Dittenb. Or. Gr. II, 787, 1 ; warum hier Poland a. a. 0. 
S. 882, 9 von „offiziellen Verhältnissen einer Gemeinde* spricht, ist mir 
nicht klar. Vgl. noch gr. Inschr. Nr. 2 in Revue Epigraph. N. S. I (1918) 
S. 154. 

* Das wird von Poland u. Ziebarth in Abrede gestellt; freilich ist 

die Ergänzung von Dittenberger in Or. Gr. II, 735, 1 f.: t&i noivmi 

Td)v] Baxxiot&v, h [voficUai ovv66<di\ nicht einwandfrei, ich denke aber 


44 


Die Vereinsorgane. — § 5. Mitgliederversammlimg, 


Bevor wir zur Darstellung der Tätigkeit de^ Ittitglieder- 
versammlung schreiten, muß noch auf einen wichtigen Um- 
stand hingewiesen werden: während für die ptolemäische 
Zeit und die ersijgn Anfänge der römischen Zeit die Nach- 
richten auf diesem ißfebiete in ziemlich befriedigender Zahl 
vorhanden sind, fehlen sie uns, abgesehen von ein paar 
zweifelhaften Erwähnungen, für die ganze spätere römische 
Periode, vom 2. Jahrhundert angefangen, völlig; denn die 
Dekrete der Reichssynoden der Athleten und dionysischen 
Künstler sind nicht hierher zu rechnen, da die in Ägypten 
bestehenden Zweigvereine dieser Korporationen keine eigene, 
sondern eine nach allgemeinen Statuten festgesetzte Ver- 
fassung hatten. Eine Erklärung dieser Tatsache zü geben 
ist schwer; wenn man auch größtenteils die ungleichmäßige 
Verteilung der überlieferten Urkunden dafür verantwortlich 
machen mag, ist jedoch der Einfluß der Staatsgewalt als 
mächtigen Faktors nicht zu verkennen. Obwohl darüber 
an einer anderen Stelle dieses Buches ausführlich zu han- 
deln sein wird,^ sei doch schon hier bemerkt, daß die eigen- 
artige Stellung, welche Ägypten unter den römischen Pro- 


eher an Or. Gr, I, 111, 24 f.: oi avroöov ovveozdfA,evoi elg ro ev 2rjtec 
iBQov und an Or, Gr. T, 180, 5 f.; ol ovrdyovzeg ev ^qxet tfji tov Aiovvaov 
vijacoi ßaaihözai. Während sonst ovvdyeiv und ovvloxaa^ai auf die Grün- 
dung zu beziehen sind (vgl. z. B. IG. XII 3, 330 Z. 22. 40 f. u. ö.: xai avva- 
yayev xoivdv; xov drögeiov ov avvaydyoxa xxl.) werden sie hier in ab- 
soluter Weise gebraucht, um die Versammlung der Genossen zu bezeich- 
nen, Poland a. a. 0. S. 272, 1, Es soll aber darunter nicht ein convivium 
(vgl. Athen. VIII p. 685^), sondern ein conventus verstanden werden, 
meint Dittenberger Or. Gr, 1, 130 adn. 7. Über die Deutung des Aus- 
druckes: ol xijv ovvodov vejLiovxeg in Dittenb. Or. Gr. 1, 50, 2 vgl. Terminologie. 
Svvedgiov für Sitzung, allerdings nicht eines Vereines, kommt auch in 
den ptolemäischen Papyri vor, vgl. P. Teb. 27, 30 f.: slg xoivov ovvsSqiov 
T&v xaxa xco^rjv Öexavcüv xioy (p[v^axix<üv\ vgl, Poland a. a. 0. S. 888, 1. 

* Vgl. unten Kap. V. 



Die Vereineorgane. — § 5. Mitglieden|yrsaiiimlang. 4^ 

vinzen einikhm, die zentralisierte Organisation des Landes 
und das gänzliche Fehlen von autonomen Städten,^ ein ge- 
waltiges Hemmnis für die Ausbildung der Vereinsverfassung 
auf demokratischer Basis bildete, zw^^ßsios inj Gegensätze 
zu den anderen Teilen des Reiches, wo sich collegia, mit 
einer souveränen Mitgliederversammlung, in engerem Zu- 
sammenhänge mit ihren Vorbildern, den autonomen muni- 
cipia, entwickelten und diese teilweise sogar überlebten. In 
Ägypten waren weder genügend jiöieig nach griechischem,* 
noch bis in die spätere Zeit genügend municipia nach römi- 
schem Muster da, die den Vereinen das Bild einer souveränen 
nachahmenswerten Genossen Versammlung stets vor Augen 
hätten halten können; vielmehr im Beamtenstaate des neuen 
Reiches hatten die Ptolemäer und die Römer nur so viel ge- 
ändert, als unbedingt notwendig war, und speziell die Römer 
verhielten sich aus politischen Gründen, gegenüber einem 
freien Versammlungsrecht in den Provinzen entschieden ab- 
lehnend. Diese Tatsachen genügen schon, um uns zu erklären, 
warum in den ägyptischen Vereinen, außer wenn sie unmittel- 
bar unter griechischem Einflüsse standen, die Mitgliederver- 
sammlung im Verhältnisse zu den Genossenschaftsorganen, 
besonders zum Vorstand, an Bedeutung immer mehr verlor. 
Ägypten war eben kein günstiger Boden für die Ent- 
wicklung der Idee einer demokratischen Volksvertretung. 
Der Gedanke, daß die Mitgliederversammlung nicht als 
Organ dem Vereine zu dienen, vielmehr als den Verein 
selbst darstellend, unabhängig und souverän über das 

^ Als die severischen Reformen kamen, waren die Rechtsanschau- 
uDgen über die Korporationen schon ganz andere als zwei Jahrhunderte 
früher, die Voraussetzungen für ein freies Aufblühen der Vereine fehlten 
jetzt. 

* Die drei noksig kommen hier doch kaum in Betracht; vgl. Schu* 
hart Klio XS. 52 ff. 



46 


Die Vereinsorgane. — § 5. Mitgliederversamijllung. 


Schicksal und die Angelegenheiten desselben zu Entscheiden 
hat, konnte im römischen Ägypten kaum sehr stark zur 
Geltung kommen. Leider ist auch hier das Material sehr 
karg und mehrere, für die Erfassung des Begriffes der 
Genossenschaft in Ägypten sehr wichtige Fragen können 
direkt nicht beantwortet werden. 

Gleichfalls muß an dieser Stelle die byzantinische Periode 
von der Darstellung ausgeschieden werden, denn abgesehen 
davon, daß uns die Zeugnisse für diese Zeit gänzlich fehlen, 
geht das Vereinswesen infolge der wirtschaftlichen Miß- 
stände während derselben gewaltig zurück und für die 
allerdings sehr zahlreichen, aber stark unter staatlicher 
Aufsicht stehenden Zünfte, sind wohl meist die römisch- 
byzantinischen Rechtssätze anzu wenden. ^ 

Abgehalten wurde die Mitgliederversammlung entweder 
im Vereinstempel oder im Vereinshaus, oft aber auch in 
öffentlichen Tempeln oder anderen Plätzen.* 

Ebenso wie in Griechenland® und Rom* konnte auch 
in Ägypten der Termin der regelmäßigen Versammlungen 
in den Statuten festgesetzt sein,® außerordentliche aber 

' Vgl. darüber AValtzing a. a. 0. II S. 362 ff. 

* Vgl. Dittenb. Or, Gr, I, 111, 24 f.: oi xrjv ovvodov ovvsmdfjLevoi slg rd 

h legov; der vaog Aiovvaov in Or. Gr. I, 50, 12 und 51, 25 ist wohl 
auch ein öffentlicher Tempel, vgl. S. 145, 1 undPlaumann, Ptolemais S. 59, 
ebenso der Apollotempel in Dittenb. Or. Gr. II, 737. Vgl. noch BGU 1137, 
1 f. ; yf^vi^^Osiorjg ovvaycoyfjg h ug IlaQaTÖjLKai^ dazu Schubart 

S. 250, 2 dortselbst. Dasselbe in Griechenland, Ziebarth a. a. 0. S. 144, 1, 
und auch in Rom, siehe oben S. 144. 

» Vgl. z. B. IG. XII 3, 330 Z. 203 (Thera); Ziebarth a. a. 0. S. 144. 

* Vgl. Bruns, Fontes^ Nr. 177, 16: diebus quibus lege continetur 
convenire, vgl. Waltzing a. a. 0. 1 S. 369; C.I. L. II, 4468; ebenso Korne- 
mann in Pauly-Wissowa IV, 427. 

* Dies ist wohl der Sinn von Z. 5 f. in dem. P. Gairo Cat. 80605 uind 
den anderen Statutenurkunden des Vereines. Die festgesetzten avvodot 
in Dittenb. Or. Gr. 1, 180, 13 f. sind wohl, wie die iogxai in Or. Gr. 1, 111, 29, 




47 


Die y^nsorgane» — § 5. MiigliederverBammlnng. 

durften vom Vorstand im Falle eintretenden Bedarfes jeder- 
zeit einberufen werden. ^ 

Den Vorsitz führte wohl auch in Ägypten, wie in Griechen- 
land (Ziebarth S. 144) der oberste Verwaltungsbeamte des 
Vereines,* der wahrscheinlich auch die Abstimmung zu 
leiten hatte. Von einem Erscheinungszwang der Mitglieder 
ist nichts bekannt; es ist jedoch sicher, dafi eine gewisse 
Anzahl anwesend sein mußte, damit Beschlüsse mit Gültig- 
keit gefaßt werden konnten.* 

bloß religiöse Festlichkeiten, obwohl, wie oben bemerkt, in Ägypten die 
Trennung nicht so strenge zu nehmen ist; vgl. auch IGR. 1, 1077 (1 v. bis 

1 n. Ohr.) und oben S. 42 f. 

' Vielleicht ist BGU 1137 der Beschluß einer solchen außerordent- 
lichen Versammlung, da bei avvaywyt) das Wort xvQia bzw. vö/naia fehlt, 
allerdings wissen wir nicht, ob dieses Attribut in Ägypten, wie in 
Griechenland üblich war (die Ergänzung in Dittenb. Or. Gr. II, 785, 2 ist 
nicht sicher), vgl, Dittenb. SylL* II, 727, 2 (278/7 v. Chr.); Syll.* II, 728, 
18; Syll.* II, 729, 3; Syll.* II, 780, 2 (alle a. d. 2. Jahrh. v. Chr.) u.a.m. 
Für Griechenland siehe z. B. Dittenb. Syll.* II, 737, 3 und 85 fif., dazu 
Foland a. a. 0. S. 333. Über die Möglichkeit einer Beziehung des Titels 
ovvaycoyög auf die Tätigkeit bei der Einberufung der Genossen Versamm- 
lung 8. S. 43, 5. Für die römischen Verhältnisse vgl. Bruns, Fontes^ Nr. 175, 

2 f. ; C. I. L. XI 1, 2702 u. a. m. Dazu Waätzing a. a. 0. 1 S. 369. 

* Die Redewendung: tjg ovvaycoyevg xal JiQoazdTrjg llglf^og Kaiaagog 
in BGU 1187, 3 f. ist m. E. nur auf die vorausgehende ovvoöog und nicht 
auf gvvaycjyri (Z. 2) zu beziehen. Bei der Mitgliederversammlung des 
Eultvereines des Sobk aus Tebtynis scheint wohl der AejuHHiyc- 
Priester den Vorsitz gehabt zu haben, vgl. dem. P. Cairo Cat. 80605, 4 
und die anderen Urkunden mit Ausnahme von dem. P. Cairo Cat. 80619 a 
H- b (138/7 v.Chr.). 

* In BGU 1137, 4 f. heißt es einfach [avf4.7iag\6vxcov T(5v nXeloxcov» 
Dieselbe Ausdrucksweise bei den römischen collegia, vgl. z. B. C. I. L. 
XI, 5748: cum in schola iTeque(n)8 numerus co]l(egii) fabrorum Senti- 
natium convenissent; C. LL. XI, 5750: cum schola sua frequentes scri- 
bondo adfnissent u.a.m.; vgl. Waltzing a.a.O. I S. 369, 8; dagegen heißt 
es z. B. bei den Statuten der alten Phratrie der Labyaden auf Delos, 
Dittenb. Syll.* II, 438, 68 f.: \7i\aQev6vT€g fjtt} Ivjdc xai ixaiöv; vgl. 




48 Vereinsorgane. — § 5. Mitgliederveraaittpüimg. 


J)a, wie wir unten sehen werden, bei den ägyptischen 
Vereinen die Mitgliederversammlung als die Genossenschaft 
selbst betrachtet wurde, folglich auch wollend und handelnd 
auftreten konnte, so galten grundsätzlich für ihre Zuständig- 
keit nur die Schranken des äußeren Vereinsrechtes und die 
Mitgliederversammlung durfte alles vornehmen, was der 
Verein überhaupt tun konnte. Da aber bei allen Vereinen 
die Erledigung der meisten Vereinsgeschäfte, in den Statuten 
einer oder mehrern &Qxai übertragen wurde, so durfte die 
Mitgliederversammlung diese übertragene Kompetenz nicht 
willkürlich an sich reißen, sondern sie war insoweit ge- 
nötigt, die von ihr in den Statuten dem Genossenschafts- 
bearnten übertragene Macht zu respektieren, als es bestimmt 
war, daß eine Einschränkung der Kompetenz der betreffenden 
&QXYj nur im Wege der Statutenänderung stattfinden konnte. 
Wenn wir also im folgenden die Agenden der Mitglieder- 
versammlung besprechen, soistdamitnichtein Zuständigkeits- 
gebiet gemeint, das etwa auf gleicher Stufe mit dem der Ver- 
waltungsbeamten steht, es sollen vielmehr diejenigen Ver- 
waltungstätigkeiten besprochen werden, bei welchen wir 
laut urkundlicher Überlief|rung die Mitgliederversammlung 
des einen oder anderen Vereines tätig finden. Als ^nr 
Kompetenz der Genossenversammlung gehörig, sind also 


auch Z. 19 f. : eSo^e Aaßvädatg er rät (Uiai, ovfi yjdtpoig exaxov oydot]^ 
xovxa SvoXv\ die Beamten mußten hier den Versammlungen beiwohnen, 
vgl. Z. 191 f.: a\i S*d]Uav noXövxwv a\7iEirf, dnoxeiodxto SdeXdv xxX, 

Über das Abstimmungsvei fahren bei den attischen Jobakchen, vgl. 
Dittenb. Syll.® II, 737, 20 ff. Über das Stimmenverhältnis bei einem De- 
krete der l'cjxrjgiaoxai, die ebenfalls ein attischer Verein waren, ist in 
Dittenb. Syll.* II, 732, 44 ff. (ca. 30 v. Chr.) folgendes erhalten: tcü<<> 
alg idöxet xoSe x6 döyfjta xvqiov slvai, aTg öe ovx 

eöoxei^ ovde/Äia, Vgl. auch noch beim Epiktetaverein auf Thera, IG. XII 
8, 330, 254 ff.: 5 de xa dd^e* toXg nXsiooi tov xoivoO, xavxa xvgia saxo) 
5iA[d]v vTikg diaXvoscog, 


49 


Die Vereinsorgaiie. — § 5. Milgliederversftmniln&g 

m-'"" ' 

hier alle diejenigen Vereinsangelegenheitei^ ^bezeichnet , 
deren Erledigung die Genossenschaft in der Genos^n- 
yersammlung sich selbst Vorbehalten hat. Es zeigt sich 
dabei, was übrigens zu erwarten war, dafi bei den meisten 
Vereinen dieselben Gruppen von Vereinsangelegenheiten 
der Versammlung Vorbehalten waren. 

Als Hauptaufgabe der Mitgliederversammlung ist zweifel- 
los die Festsetzung der Statuten zu bezeichnen : einen schönen 
Beleg dafür besitzen wir in den demotischen Urkunden 
der Suchoskultgenossenschaft von Tebtynis. Jährhch ver- 
sammelte sich der Verein an den Tagen der großen re- 
ligiösen Festlichkeiten des Vereinsgottes und des Herrscher- 
paares und bestimmte die Statuten für das kommende Ver- 
einsjahr; es sind uns die Beschlüsse für das Jahr 180/79 
(dem. P. Cairo Cat. 31178), 158/7 (dem. P. Cairo Cat. 30606), 
157/6 (dem. P. Cairo Cat. 30605), 148/7 (dem, P. Cairo Cat. 
31179) und 138/7 v. Chr. (dem. P. Cairo Cat. 30619 a -f- b), 
mit größtenteils gleichen Bestimmungen erhalten.^ Ebenso 
zählte die Aufnahme neuer Mitglieder in den Verein zu 
den primären Obliegenheiten der Versammlung. Darüber 
erließ sie ein tprjcpiofia, dessen Abschrift, in verschiedener 
Form eingekleidet, dem neu EÄntretenden als Mitglieds- 
diplom zugestellt wurde.*) 


* In dem. P. Cairo Gat. 81178, 3 scheinen die anwesenden Mitglieder 
die soeben festgesetzten Statuten mit einem Eide zu bekräftigen ; leider 
ist aber dabei die Lesung ^nh (?) nicht sicher. Ebenso war auch in 
Griechenland wichtigste Pflicht der Versammlung, der Genossenschaft 
eine Verfassung zu geben, vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 144. Über die ex- 
klusiven Befugnisse des convenius zur Abfassung der lex collegii in 
Rom vgl. z. B. Bruns, Fontes^ Nr. 176, 28: hoc decretum ordini n(ostro) 
placuit in conventu pleno, quod gestura est etc.; Waltzing a. a. 0. 1 
S. 870; Liebenam a. a. 0. S. 280; Kornemann a. a. 0. S. 427. 

* Vgl. Dittenb. Or. Gr. II, 785, 21 ff.: dedoyßat Addafiov Aiovvao- 

San Nieolo, Ägyptisches Vereinswesen II* 4 



50 Vereinaoigute. — § 5. Mitglüdwirenunmliiilg. 


Ein weiterer großer Teil der Tätigkeit der Mitglieder- 
versammlung bei den römischen und griechischen Vereinen* 
richtete eich auf die Leitung der Vereinsverwaltung durch 
Beschlußfassung über allerhand wichtige Angelegenheiten. 
Nach den oben dargelegten eigenartigen ägyptischen Ver- 
hältnissen werden wir kaum erwarten dürfen, daß viel 
an Beschlüssen dieser j 3|- erhalten sei, und es ist nicht 
der Dürftigkeit des Materials allein zuzuschreiben, wenn 
in den ägyptischen Urkunden neben einer befriedigenden 
Zahl von Ehrendekreten nur ganz vereinzelte Fälle wirk- 
licher administrativer Tätigkeit der Mitgliederversammlung 
bezeugt ^ind. Ich denke dabei insbesondere an B6U 1137, 
worin die alexandrinische avvodoc Heßactrj in der am 18. No- 
vember 6 V. Chr. gehaltenen Genossenversammlung ihrem 
legebs 'lovxovvdos gestattet, aus einer ihm vom Vereine ge- 
währten Unterstützung eine Schuld abzutragen. Der Verein 
handelt dabei in liberalster Weise, indem beschlossen wird, 
die aus genossenschaftlichen Mitteln gezahlte Schuld des 
Jucundus als eine gemeinsame Vereinsschuld anzusehen, 
so daß der Isgevs jetzt bloß noch die restliche Unter- 
stützungssumme der owodo; zurückzuzahlen hat. Sonst 
aber handelt es sich, wie gesagt, bei den meisten Be- 
schlüssen um Stiftungen, bezw. um die Verleihung von 


tpdlvov] xal aix6v xai yvvaixa xai Iryworls] ehat &taahas xtl. (xotvov 
Töiv BaxxtoT&v auf Thera [1S9 — 145 v. Chr.]); BQü 1074, 12 f.: tov ytvo- 
fitfov y»jiptafia[Tos] bei dem ReichsTerbande der dionysiacben Künstler 
(274 n. Chr.); ähnlich wohl auch beim Athletenverein, P. Lond. III 
S. 217 ff., 87 ff. (194 n. Chr.). Auch das xaxakiyeiv in BQU 1078, 10 
(274 n. Chr.) deutet darauf hin; vgl. ausführlicher oben S. 26, 1. Eine 
eigene Form haben die tmaxoXai in P. Lond. III S. 214 ff., 87 ff. und B6U 
1074, Uff. 

* Vgl. Ziebarth a.a.O. S. 145 f.; für Rom besonders: Waltzing a.a.O. 
I S. 875 ff. 


Die Veretoeorgttiii. — § 5. MitgliederversMiiiiilaiig. 


51 


Ehren an verdiente Mitglieder oder an außerhalb des Ver- 
eines stehende Persönlichkeiten.^ 

Die Beschlüsse werden nach der öffentlich-rechtlichen 
Terminologie meistens xprjtplafiaxa* genannt und beginnen 
mit den Worten l'do^ev, deSöx^at oder Ähnlichem.* 

Auch von einer Jurisdiktionen^ Tätigkeit der Mitglieder- 
versammlung erwähnen die äg^rfßschen Quellen nicht viel; 
die Disziplinargewalt scheint größtenteils den Vereins- 
beamten, namentlich dem Vorstande, übertragen worden zu 
sein, eine Übung, die auch in den griechischen und römischen 
Vereinsstatuten begegnet.^) Immerhin deutet m. E. folgender 

‘ Vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 50; Or. Gr. 1, 51 ; Or. Gr. II. 735; Or. Gr. II, 
787; die Stiftung eines Tempels betrifft. Breccia, Iscrizioni 148. Nicht 
zn ttberseben sind die \pri<plafiaxa zu Ehren der Kaiser in BGU 1074, 5. 7 
(274 n. Ohr.). Über die Form der Ausführung der Beschlüsse wird bei 
den Ehrungen zu sprechen sein. vgl. Kap. IV. 

* Vgl. Wilcken, Arch. V. 418 bezüglich der Weihbrodtschen In- 

schrift; vgl. weiter auffer den S. 49. 2 und 51. 8 genannten Inschriften noch 
Dittenb. Or. Gr. II. 718. 3. 10 (ca. 250 n. Chr.). Auch das in Griechen- 
land neben tp^tpiofia oft vorkommende doyfxa, vgl. z. B. Dittenb. SylL* 
II, 782, 38 f; SylL* II, 787, 15 f. ; Syll.» II. 641, 50 (8./2. Jahrh. v. Chr.) 
bei Poland a. a. 0. S. 885, 2. ist für Ägypten bezeugt, vgl. IG. XII 8, 
331, Z. 39 f. . 

* Vgl. IG. XII 3, 831 Z. 1 und 85; Dittenb. Or. Gr. I, 50 und I. 51. 
ebenso Or. Gr. II, 787, 12; Breccia, Iscrizioni Nr. 148 (2. Jahrh. v. Chr.); 
Or. Gr. II, 735, 21; BGÜ 1187, 12; xoirfj ry6[ir). 

* Nur ausnahmsweise ist die vorbehaltene Kompetenz derVersammlung 

ausgesprochen, so z. B. bei der Phratrie der Labyaden auf Delos, Dittenb. 
Syll.^ II, 488, 187 ff., bei den attischen Jobakchen, Dittenb. Syll. ^11,787, 
84 ff., wo im Falle einer vorkommenden Schlägerei eine wirkliche Ge- 
richtsverhandlung stattzufinden hat. Die Klage wird beim Vereinspriester 
erhoben; Jdv 6s tig äxQi nXrjy&v l'A%, aaoyQaqjeaxco 6 nXrjysig tiqos xov 
iegia rj xov av^isQsa, der sofort die Versammlung einzuberufen hat, bei 
der Verhandlung den Vorsitz führt und seine Stimme als erster ab- 
zugeben bat; 6 6e kndvavxsg äyoQav aydxco^ xal o! loßaxxot ngsi- 

vhoxjav ngofiyov/iivov xov tegicog xai xQooxsifida&co XQog 

Soov av 66^1! xal OQyvqlov fisxQt )( xe\ 


4 * 




52 


Die VereineorgMie. — § 5. Mitgliedeireisammlang. 


PasBus in den oft erwähnten Statuten der Kultgenossenschaft 
des Suchos zu Tebtynis auf eine richterliche Tätigkeit der 
Vereinsversammlung, dem. P.Cairo Cat. 30605, 19: »Wer von 
uns einem von uns Böses tut (== ihn anzeigt, verklagt?) vor 
einem Befehlshaber (?) oder Machthaber, bevor er ihn den 
Leuten der Anstalt (»’ p' c) angezeigt hat, dessen Buße etc.“ ^ 
Ebenso heißt es bei den Choachyten der Totenstadt von 
Theben, dem. P. Berl. 3115 S. 4: »Die Leute der Genossen- 
schaft sollen die Strafe (?) gegen ihn entscheiden.“ Jeden- 
falls aber war das Aburteilen in wichtigen Fällen, so bei 
der Ausschließung aus der Genossenschaft, nur seitens der 
versammelten Genossen möglich. 

Gleichfalls eine wichtigeSeite im vorbehaltenen Wirkungs- 
kreise der Vereinsversammlung war schließlich die Vornahme 
der Beamtenwahlen, insbesondere des Vorstandes. Unter 
den verschiedenen Arten der Bestellung von Vereinsbeamten 
spielte auch in Ägypten, wie in Griechenland und Rom,* 
besonders bei den Privatvereinen, die Wahl die bedeutendste 
Rolle. Das Vorbild lag wiederum auf öffentlich-rechtlichem 
Gebiete, wo wir bis spät in die byzantinische Zeit die Er- 
scheinung konstatieren können, daß diese Körperschaften 
wenigstens einen Teil ihrer Organe selbst wählten und für 
sie haften mußten. ^ Daß wir von diesen Wahlen bei den 

1 Vgl. noch dem. P. Cairo Cat. 81179, 20 (178/7 v. Chr.). 

’ Vgl. u. a. bei den attischen Jobakchen, Syll.’ II, 787, 145 f. und 
beim Epiktetaverein auf Thera, IG. XII 8, 830 ; Ziebarth a. a. 0. S. 145 ; 
Poland a. a. 0. S. 417. Für Rom vgl. C. 1. L. VI, 10888, 2 ff. : q(uae8tor) 
solus sine suffragis ex omnium sententia — curator in kal. Jan. designatus 
und vgl. lat. Inschr. Nr. 169 in Allmer, Mus^e de Lyon, Inscr. antiquea 
II: quaestor corporis eju8d(em) duplicarius ex consensu universorum, 
dazu Waltzing a. a. 0. 1 S. 877 und Liebenam a. a. 0. S. 199. 

* So wird der fpQovuaz^s in P. Oxy. 58 (288 n. Chr.) von der ßovki^ 
gewählt, die auch für ihn zu haften hat, vgl. Z. 12 ff. : wa ixdoxrjg oifoias 
fra <pQWTiotr)v d^i[o];|rpeiov xiv6vvq> ixdatijQ ßovkfjc 


]^a Telainsorgaae. — § 6. Par Vorstand. 


5S 


privaten Genossenschaften so wenig hören, ^ darf uns nicht 
wundern, da wir auch über die anderen Bestellungsarten 
eben so schlecht unterrichtet sind.* 

Inwieweit die Autonomie des Vereines in der Versamm- 
lung seiner Mitglieder in dieser oder jener Beziehung in 
späterer Zeit vom Staate dahin eingeschränkt wurde, daß 
ein Teil ihrer Beschlüsse der obrigkeitlichen Bestätigung 
bedurfte, läßt sich bis jetzt nicht nach weisen, obwohl die 
Tatsache an sich wahrscheinlich ist. 

§ 6 . 

Der Vorstand. 

Unter allen Vereinsorganeh ist der Vorstand, als Ober- 
haupt des Vereines, das wichtigste. Er steht nicht nur 

aijxe; ebenso die anderen Beamten, vgl. Preisigke, Städt Beamt. S. 18 ff. 
Vgl. P. Oxy. 59, 8 f. (292 n. Chr.) : ijtiataXiua h ^/ntv dveyv(oo[^ij] tod 
ngwTjv aige&hnog Seod(bgov; weiter die Haftung des hoiv6v t&v ng<oto- 
H(Ofirjx(bv für die sieben xwfxdgxai in P. Oxy. 183, 7 ff. (550 n. Chr.). Zur 
^age überhaupt vgl. Wenger, Stellvertretung S. 110 ff. 

^ Das xoivov x&v dXeiipofievojv auf Thera z. B. wählt jährlich seinen 
yvfjivaolagxogy IG. XII 3, 331 Z. 8 f. (3./2. Jahrh. v. Chr.): htj dvo ngo- 

XBiQio^elg yvjuvaoiagxog und beschlieht in einer Versammlung, deren De> 
kret hier vorliegt, demselben Mann nochmals das Amt anzutragen; 
ebenso wählt die Generalversammlung der oft genannten Kultgenossen- 
Schaft des Sobk aus Tebtynis ihren Vorstand, vgl. dem. P. Cairo Cat. 
81178, 6 ff.; weiter wählen in P. Amh. 39 + Grenf. I, 80 (Arch. II, 517) 
die vtavlaxoi ihren ngooxdxrfg^ Z. 9: \^E^n6i Trgoxexeigdxafiev Tigoaxdxijv; 
vgl. auch bei der Zunft der lsgoyXv<poi aus Oxyrhynchos, P. Oxy. 1029, 
2 ff. : nagä Tstüxog vecoxigov . . . xai *AoHXäxog Xhvd}<pgi[o\g . . . dfiqi>o» 
xigtov cbr* *0^vgvyxo>v yioXeoyg hgoyXvtpwv xwv xexeigiOfMvmv vJio x&v 
ovviBgoyXvq}mv\ ebenso ist der nach Alexandrien delegierte vavxXrigog 
von P. Oxy. 87, 8 ff. (342 n. Chr.) von seinen Kollegen gewählt worden. 
Allerdings ist hier nicht sicher nachweisbar, wenn auch sehr wahr- 
scheinlich, daß es sich um eine Bhederznnft handelt. Zu bemerken ist 
auch, daß die Gesandten der großen Korporationen der Athleten und 
dionysischen Künstler immer gewählt werden. 

> Siehe S. 88 ff. 


54 


Die Vereinsorgane. — § 6. Der Vorstand. 


an der Spitze der Vereins Verwaltung, sondern vertritt auch 
den Verein nach aufien, er ist bei den bedeutenderen Ge* 
nossenschaften eponym und wird bei allen Ehrungen und 
Stiftungen der Korporation an erster Stelle genannt; er 
hat mit einem Worte die Leitung des Vereines. Der für 
das deutsche Recht geltende Satz; „Der Vorstand kann 
aus mehreren Personen bestehen" (BGB. § 26, Abs. 1), darf 
auch für die antike Welt behauptet werden. 

Es ist wohl auf den Einfluß der Erscheinungen des 
öffentlichen Lebens zurückzuführen, wenn bei den römi- 
schen Collegia in der Regel eine Pluralität derll^orstands- 
beamten (magistri, quinquennales) zu finden ist, während 
die griechischen Vereine meistens nur eine Person als 
Leiter haben. Letzteres entsprach auch den ägyptischen 
Anschauungen einer zentralisierten Gewalt und es ist sicher 
nicht hellenistischen Einwirkungen allein zuzuschreiben, daß 
an der Spitze der ägyptischen Genossenschaften meistens 
eine Einzelperson steht. 

Als Beispiel eines aus einer Mehrheit von Personen 
bestehenden Vereinsvorstandes in Ägypten sind hauptsäch- 
lich die in verschiedener Zahl vorkommenden nQEoßmsQoi zu 
nennen, welche uns bei mehreren Vereinen der ptolemäischen 
und römischen Zeit begegnen.^ Weiter aber steht die Zunft 

^ In erster Linie bei den Gemeindegenossenachaften der Staats- 
bauern, vgl. aus ptolemäischer Zeit: die Genossenschaft der ßaodtxoi 
yBOiQyoi von Kerkeosiris, P. Teb. 48, 8f. (118 v. Chr.), P.Teb.40, 17 (117 
V. Chr.), P. Teb. 18, 5 (114 v. Chr.), P. Teb. 48, 4 (118 v. Chr.), P. Teb. 60, 
20 (112/11 V. Chr.), P. Teb. 126 und 128 (118 v. Chr.), P. Teb. 214 (Endo 
des 2. Jahrh. v. Chr.), von Pathyris, P. Grenf. II, 87, 4 (2./1. Jahrh. v. Chr.) 
und aus römischer Zeit die Korporationen der drffxöotoi yecogyoi aus 
Philadelphia in P. Gen. 42, 15 (224 n. Chr.) und einer anderen xthfiri des 
Fauüms, BGÜ 85, col. 1, 8 ff. (2. Jahrh. n. Chr.) = Wilcken, Chrest. Nr. 345. 
Dann aber gab es bei der Müllergilde der alexandrinischen Inschrift, 
Dittenb.Or.Gr.il, 729 (221 — 205 v. Chr.) nQsoßvTSQoi und ebenso vier 



Die Vereineorgane« — § 6. Der VoietaD tf. , ^ 

der 'TtXeidonoiol von Arsinoö im 2. Jahrh. n. Chr. unter 
eotcoxeg^ BGU 1028, coL 2, 25: MaQely\(p\ xal xoig avv aix<;ß 
nQO€<n{(oai) xJL€idoji(Qid)v) und manche der Gewerbeinnungen 
aus Oxyrhynchos haben im 4. Jahrh. n. Chr. iLit]näQx<^h 
allerdings nicht näher bekannter Zahl, zum Vorstände.^ Da- 
gegen möchte ich die dexaxdgxai der kdxofWi der Steinbrüche 
nördlich vom Moeris-See und der ßaaihxoi yemgyai des P. Cairo 
10271* nicht als Vereins Vorsteher ansehen, da hier überhaupt 

Jahrhunderte später bei der Zunft der ngoßaxoxxrivoxQOfpoi von Euhemereia, 
P. Hamb. 3#^159/60 n. Chr.; in diesen beiden Fällen sind die nQsa- 
ßvxegoi sechä. Reil, Beiträge zur Kenntnis des Gewerbes S. 178, ist m. 
E. in Unrecht, wenn er annimmt, daß an der Spitze der Eultgenossen« 
Schaft des Sobk von Tebtynis sechs jtQEoßvxEQoi gestanden seien. Diese 
Deutung des Ausdruckes n>s>s(n)J in dem. P. Cairo Cat. 80605,3; 30606, 
4; 30619 a -f b, 2; 31 178, 3; 31 179, 4 ist zuerst sprachlich unzulässig, da 
dem ägyptischen n> das koptische entspricht (ot ovxeq xov, ol cbro 
xov), vgl. Steindorif, Eopt. Grammatik § 94, folglich das Ganze „die Leute 
der „Sechserschaft*, d^s Vereines“ bedeutet, ähnlich wie das n>p\c^ 
in dem. P. Cairo Cat. 30605, 6. 8. 19 und öfters. Aber auch sachlich 
jltät sich gegen seine Behauptung einwenden, dah, wenn wir auch den 
AeMHH^e> Priester (mr mvc) nicht als Vorstand, sondern als Leiter 
der zum Vereine gehörigen Priesterschaft des Suchos ansehen wollen, 
doch in jenen Urkunden oft von einem „Vorsteher der Anstalt* — 
einer Einzelperson — die Rede ist, vgl. z. B. dem. P. Cairo Cat. 30 605, 
6. 18. 23. 25; pj rt p\ c ebenso dem. P. Cairo Cat. 30606, 7. 24. 25; 30619 
a + b, 5; 31 178, 6. 7; 81 179, 6 ff. und öfters. 

^ Während sie nach P. Oxy. 1139 mehrere zu sein scheinen, wird 
in P. Oxy. 53, 3 (316 n. Chr.) und P. Oxy. 84, 6 (316 n. Ch.) nur einer 
erwähnt. 

* P. Petr. II, 4 (1), 1 f.; KXitovi dp;|'fTexTct>v( ji^algsiv' ol ÖBHaxaQXQi Tä>y 
Xaxöpcov dno xtjq iyßaxrjgiagf ebenso P.Petr.lI, 4 (2), 2 (beide 255 54 v.Chr.); 
vgl. auch P. Petr. II 4 (6), 4; P.Petr. II, 13 (1) und P, Petr. II 18 (2 a u. b) 
und Introd. S. 31 (246 v. Chr.); in P. Petr. II. 4 (1), 10 werden sie dsKa^ 
HVQtot genannt. In P. Cairo 10271 = Wilcken, Chrest. Nr. 804 (3. Jahrb. 
V. Chr.) sind die ßaodixol yscogyal in ÖExaxagxlai eingeteiit, welche nach 
dem betreffenden dsxaxdgxve benannt sind, vgl. Z. 7 f. : nagd x[(ov i];« 
0dojtdxoQOs ßaadixwv ysaoQycöv t[<bv ] gv xrjg *An[okX](aviw denax- 



56 


Die Yeremsorgaiie. § 6. Der Vorstand. 


an eine genossenschaftliohe Organisation nicht zu denken 
ist. Der dexaTdgxv^ ist einfach Führer von zehn Arbeitern, 
ähnlich den Arbeiterführern, die oft im pharaonischen 
Ägypten verkamen.^ Eigenartig sind die Verhältnisse bei 
der großen Kultgenossenschaft des Suchos von Tebtynis 
(2. Jahrh. v. Chr.). Wie schon oben erwähnt, stand an der 
Spitze des Vereines »der Vorsteher des Hauses* (pl rt 
c),* oder besser »Vorsteher der Genossenschaft*;^ neben 
ihm wird aber oft ein zweiter Vorsteher erwähnt, der ein*-* 
fach »der Zweite* (p5 mh snw) heißt, dem. P. Cairo Cat. 
30606, 20 (158/7 v. Chr.); *30605, 21 (157/6 v. Chr.); 31179, 
24 f. (148/7 V. Chr.); 30619a + b, 3 (138/7 v. Chr.); 30618 
öfters (138/7 v. Chr.). Es ist dabei jedoch nicht an eine 
Mehrheit von Personen als Vorstand zu denken, sondern 
in diesen Bezeichnungen ist nur eine Rangordnung ent- 


und Z. 9 f.: sx ttjs dexatagxiag .... {xai ix] rtjc rov Ja>- 

Ql(ovog. Dazu Wilcken, Gnindzüge S. 275 f.; Bouch4'Leclercq a. a. 0. 111 
S. 257, 1. Oertel, Liturgie (Dies. 1912), S. 36. 1 

' Vgl. Erman, Ägypten 8. 180 f. und 185 ; R^villout, Prdcis de droit egypt. 
8.5 und 22 Sprint yon: «brigades de 5 et brigades de 10 bommes'* ; 
»ateliera formda aoit de dix bommes dont un Xorp ou chef d’escouade, 
soit de la moiti4 de ce chifFre: de 5 bommes, y compris un mertiu ou 
chef de 5** ; und sagt, daß man diese Abteilungen »seit dans la Cam- 
pagne, soit dans les manufactures* fand. Die VerlAßlicbkeit seiner An- 
gaben scheint jedocb, wie Herr Prof. Spiegelberg mitteilt, nicht einwand- 
frei zu sein, insbesondere da der vermeintliche , chef de 5* einfach eine 
schlechte Übersetzung des Ausdruckes mrdw,ti^i (Sethe, Äg.Z. XLVII 
(1910), 8. 11). 

Fraglich ist auch, ob die avfixgooxdxai xwv xaxoixcov utnimv in P. 
Teb. 64 (a), 110 und P. Teb. 61 (a), 81 und öfter, als Vorstilndo von Kor- 
porationen anzusehen sind, oder nicht eher als Beamte; der Titel ngoaxdxfjg 
ist ja ein sehr dehnbarer Begriff; vgl. Terminologie und auch Bd. 1 8. 180 
und Lesqnier, Institutions militaires sons les Lapides (1912), 8. 198 f. 

* Zitate 8. oben 8. 54, 1. 

• Über die Gruppe ^ ( hi ) = Haus, ohcog vgl. unten Kap. Term. 



Die Veremsorgane, — > § 6. Der Vorstaiid. 


57 


halten, und der mh snw stellt dem «Vorsteher des Hauses* 
ähnlich wie in dem. P. Berlin 3115 (Ende 2. Jahrh. v. Chr.) 
im Bange nach.^ 

Von diesen Fällen abgesehen, begegnet als Vorstand 
der ägyptischen Vereine immer eine Einzelperson. Ihre 
Titel sind sehr mannigfaltig. 

Es ist wohl Poland zuzustimmen, wenn er a. a. 0. S. 339 flf. 
im Gegensatz zu Ziebarth a. a. 0. S. 150 die Bedeutung des 
Vereinspriesters hervorhebt; denn wenn auch manchmal 
der weltliche Vorstand das Amt des IsQEvg in seiner Person 
vereinigt,* finden wir in Ägypten, gleich wie in der übrigen 
hellenistischen Welt, an der Spitze von allerhand Genossen- 
sahaften, die nicht durchwegs Kultvereine zu sein brauchen, 
ein priesterliches Oberhaupt, das entweder allein Vorstand, 
oder aber dem weltlichen Vorstande im Range übergeordnet 
ist.* Ob der in vielen Vereinsurkunden genannte 

^ Auch dort ist ein „Mann des Hauses** {rmt n c) 8,1 genannt, dem 
4der Zweite* {pl mli mw) und sogar „der Dritte* {p\ mh hmt) S. 4, unter- 
stehen. „Der Zweite* — der Vertreter — entspricht wohl dem kopt. 
nMC^ctie^ip und findet sich ebenso wie pMiuu in der Organisation der 
koptischen Mönche; vgl. z. B. — vicaru monasterii in G. 

Zoega, Cat. cod. copt. mss., qui in museo Borgiano Velitr. adserv. Rom 
1810, p. 75 ; zum Ganzen s. Spiegelberg, Recueil des travaux rel. ä Tarch^ol. 
assyr. et dgypt. XXVIII S. 196. Übrigens ist der Ausdruck nih anw „der 
Zweite* (Stellvertreter o. ä.) bereits in der Perserzeit (P. Ryl. IX 5/18) 
nachweisbar. 

* Beim Militärverein, Preisigke, S.B. 628 ist der dpjftVovvaywydr 
auch gleichzeitig aQxtagevg, 

• In der ovvodos töjv vsavioxoov ix lov X)ciqeIov geht der aQx^BQ^s 
dem nQOöxdtrje vor, gr. Inschr. Nr. 2 in Klio XH S. 874 (spätere Ptole- 
mäerzeit) ; ebenso hat die avvodog Jlgapiaggeiove einen Ugeve d<d ßlov an 
ihrer Spitze, gr. Inschr. in Äg. Z. 42 (1905) 8.111 ff. (104 v.Chr.) und weiter 
ist ein legeve Vorstand der xixxoveg jigaoßvxegoi von Ptolemais, IGR. I, 
1155 (46 n.Chr.); vgl, auch die awßaodioxai der gr. Inschr. Nr. 2 in Arch.V 
8. 158 und der oixae xcov "AXe^avdQeojv aus Tomis mit zwei tegetg, IGR. 




58 


Die Vereinsorgane. — § 6. Der Vorstand. 


Priester immer ein Genosaenschaftsbeamter, oder nicht etwa 
Oberpriester eines öffentlichen Tempels war und in einem 
offiziellen Verhältnisse zum Vereine stand, läßt sich nicht 
in allen Fällen entscheiden, immer aber spielt er dort, wo 
er in Zusammenhang mit Vereinen vorkommt, die erste 
Rolle. 1 

Da die iegelg der Vereine diese bedeutende Stellung 
nicht nur in ptolemäischer, sondern auch in römischer Zeit 
einnahmen, so stehen darin die ägyptischen Genossen- 
schaften wieder im Gegensatz zu den römischen collegia. 
Denn bei den letzteren spielte der sacerdos oder flamen, 
abgesehen natürlich von den religiösen Korporationen, eine 
untergeordnete Rolle und seine Funktionen wurden meiit 
von den magistri übernommen.* Die Betonung des Kult- 
eleinentes bei den ägyptischen Vereinen braucht aber, wie 
später genauer auseinanderzusetzen sein wird, nicht aus- 
schließlich auf hellenistischen Einfluß zurückgeführt zu 
werden. 

Als die häufigsten und gewöhnlichsten Vorstandsbezeich^ 
nungen sind die für Ägypten geradezu charakteristischen 
(Poland a. a. 0. S. 364 und 367) und auch außerhalb des 

I, 604 (160 n. Chr.). Ebenso leiten legeTg den wichtigen Transportverein 
von Gertassi, vgl. unten S. 82 und Zuckojr» Von Debod bis Bai Kalabsche, 
S. 31 ff. 

* So stammt die Weihung in dem. P. Erbach (3/2. Jahrh. v. Chr.) 
vom Lesonispriester (mr ^n) und von der .Menge der Weber mit allen 
Leuten, die zu ihnen gehören*; ebenso die der Kultgenossenschaft 
(Sechserschaft) von Dendera in dem. Inschr. in Äg. Z. 50 (1912) S. 86ff.; 
weiter noch gr. Inschr. Nr. 6 in Revue öpigr. N. S. I (1913) S. 146 (263 
n. Chr.); Tojiog ysgölojv ano *Aßvdov 6 noitjd'Eig EJti ‘Ugaxog jikEocovov, 
Auch bei der Kultgenossenschaft von Tebtynis ist ein Xsoibvig {mr ^n)- 
Priester erwähnt, dem. P. Cairo Cat. 31179, col. 2, 19; die Lesung mr 
sn in col. 1, 4 ist nach freundlicher schriftlicher Mitteilung von Herrn 
Prof. Spiegelberg ein Druckfehler für mr (AeMHH^e). 

* Vgl. Waltzing a. a. 0. 1 S. 390; Liebenam a. a. 0. S. 287. 



Die Vereinsorgane, — § 6. Der Vorstand. 


59 


Vereinslebens sehr wichtigen Titel Tzgooxdxtjg und huaxdxtig 
zu nennen. 1 Den nQoöxdxrjg begegnet man bei allen Arten 
von Vereinen der Ptolemäer- und ßömerzeit, nicht nur bei 
den Kult- und Privatgenossenschaften,* sondern auch bei 
Militärvereinen,'** Vereinen von Altersgenossen * und Ge- 
werbeinnungen. ^ In einem Falle heißt er sogsit dgxinQoaxdxtjg^^ 
was aber nur eine klangvollere Benennung ist und nicht 
etwa Oberhaupt anderer jigootdxai, Stand der jigooxdxrjg 

^ über die Bedeutung und sonstige Verwendung der beiden Aus- 
drücke 8. Kap. Terminologie. 

* Vor allem bei den BaaiXiotai in Ditt. Or. Gr. I, 130, 16 (146 — 116 

V. Chr.) und dann bei einer großen Anzahl Privat- und Eultvereine der 
Augusteischen Zeit: IGR. I. 1095 (29/8 v. Chr.); IGR. I, 1114 (17 v.Chr.); 
CIG. III, 4684'* (ca. 15 v. Chr.); gr. Inschr. Nr. 22 in Revue 6pigr. N. S. I. 
(1913) S. 163 (10/9 V. Chr.); ebenso gr. Inschr. Nr. 2 S. 154 derselben Zeit- 
schrift; Preisigke S.B. 639 (25 v.Chr.); BGU 1137 (6 v. Chr.); IGR. I, 
1051 (20 n. Chr.); Breccia, fnscrizioni Nr. 135 (l.Jahrh. n. Chr.); aber auch 
später finden wir einen jiQoazdxrjg in IGR. I, 1086 (40 n. Chr.) und in gr. 
Inschr. Nr. XV der Annales des Service des Antiq. 1913 S. 88 ff. (95 n.Chr.). 
iDei einem alexandrinischen Verein treffen wir als Vorstand eben- 

Wls einen nQootaxtjs (igäroiv): BGU 1134, 1 f.; BGU 1135, 2; BGU 1136, 2 
(10 V. Chr.); vgl. dazu Bd. 1 S. 217. 

* Vgl. die zwei Vereine aus der späteren Ptolemäerzeit, BGU 1190, 2 
und Preisigke, S.B. 624, 2. 

^ Vgl. die Epheben in Dittenb. Or. Gr. I, 178, 7 (95 v. Chr.); die vsa- 
vioxoi in P. Amh. 39 + P. Grenf. 1, 30 (103 v. Chr.) haben auch einen nqo- 
atdrrjs und ebenso die veaviaxoi hx xov X)oiQelov aus Theadelphia, gr. 
Inschr. Nr. 2 in Klio XII S. 374, 

® So bei dem Gauverband der xa'&ovgyol und nXaxovvxonoiol in IGR. 
1, 1117 (3 n. Chr.) und bei den ^nrixai von Möller BDT. I Nr. 45, aus 
römischer Zeit. Auch der Vorstand der Zunft der aixo^ixgai aus Ptole- 
mais Euergetis, Breccia, Iscrizioni Nr. 40 a, wird ein jtgooxdxrjg gewesen 
sein. Die Ergänzung [em]oxdxrig in 1. 11 von Lefebvre, Annales du Service 
1910, S. 157, scheint mir wegen des Alters der Inschrift nicht gut mög- 
lich (101 V. Chr.). Über die Stellung des jiQoaxdxtjg beim röfiog von Ger- 
tassi vgl. Bd. I S. 123 f. 

** Preisigke, S.B. 626, 3 (ptol. Zeit). 




60 


Die Vereinaorgane. — § 6. Der Voretand. 


in gr. Inschr. Nr. 2, Klio XII S. 374 dem ÖLQxitQe^ic: im Range 
nach, so geht er in einem anderen, wahrscheinlich alexan* 
drinischen Vereine diesem vor, gr. Inschr. Nr. 22 in Revue 
dpigr. N. S. I (1913) S. 163 (10/9 v. Chr.). 

Manchmal führt der jiQoardtfjg auch den Titel ovvaycoydg^ 
so in IGR. I, 1095 (29/8 v. Chr.) und in B6Ü 1137, 3 (10 v. 
Chr.); bei den Epheben von Dittenb. Or. Gr. 1, 178 (95 v. Chr.) 
bekleidet er auch gleichzeitig das Amt des yQajujuarevg, 
Z. 8 f. : TiQOOTarovvTog xal ygajufiarevovrog Ilwkejualov xov 
JlTohjuaiov. 

Neben der Form nQooxdxrjg kommt auch die ältere Form 
TiQoeoxcog vor, so z. B. bei den yahceig von Arsinöe im 
2. Jahrh. n. Chr., BGU 1028, col. 2, 8: ^üqov (sic) nQoeaxwxi 
Xakxioiv, ^ 

Dagegen kommt in Ägypten der Imaxdxrjg nur als Vor- 
stand einer ganz bestimmten Klasse von Vereinigungen 
vor. Wenn auch dieser Titel im öffentlichen Leben sonst 
so häufig ist, kann man bis jetzt einen imoxdxrjg bei den 
ptolemäischen und römischen Vereinen nicht finden,* während 
die meisten byzantinischen Zünfte der späteren Zeit unter 
seinem Vorsitze stehen.* 


' Vgl. BGÜ 1028, col. 2. 25: MaQdv[c^'\ ?cai lotg avr avT(p tiqoe- 
ox{u>ai) xXeiö 07 i{oi(or). 

2 Auch außerhalb Ägyptens ist er sehr selten; wir treffen ihn bei 
einem Kultverein in Astypalaeia, IG, XII 8, 178 (römische Zeit); GIG. 
3498 (Thyateira) und Lebas- Waddington, Voyage archöol. III 1743o (Abydos ; 
vgl. auch Mitt. deutschen archeol. Inst. VI (1881), S. 227): zwei Handwerker- 
vereine; vgl. Poland a. a. 0. S. 367. 

> Vgl. u. a. P. Cairo Cat. 67156, 8 (570 u. Chr.); BGU 888, 15 (578 
n. Chr.); BGU 870, 8 (630 n.Chr.); weiter bei einer Anzahl von Zünften 
aus Arsinöe und dem Faijüln: ^Xagioi (P. klein. Form. 947), aayfiatonoioi 
(P. klein. Form. 119), ^xai (P. klein. Form. 839), yvatpeXg (P. klein. Form. 
852), atdrjQoxaXxeig (P, klein. Form. 850), (povaxagm (P. klein. Form. 840) 
alle aus dem 6. u. 7. Jahrh. n. Chr.; unbestimmbar bleibt die Zunft in P. 


Die Vereinsorgane. — § 6. Der Vorstand. 


61 


Neben diesen zwei Hauptbezeichnungen gibt es noch 
eine ganze Reihe anderer Bezeichnungen. An erster Stelle 
verdient der Terminus awaycoy^g^ bezw. die verstärkte Form 
ägxtovvaycoyög^ genannt zu werden. Da wir unten (Kap. Ter- 
minologie) den Zusammenhang zwischen seiner Tätigkeit 
als Vereinsgründer oder als Einberufer der Vereinsgenossen 
zur Versammlung und seinem Titel erörtern werden, kann 
hier dieser Hinweis genügen. Ein ägxiovvaycoyog ist bei 
einem Militärverein des Faijüms, Preisigke, S.B. 623 (80 
bis 69 V. Chr.) und weiter in einer etwas unverständlichen 
alexandrinischen Inschrift der augusteischen Zeit, IGR. I, 
1077, erwähnt, während die einfache Form ovvaycoyög 
häufiger ist. Wir finden sie bei der Kultgenossenschaft 
der Isis "Eoeyxrjßig^ gr. Inschr. Nr. 8, Arch. III, 131 (78 v. 
Chr.), bei der naukratischen ovvodog Ea/ußarixi^^ IGR. I, 
1106 aus römischer Zeit und in Preisigke S.B. 639 (25 v. 
Chr.). In BGÜ 1137, 3 und in IGR. I, 1095 trägt der ngo- 
oxdrYjg ovvoÖov auch den Titel ovvayoyyog bezw. ovvaycoyevg. 

Einen imfieXrjrijg als weltliches Oberhaupt hinter dem 
lebenslänglich gewählten legevg besitzt die bereits genannte 
ovvodog ügafxaggelovg aus Soknopaiou Nesos, gr. Inschr. in 
Äg. Z. 42 (1905) S. 111 ff. (104 v. Chr.), während an der 
Spitze der Korporation der Weber in derselben xtojur], im 
Jahre 93 n. Chr. ein fiyovfXBvog ysgöicov stand (P. Grenf. II 
43, 9). 

Eigenartig ist die Bezeichnung jmrjxoLvdgiog ngiymxp für 
den Vorstand der Gilde der Maschinenarbeiter von Thea- 
delphia, P. Hamb. 9, 5 (143 — 46 n. Chr.). 

Mehrere byzantinische Zünfte dagegen haben einen xe- 
q)aXai(bTYig zu ihrem Vorsteher: so die noifiiveg von Aphro- 
dite im 6. Jahrh., P. Cairo Cat. 67090, 2; 67097 verso A, 1; 

klein. Form. 55; 66; 180; 981; über den emoidxrjg xe<pcdat{ot6iv vgl. 
unten Kap. Term. 



62 


Die V<^einsorgane. — § 6. Der Vorstand. 


die xagaixdQioi einer unbekannten Gemeinde im 4. Jahrh. 
n. Chr., P. Lips. 89, die Idto^oi von Oxyrhynchos, P. Oxy. 
134 (569 n. Chr.), die Ziegelstreicher von Arsinoe im Jahre 513 
nach P. Hawara (publ. in Rev. Et. gr. III (1890) S. 137 f.) 
und die dXieig eines unbestimmten Gebietes im Faijüm, 
Stud, Pal. X, 77 (6. Jahrh. n. Chr.).i 

Zweifeln kann man, ob der <pQovriori^g in IGR. I, 1122 
(109 n, Chr.), als Vorstand der Zunft der yegSioi ngecßmegai 
von Theadelphia anzusehen ist;* er ist immerhin dort als 
eponymer Beamter erwähnt und entspricht wohl, wie der 
oben angeführte Irnjueki^ri^g dem römischen curator collegii.® 
Ganz sicher ist aber der (pgovrioTi^g des Fojiwg von Gertassi 
in gr. Inschr. *Zus. 2 (Zucker a. a. 0. S. 137) ein bescheidener 
Vereinsbeamter.* 

Zum Schluß sind noch als Vorstandsbezeichnungen, der 
im griechischen öffentlichen Leben so verbreitete Titel 
ägxcDv und die vielen Zusammensetzungen mit dem Stamme 
agx zu nennen. Bis jetzt ist mir aus Ägypten ein einziges 
Beispiel eines Vereinsarchonten bekannt. Es ist dies der 
Vorstand der avvoöog vecoregayv (dazu Bd. I S. 39), der sich 
ägycov xal (pdaya^dg nennt. ^ 

^ Über die Bedeutung und den öffentlich-rechtlichen Ursprung 
manches der erwähnten Titel wird in Kap. Terminologie gehandelt 
werden. 

* So Reil, Beiträge S. 188. 

* Vgl.Waltzing a.a.O. I S. 406 ff.; Liebenam a. a. 0. S. 206f.; Korne- 
mann in Pauly-Wissowa IV Sp. 422. 

* Anders Reil, Beiträge S. 188, 5. 

® Gr. Inschr. 15 in Arch. II, 432. Die Lesung Ton P. Petrie II 4 (6), 
4 f. : . . .]r dexaxdQxio[v] xal tü)[v d]p;i'oVr<w[v . . . erscheint mir zu zweifel- 
haft, um mit Oertel, Liturgie (Diss. 1912) S. 38 an unter den SexaTaQxai 
stehende dgxovTeg laxofioiv denken zu können. Die zwei dgxovteg der 
beiden Amphoreninschriften aus der Kyrenaika, Breccia, Iscrizioni Nr. 526 
(371/0 V. Chr.) und Nr. 527 (341/0 v. Chr.) haben mit Vereinen nichts zu 
tun. Über xpddya^og vgl. Ziebarth a.a.O. S. 155 und Poland a.a.O. S.418. 



Die Yereinsorgane. § 6. Der Voi^tand. 63 

Dagegen sind die Zusammensetzungen mit qqx viel zahl- 
reicher; abgesehen von dem bereits besprochenen 
7iQoardTf](;, d.Q')(^iEQevg und Aq^tovvaycDyog^ die keine weitere 
spezifische Bedeutung haben, sind vorerst als Vorstands- 
titel, welche von der Vereinsbezeichnung abgeleitet werden, 
der igavdgxV^f^ äQxi^iaalTrjg,* av/xfjLogidgxfJ^f^ avvodidgxfJS^ 
und xXivagxog zu nennen. Die zuletzt genannte Bezeich- 
nung kommt bei den, xXlvai genannten, Isisvereinen des 
5. Jahrh. n. Chr. in der Dodekaschoinos und im Blemyer- 
lande vor. Außer dem einfachen xXivagxog erwähnt L. D. gr. 
378 (neupubl. von Wilcken, Arch. 1, einen xXivagxog 
Tfjg TioXeog (Talmis) und örj/uoxXivagxog (Z. 8 und 11), während 
ein JigcoToxXivagxog in L. D. gr.314, 5 (456/7 n. Chr.), aus Philae 
überliefert ist.® Daneben gibt es bei den Berufsvereinen 
Zusammensetzungen, die nicht aus dem Vereinsnamen, son- 
dern aus der Bezeichnung des Gewerbes oder Berufes selbst 
stammen, aber nicht immer den Vorstand der Zunft oder 

^ BGU1138, 5 (19 V. Chr.). Gewöhnlich heißt er in Griechenland 
dQxegavtoztjg, vgl. z. B. IG. II 1, 630 (58/7 v. Chr.); Dittenb. SylL* II, 782, 
I2 u.«. (86/5 v.Chr.); Poland a. a. 0. S. 353 f. ; eQavüQXV^ 1®^ bei 
Artemid. Oneirocr. 1, 17 bezeugt, vgl. Bd. I S. 214, 5. 

* Joachim Ostr. 2, 11 (78 v. Chr.), eine auch sonst in den hellenisti- 
schen Ländern vorkommende Vorstandsbezeichnung, vgl. Michel, Recueil 
Nr. 998 (2. Jahrh. v. Chr.) und das xoivov der berytischen efxnoQoi xal 
lydoxeXg auf Delos, Dittenb. Or. Gr. II, 591 (1. Jahrh. v. Chr.) und gr. 
Inschr. Nr. 1, Nr. 4, Nr. 5 und Nr. 6 aus derselben Zeit in BCH. VII (1883), 
S. 467 ff.; dazu Poland a. a. 0. S. 352. 

* Vgl. P. Teb. 316, col. 2, 5; col. 3, 38; col. 4, 76 (99 n. Chr.), als Vor- 
stand mehrerer ovfiibioQiai von Epbeben. 

^ Bei den palmyrenischen ifzjiogoiy vgl. Dittenb. Or. Gr. II, 632, 2 
(141/2 n. Chr.) ; 683, 5 (154/5 n. Chr.) ; 638, 2 (210/1 n. Chr.) ; dazu Nachtrag. 

^ Es bestand wohl dabei eine gewisse Rangordnung, die aber der 
Text der Inschrift leider nicht klar erkennen läßt. Ein xUvoqxos ist 
für Tarfa schon im 4. Jahrh. n. Chr. belegt, vgl. gr. Inschr. 8. 164 in 
Zucker a. a. 0. Über xXivrj, vgl. unten Terminologie. 



64 


Die Yeremsorgane. — § 6. Der Vorstand. 


Innung, sondern oft auch bloß einen Vorarbeiter, Werkstatt- 
vorsteher und Ähnliches bezeichnen. Deswegen wird hier 
Vorsicht wohl am Platze sein. M. E. sind jedoch der ägxo- 
vrjkdji'jg von C. P. Horm. 127, II, R. col. 4, 11 ff. (ebenso col. 7, 
19 f.)^ und der aQxiyeoygyog von P. Oxy. 477, 3 und anderer 
Papyri,* Vorsteher von Zünften der betreffenden Berufe.* 

Speziell auf die Dauer der Amtsperiode bezieht sich 
der bis jetzt nur in Ägypten belegte Titel f^rjviaQxrjgj der 
bei den oxyrhynchistischen Gilden des 4. Jahrh. n, Chr. be- 
gegnet.* 

Da bezüglich der Bestellungsarten und Amtsdauer des 
Vorstandes einerseits die Nachrichten sehr karg sind, 
andererseits aber dabei dieselben Grundsätze gelten, wie 
bei den anderen Vereinsbeamten, so wollen wir diese Frage 
später erörtern und hier bloß ein paar Worte über den 
Wirkungskreis und die Zuständigkeit des Vereins Vorstandes 
sagen. Das ist aber allerdings keine leichte Aufgabe, da 
schon die Wahl eines einheitlichen Gesichtspunktes für die 
Betrachtung nicht möglich ist. Es ist wohl am richtigsten, 
wenn man kurz sagt, daß die Aufgaben und Agenden des 
Vorstandes alles umfassen, was nicht der ausschließlichen 
Kompetenz der Mitgliederversammlung Vorbehalten ist, oder 
nicht durch andere Vereinsbeamte erledigt wird. Eine 
Erweiterung seiner eigenen Zuständigkeit war für den Vor- 
stand gegenüber der Mitgliederversammlung infolge der 

' Schon viel früher, vgl. P. Lond. I S. 166 f. Z. 321 f. 386. 413 (88/9 
n. Chr.); vgl. Bd. I S. 119. 

2 Vgl. Bd. I S. 175, 3. 

* Beim dQxt^oijurjv, P. Lips. 97, col. 11, 4 u. a. (Bd. I S. 194, 3) ist es 
schon recht zweifelhaft und noch mehr beim hxcovdgxrjg, wo es sich 
sicher um den Vorsteher einer Weberwerkstätte handelt, vgl. Bd. I S. 102 
und unten Kap. Term. 

P. Oxy. 1139; P. Oxy. 53 (316 n. Chr.); P. Oxy. 84 (316 n. Chr.); 
P. Oxy. 85 (838 n. Chr.); vgl. oben S. 55. 


65 


Die Vereinsorgane. ~ § 6. D^Vontand. 

eigenartigen Steifung, welche diese *im Vereine einnahm, 
grundsätzlich ausgeschlossen, während eine ^solche Er- 
weiterung wohl gegenüber den anderen Vereinsorganen 
möglich war, insoweit sie im Rahmen der Statuten blieb 
und es sich dabei nicht um Beamte handelte, die von der Ge- 
nossenversammlung mit einem genau umgrenzten Tätigkeits- 
kreise bestellt worden waren. 

Eigentlich sollten nach dem Prinzips der inneren Auto- 
nomie, die das solonische Gesetz und auch die XII Tafeln 
anerkannten, 1 die Befugnisse der Vereinsorgane in den 
Statuten festgesetzt sein; wie wenig aber dies zutraf, zeigen 
uns am besten die erhaltenen leges collegiorum.* Daher 
war dem Vereinsvorstand die Möglichkeit geboten, An- 
gelegenheiten der Genossenschaft an sich zu ziehen, die 
ihm gar nicht zustanden, und es ist •sicher, daß dieses 
Bestreben nach Zentralisation der Gewalten in einer Hand, 
von der Regierung in Ägypten wohl begünstigt wurde, 
wie dies ja auch später in Rom geschah, als die Berufs- 
genossenschaften allmählich in staatliche Zwangsassozia- 
tionen umgewandelt wurden. Im allgemeinen aber spielt 
hinsichtlich des Ausmaßes der Zuständigkeit des Vorstandes 
die Bedeutung des Vereines selbst eine große Rolle. Bei 
einem mächtigen Vereine mit großer Mitgliederzahl und 
vielen Organen ist die Kompetenz des Vorstandes selbst- 
verständlich eine ganz andere, als bei einem kleineren, 
bei dem der Vorstand das einzige Organ ist, das mit der 
Ausführung des Gemeinwillens betraut werden kann. Daraus 
ersieht man, daß es nicht gut möglich ist, die Kompetenz der 
Vereinsorgane und insbesondere des Vorstandes in abstracto 
abzugrenzen; jeder Fall muß einzeln betrachtet werden, 


^ Vgl. Gaius in D. 47, 22, 4; vgL auch Peruice, Labeo I S. 292. % 
* Vgl. oben S. 20. 

San Nieol5, Ägyptisches Vereintweten II. 5 



66 


Die Vereinsorgane. — § 6. Der Vorstand. 


wobei die Bedeutung der betreffenden Körperschaft und 
das politische Regiment maßgebend sind. Das trifft nicht 
nur für die ägyptischen Vereine, sondern auch für Griechen- 
land und Rom zu.^ 

Es soll dennoch in den folgenden Zeilen versucht werden, 
einige charakteristische Züge der Vorstandstätigkeit bei den 
uns hier beschäftigenden Vereinen hervorzuheben. Zuerst ist 
es Pflicht des Vorstandes, die Mitgliederversammlung ein- 
zuberufen und darin den Vorsitz zu führen.* Es ist be- 
fremdlich, daß bei den Jahresversammlungen der großen 
Suchosgenossenschaft von Tebtynis die Anwesenheit des 
Vorstandes nie hervorgehoben wird: neben den „Leuten 
der Genossenschaft“ ist bloß das Oberhaupt der Priester- 
schaft des Suchos, der ‘AeMHH^e-Priester, erwähnt.® Viel- 
leicht mußte der vofjährige Vorsteher bereits bei Zusammen- 
tritt der Jahresversammlung, in welcher sein Nachfolger 
gewählt wurde, das Amt niederlegen. 

Ebenso präsidierte der Vorstand den sonstigen geselligen 
oder religiösen Zusammenkünften der Vereinsgenossen und 


' Richtig für Rom, Liebenam a. a. 0. S. 207. 

^ Bezüglich der eventuell in dieser Richtung zu verstehenden 
Vorstandsbezeichnung owaycDyog unten Terminologie; vgl. auch BGü 
1187 (6 V. Chr). 

8 Vgl. dem. P. Cairo Cat. 30605, 4. 21; 30606, 4; 30619 a b, 2; 
81178,3; 31179, 4.24 f. Der Titel bedeutet sonst Truppenführer, vgl, 
Griffith in Proceedings Soc. Bibi. Archeol. XXI S. 270 f. und dem. P. Ryl. 
IX, 11/17 und öfters, hier ist er aber ein Priester, ebenso in dem. Inschr. 
in Äg. Z. 51 (1914) S. 68 ff., Z. 4: p] ntr m^c n p] bk [mr-Sn ist ein Druck- 
fehler), dazu Spiegelberg, der auch P. Teb. 122, 1 (96 oder 63 v. Chr.) 
zitiert. In den vier demotischen Serapeumspapyri, CPAeg. II, 1 pl. 1—4 
(teilweise publ. in Übersetzung in. Revue 6gyptol. V und zwar pl. 1, 
S. 45f.; pl. 2, S. 46f.; pl. 8, S. 47f.; pl. 4, S. 48 f.) kommt nach Sethe 
i^apis S. 89 (Göttinger Abh. 1914) ein Hrj-bUt als mr vor, an den 
die vier Briefe adressiert sind. 




Die Yereiosorgane. — § 7. Die übrigen Yereinsbeamten. 67 


übte da möglicherweise auch geistliche Punktionen aus, 
insoweit es nicht eigene Genossonschaftspriester gab. 

Weiter leitete er alle administrativen Angelegenheiten der 
Genossenschaft, und zwar: soweit sie nicht in die Kompetenz 
der Vereins Versammlung fielen, nach eigenem Ermessen, 
sonst in Ausführung von Beschlüssen der Genossenversamm- 
lung. Darin wurde er von den anderen Vereinsorganen 
unterstützt, die bestimmte Ressorts der Administration 
selber verwalteten, wenn nicht der Vorstand die Funktionen 
des yQajUjuarevg oder des ra/xiag in seiner Hand vereinigte, 
was oft der Fall war.^ 

Inwieweit er über das Vereinsvermögen verfügen durfte, 
werden wir später sehen,* über seine richterliche Tätigkeit 
wird unten Kap. IV zu sprechen sein. 

§ 7 . 

Die übrigen Vereinsbeamten. 

Unter allen Vereinsbeamten, abgesehen natürlich vom 
Vorstande, nimmt der Vereinspriester, der iegayg, den ' 
ersten Platz ein. Einen Priester, meistens Ugevg, manchmal 
äQxiegevg,^ oder auch genannt, hatten 

wohl die meisten ägyptischen Vereine in ptolemäischer und 
römischer Zeit und zwar nicht nur die Kult- und Privat- 

1 Darüber S. 78. 

* Ygl. S. 179. 

® Ygl. gr. Inschr. Nr. 2 in Klio XII S. 374 (späte Ptoleroäerzeit) ; gr. 
Inschr. Nr. 22 in Revue epigr. N. S. I (1913) S. 163 (10/9 v. Chr.); Prei- 
aigke, S. B. 623 (80-69 v. Chr.). 

* Ygl. dem. P. Erbach, 4; dem. liuchr. aus Dendera in Äg. Z. 50 
(1912) S. 36ff. (Zeit des Augustus); gr. Inschr. Nr. 6 in Revue 4pigr. 
N. S. I (1918) S. 146 (3. Jahrh. n. Chr.); ebenso beim von GertassL 
CIG. III 5033 (215/6 n. Chr.). Der oben S. 66 erwähnte AejuHH^e- 
Priester ist m. E. nicht als Yereinspriester aufzufassen. 


5* 




^8 Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 


vereine,^ sondern auch die Militärgenossenschaften,* die Ver« 
einigungen von Altersgenossen,® welche allerdings griechi- 
schen Ursprungs waren, vor allem aber auch manche Be- 
rufsverbände und Gewerbeinnungen/ Darin liegt eine 
auffallende Übereinstimmung mit den Verhältnissen in den 
au&erägyptischen hellenistischen Ländern und ein großer 
Kontrast gegen die römischen Verhältnisse, da in Rom, 
sehr wenige Fälle ausgenommen, nur die religiösen Korpo- 
rationen und die collegia funeraticia ihren sacerdos oder 
flamen besaßen.® Am besten zeigt sich dieser bezeichnende 
Zug des ägyptischen Vereinswesens bei den Berufsverbänden, 
bei welchen in Rom die magistri immer die Funktionen des 
Vereinspriesters erfüllten,® während in Ägypten, wie ge- 
sagt, der legevg auch bei den Zünften öfters bezeugt ist. 
Dies berechtigt aber durchaus nicht, wie Strack es tut,*^ 
den ägyptischen Berufsverbänden einen rein griechi- 
schen Ursprung zuzuschreiben, und es ist W . Otto a. a. 0. 1 

^ Vgl.gr. Inschr. in Äg. Z. 42 (1905) S. 111 tt. (104 v. Chr.); Preisigke, 
8. B. 626 (ptol. Zeit); Dittenb. Or. Gr. I, 130, 17 (146—116 v. Chr.); BGU 
1137,4 (6 V. Chr.); dem. Inschr. in Äg.Z. 50 (1912) S. 36 ff. a. d. Zeit des 
Augustus und die gr. Inschr. Nr. 22 in Revue 6pigr. N. 8. 1 (1918), S. 163 
(10/9 V. Chr.). 

^ Dittenb. Or. Gr. II, 737, 6 (176 oder 112 v. Chi.): Preisigke, S. B. 
628 (80 — 69 V. Chr.); Preisigke, S. B. 624 (ptol. Zeit). 

* Vgl. gr. Inschr. Nr. 2 in Klio XII S. 374 (spätere Ptolemäerzeit) 

* Vgl. dem. P. Erbach in Äg. Z. 42 (1905) S. 43ft'. ; Dittenb. Or. Gr. 
11, 729, 5 (221-205 v. Chr.); IGR. I, 1155 (46 n. Chr.); P. Giss. 11, 10 
(118 n. Chr.); IGR. I, 604 (160 n. Chr.); gr. Inschr. Nr. 6 in Revue öpigr. 
N. S. 1 (1918) S. 146 (3. Jahrh. n. Chr.): über die Priester beim 

von Gertassi vgl. S. 82. 

' Vgl. Schieß. Collegia funeraticia S. 42; S. 49 ff.; Kornemann in 
Pauly-Wissowa IV, 421 f. 

" Vgl. Waltzing a. a. 0. I S. 390; Liebenani a. a. 0. S. 287. 

’ Zeitschrift für neuteatamentl. Wissenschaft IV (1903) S. 217 ff.; 
Arch. II S. 544 ff. 



Die VereiDsok-gane. — § 7. Die übrigen Yereinsbeamten. 69 


S. 130 zuzustimmen, wenn er dem widerspricht.^ Anderer* 
seits aber ist m. E. W. Otto selber im Unrecht (a* a. 0. 
S. 130 f.), wenn er aus dem Umstande, dah manche Berufs- 
verbände in Ägypten einen leQsvg besitzen, folgert, daß sie 
die „Form des griechischen Kultvereines** aufweisen. Denn 
erstens ist der Zweck, den diese Körperschaften in Ägypten 
verfolgen, ein überwiegend wirtschaftlicher, eine Tatsache, 
die beim Vergleich mit den anderen hellenistischen Ländern 
nicht zu unterschätzen ist, und zweitens steht speziell 
in Ägypten, wie auch aus den oben S. 68, 4 erwähnten 
Urkunden hervorgeht, bei den Berufsverbänden der Kult 
national-ägyptischer Gottheiten der Verehrung griechischer 
Götter nicht nach. Manche der Berufsgenossenschaften 
haben sogar einen national-ägyptischen Veroinspriester, 
der vielleicht der offiziellen Priesterschaft des Landes an- 
gehörte,* ein Punkt, über den später ausführlicher gesprochen 
werden soll. 

Die große Bedeutung des Priesteramtes für die ägypti- 
schen Vereine ist schon aus der Fülle der angeführten 
Beispiele unverkennbar; wir haben bereits oben gesehen, 
daß bei manchen Korporationen, und nicht allein bei Kult- 
genossenschaften der lEQEvq entweder selbst Vorstand ist, 
oder aber dem weltlichen Oberhaupte vorgeht.» Jeden- 
falls aber ist sein Rang, auch wenn er dem ngooxarrjc: 
nachsteht, kein geringer, denn der hQEvg ist meistens 
eponymer Beamter, wie z. B. sogar bei den mächtigen 
BaodiaxaL^ Seine Funktionen als Leiter des Vereinskultus 

^ ' Ähnliche Ideen entwickelt auch treffend Bouch^-Leclercq, Histoire 

III S. 166 ff.; Th. Beil, Beitrüge S. 176 sollte den Gegenstand wohl genauer 
ins Auge fassen. 

* Vgl. oben S. 58. Über die eigenartigen Verhältnisse beim r6^iot; 
von Gertassi s. unten S. 82 f. 

* Vgl. oben S. 57. 

^ Dittenb. Or. Gr. 1, 180, 15 ff.; Ilamov rov ng^toTnrov 




70 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 


brauchen nicht dargestellt zu werden, es ist nur zu be- 
tonen, daß er oft auch auf weltlichem Gebiete einen großen 
Einfluß ausübte und daß ihm gewisse Agenden der Ver- 
einsverwaltung übertragen wurden. Wo wir ihn als Vor- 
stand treffen, stand er natürlich an der Spitze der gesamten 
Administration der Genossenschaft. Bei den byzantinischen 
Berufsverbänden dagegen ist weder von einem Vereinskult, 
noch von einem legevg etwas zu finden, da jetzt die Stellung 
der Zünfte als Mittel der Staatsverwaltung eben eine 
ganz andere geworden ist; überdies hatten ja auch die 
mißlichen Wirtschaftszustände des 3. und 4. Jahrhunderts 
eine freie Vereinsbildung zu geselligen oder religiösen 
Zwecken unmöglich gemacht. ^ 

Als zweiter charakteristischer Vereinsbeamter begegnet 
in Rom und in Griechenland der Schatzmeister quaestor, 
arcarius, xajuiag,^ Wenn er bei den ägyptischen Vereinen 

xai Aiovvoiov xov *AjioUcüviov ie()eco? xfjg ax)v6öov', vgl. auch gr. Inschr. 
Nr. 2, 2 ff. in Klio XII S. 374: enl ^aviov xov yevo/nt'vov dg^isgecog nai im 
UexoaogovMipQOg 7ii)o[oxdxov]. 

' Außer dem legsvg gab es bei den griechischen Vereinen noch 
eine Reihe anderer, mit dem Kulte in Zusammenhänge stehenden Be- 
amten, worunter die isgojtoioi (vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 195; Poland a. a. 0. 
S. 388 ff. ; Oehler in Pauly-Wiss. VIII, 1583 ff.) bei einer großen Anzahl 
von Genossenschaften belegt werden können und wohl auch am meisten 
charakteristisch sind. In Ägypten kommen sie dagegen bei Vereinen 
nicht vor, denn auch in den beiden Inschr. Nr. 26 a (Arch. I, 209) und 
Nr. 36 (Arch. II, 436) aus der Zeit des Titus (vgl. Bd. I S. 92) ist isgo- 
jioiog ein offizieller Priester aus Ptolemals, vgl. Fitzier a. a. 0. S. 96. Ein 
anderer iegojioidg IJxoXe/naiewv ist in CIG. III, 5012 erhalten. Weitere 
Ugojiotot: gr. Inschr. Nr. 72 in Arch. II, 446 (Antinopolis); P. Petr. II, 

(2), 2 (Alexandrien), dazu Schubart, Arch. V, 123, 5; für Naukratis vgl. 
Atten. IV, 149 ff.; weiter CIG. III, 4707 (Lykopolis?) und L. D. XII gr. 
506; das Ganze bei Otto a. a. 0. 1 S. 163 ff. 

* Vgl. für Rom : W altzing a. a. 0. 1 S. 413 ff. ; Liebenam a. a. 0. S. 208 f.; 

^ Koroemann in Pauly-Wiss. IV, 423; für Griechenland: Ziebarth a. a. 0 
151 f. und Poland a. a. 0. S. 375 ff. 




Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen VereinsbeamteD. 71 


seltener verkommt, als es zu erwarten wäre, so ist dies 
wohl dem Umstande zuzuschreiben, daß hier der gleich 
zu besprechende ygajujuarevc: in seinem Amte vielfach die 
Funktionen des Schatzmeisters (Kassiers) vereinte. Der 
Genossenschaftskassier trägt nur bei einer Vereinigung von 
ovvicprjßoi aus dem 2. Jahrh. v. Chr. den in Griechenland 
üblichen Titel Tajuiag (gr. Inschr. Nr. 44 in Arch. II, 560); ^ 
bei den dionysischen Künstlern in Ptolemai's heißt er da- 
gegen olxovojuoc;.^ Letztere Bezeichnung ist in der ptole- 
mäischen Finanzverwaltung auch sehr häufig, vgl. Wilcken, 
Grundzüge S. 150 f.^ In Breccia, Inscrizioni Nr. 144 (2. Jahrh. 
V. Chr.) findet Poland a. a. 0. S. 378 einen öioixrjxrjg, den er 
als Vereinsorgan auffassen möchte, jedoch mit Unrecht, da 
es sich hier um einen Regierungsbeamten handelt.^ Das 
Amt deö Schatzmeisters war ein sehr wichtiges und ver- 
antwortungsvolles, da es alle Zweige derFinanzverwaltung der 
Genossenschaft umfaßte. Zu den Pflichten des Schatzmeisters 
gehörte in erster Linie die Empfangnahme aller Zahlungen 
an d en Verein, ^ insbesondere auch der Mitgliedsbeiträge, 

^ In P. Teb. 573 (Ende 1. Jahrh. v. Chr.) ist möglicherweise noch 
ein xafua^ ovvodov Aa/iä erhalten, vgl. Nachtrag. 

2 Vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 50, 13 und Or. Gr. 1, 51, 26 (Mitte d. 8. Jahrh. 
V. Chr.). 

^ Über den yQafifiaTevg xai olxovo^iog xwv avxtTyv tottcov in IG. XII 3, 
466, 11 ff. (181-176 V. Chr.) vgl. unten S. 72, 3 und Bd. I S. 200, 2. 

^ Das besagt schon die Lesung der Z. 1 von Breccia in Bull. Soc. 
Archeol. d’Alex. VIII S. 120 f., und Mahaffy, Arch. IV S. 167: . . .] ov 
ÄoKXrjjiiddor) xov ov\yy£vi]\ xai dioi\H^r)xr)v, während Poland nv[vaya)y6g] 
l^sen will. Über den diotxr]xr)g vgl. Wilcken, Grundzüge S. 148 und 
neuerdings P. Heid. Inv. 1281 (3. Jahrh. v. Chr.), publ. von Druffelin Arch.VI, 
80 ff. Für Griechenland vgl, die dioixrjxal der vsoi in lasos, gr. ln|chr. 
Nr. 3, B, 26 in Revue Et. gr. VI (1893) S. 157 ff. und bei einer klein- , 
^asiatischen Gilde der xovQEig, IGR 1, 782, a, 1 (1. Jahrh. v. Chr.?); ebenso 
den 8ioixd)v der fivoxai in Smyrna CIG. III, 3173, 14 (80 n. Chr.). 

® Vgl. bei den KaoocooeTg von Mylasa, gr. Inschr. Nr. 2, 18 ff. in 
Sitzungsber. Wien. Akad, CXXXII (1895), S. 23. 




72 Vereinsorgane. — § 7 . Dle^ übrigen Vereinsbeamten. 

ebenso die Bestreitung aller Auslagen der Genossenschaft 
aus der "Vereinskasse.^ Wir haben gesehen, wie bei den 
Techniten von^Ptolemais der olxovöjLtog beauftragt wird: 
TO ö* elg xavT ävaXcDpta dovvai xbv olxovbfiov Zcoaißiov^ 
Dittenb. Or. Gr. I, 50, 12 und I, 51, 25 f.^ Außerdem wird ihm 
wohl auch die Verwaltung des nicht in Geld bestehenden 
Vereinsvermögens, vielleicht unter Aufsicht des Vorstandes 
übertragen worden sein; dafür spricht in Ägypten besonders 
seine Bezeichnung als ,olxov6fiog.^ Bei seinem Amtsantritt 
erhielt der Kassier ein Inventar über die Vermögensbestände 
der Korporation und er mußte dieses bei Niederlegung seines 
Amtes seinem Nachfolger übergeben; so wenigstens bei den 
attischen Jobakchen, Dittenb. Syll.^II, 737, 147 ff. : naga- 
kafißavhco TZQog ävaygacp^v xä xov Baxy^eiov Jiävxa, xal naga- 
dcboei ofxoioyg xcg fiex* avxöv iao/uhco xafilg. Natürlich war 
das Amt eines Schatzmeisters ein Vertrauensposten und 
die Vereine werden bei der Wahl zweifellos getrachtet haben, 


^ Bei emem römischen Militärvereine aus Lambaesis zahlte z. B. 
der quaestor an den Veteranen das anularium aus, vgl. C. I. L. VllI, 
2554, 7 ; Liebenam a. a. 0. S. 208, 3 und 308. 

* Ähnlich in Griechenland, vgl. z. B. IG. IV, 558, 35 (113 v. Chr.); 
IG. II 1, 611, 31 ff. (300/299 v. Chr.); dazu Poland a. a. 0, S. 381. Damit 
hing wohl auch die Tatsache zusammen, daß bei den römischen Vereinen 
der quaestor oft zusammen mit dem Vorstande die Ausflihri^ng der de- 
kretierten Bauten und Ehrendenkmäler vorzunehmen hatte, ^1. C. J. L. 
VI, 868; VI, 1002; VI, 1022; III, 7807; dazu Waltzing a. a. 0. 1 S. 414. 
In diesem Sinne vgl. auch die Enloxonoi auf Thera in IG. XII 3, 329, 11 ff. 
(8. Jahrh. v. Chr.). 

* Vgl. ausdrücklich bei den auf Thera stationierten Truppen, IGf! 
XU 8, 466: olxovofÄOQ xa>v avi6)v jojtcov. In Griechenland war es auch so, 
vgl. Poland a. a. 0. S. 381. Hervorzuheben ist noch, daß bei der Kult- 
genossenschaft des Suchos von Tebtynis der Vorstand des Vereines auch 

Kassenwartes bekleidet, denn an ihn sind alle Zahlungen^ 
zu leiSrtl, vgl. z. B. dem. P. Cairo Cat. 81 178, 6 ff.; 30606, 7 ff.; 30605, 

6 ff.; 31 m, 8 ff.; 80619 a -fb, 5 ff. 




Die V«reinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 73 


sich den richtigen Mann auszusuchen, jedenfalls eine reiche 
Person, die durch ihr Vermögen eventuelle Eksähmankos 
gutmachen konnte; bei manchen Vereinen^findct man in 
den Statuten Bestimmungen für den Fall unregelmäfsiger 
Verwaltung der Voreinseinnahmen, so z. B. bei der curia 
Io vis von Simitthus.^ 

Das dritte wichtige Amt bei allen antiken Vereinen* 
ist das des Vereinsschreibers oder Vereinssekretärs, 
des yQapLjuarevg, Gerade für Ägypten, das klassische Land 
der „Schreiber“, ist die Bezeichnung Sekretär passender, 
denn so wie im öflFentlichen Leben, wird auch der ygaju-- 
jbtarevg der Vereine kein einfacher Schreiber gewesen sein, 
sondern eher die Funktionen eines Sekretärs gehabt haben. 
Die Wichtigkeit des Amtes ersieht man ja schon daraus, 
daß der Vorstand, wie er oft gleichzeitig IsQevg oder olxo^ 
vofjLog ist, manchmal auch den Titel ygaju/Liaxsvg führt.* 
Den Vereinssekretär findet man bei allen Arten von Ge- 
nossenschaften,^ worunter insbesondere die für den Korn- 

' Vgl. Epli. ep. V, 498 c, 3 f.: si quis silentio qu(a)estori8 ali- 
quid donaverit et ne(gave)rit d(Rre) d(ebebit) duplum ; vgl. dazu J. Scbmidi 
in Rhein. Museum XLV (1890) S. 599 ff. Nach Ziebarth a. a. 0. S. 152 ent- 
hält die Inschrift des {^iaaog von Kallatis, Dittenb. Syll.*II, 786 (2.Jahrh. 
V. Chr.), eine Strafbestimmung für etwaige schlechte Kassen Verwaltung. 
Dittenberger aber a. a. 0. adn. 2 erklärt die Worte ro xaia xov vofiov 
oipFiXrjjua in. einer anderen plausibleren Weise. Es ist übrigens fraglich, 
ob in der Inschrift wirklich von einem Schatzmeister die Rede ist, denn 
Darlehen gibt oft auch der Vereinsvorstand, vgl. z. B. in Ägypten, P. 
Gronf.^I, 31 (104/3 v. Chr.) und bei den alexandrinischen Fgavoi aus 
augushsischef Zeit, BGü 1133—1136. 

’ Vgl. Poland a. a. 0. S. 383 ff.; Ziebarth a. a. 0. S. 152; Schultheß 
in Pauly Wiss. VII, 1743 ff.; für Rom: Waltzing u. a. 0. 1 S. 415 f.; Lieba- 
nam a. a. 0. S. 210; Komemann in Pauly-Wiss. IV, 423 f. 

® Vgl. z. B. bei den Epheben, Dittenb. Or. Gr. 1, 178, 6 f. (96/5 v.Chr.); 
Ebenso in Rom, vgl. z.B. C. I. L. XIV, 2299: scriba et magister per || |uu8 
corporis scaenicorum latinorum; Waltzing a. a. 0. 1 S. 145. * ^ 

* So bei den rexvitat von Ptolemais im 3. Jahrh. v. Chr., Dittenb. 



74 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen VereiDsbeamten. 


transport unentbehrlichen Zünfte der xxrjvorQÖcpot und auch 
die, Dorfkorporationen der yecoQyol hervorzuheben sind.^ 
Zu seinen allgemeinen Amtspflichten gehörten die Schrift- 
führung, die Protokollierung der Beschlüsse der Vereins- 
versammlung, die Ausfertigung von Ehrenurkunden, die 
Ausführung bezw. Überwachung der Einmeißelung derselben 
in Stein. 2 Entsprechend der höheren Stellung, die der ygaju-- 
juareog auch in der Staatsverwaltung einnahm, vertrat der 
Sekretär bei den soeben genannten Berufsverbänden die Ge- 
nossenschaft nach außen, indem er Zahlungen auf ihre 
Rechnung anwies, annahm oder leistete; wahrscheinlich 
hatte er in diesem Falle auch die Vermögensverwaltung 
inne, versah also gleichzeitig das Amt eines Kassiers. ^ 

Or. Gr. 1, 50 und 51 ; bei den Epheben, Dittenb. Or. Gr. 1, 178 (96/95 v. Chr.) ; 
bei einem Militärverein, BGU 1190 (letzte Ptolemäerzeit). Auf Vereins- 
schreiber sind auch die Ausdrücke: ^Hqcov syQaysv in der Inschrift der 
Weberzunft a. d. J. 109 n. Chr., 1GB. I, 1122, ebenso TlQojiaQxog eyqaipev 
in gr. Inschr. Nr, XV in Annales du Service 1913 S. 88 £f. (7T.oXlxEVfia*AQ- 
i^wTov a. d. J. 95 n. Chr.), weiter den xoivog yQaf.i^iaxEvg in Dittenb. 
Or. Gr. II, 736, 29 (69/8 v. Chr.); vgl. auch WevxixovYj(g) y in gr. Ostr. 
Theb. 142 passim (2. Jahrh. n. Chr.), das vielleicht für yqa/tfxaxevg steht. 
Keine Vereinssekretäre, sondern Militärbeamte sind die yqaf^fjLaxsXg der 
verschiedenen Truppenkörper in Ägypten und außerhalb des Landes, 
die uns sehr zahlreich in ptolemäischer Zeit begegnen. Ich habe darüber 
schon Bd. I S.200 f. gesprochen, vgl. auch Poland a.a.O. S. 128 f. und die 
dort Zitierten. 

^ Vgl. unten Anm. 3. 

“ Vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 51, 23 ff.: dvaygdipat ök nai xov ygaf^fiaxsa 

xov xotvov Aij/uagxov ro rpr}<piafia rode slg axrjXrjv xai dvad'Eivai ngo rpt; rsw 
xov Aiovtfoov; genau derselbe Sprachgebrauch in den übrigen hellenisti- 
schen Ländern, vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 352, 63 ff. (163—130 v. Chr.); IG. 
II, 624, 19 ff. (ca. 180 v. Chr.) u. a. m. ; für Rom vgl. C. 1. L. V, 784 ; C. I. L. X, 
1786, dazu Waltzing a. a. 0. 1 S. 415 f.; Liebenam a. a. 0. S. 210. 

’ Vgl. den yga^ifiaxEvg xcjv yetogy cjv in P. Teb. 263 (139/8 v. Chr.); 
Teb.986 (124/3 v.Chr.) ; P. Fay. 18 (a) ; P. Fay, 147 (1. Jahrh. v.Chr.); Ostr. Fay. 
18 (Anfang des 1. Jahrh. n.Chr.); P. Lond. II S.97 f., 8f. (11 n.Chr.); P. Teb. 



Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 75 


Zweifellos ist den ygafifiareig der erwähnten Transport- 
innungen und der Dorfgenossenschaften der Staatsbapern 
ein halbamtliches Gepräge nicht abzusprechen, das besagen 
uns schon ihre nahen und beständigen Beziehungen zu den 
öffentlichen Behörden; trotzdem aber möchte ich sie für 
Genossenschaftsbeamte erklären. M. E. geht Oertel, Liturgie 
(Diss. 1912) S. 34 ff. in seiner Annahme zu weit, wenn er „die 
yga^^axEig yscogycbv und xxY)voTg6(p(Dv direkt für Vorgesetzte 
und staatlich bestellte Beamte, eine Art Unteroffiziere, so- 
fern sie aus der entsprechenden Berufsgruppe selbst ge- 
nommen sind“ hält.^ 

Sehr selten kommen übrigens alle drei Hauptorgane 
bei einem und demselben Vereine vor, meistens ist bloß das 
eine oder das andere da, welches dann die Funktionen 
der übrigen in seinen Händen kumuliert. 

Neben dem legevg, xa/iiag und ygajujuaxevg gibt es bei 
den Vereinen im gräko-römischen Ägypten noch einige 
Ämter, deren Funktionen uns nicht immer genau bekannt 
sind und deren Inhaber manchmal im Vereinsleben eine 

577 (37 n. Chr.); P, Lond. II, S. 28 ff. 7. 60. 85. 94 (72/3 n.Chr.); P. Hamb. 
3, 2 (74 n. Chr.); P. Fay. 110, 22 (94 n. Chr.); P. Lips. 106, 13 (98 n. Chr.); 
weiter den ygafifiarevg xjrjvoxQOipcov in P. Fay. 18 b; P. Fay. 146 und 148 
(descr.), alle a. d. 1. Jahrh. v. Chr. und in Ostr. Fay. 14 und 15 (1 n. Chr.) ; 
vielleicht auch Ostr. Fay. 17 (35 n. Chr.), vgl. Preisigke, Girowesen S. 80. 
Die Vereinigung des Amtes des Schreibers mit der Vermögensverwal- 
tung begegnet auch bei der Garnison in Thera, IG. XII 3, 466 (181 — 176 
V. Chr.); übrigens sind auch die yga^fiaxeTg der xoivd von Zypern reine 
Militärintendanten, vgl. Bd. 1 S. 200 und die dort zitierten Stellen. Auch 
bei den griechischen Vereinen sind oft die Funktionen des xafiiag und 
yga/Lifiaxsvg in einer Person vereint, vgl. z. B. IG. II 5, 626b, 9 ff. (102/1 
V. Chr.): xafilag xai ygafx/uaxevg xal emfielrjxrjg Acogo^eog 'Oä^ev\ dazu 
Poland a. a. 0. S. 386. 

# ^ Seinen Vergleichen mit den ygafifj^axsTg der Militärverwaltung und 

dem Hinweis auf Exod. 5, 14 kann ich bezüglich der yewgyoi und xxrj- 
voxg6q)oi nicht beistimmen; vgl. Bd. I S. 173, 2. 




76 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinebeamten. 


große Rolle spielen, manchmal wiederum bloße Hilfsorgane 
der oben erwähnten Hauptbeamten sind. 

In erster Linie kommen hier diejenigen Ämter in Be- 
tracht, die mit der gymnasialen Ausbildung und Erziehung 
der elugend nach griechischem Muster im Zusammenhänge 
stellen. Darunter ist der yvjuvaoiaQj^og zuerst anzuführen, 
der auch sehr oft genannt wird. Er hatte zweifellos mit 
der agonistischen Tätigkeit zu schaffen, ist aber meistens 
ein staatlicher Funktionär und zwar hohen Ranges. ^ In 
einigen Inschriften ist er als Vereinsbeamter bezeichnet,- 
doch ist immer die Frage offen zu lassen, inwieweit er 
nicht daneben offiziellen Charakter hatte.* Beim xoivöv 
x(bv äleiq)OjüLiv(ov auf Thera wird er vom Vereine selbst 
gewählt, IG. XII 3, 331 (3./2. Jahrh. v. Chr.), und leitet 
dort das yvfxvdoiov. Wieso der "AU^avÖQOQ yvjiivamaQxog 
mit der avvodog ZeßaoTYj aus Alexandrien in Verbindung 
Stand,» vermag ich nicht zu erkennen. Manchmal steht 
der yvfxvaoiaQxog auch an der Spitze selbständiger yvnvdoia, 
als Leiter des Gymnasialverbandes {ol dno xov yvjuvaolov)^ 
so in gr. Inschr. Nr. 26, Arch. II, 548 (185/81 v. Chr.) und 
gr. Inschr. Nr. 4 in Bull. Soc. arche'ol. d'Alex. VII, S. 68 
{yvßvaolaQxog dvoiv yvfivaoicov) aus dem Ende des 2. Jahrh. 
V. Chr. Als Leiter der Ephebie erscheint in Ägypten, ebenso 
wie in Athen, neben dem yvfivaoiaQxog der xoojbirjTi^g^ der 
in der Kaiserzeit zu den regelmäßigen Beamten der Metro- 

* Vgl. Preisigke, Städt. Beamtenwesen S. 53ff.; Girowesen 8. 81f.; 
Wilcken, Grundzüge S. 139 ff. ; vgl. auch den evag^og yv/nraoiag^og aus 
Alexandrien in Dittenb. Or. Gr. II, 713, 2 (250 ca. n. Chr.). 

* Im selben Sinne auch Poland a. a. 0. S. 401. 

Vgl.JlGü 1137, 5 (6 V. Chr.). 

* Die yvfxvaalagxoi der den aufierägyptischen Lftndern angehörenden 
Vereine hat Poland a. a. 0. S. 401 f. gesammelt. Über yvfivaaiagxog im 
allgemeinen vgl Oehler in Pauly-Wiss. VII, 1970 ff., besonders 2003 f. 




Die Vereinsorgftne. — § 7. Die übrigen Yereinsbeamten. 77 


polen gehörte. 1 Derselbe ist jetzt in einer Dedikation aus 
der Zeit des Ptolemaios X Soter II auch für die Ptolemäer- 
zeit überliefert,^ begegnet aber auch bei einem Vereine 
der fiaxaiQocpoQOL aus ungefähr derselben Zeit, Preisigke, 
S.B. 624, 4. Seine Stellung in privaten Genossenschaften 
ist noch schwerer zu bestimmen als die des yv/ivaoiagxog^ 
obwohl das Gebiet der Tätigkeit beider Beamten so ziem- 
lich klar ist. 

Mit der agonis tischen Seite des Vereinslebens hat auch 
der äywvo'&hrig zu tun, dessen wichtiges Amt für Ägypten 
nur in Dittenb. Or. Gr. II, 713 bezeugt ist. Der dort ge- 
nannte äycovoßhfjg wird durch ein xpi^cpiojua der 1/-^« Svanxf] 
xai dvfiehxi] avvoöog geehrt (darüber ßd. I S. 53). Zweifellos 
hatte es dieser Beamte, schon seinem Namen nach, haupt- 
sächlich mit der Anordnung der Spiele zu tun,® was auch 
aus BGU 1074, 9, einem Überrest eines Erlasses des 
M. Aurelius Severus Alexander hervorgeht: ol xaiV i[xdorrjv 
7ia\v'^yvQiv äyayvod^exat. 

Außer diesen Organen, die ihrer Natur nach nur bei 
gewissen Klassen von Vereinen verkommen können, ist als 
sekundäres Vereinsamt das des ßorj^og einiger Berufs- 
verbände der römischen Zeit zu erwähnen. Sein Vorbild 


» Vgl. P. Amh. 124 (3. Jahrh. v. Chr.); P. Oxy. 477 (132/3 n. Chr.); 
P. Teb. 317 (174/5 n. Chr.); IGR.I, 1074 und viele andere; Wilcken, Arch. 
V, 237 und Gnindzüge S. 143 ; Preisigke, Städt. Beamtenwesen S. 54 flf. 
und hier Bd. I S. 45. 

^ Gr. Inschr. Nr. 111 in Annales du Service 1908 S. 239 f.; Wilcken, 
Grundzüge S. 140. 

* Er konnte auch öfifentlicher Beamter sein, vgl. Ziebarth a. a. 0. 
S. 84, 1 und stand mit dem zexrirevfÄa und dem kleinasiatischen Herrscher^ 
kult schon in hellenistischer Zeit in Verbindung, vgl. GIG. II, 8068, 1 ff. 
(2. Jahrh. v. Chr.), dazu Cardinali, Regno di Pergamo, S. 148; Dittenb. 
Or. Gr. 1, 325, 2 f. (153/2 v. Chr.); zum Ganzen Bd. I 8. 25 f. und Polahd 
a. a. 0. 8. 400. 



78 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 


ist zweifellos der ßorj'&og bei den öffentlichen Behörden und 
bei den Steuereintreibern ^wesen, denn er ist mir außer- 
halb Ägyptens bei Vereinen nicht bekannt (darüber Bd. I 
S. 169, 5). In Ägypten selbst ist er bis jetzt bei der Dorf- 
genossenschaft der drjjbtöotoi yecoQyoi' von üokvdevHeiag^ 
P. Fay. 34, 3 (161 n. Chr.)i und bei der Fischerzunft von 
Soknopaiou Nesos im Jahre 200/199 n. Chr. nachweisbar.* 
Die Stellung des ßorfdog bei der letztgenannten Innung ist 
jedoch wichtig, da er als Beamter mit Vertretungsbefugnis 
die Steuern für die Korporation zahlt. 

Der vnrjgertjg yecogyojv von P. Teb. 45, 8 ff. (113 v. Chr.) 
ist wohl nur ein Hilfsorgan der Jigsoßmegoi yecogycbv. In 
Griechenland findet man ihn auch bei religiösen und privaten 
Genossenschaften; * das Vorbild waren wohl auch hier staat- 
liche Institutionen; vgl. Oertel, Liturgie (Diss. 1912) S. 36. 

Eigenartigen Charakter hat der imaalnxog (= Ober- 
tänzer?) bei den Isis-^Atvm von Talmis, L. D. VI, gr. 378, 3 
(neu publ. von Wilcken, Arch. I, 412 ff.).^ 


' Die ßorj^ol yscogycbv treiben hier die Steuern von den Genossen- 
schaftsmitgliedern ein, vgl. Wenger, Stellvertretung S. 76. 

* BGU 221,4: dt’ ^HgaxXä ßorj{d^ov) dliEoiv dno jioöog 2o>cvo{7taiov) 
Ntjoov und BGU 756, 6 f.: did^IIga?cXä ß(o)rj(&ov) dktiojv ojio jiodog xrX. 
Die gegenteilige Ansicht von Wenger, Stellvertretung S. 79, ebenso 
Th. Reil a. a. 0. S. 188, daß dhecov die Steuer sei, ist jetzt durch die 
Lesung von BGU 220, 12 f. (204 n. Chr.): d\7id jr]od[d]? dt* dhecov in 
Preisigke, Berichtigungslisten S. 27, m. E. hinfällig geworden. 

* Vgl. z. B. Michel, Recueil Nr. 990, 29 (1. Jahrh. v. Chr.); IG. IX, 
976, 8 (1. Jahrh. n. Chr.); Poland a. a. 0. S. 391. 

^ Zum Titel vgl. Wilcken a. a. 0. S. 415, ihm folgend W. Otto a.a.O. 
I S.251,2. 

Vielleicht ist auch der oben S. 62 erwähnte (pgovxioztjg von IGR. I, 
1122 kein Vorstand der Zunft der y^^dtot (Th. Reil a.a.O. S. 138), son- 
dern bloß ein zur Ausführung des Baues des diKvrjar^giov bestellter 
außerordentlicher Beamter; vgl. auch der gpgovxioxi^g xov legov in IGR. 
I, 1167 (98 n. Chr.), dazu Otto a. a. 0. 1 S. 164. Ueber das entsprechende 


Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 79 


Die für die römischen collegia so wichtigen patroni^ 
sind bei den ägyptischen Genossenschaften fast unbekannt; 
ein Beweis mehr, daß das römische Vereinsleben auf 
das ägyptische nur einen beschränkten Einfluß gehabt hat. 
Die einzige Erwähnung eines jidtgcov, der vielleicht mit 
einem Verein in Zusammenhang stehen könnte, stammt 
aus Memphis und bezieht sich auf einen nicht näher be- 
kannten Verein. 2 

Zum Schlüsse bleibt uns noch die Beamtenschaft dreier 
großer Vereine zu besprechen, welche, sei es wegen ihrer 
Bedeutung und Eigenart, wie beim rojuog von Gertassi, 
sei es weil sie keine speziell ägyptischen Vereine, sondern 
Organisationen, die über das ganze Reich ausgebreitet waren, 
eine eigene Behandlung erheischen. 

Was nun die beiden Reichssynoden der Athleten und 
der dionysischen Künstler betrifft, so ist in ihrer Organi- 
sation, zu deren Kenntnis jetzt die Mitgliederdiplome, 
P. Lond. III S. 214 ff. und BGH 1074 wichtige Beiträge 
liefern, mancher gemeinsame Zug zu beobachten. Aber 
auch die Sucht der beiden mächtigen Korporationen nach 
Glanz und Prunk steht in grellem Kontraste zur Schlicht- 
heit der ägyptischen Vereine: jeder Beamte führt jedesmal 
seine ganzen Amtsbezeichnungen an, seine Ehren- und 

demotische ahn in dem. P. Wiss. Ges. 18, vgl. Gradenwitz, Erbstreit a. d. 
ptol. Ägypten S. 53 f.; ebenso dem. P. Erbach, dem. P. Berlin 8080, 10 
und jetzt dem. Inschr. in Äg. Z. 51 (1914) S. 68 ff., Z. 3 (70/1 V. Chr.). 

^ Vgl.Waltzing a.a.0. 1 S. 425 ff.; Liebenam a.a.O. S. 212 ff.; Korne- 
mann in Pauly-Wissowa IV, 424 ff. 

^ IGR. I, 1114 (17 V. Chr.): 4>diQcog jiQOOTaxrjoag . .. dvi&rjxs 

xXsidriv Tov eavxov ndxQcova xal evegyixTjv xoXg vifxovat xtjv ovvodov xxk. 
Der Herakleides scheint eher der patronus des Dedikanten gewesen zu 
sein; dagegen Poland a.a.O. S. 365, der auch IGR. 1, 26: 7idx[Q](pva 
[«ai nQoa'\xdxrjv xov [ßv MaXdxu^ . . . [p<]o<v[o£ 5] zitiert, m. E. jedoch mit 
Unrecht. 



80 X)ie Yereiosorgane. — § 7. Die flbrigen Vereinsbeamten. 


Siegertitel, ebenso wie die Städte, deren Ehrenbürgerreeht 
er besitzt und diejenigen, athletischen oder dionysischen 
Künste, in welchen er hervorragend tätig ist. Bei der legd 
^voTixif] JieQuiohoTixi] ^AÖQtavYj Avjamvtavr) fvvodog 

TOJv JtEQi Tov ""Hgaxkea xal xbv aydtyviov xai avroxgaroga Kaioaga 
Aovxiov ^EmlfALOv ZEOvrjgov IJeguvaxa SEßaaxov^ wie sich 
der Athletenvetein in P, Lond. III S. 214 flf., Z. 37 ff. (194 n. 
Chr.) nennt, anfangend, sind zuerst die drei ägxiegetg xov 
ovfjinavxog ^voxov zu erwähnen, die gleichzeitig ivotdgxai 
diä ßiov xal im ßalavEmv xov ZEßaoxov (Z. 50 ff.) ^ sind ; 
davon ist einer als amtierender ^voxdgxrjg noch besornjers 
angeführt (Z. 58 f.). Dann kommen zwei ägxovxsg xfjg ov 
vööov (Z. 60 ff.), ein dgyvgoxajulag (Z. 62 f.) und der als 
ygajujuaxEvg xfjg ovvodov fungierende dgxiygajii/iaxEvg xov 
Svaxov (Z. 64 f.). Alle diese Beamten waren eponym und 
alle unterschrieben das Diplom (Z. 66 — 83) des neu auf- 


* Poland a. a. 0. S. 149 unterscheidet den avfxjiag ^voxog von der 
^vattx^ ovvodoc, indem er den ersteren Ausdruck als weiteren Begriff 
erklärt, als den weiteren Kreis der Athleten, die sich dem eigentlichen 
Vereine anschlossen und dem Vorsitzenden der ovvoöog unterstanden, 
dafür aber ein Recht auf die Mitbenutzung des Grundbesitzes der avvo6og 
hatten (vgl. IG. XIV, 1109, 8 a. d. Ende des 2. Jahrh. n. Chr.), dagegen* 
Hirschfeld zu gr. Inschr. Nr. 794 in Greek inscriptions of the British Museum 
IV, 1. Den ^vGxdQXfig erklärt Poland a. a. 0. S. 361 nicht als eigentlichen 
Vereinsbeamten, sondern als eine Art magistratischen Vorsitzenden 
bei den gymnischen Spielen von Städten und Landschaften. Für die 
Vereinsbeamlen ist er meistens ein Ehrentitel und kann höchstens als 
Leiter der ganzen Agonengenossen des ^vaxog aufgefaüt werden (vgl. 
z. B. IGR. III, 1371 [3. Jahrh. n. Chr.]). Daher tritt auch hier im Titel des 
Vorstandes der römischen Athletensynodos, ^voxaQxrjg hinter aQxisQEvg^ 
vgl. Poland a, a. 0. S. 344 und die dort zitierten IG. XIV, 1102; IG. XIV, 
1103; 1104; 1105 ; 1109 und 1110, alle aus dem 2. Jahrh. n. Chr., ebenso 
CIG. II, 1428, 5 ff. und CIG. II, 8500. Zum Ganzen vgl. Liebenam, Städte- 
verwaltung S. 875. Über den Titel sm xu>v ßaXaveixov xov Ssßaoxo^ vgl. 
Bd. I S. 68. 




Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 81 


zunehmenden Mitgliedes. In Z. 84 if. kommen alle diese 
Ämter wieder vor, jedoch in den Händen anderer Personen, 
da es sich um ein anderes Datum handelt.^ Wie man sieht, 
ist auch hier wie bei vielen anderen Korporationen die Be- 
deutung der Priester in der Vereinsleitung unverkennbar 
(vgl. oben S. 57 f.). 

Dagegen scheint der priesterliche Einfluß im Reichs- 
verbande der dionysischen Künstler, oder wie der Verein 
offiziell heißt, der iegä fwimixi] xal jieQijiohonxij AvQr]kiavr] 
oixovjiievix^ jUEydX}] oi^vodoc: rayv jxeqI tov Aiovvnoi^ TeyyiTWVf 
leQovEixcüv, oTEfpavELTOjv, gegen Ende des 3. Jahrh. n. Chr. 
bereits abgenommen zu haben. Wohl begegnet uns in 
BGU 1093, 3 f. ein äQiiEQaxEvoag Trjg If.gäQ olxoviiEvixijg 
jiiEyddrjg ovvodov^^ aber es werden in BGU 1074 als Vor- 
standschaft des Vorstandes und eponyme Beamten drei 
(iQXovTEg angegeben, Z. 17 ff., wovon der eine uqxcov yga/Ä-- 
juaxEvg (Z. 21) und ein zweiter äQxorv vo/iodlxrrjg (Z. 24 
und 18) ist; allerdings trägt der im Range zuerst angeführte 
ägxcov keinen eigentlichen, spezialisierenden Titel, und es 
wäre, bei den großen Lücken im Texte, wohl möglich, 
daß er ryg legag fwvoixfjg ovvodov (Z. 17 und 19) 

gewesen wäre. Außer den drei Archonten vermutet Viereck 
(Klio VIII S. 422) in Z. 26 einen dgxtyQct/^cfiaTf-vg des Ver- 
eines, nach Analogie des P. Lond. III S. 214ff., Z. 82.^ Sehr 

^ Nämlich um Ereignisse gelegentlich irgendwelcher ?<oivä rf/g Aoiag 
in vSardes (Z. 87 f.), deren Zeitpunkt unbekannt ist. 

Diese Urkunde gehört dem Jahre 265 n. Chr. an und stammt, 
ebenso wie BGU 1073 und 1074, aus Oxyrhynchos. Daraus darf man 
wohl die fA,EydXr] ovvoöog mit dem Techniten verbände identifizieren, ob- 
wohl der dort genannte Aurelios Theon, als iF(>oiuxr/g dno ecptjßeiag (Bd. I 
S. 65), auch der Athletensynodos angehören könnte. 

® Nach BGU 1074, 11 soll auch das neuaufgenommene Mitglied 
Aurelios Apollodidymoe yQaf-ifiaiFvg geworden sein; vgl. aber 

Viereck a. a. O. S. 425, der von einem anderen Standpunkte ausgeht; 

San Nicol 6, Ägyptisclios Vorein.9wesen II. 6 



82 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Veroinsbeamten. 


wichtig ist für uns der äg^cov vojLtodlxTrjg^ der sich zweifellos 
mit der Erledigung der rechtlichen Angelegenheiten der 
Korporation befaßte.^ 

Obwohl wir aus den zitierten Urkunden nur die eigent- 
lichen Hauptämter der beiden Verbände kennen gelernt 
haben, so zwingt uns doch die Bedeutung und die Aus- 
breitung der genannten Körperschaften und auch die Mannig- 
faltigkeit ihrer Geschäfte, an einen Stab von Unterbeamten 
zu denken, die diese höheren Organe in der Verwaltung 
unterstützten. 

Endlich ist noch der Fo^og aus Gertassi in der Dodeka- 
schoinos an der nubischen Grenze zu besprechen, dessen 
Organisation bereits Bd. I S. 123 f. angedeutet wurde. Das 
priesterliche Element hat bei diesem Vereine zweifellos die 
Übermacht. An der Spitze der Genossenschaft stand der 
leqevg Fofiov^^ dem der jiQoordrrjg Fojiwv^^ als weltlicher 
Beamter und m. E. vielleicht technischer Leiter des sich 
auch mit Steintransport befassenden Vereines, im Range 
nachstand. Neben dem kgevg Fo/uov gab es noch eine An- 
zahl priesterlicher Funktionäre, die an der Spitze der ver- 
schiedenen Heiligtümer des Vereines standen.^ Aus diesen 

wohl aber ist ihm in der Erklärung der Titel xrjQv^ und oakm>czfjg bei 
den Archonten (Z. 17. 23) zu folgen. 

‘ Darüber vgl. Kap. IV. 

2 Vgl. u. a. OlG. III, 5027 (204 n. Chr.); 4983 (207 n. Ohr.); 4994 
(212/3 n. Chr.); 4986; 4987; 4988 (alle drei 214 n. Chr.); 4990 und 4992 
(216 n. Chr.); 5020 (228 n. Chr.); 5004 (238/9 n. Chr.); 5010 (249 n. Chr.); 
iegsvg Fö/ucov in CIG. III, 5002 (233 n. Chr.); 5005 (246 n. Chr.); 5007 
(251 n. Chr.); vgl. Zucker a. a. 0. S. 33 ff. 

8 Vgl. CIG. III, 4981 (205 n. Chr.); 4982 (206 n. Chr.); 4983; 4980 
(209 n. Chr.); 4991 (211 n. Chr.); 4988; 4996 (221 n. Chr.); 5032 (213 
bis 220 n. Chr.); 5015; vgl. Zucker a. a. 0. S. 31 ff. 

* Vgl. den agxisQEvg der Pursepmunis in CIG. III, 5014 (nach 243 
n. Chr.), 5001 (234/5 n. Chr.) und 5006; den jiQooxdxrjg xov xaivov KaXa- 
/iwvog in CIG. III, 5000, den ngoaxdxrig Zgovnxixiog ^Eäg in CIG. III, 


Die Vereinsorgane — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 83 


Würdenträgern wurden dann die legEig Fojuov gewählt. 
Als weitere Vereinsämter sind uns ein hocbvig^^ ein 990 *- 
ßrjxfjg ^ und schließlich ein cpQovxioryjg ® überliefert. Der nicht 
genau bestimmbare Charakter dieser mächtigen Körper- 
schaft, die uns nur aus den zahlreichen (etwa siebzig Stück) 
Dedikationsinschriften bekannt ist, bringt es mit sich, daß 
wir uns kein klares Bild ihrer Organisation zu geben ver- 
mögen. Jedenfalls kam darin das kultliche Moment am 
stärksten zum Ausdruck. 

Hiermit wäre die Betrachtung der einzelnen Vereins- 
amter beendigt, es soll aber hier noch auf eine charakte- 
ristische Erscheinung des hellenistischen und überhaupt 
griechischen Vereinswesens aufmerksam gemacht werden, 
die schon Ziebarth a. a. 0. S. 149 hervorgehoben hat. 
Während bei den römischen collegia der Kaiserzeit die 
Beamten innerhalb der Korporation, sozusagen eine eigene 
Genossenschaft bildeten, die geschlossen auftreten konnte, 
eigene Beschlüsse faßte und manche Vorrechte genoß, 
ähnlich dem ordo decurionum der municipia, dessen Namen 
sie ja auch oft nahmen,^ findet sich dieser oligarchische 

4989, den JtQOordrrjg rov xaivov legov trjg xvqlag ^Qovjixixtog in GIG. 
III, r5032 und endlich den jrQooxdzrjg xov xaivov xco^aoxrj^iov in GIG. III, 
5028 ; dazu Zucker a. a. 0. S. 41 ff. 

' GIG. III, 5033 (215/6 n. Ghr.). 

^ GIG. III, 4996, 4990 und gr, Inschr. *Zu8. 8, publ. von Zucker 
a. a. 0. S. 140; zum (poißtixijg vgl. Zucker a. a. O. S. 46. 

® Gr. Inschr. *Zus. 2 (Zucker a. a. 0. S' 137); der (pQovriatrjg ist auch 
hier ein priesterlicher Würdenträger, vgl. Zucker a. a. 0. S. 45 f. und 
oben S. 78, 4. 

^ Ordo decurionum, oder decuriones, wozu auch manchmal die 
honorati und die principales treten, sind sehr häufige Bezeichnungen, 
vgl. G. I. L. VI, 148 (über diese Inschrift vgl. Liebenam a. a. 0. S. 193 
und Waltzing, Les inscriptions relat. aux collegia fabrum tignar. de 
Roma et d’Ostie, in Revue de llnstruct. publ. en Belgique 1888, S. 147 ff.) ; 
C. I.L. VI, 3678; decret(o) honorat(orum) et decurionum; G. I.L. III, 1210; 

6 * 




84 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 

Zug in der Verfassung der griechischen Vereine nie: hier 
handelte vielmehr jeder Beamte für sich und war nur der 
Korporation gegenüber verantwortlich. ^ Das Gesagte gilt 
nicht nur für Griechenland, sondern für alle Länder hellenisti- 
scher Kultur und es ist noch hinzuzufügen, daß in dieser 
Richtung, auch in späterer Zeit, der römische Einfluß sich 
kaum bemerkbar machte. ^ Höchstens in einem Falle der 
ovvagxla, wenn nämlich einzelne Ämter aus einer Mehrheit 
von Personen bestehen, wie dies z. B. bei den TZQsoßvTegoi 
oder jigoeordnEQ als Vorständen der Fall ist, könnte man 
bei den griechischen Vereinen von Beamtenkollegien 
sprechen. 3 Aber auch dann ist der Unterschied mit dem 
römischen ordo decurionum ein wesentlicher, indem sie 
immer nur als ein zusammengesetztes Organ der Ge- 
nossenschaft galten und nie in einen Gegensatz zur plebs 
collegii gestellt wurden, wie dies bei den römischen 
Collegia geschah, wo die Mitglieder der Korporation, wie 

dec{uriones) et principales; C. I. L. VI, 9044 und unzählige andere; vgl. 
Waltzing a. a. 0. 1, S. 379 If. 

^ Vgl. auch Ziebarth a. a. 0. S. 149, der nur einen Fall erwähnt, 
worin die Beamten eines Vereines in ihrer Gesamtheit für die Aus- 
führung eines Beschlusses zu sorgen haben, nämlich IG. XII 1, 156, 21 f. 

2 Aus der ganzen Kaiserzeit sind mir nur zwei Beispiele einer 
solchen unter römischem Einfluß entstandenen Organisation bekannt: 
die oF/tivotdif] jigoFÖoia der sgyaoia xwv jiogcpvQoßdfpcov von Hierapolis, 
gr. Inschr. Nr. 227 in Judeich, Altertümer S. 142, vgl. auch gr. Inschr. 
Nr. 342, S. 174, weiter die yegovoia des lasya avveögiov von Sida, IGR. 

III, 810; vgl. Poland a. a. 0. S. 415 und Kornemann in Pauly-Wissowa 

IV, 419 f. 

* Vgl. für die owagxta in den Städten Swoboda, Griech. Volks- 
beschlüsse S. 197 f. 205; Liebenam, Städteverwaltung S. 246. 281. Die 
bei manchen Vereinen der Eaiserzeit vorkommende owagxta^ so z. B. in 
JG. XIV, 956 B, 3 (312 n. Chr.): yze xai xmv dgxieg^'cov rig yre ffvvagxia 
rfjg ovvodov, ist nicht griechischen Ursprungs; s. auch Poland a. a. 0. 
S. 862, 1 und S. 416. 



Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 85 


Bürger einer Stadt, in zwei Klassen eingeteilt waren, die 
decuriones (auch lionorati oder principales genannt) und 
die zur plebs gehörigen. ^ Sogar das Bild einer ßovkrj und 
eines drjfxogj wie es im öffentlichen Leben angetroffen wird, 
sucht man bei den griechischen Vereinen vergebens. 

Die soeben entwickelten Grundsätze gelten auch für 
Ägypten; weder bei den Vereinen der ptolemäischen, noch 
bei denen der römischen Zeit, kann man ein selbständiges 
geschlossenes Kollegium der Beamten, eine Art Genossen- 
schaft in der Genossenschaft finden, wie dies in Rom der 
Fall war. Ägypten war aber auch m. E. ein wenig ge- 
eigneter Boden zu solchen Bildungen, denn es fehlte hier 
sogar an öffentlich-rechtlichen Vorbildern, da die Munizipali- 
sierung des Landes erst in byzantinischer Zeit vor sich ging, 
also zu einer Zeit, als, mit Ausnahme der Zünfte, beinahe 
jeder Keim einer Vereinsentwicklung schon ausgestorben 
war. 2 Vor dieser Zeit aber ist weder das xoivov rcov äo^- 
6vta)v^ noch nach der severischen Reform die ßovkrj der 
Städte, trotzdem sie dem Staate gegenüber als ein kol- 
legiales, verantwortliches corpus galten, ^ mit dem ordo 
decurionum römischer municipia zu vergleichen. 

^ Vgl. die Beschlüsse ex decreto decurionum et populi in C. I. L. 
VI, 10351; ex decreto decurionum et plebis in C. I. L. XIV, 3659; vgl. 
noch C. I. L. VI, 8744 und bei den Vereinen von familiäres; decuriones 
et familia, C. I. L. VI, 9288; 10352; 10045; decuriones et plebs, C. 1. L. 
VI, 10353; dazu Liebenam a. a. 0. S. 193 und Waltzing a. a. 0. 1 S. 382. 

* Vgl. Geizer, Byzant. Verwaltung Ägyptens S. 51 f. ; Wilcken, Grund- 
züge S. 79. 

^ Bezüglich des xoivov rcov aQxovxcov vgl. P. Oxy. 54 (201 n. Chr.); 
P. Amh. 70 (115 n. Chr.); Jouguet, Vie municipale, S. 299 ff., 304 ff. ; 
Wenger, Stellvertretung S. llOf.; Wilcken, Grundzüge S. 40. Bezüglich 
der ßovkrjy welche die Stadtverwaltung vom xoivov rcov dgj^<fvrcov über- 
nahm, vgl. P. Oxy. 58 (288 n. Chr.), CP. Herrn. 97 (4. Jahrh. n. Chr.), 
dazu Preisigke, StÄdt. Beamtenwesen S. 15ff.; Wenger a. a. 0. S. 112; 
Wilcken, Grundzüge S. 41 f. 348. 




8ß Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 


Denn die ägyptischen Städte waren doch keine auto- 
nomen Körperschaften und ihre Organe mußten sich in 
vielen Dingen der Autorität des Strategen, als dem Haupte 
der Gauverwaltung unterwerfen.^ Überdies war bei den 
ägyptischen Vereinen die Kollegialität in den Ämtern viel 
seltener als in Rom und die innere Einteilung der Korpo- 
ration in decuriae und centuriae überhaupt unbekannt.* 

Gehen wir jetzt zur Frage nach der Bestellung der 
Vereinsorgane, d. h. des Vorstandes und der anderen Be- 
amten, über. Als die häufigste Bestellungsart ist bei den 
Vereinen zweifellos die Wahl (aiQrjot^) anzusehen. Ähnlich 
wie in Griechenland und Rom,® haben die ägyptischen Ge- 
nossenschaften ihren Vorstand und die übrigen Funktionäre 
meistens gewählt. Dagegen ist die Bestellung durch das 
Los (kayxdveiv)^ die in Griechenland sehr oft bei der Be- 
setzung der Priesterstellen vorkam, in Ägypten bis jetzt 
nicht bezeugt, obwohl sie deshalb natürlich nicht aus- 
zuschließen ist.^ Der Bestellungsakt erfolgte mittels eines 

^ Vgl. darüber Wilcken, Grundzüge S. 40 ff.; Jouguet, Vie muni- 
cipale S. 278 ff., 344 ff,; Schubart in Klio X S. 66 ff. 

* Vgl. z. B. die decuriae beim römischen collegiiim fabrorum tigna- 
riorum in C. I. L. VI, 1060; 9405 ; 10300; die centuriae auch bei den 
fabri: C. 1. L. Ill, 1043; 1082; 1210; 7767; 5659; C. I. L. III, 1424; 1431 ; 
1493; 1494; 7905; 7910; C. I. L. VI, 9404 ; C. I. L. XIV, 2630; dazu 
Waltzing a. a. 0. 1 S. 358 ff.; Liebenam a. a. 0. S. 191 ff. 

Vgl. oben S. 52, 2. 

4 Vgl. für Griechenland IG. II, 614, Z. 13. 29 (3. Jahrh. v. Chr.); 
Dittenb. Syll.* II, 726, 29 (301/0 v. Chr.); im Eranistenverein aus Alopeke 
Verden alle Ämter ausgelost, IG. III 1, 23,37: saicDoav de opjrot xX[r{\- 
Qioxol yaia ^[ro]^:. 

ln Ägypten wäre die Bestellung von Vereinsorganen durch das Los 
leicht denkbar, da das Los doch so oft bei den Vorschlägen für die 
staatlichen Liturgien in römischer Zeit begegnet; vgl. über die Auslosung 
durch den Epistrategen (jiejujieiv ijiiaxQaxrjy^ ek nXfjQov): BGU 235 
(137 n. Chr.); P, Gen. 37 (ca. 186 n. Chr.); P. Bibi. Nation. Suppl. gr. 910 


Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 87 


Beschlusses der Mitgliederversammlung. Die Wahl bedurfte 
zu ihrer Perfektion der Annahme des Gewählten nicht, 
sondern, sobald der Beschluß rechtsgültig gefaßt wurde, 
war die betreffende Person schon Vorstand oder sonstiges 
Vereinsorgan. Das Recht des Gewählten, das Amt ab- 
zulehnen, ist vielmehr eine selbständige, einseitige Be- 
fugnis, welcher die Bestellung durch erfolgten Beschluß 
der Mitgliederversammlung unabhängig gegenübersteht. 
Das äußert sich praktisch auch darin, daß bei manchen 
Vereinen die Mitglieder gar nicht das Recht hatten, die 
Wahl abzulehnen, vielmehr zur Annahme gezwungen werden 
konnten; so enthielten die Statuten der großen Genossen- 
schaft des Suchos zu Tebtynis im Jahre 180/79 v. Chr. die 
Bestimmung: „Wenn man einem von uns sagt: Sei Vor- 
steher des 'Hauses {rt n c)^ und er weigert sich dessen, 
dessen Buße soll 10 Silber dbn betragen. Wir zwingen 
ihn, daß er Vorsteher dos Hauses wird,“ dem. P. Cairo 
Cat. 31178, 7.1 ln vielen Fällen war es eben keine so 
leichte Sache, eine geeignete Persönlichkeit zur Übernahme 
des Amtes, besonders der Vorstandschaft und der damit 
verbundenen Unkosten, ausfindig zu machen und man kann 
es darum leicht verstehen, daß man den Mitgliedern die 
Befugnis der Ablehnung der Wahl absprach. ^ Andererseits 

(— Wilcken, Chrest. Nr. 392) a. d. 2. Jahrh. n. Chr., dazu Wilcken, Ostraka 
I S. 603 und Grundzüge S. 347. Anders in der Zeit nach den severischen 
Reformen, vgl. jedoch P. Lond. III S. 114 f. (202 -07 n. Chr.), dazu Wil- 
cken, Grundzüge S. 343. 

1 Vgl. einen anderen Fall, mit eventueller Buße von 35 dbn Silbef 
in den Statuten vom Jahre 157/6 v. Chr.: dem. P. Cairo Cat. 30605, 24. 

^ Vgl. die treffende römische Analogie in einem nicht näher be- 
kannten Vereine, wo es als Privileg galt, daß man nicht zum Vorstand 
gewählt werden durfte, C. I. L. VI, 541 : immunes perpetui a magisterio. 
Die Vereinsämter sind, der allgemeinen Entwicklung folgend, auch 
lastende numera geworden. 




88 VereiDSorgane. — § 7. Die übrigen Vereins beamten. 


aber finden wir, z. B. beim xoivov xwv äkeicpofihcDv auf 
Thera (3./2. Jahrh. v. Chr.), daß man den gewesenen yvfz- 
vaotagxog Bdxcov <Pika)vogj eine munifizente Persönlichkeit, 
fragt, ob er nicht noch einmal das Amt annehmen wolle, 
er würde sich dadurch die Dankbarkeit aller Vereins- 
genossen sichern.^ 

Über das Verfahren bei der Wahl läßt sich aus den 
spärlichen papyrologischen und inschriftlichen Nachrichten 
nichts entnehmen. Der dabei verwendete Ausdruck ist 
XeiQiCstv oder jigoxetgtl^eiv,^ 

Wenn auch grundsätzlich die Bestellung der Vereins- 
organe, und ganz besonders des Vorstandes, durch Wahl 
und Beschluß der Mitgliederversammlung erfolgte, kamen 
andere Bestellungsarten auch häufig vor. Von diesen soll 
die Ernennung zuerst besprochen werden. Die Ernennung 
eines Vereinsorganes ist von zwei Seiten möglich, entweder 
wird ein Unterbeamter von einem höher stehenden Funktionär 
der Genossenschaft ernannt, oder aber ein Vereinsorgan, 
meistens der Vorstand, kann unter gegebenen Umständen 
von der Regierung ernannt werden. Von der ersten Er- 
nennungsweise ist mir in Ägypten nichts bekannt, sie wird 
aber, nach der auf demselben Gebiete in Griechenland vor- 
handenen Analogie kaum gefehlt haben. ^ 


^ IG. XII 3, 331, 43 ff. : nQOoa^i(aoai ds avxov xai stg rd (fVog) 
hi yvfivaoiagxijaai, öioii xovxo Jigd^ag eoxai Jiäai xoTg dkei(pOfihoig xexai- 
giofthog. 

* IG. XII 3, 331, 3: sg?' hrj övo ngoxeigiod^dg \ P. Amh. 39 H- P. Grenf. 
I, 30 Z. 9 (103 V. Chr.); P. Oxy. 1029, 5 f. (107 n. Chr.). Bei den attischen 
Jobakchen erfolgte die Wahl geheim durch y>^<poif Dittenb. Syll.^ II, 
787, 146 f.: xa/niav Sk aigeiößcoaav oi loßaxxoi yjygpq) stg Sisxtav; vgl. 
Poland a. a. 0. S. 417. Über die Wahl durch Handmehr vgl. gr. Inschr. 
Nr. 6 in Revue lilt. gr. VI (1893) S. 169 f. und gr. Inschr. Nr. 54, Z. 87 in 
Kern, Inschr. von Magnesia S. 45. 

® Vgl. Poland a. a. 0. S. 417. Besonders lehrreich sind dabei die Ver- 



Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinebeamten. 89 


Was dagegen die Ernennung einzelner Vereinsorgane 
bezw. des Vorstandes durch die Staatsgewalt betrifft, so 
muß dabei die chronologische Teilung der ägyptischen 
Verwaltungsentwicklung wohl beachtet werden. Überhaupt 
aber ist eine solche Einwirkung des Staates nur bei öffent- 
lich-rechtlichen bezw. bei solchen privaten Korporationen, 
die öffentliche Aufgaben haben, für ihn von Interesse. Boi 
Genossenschaften, die ausschließlich private Zwecke ver- 
folgten, hat sich die Staatsgewalt bezüglich der Ernennung 
von Funktionären weder in den hellenistischen Ländern 
noch im kaiserlichen Rom i eingemischt und wird es auch 
in Ägypten nicht getan haben. Anders dürfte die Sache 
bei denjenigen Körperschaften liegen, die, wenn auch nicht 
ausschließlich, doch auch staatlichen Interessen dienen. 
Hier liegt es nahe, daß die Regierung ihre Interessen 
wahrnehme und schütze, indem sie bei der Besetzung der 
Genossenschaftsämter, vor allem des Vorstandes, mitwirkt. 
Es kämen von diesem Gesichtspunkte aus für die ptole- 
mäische und römische Zeit die Genossenschaften der Staats- 
bauern in Betracht, während für die byzantinische Periode 

hältniase bei den oft herangezogenen athenischen Jobakchen, Dittenb. 
Syll.* II, 737, 136 f.: svHoo/nog öe xXrjfjovod'O} r) xai^^iaido^Xco vjid zov 
iFQEüjg, ebenso in Z. 143 f. : oi xazaozad’tjoofXEvoi vjio zwv legeMv ijiJioi. 
Wichtig ist, daß der xafxiag sich einen ygaf^fiazevg ernennen darf, wenn 
er will, er muß aber dann für ihn dem Vereine gegenüber haften, 
Z. 155 f.: alQeiod'co de yQayi^iaxea, edv ßovXrjxai, xco iditi* xivdvvq)^ was 
lebhaft an die ägyptischen Verhältnisse bei den städtischen Verwaltungs- 
organen erinnert; vgl. P. Oxy. 58, 12 ff. (288 n. Chr.): Iva exdoxr^g ovoiag 
eva (pQovtioxt]v dgL\6^y()Eov xivdvvio exdaxtjg ßovXijg alQe&fjvai Jtoitjorjxe. 

^ Mit Recht sieht Waltzing a. a. 0. I S. 378 im quinquennalis per- 
petuus datus ab imp(eratore) Hadriano Aug(usto) collegio fabr(um) 
tign(ariorum), C. I. L. XIV, 3003 einen vom Kaiser ernannten Ehren- 
präsidenten; vgl. noch C. I. L. VI, 10300: decuriones a co(n)8(ulibu8), 
dazu Mommsen dortselbst und Hirschfeld, Sitzungsber. Wien. Akad. CVII 
(1884) S. 251; a. A. Kornemann, Pauly-Wissowa IV, 427 f. 



90 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 


die Verhältnisse bei den Berufsverbänden zu untersuchen 
wären. 

Ich habe bereits im ersten Bande S. 170 ff. zur Frage 
Stellung genommen, ob die TtgeoßvreQoi yecoQyayv als frei 
gewählte Vertreter der Genossenschaften anzusehen seien, 
oder ob sie vermögende Liturgen waren, denen das Amt 
vom Staate auferlegt wurde. Die letztere Ansicht hat 
nämlich ßostowzew, Kolonat S. 218 f. mit Bestimmtheit, 
jedoch ohne einen Beweis dafür zu bringen, ausgesprochen. 
Es ist schon a. a. 0. gezeigt worden, daß sich bezüglich 
der ptolemäischen Zeit eine Stütze für die Ansicht von 
Rostowzew nicht finden läßt,^ und daß seine Behauptung 
sich für die römische Zeit auf einen m. E. unbegründeten 
Analogieschluß aus der liturgischen Stellung der jigeoßv- 
xegoi xü)firjg gründet. ^ Interessanter wäre es schon gewesen, 
P. Gen. 42 (224 n. Chr.) dafür heranzuziehen. In diesem, 
von einem vojuoygdcpog in einer miserablen Orthographie 
geschriebenen Texte, beschließen sämtliche drjjbiöoioi yecogyol 
(auch die ovoiaxoi und jigooodixoi werden dazu genannt) 

' Vgl. die verschiedenen Papyri aus Tebtynis; P. Grenf. II, 37 
(2. Jahrh. v. Chr.) beweist für die liturgische Qualität des Amtes nichts; 
denn daß die jiQEoßvrEQoi yEcogyiJiv auch fiskalische Interessen wahr- 
zunehmen hatten und somit zu den xa ßaoihxa jigay/iaxEvö/iiEvoi ge- 
hörten, ist klar; die yEoygyoi waren ja EJiiJikEy/UEVoi xoTg jigoodöoig, vgl. 
Bd. I S. 157 f. und 162. Derselben Ansicht auch Oertel a. a. 0. S. 38 f. 
gegen Rostowzew in Götting. geh Anz. 1909, S. 613. 615 und Kolonat 
S. 218; weiter Oertel a. a. 0. S.46. 

* Also dasselbe wie P. M. Meyer zu P. Hamb. 12 und Jouguet, Vie 
municipale S. 217; vielleicht auch Oertel, Liturgie (Diss.) S. 38. Darüber 
vgl. Bd. I S. 172 f. Daß auch Rostowzew zwischen TiQeoßvieQot yscogytav 
und jzQEoßvzegot »«d^rjg nicht unterscheidet, zeigt sein Zitat von P. Amh. 
134 (2. Jahrh. n. Chr.) in Kolonat S. 218. Im ganzen Papyrus ist von 
yEcogyoi nicht die Rede, statt dessen erwähnt P. Lond. III S. 131 f. (140 
n. Chr.), wo ähnliche Erpressungen verkommen, ausdrücklich die jigsa- 

ßvxEgoi xa)fi7]g. 




Die Vereinaorgane. — § 7. Die übrigen Vereiosbeamten. 91 


der Gemeinde Philadelphia, daß jeder von ihnen 20 dr. 
für die dreißig nQeoßvTegoi des Jahres 224/5 beizutragen 
habe. Weiter verpflichten sie sich auch, die Zahl der tzqeo- 
ßvxEQoi nicht zu vermehren und ihnen das Übliche an 
Naturallieferungen zu gewähren.^ Es ist ’ zweifellos, daß 
die Verpflichtung: etiI rg) aviovg jui] ka/ißdveiv nXiayva (sic) 
xä)v xQEidxovxa in Z. 27 f. bei liturgischen, von der Behörde 
ernannten TigEoßvxegoi, keinen Sinn gehabt hätte, vielmehr 
nur dann verständlich ist, wenn man die Ältesten als von 
den Bauern selbst gewählt annimmt. In diesem Falle wäre 
natürlich eine Vermehrung der Zahl für die ngEoßvxEgoi 
von Nachteil gewesen, daher hatte das oben angeführte 
Versprechen für sie großen Wert. Daraus scheint mir doch 
zu folgen, daß auch hier die jigEoßvxegoi yEoygya)!' von den 
Staatsbauern gewählt wurden. Der Umstand, daß die 
Ältesten ngEößvxegoi xov d Exovg (Z. 23) sind, also wie die 
TigEoßvxEgoi xdctjubrjg bezeichnet werden, ^ hat m. E. nichts zu 
sagen, da dieselbe Ausdrucksweise auch bei anderen Ver- 
einsbeamten verkommt.^ 

Sollte man auch über die Interpretation dieses schwie- 
rigen Papyrus anderer Ansicht sein, so glaube ich trotzdem 


' P. Gen. 42, 17 ff. : ovve[i9^s]vTo jiqoc kavxov(; [. . .] ol 

yeyQa/x/LiEvoi örjfxöoiot yecoQyol [o;?] jiQ\o^Kai(^i\Ev]r)g xto/xrjg elg ro avv- 
fiF\vEi\v jtdvTEg [^^(«01 ovvxaxdd^EOiv jrdvxsg Ji£7ioitjo{)'a[i f];i< xov Jtdvxeg 
didüvxog Exaoxog ix ö()axf^^v eixooi xoTg [y]EvaiLiEVOig jiQEoßoiXEQOi xov 
S (ETovg) Etg [o]vyji^r/()ovoir xä>v yEvafxivcov jTQEoßoixsQoi xgsidxovxa, 

EJti xq) avxovg fXT] XafxßdvEiv jiXicova xibv xgEidxovxa xal fXEViv xd exi/hov 
T[o]t5 (poXixQov xal dXXo:)v xaxd x6 eiXog. Die Interpretation ist schwierig 
und ich verdanke manchen Hinweis der gütigen Mitteilung von Herrn 
Prof. Preisigke. 

* Vgl. BGÜ 195, 30 f. (161 n. Chr.): xovg xax* hog jiQsoßvxsQOvg xfjg 
>cd)[.irjg; P, Giess. 109, 13 ff. (137/8 n. Ohr.); P. Fay. 304 (2. Jahrh. n. Chr.). 

3 Vgl. z. B. IG. XII 3, 331, 15 f.; Preisigke, S. B. 639 u. a. m.; dazu 
vgl. S. 93 f. 


92 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 


bis zur Beibringung von positiven, dagegen sprechenden Be- 
weisen, bei meiner Bd. I S. 172 f. ausgesprochenen Meinung 
verbleiben zu dürfen, daß die jiQsoßvrsgoi yscogycov^ wie 
unter der ptolemäischen Regierung, so auch in römischer 
Zeit frei gewählte Vertreter der Gesamtheit waren und 
von den liturgischen jigeoßvregoi xdyfxrjq zu unterscheiden 
sind. Ich will damit durchaus nicht leugnen, daß die Ältesten 
der Staatsbauern neben, möglicherweise manchmal sogar vor 
den Interessen der Gesamtheit der yeogyoi einer xwjurj^ auch 
die des Staates zu hüten hatten, daß ihnen von der Staats- 
gewalt auch Pflichten auferlegt wurden, aber warum sollte 
das mit ihrem Vertretercharakter unvereinbar sein und sie 
zu staatlichen Beamten machen? ^ 

Was nun die byzantinische Periode betrifft, so fehlen 
uns hier alle direkten Zeugnisse, daß der Staat einen 
direkten Einfluß auf die Ernennung der Genossenschafts- 
organe bei den Berufsverbänden ausgeübt, oder gar den 
Vorstand oder einzelne Beamte oktroyiert hätte. Aller- 
dings darf hier die vielleicht zu einem Analogieschluß be- 
rechtigende Tatsache nicht aus den Augen verloren werden, 
daß wir von einer weitgehenden Einflußnahme der Regierung 
auf diesem Gebiete bei den offiziellen Korporationen in Rom 
wissen.“ Weiter ist auch die Tatsache nicht zu leugnen, 
daß während der byzantinischen Periode die ägyptischen 
Berufsverbände ihren hellenistisch - nationalen Charakter, 
den sie während der römischen Zeit größtenteils gewahrt 
hatten, immer mehr verlieren und sich dem allgemeinen 
Muster der offiziellen corpora, wie sie in den anderen 
Provinzen des Reiches bestanden, nähern. Man wäre wohl 

' Ich gedenke das ganze Verhältnis zwischen Jigsoßifrsgoi yscogycov 
und ngeaßvxegoi an einem anderen Orte ausführlich zu behandeln. 

Über den yga^^axevg und den vjiTfgerrjg yscogyöjv vgl. oben S. 75 und S. 78. 

2 Vgl. Waltzing a. a. 0. 1 S. 378; II S. 852 f., 865, 878, 387 ff. 



Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 93 


berechtigt, aus dieser Analogie Konsequenzen zu ziehen, 
aber positive Tatsachen, etwa in der Gestalt, daß der 
Vorstand der byzantinischen Zünfte in Ägypten vom Staate 
ernannt worden wäre, sind nicht bezeugt, daher ist wohl 
noch immer eine gewisse Zurückhaltung geboten. 

Von den anderen, seltener vorkommenden Arten der 
Beamtenbestellung, ist noch die Vererbung und der Ver- 
kauf der Vereinsamter zu besprechen. Die in Griechen- 
land wohl bezeugte Vererbung gewisser Vereinsämter in 
einer Familie ist mir in Ägypten nicht bekannt,^ dagegen 
ist der Verkauf von Priesterstellen bei den Genossenschaften, 
ähnlich wie bei der öffentlichen legcooxm]^ belegt und wird 
auch häufiger vorgekommen sein, als man nach der Zahl 
der ausdrücklich erwähnten Fälle denken könnte. Da ich 
vom Verkauf der Priesterstellen bei den Vereinseinnahmen 
ausführlich gehandelt habe, darf ich mich hier begnügen, 
darauf hinzuweisen. ^ 

Die Dauer der Amtszeit betrug bei den meisten 
Vereinsorganen wohl nur ein Jahr.^ Bei der Nennung von 
Beamten in den Inschriften wird ihr Amtsjahr oft an- 
gegeben, so z. B. in Preisigke S.B. 639 (25 v. Chr.): tiqo- 


^ Vgl. beim oft erwähnten Epiktetaverein von Thera IG. XII 3, 330, 
58 ff. und im Verein des Poseidonios aus Halikamaß, Dittenb. Syll.* II, 641, 
19ff. : xaQ7tev\e\z(o dh xai isQnzevhco tcjv ixyövcov rwv ex TJooeidayviov 
d nQEoßvraxog mv dsl xaz* dvÖgoyhecav xzX. ; dazu Poland a. a. 0. S. 418. 

* Vgl. S. 162 ff. In der übrigen hellenistischen Welt: vgl. u. a. Dittenb. 
Syll.2 II, 595, 2 f. (3. Jahrh. v. Chr.) in Chalkedon ; Syll.'-* II, 600, Z. 94. 100. 
109 u. ö. (ca. 278 v. Chr.) in Erythrai; weiter bei den KaoconoEig von Mylasa, 
vgl. gr. Inschr. Nr. 2 S. 23 in Sitzungsber. Wien. Akad. 1895 (Hula und 
Szanto); dazu Poland a. a. 0. S. 418. 

^ Ebenso in Griechenland, Poland a. a. 0. S. 419 f., der auch den 
zafiiag eig dieziav bei den Jobakchen als Ausnahme hervorhebt, Dittenb. 
Syll.* n, 737, 145 f. ; für die römischen Verhältnisse vgl. Liebenam a. a.O. 
S. 199 f. und Waltzing a. a. 0. I S. 386 ff. 



94 Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 

öTaxYjoag rö (erog) d xal e (exog) Kaioaqog, Eine längere 
Amtsdauer ist mir nicht bekannt, obwohl man bei manchen 
Urkunden leicht daran denken könnte, vgl. u. a. Dittenb. 
Or. Gr. I, 50 und 51 (ca. 239 v. Ohr.). Die zwei Inschriften 
liegen ein paar Jahre auseinander und in beiden kommt 
derselbe olxovojuog 2\oolßiog vor. Trotzdem denke ich 
eher an eine Wiederwahl, da diese auch sonst so oft be- 
gegnet, vgl. z. B. das schon erwähnte Zeugnis Preisigke 
S.B. 639 und weiter IG. XII 3, 331 (3./2. Jahrh. v. Chr.), 
worin vom yvfivaoiaQxog des xoivov xcTjv äleLcpo^hayv gesagt 
wird, daß er tiqoxeqov juh iq?* hrj dvo Jiqoj^EtQio&eig yvju- 
vao'iaQyog ^ (Z. 2 f.) gewesen sei, weiter ndXiv elg x6 xg (Sxog) 
xai (e^xog) xal rjx Q:xog) d^iayt^elg vtce/ifive yv juvaoiaQ^rjoat 
(Z. 15 f.) und endlich Z. 42 ff.: {öeSox^at) nqoaa^moai de 
avxov xal elg xd d'x (exog) en yvjuvaoiagx^oai^ also zusammen 
sechsmal das Amt innehatte. ^ Unsicher ist die Amtsdauer 
der jutjviäQxai bei den oxyrhynchitischen Zünften des 4. Jahr- 
hunderts n. Chr. (P. Oxy. 53; P. Oxy. 85; P. Oxy. 1139); 
waren sie nur für einen Monat gewählt, oder wechselten 
sie während des Jahres monatlich untereinander die Ge- 
schäftsführung? 

Mehrfach begegnen uns auch Vereine, bei denen das 
eine oder das andere Amt lebenslänglich bekleidet wird, 
so finden wir u. a, beim Kultverein des Pramarres ein 
(EQEvg öid ßlov^^ während bei der Bäckergenossenschaft von 

* Ich möchte den Ausdruck hrj dvo* mit „zwei Jahre hin- 
durch übersetzen und somit annehmen, daß er zweimal gewählt wurde, 
und nicht daß er „auf zwei Jahre“ gewählt worden sei, denn das 
würde wohl mit sig wiederzugeben sein. 

2 Vgl. z. B. auch die cuiatores iterum in C. LL. VI, 4418, 4419, 
10833; den quaestor ter in C. I. L. VI, 9288 und quaestores quartum in 
C. I. L. VI 2, 10322; vgl. Waltzinga.a.O.IS.386; Liebenam a.a.O. S. 199,3. 

» Gr. Inschr. in Äg. Z. 42 (1905) S. 111 ff. (104 v. Chr.). 


Die Vereinsorgane. — § 7. Die übrigen Vereinsbeamten. 95 


Soknopaiou Nesos der TZQooraTrjg seine Charge did ßiov 
innehatte weiter seien auch die bei der Reichssynode der 
Athleten genannten ^voTÖLQxai dtd ßiov erwähnt, ^ obwohl sie 
wegen ihres öffentlichen Charakters nicht ganz in diesen 
Zusammenhang gehören. 

Von den besonderen den Beamten zustehenden Ehren- 
rechten, worüber wir, was gleich bemerkt sei, sehr schlecht 
unterrichtet sind, werden wir an einem anderen Orte 
sprechen. Hier möchte ich nur erwähnen, daß auch bei 
den ägyptischen Vereinen der Vorstand und mit ihm 
manchmal auch andere höhere Funktionäre der Genossen- 
schaft eponym waren. Als eponyme Beamte finden wir 
außer dem jTQoomTfjg,^ den äoxtegevg zusammen mit dem 
TCQooTaxrjg bei den veavtoxoc ex rov ""Ooigeiov von Thea- 

^ IGR. 1, 1117 (3 n. Chr.). Die Sache ist freilich nicht ganz einwand- 
frei, es wäre möglich, daß die Ergänzung von Lumbroso in Z. 8; axrjXrjv 
xal [e]Lx6va [li{XLv\r]v 6ta ßiov, anders aufzufassen wäre; vgl. aber Lum- 
broso, Recherches S. 134. 

2 P. Lond. III S. 214 ff. Z. 50. 58 (194 n. Chr.) und auch sonst, vgl. 
Poland a. a. 0. S. 361, 6. 

^ Ähnliche Verhältnisse sind in Griechenland anzutreffen, vgl. Po- 
land a. a. 0. S. 420 f. und Ziebarth a. a. O. S. 147 ; vgl. insbesondere auch 
außer den iF.QETg ßiov, den ovrayoyyog öia ßiov bei einem delischen 
Vereine, gr. Inschr. Nr. 7, Z. 2 in BGH. XI (1887) S. 256 (aus römischer 
Zeit) und den nQooTaxTjg dtd ßiov bei den vavxlrjQoi von Amastris, gr. 
Inschr. Nr. 184 in BCH. XXV (1901), S. 36. Für Rom vgl. Waltzing a.a.O. 
I S. 387 und Liebenam a. a. 0. S. 199, 3 und die dort zitierten magistri 
(quinquennales) perpetui, z. B. C. I. L. XIV, 2299; VI, 1925; 9404; 10289; 
besonders interessant ist C. 1. L. XIV, 4234, wo ein quinquennalis pisto- 
rum III et perp(etuus) genannt wird, was Liebenam dahin auffaßt, „daß 
nach dreimaliger Wiederwahl dies Amt ihm dauernd übertragen“ worden 
ist. Wenn die Lesung richtig ist, würde das sehr gut zu IGR. I, 1117 
passen. 

* Vgl. z. B. TtQOoxaxovvxog xai yQaf^(J.axevovxog Uxols^aiov in Dittenb. 

Or. Gr. 1, 178, 87 (95 v. Chr.); agxf'^Qooxaxovvxog Zo^odvÖQov in Preisigke, 
S. B. 626 (ptol. Zeit); vgl. noch IGR. I, 1086 (40 n. Chr.) u. a. m. 



96 Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 


delphia,^ einen im/ukfjinjg beim Kultverein des Pramarres 
in der gr. Inschr. Äg. Z. 42 (1905), S. 111 ff., endlich zwei 
Priester bei dem oixog rojv ^A^e^ardgecov in Tomis, IQR. I, 
604 (160 n. Chr.). Von den eponymen Beamten der Reichs- 
verbände der Athleten und der dionysischen Künstler ist 
schon oben S. 80 die Rede gewesen. 

§ 8 . 

Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 

Für die Beurteilung der Frage nach der juristischen 
Stellung der Vereinsorgane ist die Vorfrage nach der Willens- 
und Handlungsfähigkeit der Korporation entscheidend. Wie 
unten genau darzulegen sein wird (vgl. Kap. VI), war 
dem griechischen Rechte die Vorstellung einer Trennung 
des Korporationsbegriffes, als Einheit für sich, von der Ge- 
samtheit seiner Träger unbekannt und wir werden sehen, 
daß im Rechte der Papyri, wenigstens für die Vereine, 
dieselbe Rechtsanschauung anzutreffen ist. Daraus folgt, 
daß die Korporation, also die Gesamtheit der Mitglieder, 
grundsätzlich willens- und handlungsfähig erschien. 

Dies vorausgeschickt, muß sofort die Frage nach der 
Beschaffenheit des körperschaftlichen Wollens und Handelns 
aufgeworfen werden. Stand das griechische Recht auf einem, 
etwa dem ursprünglichen germanischen ähnlichen Stand- 
punkte, wonach der Genossenschaftswille kein abstrakter, für 
sich existierender Allgemeinwille, sondern Gesamtwille war 
(Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 475 ff.)? Oder war etwa 
die griechische Rechtsauffassung vorgeschrittener, so wie 

* Gr. Inschr. Nr. 2 in Klio XII S. 374. Ebenso ist bei den BaoiXioial 
der h'oFv^ neben dem TiQooxdrrjg eponym, Dittenb. Or. Gr. 1, 130, 15 ff. 
(146 — 116 V. Chr.): ejiI TJajiiov xov Afifnoviov iiQooxdxov >cai Aiovvoiov 
xov 'AjroXXioviov legicog xrjg ovvdSov. 



DieVereinsorgan^/— §8. Die rechtliche Stallung der Vereinsorgana* 97 


die deutsche am Ausgange des Mittelalters, als sich die 
Genossenschaften zu Körperschaften verdichtet hatten 
(Gierke, Privatrecht I S. 458) und die Gesamteinheit der 
Gesamtvielheit gegenübertrat? In diesem Falle ist dann 
der Korporationswille juristisch nicht mehr als Gesamtwille, 
sondern, der organischen Lebenseinheit des Gemeinwesens 
entsprechend, als einheitlicher Gemein wille aufzufassen. 

Die richtige Beantwortung dieser Frage müßte hier von 
ungemein großer Wichtigkeit sein, da nach Gierke^ eine 
Organschaft im technischen Sinne des Wortes nur beim 
letzteren Begriff der Körperschaft vorliegen kann, während 
bei der altgermanischen Genossenschaft die genossenschaft- 
lichen Beamten bloß Willens Vertreter der Gesamtheit waren, 
die ihr Amt als Vollmacht innehatten (Gierke, Genossen- 
schaftsrecht II S. 475; 489 ff.). Es kommt hier, mit anderen 
Worten, der Gegensatz zwischen Organschaft und Stell- 
vertretung, der heutzutage besonders die staatsrechtliche 
Dogmatik sehr beschäftigt, zur Geltung.* Für die antike 
Welt vereinfacht sich die Sachlage jedoch sehr, indem 
dieser für das deutsche und moderne Recht so bedeutende 
Unterschied weder den Griechen noch den Römern je zu 
Bewußtsein gekommen ist (vgl. Regelsberger, Pandekten 
a. a. 0. S. 323, 2). Für die hellenistische Welt läßt sich das 
schlagend im Rechte der Papyri nachweisen. Wie schon 
Wenger, Stellvertretung S. 109 ff., gezeigt hat, wird in 

^ Vgl. Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 490; 880 ff.; Genossen- 
schaftstheorie S. 614 ff.; Privatrecht I S. 470. 

* Darüber Gierke, Genossenschaftstheorie S. 614 ff.; Laband, Arch. f. 
ziv. Praxis LXXIII S. 187 ff. ; Bematzik, Arch. f. öffentl. Recht V, S. 286 ff. ; 
Jellinek, Staatslehre* S. 546 ff.; Rogelsberger, Pandekten S. 328 ff.; 
Wenger, Stellvertretung S. 18 ff.; anders Schloßmann in Jherings 
Jahrb. XLIV (1902) S. 289 ff.; dagegen Preuß, dortselbst S. 429 ff. und 
Jellinek, System S. 228, 6 und Staatslehre S. 548, 1. Wichtig für uns 
ist die Anschauung von Hülder, Natürl. und jurist. Personen S. 55 ff. 

San Nieol^, Ägyptiaehea Vereinswesen II. 7 




98 DieVereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


Ägypten zwischen Organen und Stellvertretern weder im 
Sprachgebrauche, noch in der juristischen Behandlung der 
beiden Rechtsverhältnisse ein Unterschied gemacht. Da 
seine Beweisführung vollständig ist, wäre es müßig, hier 
dieselbe zu wiederholen, oder das neu erschienene Material 
nachzutragen. Ein anderes Argument darf aber auch nicht 
unerwähnt bleiben, da es besonders schwer in die Wagschale 
fällt, nämlich die Tatsache, daß das griechische Recht den 
Begriff der juristischen Person, wie wir ihn heute haben, 
nie besessen hat, im Verbände vielmehr immer nur die 
Gesamtheit der Mitglieder erblickte (vgl. unten Kap. VI), 
folglich oft mit dem Rechtsgedanken der Stellvertretung 
dort auskam, wo wir schon Organschaft annehmen müssen. 

Als dasjenige Organ, welchem bei Privatkorporationen 
die Beschlußfassung in allen wichtigeren Angelegenheiten 
Vorbehalten bleibt, ist nach der römischen und heutigen 
Auffassung die Mitgliederversammlung zu bezeichnen.^ 
Als Mitgliederversammlung gilt jedoch nur eine verfassungs- 
mäßige Zusammenkunft, deren Zeit, Ort und Form ver- 
fassungsmäßig, entweder direkt durch die Statuten, oder 
mittelbar durch das kompetente Vereinsorgan, festgesetzt 
sind. Fehlen diese Voraussetzungen, so liegt kein Körper- 
schaftsorgan vor, die Versammlung bleibt vielmehr ein 
organrechtlich irrelevanter Zusammentritt der Korporations- 
mitglieder.* 

Bezüglich der griechischen Vereine erscheint mir diese 
Auffassung der Mitgliederversammlung als Korporations- 
organ nicht unbedingt zutreffend. Es ergeben sich viel- 
mehr hier gewichtige, dagegensprechende Bedenken. Schon 

’ Vgl. Regelsberger a. a. 0. S. 325 f. ; Gierke, Genossenschaftsrecht 
II S. 498 ff. 

2 Vgl. Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 883; Genossenschafts- 
iheorie S. 6161; Privatrecht I S. 499 1 




DieVereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorg^ne. 99 


Aristoteles identifiziert den Staat als handelndes Subjekt mit 
den versammelten Bürgern ^ und in den Urkunden der 
griechischen und auch der ägyptischen Vereine läßt sich 
dieser Gedanke mit noch größerer Klarheit verfolgen, indem 
bei keinem Vereine die Versammlung der Genossen als 
„ein kollegiales Organ einer von ihr verschiedenen kor- 
porativen Einheit"* (Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 485) 
erscheint; sie ist vielmehr der Verein, die Genossenschaft 
selbst, die wollend auftritt, handelt, Rechte erwirbt und Ver- 
pflichtungen eingeht. Der griechische Standpunkt ist ein 
viel konkreterer, als der unsere: es ist die wirkliche, sicht- 
bare Genossenschaft, die in der Versammlung und 
nicht durch die Versammlung als Organ will und 
handelt. 2 Man braucht nur die Sitzungsprotokolle grie- 
chischer Vereinsversammlungen, wie sie uns in den zahl- 
reichen yfr]qAojuam erhalten sind, anzusehen, um sich von 
der Richtigkeit obiger Behauptung zu überzeugen. Was 
man auch gegen die üngenauigkeit der Sprache der Ur- 
kunden einwenden mag, so ist m. E. ein konsequent durch- 
geführter Sprachgebrauch, dort wo positive Rechtssatzungen 
fehlen, doch ein vollgültiger Beweis. Niemals erscheint in 
den erwähnten Sitzungsprotokollen die Vereinsversammlung 
als etwas vom Vereine selbst verschiedenes: der Verein, 
beziehungsweise die in der Versammlung vereinten Ge- 
nossen, werden als wollend, beschließend und handelnd an- 
geführt. Überall findet man dieselbe Phraseologie: dyogä 
xvQiq’ lido^e (oder Öedox^ai) r(7> xoivco (beziehungsweise den 

' Vgl. A. Bolze. Begriff der Jurist. Person (Stuttgart 1879), S. 112 flf.; 
Rehm, Geschichte der Staatsrochtswissenschaft S. 79 ff.; Gierke, Ge- 
nossenschaftsrecht III S. 21. 

* Vgl. um nur ein Beispiel zu wiederholen, die gr. Inschr. Delphi 
Inv. Nr. 3680, 1 (159/8 v. Chr.): laT siolei tc5v Aelq)u>v h ayogäi 

tskelcDi (publ. von B. Laum, Stiftungen in der Antike II 8. 34 ff.). 



100 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


Vereinsgenossen z. B. xoTg '^laocoraig) und es sind dann ol 
d^Laoanai oder xö xotvdv^ welche Rechte erwerben oder sich 
verpflichten und zwar unmittelbar selbst und nicht etwa 
durch die Versammlung als Organ;^ von der Versammlung 
ist überhaupt außer in der Eingangs Formel: äyoga xvgla 
nirgends die Rede. Ich greife als Beispiel eine Urkunde, 
IG. II 1, 600 (300/299 v. Chr.) heraus, wonach das xoivov xwv 
AvaUcov (eine attische Gemeinde, möglicherweise bloß eine 
Phratrie) ein Grundstück samt Wirtschaftsgebäude in Pacht 
gibt. 2 Es heißt darin Z. Ifif.: dedox&ai Ava(X€vaiv) fiio'&ayaai 
x6 xd Mvggivovvxi xd xoivdv AvaMayv AicDÖMgcoi xaxd 

avvß'Yjxag xdoöe' xaxd xdde ijuioi^cDoav xd xd Mvg^ 

givovvxi o[f] (pgaxgiagxoL Ka\kX\Lxl(fj)g ^Agioxeldox^ Mvggi’- 
vovaiog xa\l AijojiEldrjg Aiocpdvxov Mvggtvovoiog \xci\i xd 
xoivdv AvaUmv xxX.^ wobei dann die AvaXeig selbst exeku- 
tionsberechtigt erscheinen, Z. 35 ff. : iS^Tvai xoig cpgaxgidgxoig 
xal AvaXevaiv ivexvgd^eiv ngd Slxrjg xal juio&djoai ixegcoi xxX.; 

^ Vgl, Dittenb. Syll,^ II, 726, 1 f. (302/01 v. Chr.): xoig diaod)- 

Ttttff, Z. 55: oi d'iaoojxai und unterschrieben ebenfalls ol ^laocöxai in 
Z. 28; Syll.Ml, 728 (3. Jahrh. v. Chr,); Syll.^ II, 729 (ca. 170 v. Chr.), 
Z. 2: ayoQq xvqiq,, Z. 84: dedox^^ai xoig ogyscooiv und Z. 22: ot Aiovv- 
oiaaxal hi/irjoav; ebenso Syll.’^ II, 730, 2. 23 (ca. 170 v. Chr.) und unter- 
schrieben ol ogyewveg; Syll.^ II, 724 (829/8 v. Chr.); Sy 11.* II, 725 (4. Jahrh. 
V. Chr.); Syll.* II, 727 (278/7 v. Chr.); Syll.* II, 731 (2. Jahrh. v. Chr.); 
SylL* II, 732, 82 f. (ca. 35 v. Chr.): ösdox&ai xij) xoivq) xcöv 2!coxr)Qiaaxa)v 
und Z. 39 f.: dvayogeveo'&ai dxi x6 xoivov xwv Zo)xt)giaoxüjv oxsipavoT Ai6- 
Sfogov xxl; ebenso Dittenb. Syll.* II, 735; Syll.* II, 736, 1 (2. Jahrh. 
V. Chr.): eSo^e xoig ^laaixaig und Z. 12: ol ’&iaoixa\i q^aYvoyvxai xxX.; 
Syll.* II, 737. Vgl. auch die Verhältnisse bei den Phratrien der Demo- 
tioniden und Labyaden: Dittenb. Syll.* II, 438, 20; Syll.* II, 439, 9. 114 
(beide a. d. 4. Jahrh. v. Chr.). Ebenso bei der Gemeinde Kalaureia in 
IG. IV, 841, 12 (3. Jahrh. v. Chr.): ido^e xoig jfo^i[xatg Tiegi x}ov dgyvglov 
xxX, und in Mykene: xd xQi'jfxoixa iydavelCsoT^]ai, vg xa jigoaigdjvxai 

Tot xcD[juhai xxl. IG. IV, 498, 8 f. (ca. 197—195 v. Chr.). 

* Vgl. zur Urkunde Mitteis, Volksrecht und Reichsrecht S. 406. 


Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 101 


ebenso Z. 45 Trotzdem hier der Beschluß von der Mit- 
gliederversammlung gefaßt wurde, ist in der Urkunde nur 
vom xoivöv^ beziehungsweise von den AvaXeig die Rede. 
Ebenso wird oft die jurisdiktionolle, oder sonstige Tätigkeit 
der Vereinsversammlung ausdrücklich als Tätigkeit der 
gesamten Vereinsgenossen bezeichnet, so z. B. heißt es 
bei der Phratrie der Äaßvddai: jidvteg de rol Aaßvddai 
EvxXeioig tieqI rav dagaiäv imxQtvovzcov, . . . IJageovieg juij 
jLLEiog Evbg xal Exatov^ Dittenb. Syll.^ II, 438, 64 ff. und weiter 
Z. 184 flf.: '&o)e6vto)v rot xe öajLiioQyoi xal xoi äkkot jidvxEg 
Äaßvddai und auch beim Vereine der attischen Jobakchen, 
Dittenb. Syll.^ II, 737, 86 tf.: d di (lEQEvg) ijidvavxEg dyogav 
ayho), xal 'ipriq)cg ol Idßaxyoi xQEivEtcooav, 

Die Papyri und Inschriften der vorchristlichen Zeit 
zeigen für Ägypten dasselbe Bild. Die in demotischer 
Sprache verfaßten Beschlüsse der Jahresversammlungen 
der großen Kultgenossenschaft von Tebtynis beginnen 
sämtlich mit den Worten: „Das Gesotz, dem die Leute 
der « Sechserschaft > zugeslimmt haben . . ., welche vor 
Suchos . . . versammelt sind, . . . indem sie sagen: Wir tun 
es (das Gesetz) . . . wir sind festlich versammelt an den 
Festen . . . und an den Tagen, über welche die Leute der 
Anstalt zustimmen werden, sich an ihnen zu versammeln.“* 
Ebenso heißt es in dem.P. Berl. 3115, S. 2 (107 — 104v. Chr.): 
„Jahr 8 am 29. Mechir — dem Tage, an dem die Sechser- 
schaft des Amon von Karnak einen Vortrag abschloß (htm).*' 
(Spatium.) „Die Leute welche in die Sechserschaft ein- 

' Vgl. noch IG. VII, 43, 8 ff. (3. Jahrh. v. Chr.): (pöoo[v] k[af^ßd]vov- 
[rffjs* ol AlyooüeviTai TiQooxi&excooav . . . elg x^v {^voiav . . . a\vxoi 
iy)7](piafiivoi naiv dvEiv IJoasidcovio} ; u. a. m. 

2 Vgl. dem. P. Cairo Cat. 31178, 2 ff. (180/79 v. Chr.); 30606, 4 ff. 
(158/7 V. Chr.); 30605, 3 ff. (157/6 v. Chr.); 31179, 4 ff. (148/7 v. Chr.); 
80619 a -f b, 2 ff. (138/7 v. Chr.). 




102 Die Vereinsorgane. ’*— § 8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 


getragen sind, waren damit einverstanden, von jedem oben 
geschriebenen Wort fern zu sein“ (d. h. darauf zu verzichten). i 
Aus diesen Worten scheint deutlich hervorzugehen, daß 
in der Genossenversammlung die Genossenschaft selbst 
(d. h. die Leute der Anstalt, w pl c) als beschließend und 
handelnd gesehen wurde. Dazu stimmen auch die sonstigen 
ägyptischen Urkunden in griechischer Sprache.* 

Aus den ägyptischen und außerägyptischen Urkunden 
lassen sich aber noch mehr Beweise für die von uns for- 
mulierte griechische Rechtsanschauung gewinnen. Ich habe 
schon oben (S. 42) darauf hingewiesen, daß, wenn wir vom 
Ausdrucke ayoga^ welcher vom öffentlichen Leben entlehnt 
ist und ein beschränktes Ausbreitungsgebiet hat, absehen, 
eine konsequent durchgeführte sprachliche Unterscheidung 
zwischen der Mitgliederversammlung und sonstigen Zu- 
sammenkünften zu kultlichen oder geselligen Zwecken sich 
nicht nach weisen läßt. Weiter haben wir gesehen, daß 
die Mitgliederversammlung, als Versammlung der souveränen 
Träger der Genossenschaftsrechte auch bei andern, als den 
verfassungsmäßig bestimmten Gelegenheiten gültige Be- 
schlüsse fassen kann. Es ist klar, daß beide Erscheinungen 
mit der Stellung der Mitgliederversammlung als Genossen- 
schaftsorgan unvereinbar wären. Die in den griechischen 
Urkunden vorkommende Redewendung äyoQü xvgia (vgl. 
oben S. 99 f.) ist keine Stütze für die Annahme der Organ- 
qualität der Genossenversammlung und widerspricht der 

* Vgl. auch dem. P. Berl. 3115, S. 4: „Die Leute der Sechserschaft 
sollen die Strafe (?) gegen ihn entscheiden.* 

* Vgl. IG, XII 8, 881, 1 {xoivov T&v alEi^ofihcov)'. eÖo^s roXg oA«- 
(po^Evoig\ Z. 7 f.: TO xoivov iaTstpavoyasv aoioV, ebenso Z. 26ff.; Dittenb. 
Or. Gr. II, 735 (159—145 v. Chr., Thera); Or. Gr. II, 737, 1 ini ovva- 
ycoy^g . . . xov noXnsvpiaxog xai x<ov , . . *Idovfiaicov; Or. Gr. I, 50; Or. Gr. 
1, 51 ; BGÜ 1137, 1 f.; ijil xrjg y8[vri]&Eio7jg ovvaycoyfjg xfjg ovvodov; Z. 12 ff. : 
edo^E xoivfj yvcjfxf] , . . xovg djio xfjg ovvoöqv 5T[a]oadc(^aai?ai xxk^ 



Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellunt^ der Vereinsorgane. 103 


ob^ angeführten griechischen Rechtsanschauung nicht. 
Denn es ist natürlich, daß man, da in der Vereinsversamm- 
lung der Gesamtwille zum Ausdruck kommen sollte, ge- 
wisse Voraussetzungen festsetzen mußte, unter welchen 
der Willensakt der versammelten Genossen, als Genossen- 
schaftswille zu gelten hatte. Nur wenn die Genossen in 
einer vorgeschriebenen Mindestzahl und unter der Leitung 
ihrer rechtmäßigen Vorstände erschienen sind, gilt ihr so 
erklärter Wille als Wille der Genossengesamtheit, als Wille 
des Vereines. 1 Nur dann vertritt ihr Gesamtwille den der 
Abwesenden, nur dann binden ihre Entschlüsse die ab- 
wesenden Mitglieder und die neu eintretenden Genossen, 
nur dann muß sich der fehlende oder abwesende Einzelwille 
unterwerfen. Aus diesem Gedanken der Vertretung und 
Bindung der Abwesenden durch die Anwesenden und nicht 
aus der Organqualität der Mitgliederversammlung, sind die 
öfters (vgl. z. B. S. 101) vorkommenden Bestimmungen über 
die Zahl der Genossen, die bei einer Versammlung zugegen 
sein müssen, damit der von ihnen ausgesprochene Wille 
als Gesamtwille, als Wille des Vereines zu betrachten sei, 
zu erklären. Dasselbe gilt auch von der wirklichen oder 
fingierten xoivf] yvwjuYj, Es darf ferner nicht unerwähnt 
bleiben, daß der griechische Sprachgebrauch die Mitglieder- 
versammlung, wenn wir von jenen Ausdrücken absehen, 
die von öffentlichrechtlichen Vorbildern abgeleitet worden 
sind, 2 mit ovvayayy^, ovvodog, ovveöqlov und sogar xoivdv 
bezeichnete,^ welche Ausdrücke zu den häufigsten und ver- 
breitetsten Vereinsnamen gehörten. 

^ Vgl. die ähnlichen deutschrechtlichen Verhältnisse bei Qierke, 
Genossenschaftsrecht II S. 476 ff. 

* Über ayoQo. vgl. die Inschriften S. 100, 1. 

5 Vgl. oben S. 48; Swoboda a. a. 0. S. 310; Poland a. a. 0. S. 382 f.; 
163, 6. 




104 Die Vereinsorgane, — § 8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


Als letztes, aber wichtiges Beweisstück möchte ich i^ch 
einen Umstlmd anführen, der eigentlich nichts mehr als die 
logische Folge aus dem ausgesprochenen griechischen Rechts- 
satze, dafi die Mitgliederversammlung kein Vereinsorgan, 
sondern die wollende und handelnde Genossenschaft selbst war, 
darstellt. Es ist nämlich logisch begründet, daß unter diesen 
Verhältnissen jeder Willensakt der Versammlung schließlich 
immer ein zusammengesetzter Willensakt der erschienenen 
Genossen bleibt und daher als das Resultat und der Nieder- 
schlag einer Vereinbarung, eines Übereinkommens der Ge- 
nossen unter sich erscheint. Dieser Gedanke, der auch 
rein spekulativ aus den gegebenen Prämissen gewonnen 
werden könnte, läßt sich aber in den uns bekannten Quellen^ 
ausdrücklich nachweisen und liefert somit einen Beweis 
für die Richtigkeit der ausgesprochenen Annahme. Wenn 
auch schon das edo^e, oder dedox^ai toTg ücoxrjQiaoTdigf toTg 
'^taacDiaig, toXg iXeicpouEvoig usw. ein genügender Hinweis 
wäre, so drücken sich die Quellen manchmal sogar deut- 
licher aus. Ich denke dabei an die Regeln der beiden Kult- 
genossenschaften der Suchos von Tebtynis und dos Amon 
von Karnak. Die Form, in welcher die Beschlüsse der Mit- 
gliederversammlungen beider Vereine eingekleidet sind, ist 
für unsere Annahme geradezu bezeichnend. Wir haben schon 
oben - auf „das Gesetz, dem die Leute der Sechserschaft 
zugestimmt haben, indem sie versammelt sind“ und auf 
die ähnlichen Wendungen in den Statuten der Suchos- 
genossenschaft aufmerksam gemacht; hier sei nochmals 
der Anfang der Statuten der zweiten Korporation an- 
geführt: „Dem Tage, an dem die Sechserschaft des Amon 

' Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 477, konstatiert dasselbe bei 
den altgermanischen Genossenschaften; ygl. die Quellenstellen in Anm.34 
bis 87 auf S. 467 und S. 477, 4. 

* Vgl. oben S. 101. 



Die Yereinsorgane. — § 8. Die rechUiche StelluDg der Veremsorgane. 105 


voHi^aniak einen Vertrag abschloß (Afw).* ^(Spatium.) 
^Die Leute, welche in die Sechserschaft eingetft-gen sind, 
waren damit einverstanden.“ ^ In diesen Texten ist der 
zugrundeliegende Gedanke einer Übereinkunft, einer Ver- 
einbarung unverkennbar, um so mehr als die beschließende 
Tätigkeit der Versammlung in dem. P. Berl. 3115, S. 2 
(ebenso S. 12) ausdrücklich als „einen Vertrag abschließen“ 
bezeichnet wird.* Gleichzeitig aber ist auch die Überein- 
stimmung mit dem solonischen Satze in D. 47, 22, 4 nicht 
unbeachtet zu lassen: ötc av xovxcov dia'&cbvxai jzgdg AXkriXovQt 
xvQiov elvai, idv fit] änayogevofi drjfioöia yQajujuaxa, 

Ich hoffe damit nachgewiesen zu haben, daß nach grie- 
chischer Rechtsanschauung die Mitgliederversammlung nicht 
als Organ des Vereines, sondern als der Verein, als die 
Genossenschaft selbst aufzufassen sei, die im* einheitlichen 
Willen ihrer vereinten Einzelträger, ebenso wie in deren 
Gesamthandlungen hervortritt. Es mag dem Leser auf- 
gefallen sein, daß aus dem ägyptischen Material nur Ur- 
kunden aus vorchristlicher Zeit angeführt und daß ihre 
Bestimmungen ohne weiteres als Produkt des griechischen 
Rechtes erklärt wurden. Man könnte mit Recht bezüglich der 
letzteren Tatsache einwenden, daß damit national-ägyptische 
Elemente außer Betracht gelassen seien. Wenn ich aber 
im Verlaufe der Darstellung einheitlich von griechischem 
Rechte sprach, so geschah dies bloß, um das Bild des 
Ganzen nicht zu stören, und ich gebe gerne zu, daß, wenn 
auch der hellenistische Einfluß in der ägyptischen Vereins- 
entwicklung außer Zweifel steht, das nationale Recht eine 
gleiche Anschauung wie das griechische gehabt haben 
könnte. Nur ist natürlich der Nachweis jetzt noch sehr 

» Dem. P. Berl. 3115 S. 2 (107 v. Chr.). 

* Vjhorhtm „einen Vertrag abschließen*, das ursprünglich „siegeln“ 
bedeutete, vgl. Erraan, Arch. I S. 72. 




106 Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


schwer. Wohl aber dürfte feststehen, daß, wenn nicht^ein- 
mal das griechische Recht zur abstrakten Vorstellung der 
Organschaft bei der Mitgliederversammlung gekommen ist, 
dies um so weniger bei den noch sehr sinnlichen nationalen 
Rechtsvorstellungen der Fall gewesen sein dürfte. Soviel 
zur Rechtfertigung der gemeinschaftlichen Behandlung 
ägyptischer und außerägyptischer Quellen. Was nun die 
zeitliche Abgrenzung der Untersuchung anlangt, muß ich 
bemerken, daß diese keine willkürliche gewesen ist, son- 
dern sich mit Notwendigkeit daraus ergab, daß das letzte 
uns erhaltene Dokument einer Genossenschaftsversammlung 
dem Jahre 6 v. Chr. (BGU 1137) angehört. Das Fehlen 
von Material aus nachchristlicher Zeit kann möglicher- 
weise, wenn man von der immer stark in Betracht zu 
ziehenden Zufälligkeit abseheu will, auf ein Zurückgehen 
der Bedeutung der Mitgliederversammlung bei den Vereinen 
deuten, was aber selbstverständlich nicht notwendig eine 
Änderung der juristischen Stellung derselben voraussetzt. 
Es kann aber auch, wie schon oben dargestellt, auf anderen 
Gründen beruhen. Wir wissen ja, daß das römische Re- 
giment aus politischen Gründen jeder Art von Versamm- 
lung abhold gegenüberstand und sie, wo es nur ging, 
einzuschränken versuchte.^ Der hier stark fühlbare Ein- 
fluß des politischen Lebens, das Fehlen von öffentlich- 
rechtlichen Korporationen mit ähnlicher Organisation hat 
dann, mehr als ein direktes, auch sonst nicht wahrzuneh- 
mendes Ein wirken des römischen Verbandsbegriffes, das 
Seinige dazu beigetragen, um die weitere Entfaltung des 
griechischen demokratischen Prinzipes zu hemmen. Die 
Vereinsgenossen zogen es dann vor, statt selbst in der 
Mitgliederversammlung zu wollen und zu handeln, sich in 


Vgl. S. 44 f. und unten Kap. V. 




Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 107 


den meisten Fällen, wie auch schon früher dit, eigener 
Willens- und Handlungsvertreter zu bedienen. Aus diesem 
Überhandnehmen der eigentlichen Vereinsorgano in römi- 
scher Zeit folgt aber durchaus nicht, daß die Vereins- 
versammlung auch die Stellung eines Organes angenommen 
und ihren ursprünglichen, souveränen Charakter verloren 
habe. Dies kann um so weniger der Fall gewesen sein, 
als, wie wir sehen werden (vgl. unten Kap. VI), der grie- 
chische Verbandsbegriff während dieser ganzen Periode, 
keine erhebliche Änderung erfahren hat. Charakteristisch 
ist der Beschluß der Genossenschaft der Staatsbauern von 
Philadelphia aus dem Jahre 224 v. Chr., der den Gedanken 
des Übereinkommens bei der Fassung des Gemeinwillens 
deutlich zum Ausdruck bringt, P. Gen. 42, 17 ff.: ovv- 
i\^&^evxo ngbc; iavxovg . . . ol [nQo\yByQai.iahoi 

örjjuöoioi yecoQyol [xfjg] nQ\o^xaiix\ßv\Yjg xcüjurjg elg xd ovv- 
fii[vei]v TinvxEg [>e(at)] ovvxaxdd^eoiv ndvxeg 
xxX, Auch in diesem Papyrus läßt sich der Rechtssatz, 
daß die Mitgliederversammlung den willens- und handlungs- 
fähigen Verein darstelle, nachweisen. Deswegen war auch 
der Tätigkeit der Genossenversammlung keine weitere 
Schranke gezogen, als die des allgemeinen Vereinsrechtes. 
Da sie eben kein Organ war, konnte es zwischen ihr und 
Vereinsorganen zu keinem Kompetenzkonfiikte kommen, 
die Versammlung durfte vielmehr in alle Zweige der 
Vereinstätigkeit eingreifen, legislative, gerichtliche oder 
administrative Funktionen ausüben. Die Vereins Versamm- 
lung hatte demnach sogar die Kompetenzkompetenz, um 
einen modernen Ausdruck zu wählen, die unter Umständen 
zu einer Änderung der Statuten führen konnte. 

Aus dem in den vorhergehenden Seiten Gesagten er- 
hellt nun, daß die Handlungsfähigkeit des Vereines, welche 
schon mit seiner Willensfähigkeit gegeben ist, sich ent- 




108 Die VereinsorgaDe. — § 8. Bie rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


weder direkt durch eine unmittelbare Gesamthandlung der 
Genossenschaft in der Versammlung, oder indirekt in den 
Handlungen seiner Vertreter äußerte. 

Es ist selbstverständlich, daß ein Verein auch in den 
bescheidensten Verhältnissen nicht immer selber handeln 
kann, schon deshalb nicht, weil er nicht immer versammelt 
ist, sondern zur Versammlung zusammengerufen und in 
dieser geleitet werden muß. Daher kommt es oft vor, daß 
der Verein durch Stellvertreter, durch Organe in weiterem 
Sinne, seinen Willen äußert und Handlungen vornimmt. 
So „beauftragte die deutschrechtliche Genossenschaft seit 
uralter Zeit Stellvertreter, für sie zu handeln und es ent- 
standen genossenschaftliche Ämter (Gierke, Genossenschafts- 
recht II S. 489). 

Wir wollen uns nunmehr mit den Vereinsorganen 
befassen. Es muß sofort vorausgeschickt werden, daß das 
Wort Organ weder hier noch oben bei der Darstellung 
der Vereinsämter im technischen Sinne verwendet wird; 
es ist weder der deutsch-rechtliche Begriff des Organes 
der Verbandspersönlichkeit, ^ noch der römisch-rechtliche des 
Vertreters einer handlungsunfähigen juristischen Person^ 
damit verbunden. Wir verstehen vielmehr unter Organ den 
Vereinsbeamten. Wie ist aber die juristische Stellung der 
Veroinsorgane im griechischen Rechte und in den ptole- 
mäischen und römischen Papyri zu definieren? 

Schon Wenger, der durch seine Auffassung der griechi- 
schen Korporationen als juristische Personen auf einem 


' Gierke, Genossenschaftstheorie S. 614 ff. 

^ Vgl. vor allem die klassischen Worte in Savigny, System III 
S. 89: „Endlich sind alle juristischen Personen ihrer Natur nach und 
für immer handlungsunfähig.“ Ihm folgen die meisten Dogmatiker und 
Rechtshistoriker; dagegen und mit Recht Regelsberger, Pandekten, 
S. 826 ff. 



DieYereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung der VereiuBorgane. 109 


anderen Standpunkte steht als wir, spricht die Unmöglich- 
keit einer Trennung von Stellvertretung und Organschaft 
in der Antike aus (a. a. 0. S. 21 £P.). Auf seine vorbildliche 
Darstellung der Vertretung des Staates durch seine Organe 
im Rechte der Papyri hinweisend (a. a. 0. S. 18 — 41), wollen 
wir unsere Untersuchung auf das Spezialgebiet der Privat- 
korporatiouen beschränken, die öffentlich-rechtlichen Ge- 
nossenschaften jedoch oft zum Vergleiche heranziehen, 
indem wir uns stets vor Augen halten müssen, daß, wenn 
man auch von der Eigenstellung des Staates absehen will, 
es nicht zulässig ist, eine grundsätzliche, in allen Punkten 
durchgeführte Trennung zwischen öffentlichen und privaten 
Körperschaften anzunehmen, ohne zu Mißverständnissen und 
Ungenauigkeiten zu gelangen. 

Nach dem griechischen Verbandsbegriffe, der in der 
jtoiig nur ein Jikrj&og riov noXirmv sah (Aristoteles, Polit. 
III, 1 p. 1274 b) und in der Körperschaft nicht eine sub- 
stanzielle Subjektseinheit, vielmehr eine willens- und hand- 
lungsfähige Personengesamtheit, die höchstens formell als 
eine kollektive Einheit gelten dürfte, erblickte, war die 
Notwendigkeit der Bildung des Organbegriffes, im tech- 
nischen Sinne, nicht vorhanden, da man mit der gewöhn- 
lichen Vertretung ebensogut auskam. Der Verein war grund- 
sätzlich in der Versammlung willens- und handlungsfähig, 
er konnte sich aber in der Ausführung seiner Beschlüsse 
und sogar in der Fassung selbständiger Willensentschlüsse 
durch Mitglieder vertreten lassen, welche er selbst wählte 
und mit einer Vollmacht ausstattete, welche Vollmacht eben 
die Grundlage des Amtes bildete.^ Der Vertreter steht hier 
nicht selbständig dem Vertretenen gegenüber, er ist viel- 
mehr ein Teil desselben, nämlich der sich als kollektive 

^ Zum Vergleiche siehe die deutsch-rechtlichen Erscheinungen bei 
den alten Genossenschaften, Gierke, Genossenschaftsrecht II, S. 490 ff. 



110 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereineorgane. 


Einheit darstellenden Genossenschaft. Der Verbandsbeamte 
bringt nicht einen höheren, von seinem und dem seiner 
Genossen verschiedenen Willen zum Ausdruck, wenn er 
im Namen und für Rechnung des Verbandes handelt. Er 
ist nicht Hand oder Mund eines Organismus, wie bei den 
deutsch“rechtlichenVerband8persönlichkeiten(Gierke,Privat- 
recht I S. 472 f.), aber auch nicht Vertreter einer willens- 
und handlungsunfähigen, fingierten Person. Die griechische 
Rechtsanschauung bringt vielmehr eine eigenartige Ge- 
staltung des Rechtsinstituts mit sich, indem das Vereins- 
organ den Willen der Genossenschaft, deren Mitglied und 
Teil es ist, in folgender Weise zum Ausdrucke bringt: In 
jedem seiner Willensakte, in jeder seiner Handlungen will 
und handelt das Vereinsorgan für sich als Mitglied 
der Korporation, gleichzeitig aber auch als Ver- 
treter der anderen Vereinsgenossen. Indem er eben 
für sich und für die anderen, durch ihn vertretenen Ge- 
nossen will und handelt, äußert er den Genossenschafts- 
willen und handelt für die Genossenschaft, in derselben 
Weise wie diese selbst in der Mitgliederversammlung 
wollen und handeln kann. 

Dieser Gedanke der Vertretung der nicht handelnden 
Genossen durch den einen handelnden, tritt uns in den Ur- 
kunden lebendig und deutlich entgegen, indem die Genossen 
als wollend und handelnd neben dem Organ, als ihremV ertreter, 
angeführt werden. Die Sprache der Urkunden enthält be- 
züglich der Handlungen von Korporationsorganen folgende, 
das Vertretungsverhältnis ausdrückende Wendungen — wenn 
wir etwa als Beispiel 'älaoog und 'diaolrai wählen: 

1. 6 ’&iaoog diä tov deivog^ 

2. ol ^laoTxai did tov öeTvog, 

3. d deiva {ol öeivEg) xal 6 '^iaoog (bezw. ol '&iaohai)^ 

4. 6 deiva (ol Seireg) xal ol Xoinoi (^ladlrai). 


Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung der Yereinsorgane. 1 1 1 


Selbstverständlich ist, dem griechischen Verbandsbegriffe 
entsprechend, 1. gleich 2. und beide stimmen mit der all- 
gemeinen, privatrechtlichen Vertretungsformel durch die 
Präposition did vollständig überein (vgl. Wenger a. a. 0. 
S. 9 f.), so daß in diesem Falle ein sprachlicher Unterschied 
zwischen der Tätigkeit des Organes und eines Stellvertreters 
nicht zu entdecken ist.^ Für uns sind hier die Wendungen 

3. und 4. von Bedeutung, da durch dieselben unsere Kon- 
struktion der Korporationsvertretung bewiesen werden kann. 

Wir finden die erstere, das Schema d ÖEiva (oder ol 
delvEg) xal o ßiaoog (bezw. of 'ßinoTrai), in den alten 
griechischen Urkunden über Kauf- und Hypothekengeschäfte 
und auch in den Papyri aus Ägypten; sie ist also vom 

4. Jahrhundert vor bis zum 4. Jahrhundert nach Chr. be- 
zeugt. Ich erwähne zuerst die große Liste der ngdoEig aus 
Tenos (Recueil des inscr. jurid. I p. 63 ff.) aus dem 3. Jahrh. 
V. Chr., obwohl die Interpretation dieses Textes nicht ganz 
sicher ist. Unter den zahlreichen Parteien, die an den 
Käufen und Verkäufen beteiligt sind, werden oft xoivd 
genannt; vor deren Namen werden Einzelpersonen an- 
geführt, die man gleich als Organe aufzufassen geneigt 
wäre, da dies dem Schema 3. entsprechen würde. Eine 
nähere Untersuchung ergibt jedoch, daß diese Personen 
manchmal selbst als Parteien neben dem xotvöv^ welches dann 
ganz allein, ohne Erwähnung seiner Organe genannt wird, 
auftreten. Die komplizierte Natur mancher unter den in 
der Liste gebuchten Rechtsgeschäfte und die ganz lakonische 
Ausdrucksweise tragen auch zum Verständnis der Urkunde 
nicht bei. 2 Der Reihenfolge nach sind als Kaufgeschäfte, 

^ Vgl. Wenger, Stellvertretung S. 115. 

* Vgl. z. B. Hitzig, Griech. Pfandrecht S. 76, dem ich nicht zu- 
Btimmen kann. 




1X2 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der VereinBorgane. 


bei welchen Hoiva als Parteien genannt werden, folgende 
anzufiihren: zuerst Z. 24 f.: ^AXxio^evrjg [Ay'jXcolyelvolvg, 
Nijxödgojuog Nixo[S]i^juov Ax[ . . . ]og Arjjul^ . . . Jddou Oqvt^oioi 
xal xotvov ©«[amrojv? Aafw^tadibv; die drei 0vrjaioi können 
hier schon deshalb nicht Vertreter des xoivov sein, weil 
sie bei der Zahlung des Preises vom Vereine unterschieden 
werden, Z. 27 f. : xovxov icnlv xov ägyvQlov 0Qvi]\öicov d^.] 
i7ixaxoa\lat ißS]ojin^xovxa imä xeooageg dß[oXoß, Aajuviadöjv 
dg. [ne\vxaxoolai dexa; das xoivov ist also in diesem Falle 
ohne seine Vertreter genannt. Dagegen scheint es sich 
in Z. 59 f. und Z. 76 wohl um Vereinsorgane zu handeln, 
die vor den von ihnen vertretenen Körperschaften an- 
geführt werden, da hier (besonders Z. 59 f.) ^ eine Trennung 
der Parteien nicht zu konstatieren ist. Z. 59 f. enthält 

unter den ngaxrjgeg des Kaufes einen Ä'[ ] KkvfjievEvg 

xal XOIVOV xd)v Oiaoixaov xaxä ixaxov nevxT^xovxa (dp.), während 
im zweiten Falle das xoivöv und sein Vertreter als Ver- 
käufer erscheinen, Z. 76: [jiapjd [xov deivog^ ^Eoy^axid)\xov xal 
x^otv\()v ^A]yeo\jL\keid(bv engiaxo. 

Ebenso interessant sind die zwei Rechtsgeschäfte in 
Z. 1131f. : AgxvfiayogAgimdgypv "^HgaxXeidibv nagä Oeomicog 
ix TiTiokecog (sic) xal Agioxcdvaxxog Agioxoko^ov Oeoxiddov 
xal «o[t]voi5 Oeo^eviaoxibv ovvenaivovvxog xal ovvTicokovvxog 

Ev&vyivovg ingiaxo xrjv olxiav xal xd xcdgia ö ijigiaxo 

Geomevg xal Evßiog xal xoivov Seo^eviaoxcov nag* Evi^yevovg, 

dgaxjuojv dgyvgiov xgiaxooicov ovvenaivovvxog Evcpgd-- 

vogog. 

Oeonievg Geoniicog ix nokecog xal AgiaxcbvaS Agioxokoxov 
&eöxiddr]g xal xoivov [O^eo^eviaoxibv nag^ Agxv/bidxov Agi-- 

axdgxov ""Hgaxkeidolv^ dvengiaxo xd xd ndvxa öoa 

ingiaxo Agxvjuaxog nagd Oeoniecog xal Agioxcovaxxog xal 

* So auch Herausgeber in Recueil I p. 99. 



Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 113 


Hoivov 0€o^€viaoTÖJv ÖQa'/^ficbv TQtaxooicov ovvxo)govoT]g 

xal ovvsTtatvovorjg Mavrcbg Hiernach kauft das hoivov 

0Eo^Eviaox(bv von ^AgTviiaxog ein Grundstück zurück, das 
es ihm am selben Tage verkauft hatte; der Preis bleibt 
dabei unverändert. In der Urkunde wird erwähnt, daß das 
Hoivdv das Grundstück seinerzeit von Ei^&vyevrjg erworben 
hatte. Vor dem hoivov sind beim älteren Kaufe OeomEvg 
und Evßiog angeführt, während bei dem an einem Tage 
{Bov(povt(ovog TiEjiimEL lomfdvov) stattfindenden Verkauf und 
Rückkauf derselbe 0Eom£vg^ aber zusammen mit AgioTwva^ 
vor dem Verein genannt wird. Ich möchte mit den Heraus- 
gebern (Recueil p. 95 ff.) in diesen Personen Beamte des 
Vereines sehen, die ihn beim Abschlüsse der Kaufgeschäfte 
zu vertreten hatten. Es erscheint mir nicht zulässig, an 
Miteigentum dabei zu denken. Selbstverständlich ist Oeo- 
niEvg entweder länger im Amte als seine zwei anderen 
Kollegen, oder aber er ist zweimal gewählt worden. * 

Ältere Beispiele einer solchen Vertretung einer Ge- 
nossenschaft durch ein Organ — möglicherweise den Vor- 
stand — haben wir in den zahlreichen cpudat ^^EXEvi%QiHaL 
aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrh. v. Chr., worin Vereine 
als Freilasser genannt werden. Unter den vielen Fällen 
sei hier IG. II, 772 b, col. 2, 21 ff. erwähnt: Nixiag .... djro- 

^ Richtig dazu die Interpretation der Herausgeber I p. 95 ff. ; ebenso 
Ziebarth a. a. 0. S. 180 f. bezüglich des Rechtsgeschäftes. 

^ Vielleicht meint auch Ziebarth a. a. 0. S. 180 dasselbe, wie soll 
man aber dann die Worte: „Demnach haben S. und ’Aq. und xoivöv zu- 
sammen die oixia und die ;fa)p/a besessen“ verstehen? A. A. ist Hitzig 
a. a. 0. S. 76. 

* Über die cpidkai E^eXevd^Egixai, die von Freigelassenen der Athena 
geweiht wurden, vgl. Köhler in Mitteil. d. deutsch, arch. Inst. III (1878) 
S. 172 ff. und neuerdings Tod in Annual of the British School of Athens 
Vin (1901/02) S. 197 ff. Das Verhältnis zur 6ixr] dnooxaolov: bei Lipsius, 
Att. Recht S. 623 f. 

San K i c o 1 b . Ägyptiaehes Vereinswesen II. 8 




114 Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 


(pvyojv ^ikoxQdxrjiy) ^Em7tQaxo{v) *Eleval(yiov) xal xoivd{v) 
iganorojv xcb^ jbiexä Oeocpgaoxov Bai^vkkov Xokagyicog. Der 
Verein der Eranisten, dessen Gründer (oder Vorstand?) 
Theophrastos ist,i ist der Freilasser und wird durch Philo- 
krates vertreten (im Prozesse djioaxaoiov?). Die anderen 
Inschriften desselben Typus hat Ziebarth a. a. 0. S. 35 f. 
gesammelt. 2 Überhaupt ist diese Form der Vertretung in 
Griechenland häufig, vgl. das schon erwähnte xoivöv xöjv 
Avakeojv^ IG. II 1, 600, 4flf. : xaxä xdÖE sjuio&cooav xö 
TO M. o[[] (pQaxQtaQyoi Ka[^kk^ixk{^)g ""AQioxEtdov M. xa[l 
Af^oTtEMrjg Aio(pdvxov M. \xci\l xd xoivdv AvakEcov. 

Wichtig sind für uns die Papyrusurkunden: Im Jahre 
104/3 V. dir. verpflichtet sich, nach P. Grenf. 1, 31, Nechoutes 
zur Rückgabe eines erhaltenen ödveiov von 7^6 Artaben 
Gerste xoTg dEÖavEiojuEvoigf EgiavovTiig xal ol ovv'd'iaocxai 
{lAEQiavovm xal xoig ovv{>iaotxaig)j Z. 4fif., wobei r/ ngä^ig 
Eoxco EQiavovm xal xoTg ovvihaoixatg äx xcbv Nsyovxov xxk. 
(Z. 15 f.). In P. Gen. 70 (--= Wilcken, Chrest. Nr. 380) aus 
dem Jahre 381 n. Chr. verpachtet das xoivöv des Dorfes 
Philadelphia gewisse Ländereien einem Soldaten der 
5. Legion. Vertreten ist das Dorf durch vier Personen, 

^ Die Form xoivov twv . . . /4m'x ... ist häufig; ich möchte darin 
nicht einen Terminus der Vertretung, sondern eher die Bezeichnung des 
Gründers oder Vorstands sehen, sowie bei den vielen Hypothekensteinen: 
IG. II, 1119; IG. II 5, 1140b; IG. II, 1147; 111148; Dittenb. Syll.ni,824; 
IG. II, 1110; ohne nachfolgenden Namen: IG. II, 1111; Recueil Inscr. 
jurid. VIII § 59 S. 116 und gr. Inschr. Nr. 2 in Revue £t. gr. XV (1902) S. 140. 
Merkwürdigerweise spricht Poland a. a. 0. S. 29 allen diesen sgaviorai, 
§iaocüTai und ogyEäjvet; die Vereinsqualität ab; ich vermag den Grund 
dafür nicht zu sehen. 

* Allerdings ist seine Textwiedergabe nicht immer kritisch (Poland 
a. a. 0. S.28,3): IG. II, 768, 8 flf.; 21 ff.; IG. II, 778, col. 2 vs. 2 f.; IG. 
II, 775 B vs. 1 ff.; IG. II 775b, 20 ff; IG. H, 775 d A, col. 1 vs. Iff.u.a.m. 
Auch diese xoivd Egavioiwv sind nach Poland keine Vereine. 




Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 115 


SO daß die Subskription dann lautet (Z. 16flf.): Avgtjiioi 
^AfAjJiVJViavbg xal ZaQfxdTY}[g^ xai Movofjg xal *Aodeig x\a.l t]o 
xoivov r^g xcofjirjg. Ein ähnlicher Pachtvertrag ist im P. 
Gen. 69 (386 n. Ohr.) erhalten. ^ 

Am interessantesten für den Begriff der Organschaft 
ist aber Schema 4, das bei allerlei öffentlichen und privaten 
Körperschaften bis in die späteste byzantinische Zeit nach- 
weisbar ist. So ist in B6U 471, 1 (3. Jahrh. n. Chr.) eine 
Zahlung der Korporation der Weber der xcb/xrj "ESajiorajuog 
(vgl. Bd. I S. 101) folgendermaßen gebucht: Jingd yegdlcov 
di{d) Axeiovg WevoßdoTEaK xal rmv Xoi7i(7)v, während in P. 
Gen. 42 (224/5 n. Chr.) zwanzig Staatsbauern ein Überein- 
kommen für sich xal tc7)v loiJi(7)v 6rjf.iooUov xal ovoiaxcbv 
xal 7igooodixc7)v yeogywv xcf)jüL7]g ^daöe^cplag abschließen und 
in P. Lond. II S. 188 f. (142 n. Chr.) ein dvtiygacpov äva- 
cpogiov an einen Vertreter xal rötg koinoig xXijgovy^oig des 
Dorfes Kerkesoucha adressiert ist. Weiter erhält in P. 
Mon. 2 von 578 n. Chr. ein tiro seine probatoria durch 
das xoivöv Tü)v Jiganevüvrayv rov dgi/üjuov tTov OTgaxuorayv 
Tov cpgovgiov EXeq)avrLvi]g. Die Vertretungsformel lautet in 
der Unterschrift, Z. 16 ff.: <PX{avi()i) . . . folgen die Namen 
von acht ögdivägioi, xal ol Xomol ngiooEg dgi^/Liov EXe- 
fpavTtvrjg,^ Dasselbe Verhältnis ist auch bei den Priester- 
korporationen (darüber Otto a. a. 0. I S. 23 ff., S. 38 ff.) 
anzutreffen: Eine Eingabe der Priester von Soknebtynis 
an den Präfekten ist in P. Teb. 302, 2 f. (71/2 n. Chr.) wie 
folgt stilisiert: rwv öelvcov . . .] xai ro)v Xoincbv tfgecov 

JiagaÖox^juojv xtX,^^ wahrend in P. Teb. 309, 7 ff. (116/7 

' Dazu Weuger a. a. 0. S. 115 und Waszynski, Bodeupacht S. 24 
und 257. 

* Dazu Wenger, P. Mon. I S. 45. 

* Ebenso BGU 296, 3 ff. (219/20 n. Chr); Ttaoä AvqtjXCcov . . . twv 
jTEvze xai x(bv XotTiwv iegicov^ 




116 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtlicke Stellung der Vereinsorgane. 


n. Chr.) der Petent sich roTg dixa TtQsoßvreQoig Ieqbvol &nö . . . 
xal Tolg Xoi7i{dig) leQevo{l) wendet und in P. Teb. 313, 7 fif. 
(210/1 n. Chr.): ol deZre? (Vertreter) xal oi Xoi\no]l 
den Empfang von elxooi mfi^Eig ßvooov bestätigen. Auf die- 
selbe Weise leisten zwei Vertreter xal ol Xomol lEQEig x(oiuYjg 
Zoxvonaiov Nfjoov eine ä conto-Zahlung den Steuererhebern, 
P. Amh. 119, 5flf. (200 n. Chr.). 

Als Beispiele des gleichen Vertretungsschemas bei den 
öffentlich-rechtlichen Körperschaften sei vorerst auf P. Amh. 
151 (610 — 40 n. Chr.), eine Daneionsaufnahme mit General- 
hypothek für sämtliche Bürger der xm^y] Taxot^ hinge- 
wiesen; der Vertrag wird durch vier Vertreter abgeschlossen: 
dl y]jLiöjv lIxaXiov . . . xal twv X\o\L7i(bv xrrjroQCOv rfjg avjfjg 
xcüjutjgJ Weiter quittiert in P. Lond. I S. 222 f. (= Wilcken, 
ehrest. Nr. 8) die Dorfgemeinde des faijümischen Dorfes 
Kdjiuvoi dem Pagarchen im Jahre 639/40 n. Chr. den 
Empfang der Bezahlung für gewisse Leistungen. Die Dorf- 
gemeinde (ol djio rrjg xcdjurjg)^ handelt durch ihre nQEoßv- 
TEQOi xal imkg tcov Xoincbv rfjg aimov xcojurjg (Z. 11). 

Die Vertretungsformel ol öeiveq (Vertreter) xal ol Xomoi 
ist aber, wie schon Wenger a. a. 0. S. 113 ff. treffend er- 
kannt hat, durchaus nicht den Körperschaften und 
Vereineneigen, sondern begegnet überall, wo eine 
Mehrheit von Personen durch eine, oder mehrere 
aus ihrer Mitte vertreten wird; ein genossenschaft- 

' Wenger, Stellvertretung S. 115; Braßlofif in Sav.Z. 25, S. 301 f. 

* Bezüglich der xTijioQEg — possessores — und die gleich zu er- 
wähnenden JtQojToxwfirjTai vgl. Wilcken, Grundzüge S. 84; Geizer, Stu- 
dien zur byz. Verw. Ägyptens S. 64 f.; Maspöro, Bull, de l’Inst. d’archdol. 
Orient. VII (1908). Sie bilden in P. Cairo Cat. 67001 (514 n. Chr.) zu- 
sammen mit den owrehoral die xoivoxrjg des Dorfes (darüber vgl. unten 
Term.). 

® Über die Dorfgenossenschaft: oi äno xfjg xeof^rjg oder xoivöv xfjg 
x(ofi7]g vgl. unten Kap. Term. 




Die Vereinsorgane. — §8. Dirf rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 117 


liches Band braucht zwischen diesen Personen nicht vor- 
handen zu sein. Daher finden wir sie bei den verschie- 
denen Genossenschaften der Steuererheber und anderer 
fiskalischen Pächter,^ bei den kollegialisch organisierten 
Behörden oder Organen von Korporationen.* 

Ich möchte zum Schlüsse dieser Übersicht bemerken, 
daß auch noch in den koptischen Rechtsurkunden der 
griechische Sprachgebrauch bei der Vertretung von Kor- 
porationen, besonders beim xoivov xrjg xwfirjg genau ein- 
gehalten wird. Auch hier sind die Verfcretungsformeln 
verschieden: in PER. II, 134, einer Pachturkunde aus dem 
7./8. Jahrh., werden die Vertreter xal lö xoivov tcov änb 
rfjg xdofxrjQ als handelnd angeführt, Z. Iff.: ne yenoTTi 

iii^H n KocMÄ. «.gÄ. zwei andere Vertreter unine nnen 
TiMi THpfi cnc^ci (wir schreiben); dasselbe 

* So lauten die Quittungen; AiFyQ(axi)av) X. xai ol ^(ouroi) jtgdx- 
(rogss) Kagavidog, BGü273,5f. (148 n. Chr.); BGU 617, 1 ff. (215 n. Chr.); 

Avg, AiS. xai rocg Aotjr(o?c) jiiioO(anacg) xon(fjg) tgi^og xai 
Xsigova^tov ; ebenso P, Amh. 119, 4 (200 n. Chr.): FJtmjgrjraig ; P. Fay. 
58, 4 ff. (155/6 n. Chr.): eyxXi^fj.Jirogoi; vgl. auch P. Lond. II S. 111 f., 2 
{2./3. Jahrh. n. Chr.); in BGU 121, 1 ff. {= Wilcken, Chrest. nr. 184) heißt 
es: jragä Aovxgeivov xai Xaß[Fivot} , . . tmv ß] xai n7)v ^[od^(w)') ßaoi’ 
XlxCjv xgani^El^ixCüv) xxX. 

2 Vgl. bei den oixoXoyoi BGU 188, 6 (286 n. Chr.); BGU 835, 4 (216 
n. Chr.); BGU 716,5 (224 n. Chr.); bei den ngsoßmigoi xcofirjg^ P. Fay. 
39,3 ff. (183 n. Chr.): jiagd K. xai ^üg. xai ["//.] . . . xajv dxxd) xai xujv 
XoiJi(wv) Jxg£aß{vxFg(ov) xm/urjg ßEad£X(p{ag; dazu Wenger a. a. 0. S. 113 f.; 
ebenso P. Giss. 109, 13 ff. (ca. 130-140 n.Chr.); P. Lond. II S. 117 ff., 

1 ff. (136 n. Chr.); P. Oxy. 918, col. 11, 12 (2. Jahrh. n. Chr.); P. Amh. 
109, 12 ff. (185/6 n. Chr.); BGU 842, col: 2,7; col. 6, 7 (187 n. Chr.); 
schließlich auch in spätbyzantinischer Zeit bei den xoofidgxaiy die das 
XOIVOV xüöv 7ig(oxoxcofx7jx(ov von Tdxova vertreten: P. Oxy. 133, 8 ff. (550 
n. Chr.); vgl. noch BGU 772, 1 (2. Jahrh. n. Chr.) aus römischer Zeit. 
Aber auch bei den xgsoßvxsgoi der Priesterkorporation von Soknebtynis 
finden wir in P. Teb. 309, 28 ff. (116/7 n. Chr.) eine ähnliche Vertretungs- 
weise. 




118 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 


in PER. II, 140, Iflf. (8. Jahrh. n. Chr.). In PER. II, 145 
(S.Jahrh. n.Chr.) dagegen lautet die Überschrift: TKomtoTHc 

nn€nü)(^M ^oihejviMion [. . .Jtc igMOvn ^iTOOTit evnon ne- 

enco^ Mn nee (?) [. . .] nd^ccn(x)(^M, also die «ot- 
voTfjg des Dorfes did fjficjv TI. TIv. xal tojv lomebv (?) dnö 
T^Q xcofirjg. Anders wiederum in Crum-Steindorif KRU. 108, 
einem deugeaanxov, worin die xoivöri^g xeov äno rfjg xcbjLiYjg selbst 
handelnd auftritt, vgl. Z. 12f.: Tn^oMoAonc d^non TKimoTHc 
THpc ^pM^K^.cTpü)^ n-sHMe, „ofiokoyovfiev^ wir die ganze 
Korporation xibv dno xcojutjg von Djeme“ (Theben). Ebenso 
in Crum CO. 407 und 408 aus Köm Ombo, beide Z. 4 ff. : 
ei^non thhuiothc THpc mutoot TncTOJxe* ; und ebenso in KRU. 105, 

24 flf. : «wnon rtimc THpq ^iTnitCTA&.hecT/T/ npech/ 

THCToi^ei eiiei%*.pTHc i 

Aus den vorgelegten Texten kommen wir zum Re- 
sultate: von den vier genannten Vertretungsformen, die 
nicht etwa zeitliche Entwicklungsstufen darstellen, sondern 
nebeneinander in den Urkunden Vorkommen, veranschau- 
licht das zuletzt besprochene Schema 4, oi datvsg (Ver- 
treter) xal ol koiTioi (d^iaoTrai)^ die Stellung der Vereins- 
organe am besten. Auch bei diesem, wie bei den drei 
ersteren, ist ein Unterschied zwischen Privatvertretung 
und Organschaft nicht wahrzunehmen, ein sicheres Zeichen, 
daß letztere der antiken Denkform nicht zum Bewußtsein 
gekommen ist, und zwar nicht einmal in Rom, trotzdem 
dort die Scheidung zwischen ius publicum und ius privatum 
mehr ausgebildet war, als in den anderen antiken Rechten. 
Nur gelegentlich sei hier bemerkt, daß m. E. auch für das 
römische Recht bezüglich dieser Trennung mit Vorsicht 
zu operieren ist, will man nicht moderne, philosophische 

* Vgl. Crum, Catalogue of Coptic Mas. Nr. 1227 : ä-hoh niKomon 
THpfeq [nJ-reeMOVi cncö.i (sic); vgl. noch Nr. 1041. 




Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 119 


Anschauungen ins antike Recht hineinbringen. Als Ar- 
gument dafür, dafs im römischen Recht zwischen Organ 
und Stellvertreter nicht unterschieden wurde , möchte 
ich auch diejenigen Stellen im justinianischen Gesetzes- 
werke verbringen, worin die Organe von Gemeinden oder 
sonstiger Korporationen den tutores oder curatores gleich- 
gestellt werden. 1 Es mag befremden, daß ich den Beweis 
auf diese Weise zu führen versuche, da die Vertreter der 
herrschenden Lehre, nach welcher die römischen juristischen 
Personen willens- und handlungsunfähig waren, dieselben 
Stellen zusammen mit denen, worin „res publica iure mi- 
norum uti solet“ vorkommt, zur Stütze ihrer eigenen Theorie® 
verwerten. M. E. darf man aber gewisse allgemeine Grund- 
sätze nicht aus den Augen verlieren, wenn man den Quellen 
das richtige Verständnis entgegenbringen will. In Rom 
hatte die Anerkennung der Stellvertretung mit den aller- 
größten prinzipiellen Schwierigkeiten zu kämpfen: wenn 
auch schließlich die gesetzliche Vertretung zugelassen 
werden mußte, ist dies bei der gewillkürten, abgesehen 
von einzelnen Rechtsgeschäften, ^ grundsätzlich nie der Fall 


' D. 13, 5, 5 § 9 (Ulpianus): Si actori municipum vel tutori pupilli 
vel curatori furori vel adulescentis ita constituatur municipibus solvi 
vel pupillo vel furioso vel adulescenti, utilitatis gratia puto dandam 
municipibus vel pupillo, vel furioso vel adulescenti utilem actionem; 
vgl. noch D. 39, 2, 17 § 2 (Ulpianus); D. 2, 14, 14 und 15 (Paulus und 
Ulpianus) ; D. 4, 6, 22 (Paulus) ; C. J. I, 8, 32 (Impp. Leo et Anthemius, 
a. 472); Nov. Just. 131, c. 15 (a. 545). 

* Vgl. Gierke, Genossenschaftsrecht III S. 157 f., 163 u. ö. ; ebenso 
die dort Zitierten. 

^ Selbstverständlich ist auch die Prokuratur auszunehmen; darüber 
vgl. Schloßmann, Besitzerwerb durch Dritte S. 89ff.; Mitteis, Privat- 
recht S. 282 ff.; Bonfante in Studi dedicati a Fr. Schupferl S. 1 ff. ; Rabe! in 
Festschrift für Zitelmann S. 6 ff. des S. A. Der vermeintliche Gegensatz 
zwischen actor und procurator ist m. £. nicht überall konsequent durch- 




120 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


gewesen. Wenn in Rom eine Vertretung begegnet, so han- 
delt es sich dabei fast ausschließlich um eine gesetzliche, 
und es ist daher klar, daß, wenn neuere Formen aufkamen, 
diese den bjereits anerkannten bestehenden Typen an die 
Seite gesetzt wurden; daher der Vergleich des actor civi- 
tatis oder municipum mit dem Vormund und Kurator und 
dann aus dieser, übrigens nicht genau durchgefürten Gleich- 
stellung, der Grundsatz: res publica minorum iure uti solet.^ 
Es ist weiter nicht zu vergessen, daß auch hier die zu nor- 
mierende Tatsache vor dem Rechtssatze existiert haben muß: 
die Verbände besaßen Organe, welche für sie handelten; in 
Rom kam eine regelmäßige Vertretung nur bei der Tutel, 
Kuratel und den verwandten Fällen vor; ein Vergleich beider 
Gruppen lag, wie bezüglich der Vertreter, auch hinsichtlich 
der Vertretenen nahe; daher wiederum die Aufstellung 
des Satzes: res publica iure minorum uti solet. Eine um- 
gekehrte Reihenfolge im Werdegang des Rechtes erscheint 
mir auch hier, wie immer, unwahrscheinlich. Es ist selbst- 
verständlich, daß, wenn einmal der Rechtssatz eingebürgert 
ist, dann Rückgriffe und analoge Anwendungen auch in 
umgekehrter Reihenfolge verkommen können, was aber 
die primäre Entstehungsordnung nicht beeinträchtigt. Die 
Annahme der Willens- und Handlungsunfähigkeit der juri- 
stischen Personen scheint mir mit der mangelhaften Ge- 
staltung der Stellvertretung, welche das römische Recht 

geführt worden, vgl. z. B. D. 4, 3, 15, §§ 1—3 (Ulpianus); D. 13, 5, 5, 
§§ 6—8 (Ulpianus). 

^ Vgl. C. J. II, 53, 4 (Iinpp. Diocletianus et Maximianus, a. 285): 
Res publica minorum jure uti solet ; C. J. XI, 30, 3 (Imp. Alexander s. a.). 
Nach D. 4, 6, 22, § 2 (Paulus): quod edictum etiam ad furioses et ad 
infantes et civitates pertinere Labeo ait; dazu Pernice a. a. 0. I S. 287. 
Inwieweit hier möglicherweise eine Interpolation vorliegt, wollen wir 
nicht untersuchen. 




Die Vereinsorgane. ~ § 8. Di# rechtliche Stellung derVereinsorgane. 121 


grundsätzlich nur bei willens- und handlungsunfähigen 
Rechtssubjekten für möglich hielt, in engem Zusammen- 
hänge zu stehen und bloß eine theoretische Folgerung aus 
anderen geltenden Rechtssätzen zu sein. Daher wird man 
leicht begreifen können, daß in den Ländern griechischen 
Rechtes und vornehmlich in Ägypten, wo die Vertretung hand- 
lungs- und willensfähiger Personen durchwegs zulässig war, 
die Basis für solche theoretischen Ausbildungen fehlte. Ich 
möchte infolgedessen wiederholen, daß der Gedanke der 
Stellvertretung für die richtige rechtliche Auffassung des 
Verbandsbegrüfes und insbesondere der Privatkorporationen 
von ungemein großer Wichtigkeit ist. 

Nach dieser etwas langen Digression kehren wir zu den 
Vertretungsschemata in den Papyri zurück. Wir haben 
oben gesagt, daß ein Unterschied zwischen Organschaft 
und Privatvertretung nicht wahrzunehmen ist. Bei der 
Vertretung von Vereinen hatte das Vereinsorgan dieselbe 
Stellung wie der Stellvertreter bei der privatrechtlichen 
Vertretung einzelner Personen, nur daß das erstere, da es 
selbst Träger genossenschaftlicher Rechte war, nicht nur 
für seine Mitgenossen, sondern auch gleichzeitig für sich 
handelte, was aber auch z. B. bei dem geschäftsführenden 
Gesellschafter der Pall ist. Die Mitgenossen (pl lomoi) 
werden als mit ihm zusammen wollend und handelnd an- 
geführt und werden in ihrer Abwesenheit durch ihn ver- 
treten, wie es in P. Lond.I S. 222 f. aus dem Jahre 639/40 
n. Chr. heißt: öl fifnov [rmv nQ\eoßvxeQ\(jov xibv xai 

nagovTcov xai tovg X6\yo]vg noioviihcDV vnkq xe iavxcbv xal 
vTiEQ x(bv Xomcbv xrjg avxwv xcbfjirjg xwv ^\ßi\ {pialQovxmv 
(Z. 6ff.). Jede vom Organ für sich und seine Mitgenossen vor- 
genommene Handlung gilt als Handlung der Korporation, 
genau als ob diese selbst in der Mitgliederversammlung 
gewollt und gehandelt hätte, und dies aus dem Grunde, 



122 Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliofie Stellung der Vereinsorgane. 


weil der Vertreter und die Mitgenossen zusammen 
eben den Verein bilden. Aus der erwähnten Urkunde 
ersieht man auch, daß das Organ, da es selber Träger 
von genossenschaftlichen Rechten ist, bei seiner Vertretungs- 
handlung nicht nur fremde, sondern auch eigene Interessen 
versieht, denn es heißt ja deutlich: öi fjfi&v xwv nQeoßv- 
rercov . . . vtieq te eavrcov xal vtzeq tojv XotTtcbv rrjg avxcbv 
xcüfirjg^ Siebenhundertfünfzig Jahre früher haben wir die- 
selbe Anschauung in P. Grenf. I, 31 (104/3 v. Chr.), wo 
Erianoupis und Mitgenossen, als ^/aaog, ein Darlehen geben; 
auch hier handelt Erianoupis allein und vertritt dabei die 
anderen Mitglieder, avv&taoixaiy Z. 4 f. ; dedaivEo/uEvoi 
vovmg xal ol ovvi%aoixai; die Exekution, die dem Verein 
für seine Forderung zusteht, gehört tatsächlich wieder dem 
Erianoupis und Genossen: ^ de TiQä^ig eoxiv Egiavovm xal 
xoig ovv^iaoLxaig^ Z. 14 ff. 

Schema 3: ol deivEg (Vertreter) xal xd xotvov darf uns 
nicht zur irrigen Vorstellung verleiten, daß das xocvov 
neben den Vertretern hingestellt werde, als ob die Organe 
und der Verein zwei selbständige voneinander unabhängige 
Größen wären und nicht die ersteren ein Teil des zweiten. 
Auch bei Schema 3 ist die Rechtsanschauung eine leben- 
dige, eine konkrete: vertreten wird nicht der Verein als 
eine abstrakte Einheit oder höhere Person, sondern die 

' Über die Präposition vtieq vgl. Wenger a. a. 0. S. 12; sie dient 
ausschließlich zur Bezeichnung des Stellvertretungsverhältnisses, vgl. 
P. Flor. 81, 14: äl^oig vtieq avtov = roTg tiüq^ avrov (Z. 11), ebenso P. 
Oxy. 722, 27 ff. (91 oder 107 n. Chr.). Dasselbe gilt auch für die un- 
genaue Ausdrucksweise ovofiaTog^ die ja dem römischen nomine ali- 
cuius agere entspricht, vgl. Wenger, Stellvertretung S. 87, 1 und 223 f.; 
Hupka, Haftung des Vertreters S. 9; Schloßmann, Besitzerwerb durch 
Dritte S. 81 f.; Mitteis, Privatrecht S. 205, 3. Die zweifache Bedeutung 
der Zahlung vtieq zov dsTva, vom Zahler gesagt, hat Preisigke, Giro- 
wesen S. 156 ff. treffend erklärt. 



Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung der Yereinsorgane. 123 


Übrigen Mitgenossen (außer den Vertretern), die mit ihnen 
die Gesamtheit, den Verein, ausmachen. Daher ist Formel 
3 — 4, was auch am besten daraus erhellt, daß beide in 
einer und derselben Urkunde, bei der gleichen Vertretungs- 
handlung Vorkommen können. Wir zitieren wieder den 
Papyrus über die Kriegsrüstungen im 7. Jahrh. n. Ohr. Es 
heißt dort in Z. 5 ff. (P. Lond. I S. 222 f.) : [ol djro] xcojbiYjg 
Kaiiu[vo)\v ... dt* ^fjLwv [tcdv 7io\eoßvTEQ[cov ... es folgen 
etwa vierzehn Namen . . . tojv xal TiagovKov xal xovg },6[yo^vg 
TioLotJfjiEvcov vjiEQ TE EavTcov xal vjiEo Ta)v koiTiöjv xtL, Weiter 
aber in Z. 12f. : nEJiXrjQcbo'd'ai . . . ufiijv tojv öoß'Evzcov 
nag^ '^ficbv amtdv xov xoivov xfjg elgrjfiivrjg rjjuojv 

xcojurjg Eig diatpögovg ötavofxdg xxL 

Grundlage der Vertretungsbefugnis ist normalerweise 
das Amt. Ich sage „normalerweise“, weil die Korporation 
auch andere Vertreter bestellen kann, die für sie handeln 
dürfen und nicht Vereinsbeamte zu sein brauchen. Das 
kam öfters vor, und als solche sind m. E. die Mitglieder, 
die zum Abschlüsse eines einzelnen Rechtsgeschäftes, oder 
zur Vornahme einer bestimmten Handlung bestellt werden, 
zu betrachten. Es erscheint mir fraglich, ob eine solche 
einmalige exzeptionelle Tätigkeit als Amt zu bezeichnen sei, 
indem m. E. als Korporationsamt eine solche Vertretungs- 
befugnis anzusehen ist, die durch die Verfassung geschaffen 
ist und deren Wirkungskreis in der Verfassung bestimmt 
wird, sich folglich als eine dauernde Einrichtung darstellt, 
während die oben genannten Stellvertreter bloß dazu be- 
rufen sind, die Gesamtheit bei einer bestimmten Willens- 
äußerung, oder bei einer bestimmten Handlung zu ver- 
treten, sich also durch das Einmalige und Vorübergehende 
ihrer Befugnis und durch die Beschränkung ihrer Tätig- 
keit auf einem bestimmten Akt charakterisieren. So be- 
schließt, um ein öffentlich-rechtliches Beispiel anzuführen. 





124 Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtlichö Stellung der Vereinsorga^e. 


die Gemeinde Arkesine, anstatt sich ihrer rajLilai zu be- 
dienen, daß zwei Bürger das Darlehen von Praxiteles in 
Empfang zu nehmen haben, Recueil inscr. jurid. XV A, 6f.: 
öavetoxcjv ek&ovxmv dajuooiai IJQcoxojudxov xal zito[. . ,^ovg 
xax\a\ xd y)i^(pio/uLa 3 eljie AV[7^aa])'dpac; ebenso in XVB, 6f.: 
dar^Eioxcbv aiQE'&evxcDv drjjiiooiai xov ÖEivog xxL Diese Leute 
vertreten die Gemeinde bloß bei der Entgegennahme des 
Darlehens und wenn dies stattgefunden hat, hört ihre 
eigentliche Tätigkeit auf: sie haben nur noch für die Ein- 
meißlung des Vertrags in eine Stole innerhalb der bestimmten 
Frist zu sorgen; vgl. XV B, 51 f.: ^6 ovyyQacpi^v xr/vdE 

avayQay>Avx(DV ol davEioxal Eloxykrjv Xi'd^tvfjv xai i^evxcüv Etg x6 
Ieqov xyg^'HQagy ebenso XV E, 12 f. Mit dem Darlehen haben 
sie nichts mehr zu tun, die Zahlung der Zinsen war Sache 
der xafiiai, die dem Darlehensgeber dafür auch haften 
mußten (vgl. XV A, 9 ff.; XV B, 11 ff.). Exekution durfte 
gegen die davEioxai^ etwa als primäre Schuldner, nicht ge- 
führt werden, sie hafteten nur wie jeder andere Bürger, 
da das Darlehen mit Solidarhaftung sämtlicher Einwohner 
und Metökon von Arkesine aufgenommen worden war.i 
Ebenfalls als spezielle Vertreter möchte ich die jigooaiQE- 
i^hxEg jLiExä xov EJiijuElrjxov ''A(pQoöio(ov xrjg JiQoaoixoöojulag 
xov IEQOV xovA/x/iicovog in Dittenb. Syll.^ II, 723, 5 ff. {'d^laoog) 
und in ähnlichen Fällen auffassen. Jedenfalls aber ist ein 
Unterschied in der Natur und in den Wirkungen der Hand- 
lungen der „eigentlichen Vereinsbeamten“ und der er- 
wähnten „außerordentlichen Stellvertreter“ nicht vorhanden 
und es ist bloß als eine theoretische Folgerung aus all- 
gemeinen Prinzipien zu betrachten, wenn Gierke, Privat- 

^ Über die Stellung der Saveiorai in diesen Verträgen vgl. Heraus- 
geber des Recueil I S. 327 ff. Über die Exekutionsklausel und die 
Solidarhaftung aller Bürger, vgl. dortselbst S. 882 If. und Mittels, Reichs- 
und Volksrecht S. 407 ff. 



Dy Vereios organe. — § 8. Dy rechtliche StelluDg der Vereinsorgane. 125 

recht IS. 519 mit Bezug auf moderne Verhältnisse sagt: 
„Eine derartige Vertretung der Körperschaft durch eine 
andere Person, bleibt von ihrer Vertretung durch ihr 
Organ grundsätzlich verschieden.“ Praktische Folgen hat 
das wohl kaum und Gierke selbst gibt zu, daß oft Zweifel 
entstehen können, ob ein Verhältnis der einen oder der 
anderen Art vorliegt. Ich möchte dabei bloß auf deutsch. 
HGB. § 235 hinweisen; vgl. Gierke, Privatrecht I S. 512, 72. 

Dies vorausgeschickt, kehren wir jetzt zu den eigent- 
lichen Vereinsam torn zurück. Dabei möchte ich zunächst 
einiges über den Ursprung des Amtsbogriffes bei den für 
uns in Betracht kommenden Genossenschaften in und außer- 
halb Ägyptens erörtern. Bei unserer Auffassung des Vereines 
als Gesamtheit der Vereinsmitglieder, die wollend und han- 
delnd in der Genossenversammlung auftreten können, er- 
gibt sich eigentlich von selbst, daß man das Amt als eine 
Vollmacht und den Beamten als Bevollmächtigten ansehen 
muß. Das war nach Gierke^ auch bei den genossenschaft- 
lichen Beamten des alten germanischen Rechtes der Fall, 
da sie eben Willensvertreter der Gesamtheit, der sinnlich- 
konkreten Versammlung der Genossen waren. Durch die 
Wahl, oder durch jeden anderen Bestellungsakt ermächtigt 
der Verein in der Mitgliederversammlung seine Beamten 
zur Vornahme einer Reihe von Handlungen, die er selbst 
aus praktischen Gründen nicht vornehmen kann, da er 
nur periodisch oder selten Zusammentritt. Der in der 
Bestellung liegende Auftrag bestimmt den Inhalt des Be- 
amtenwillens, welcher entweder direkt durch die Versamm- 
lung oder durch die Statuten umgrenzt wird. Da aber die 
Statuten durch den in der Genossenversammlung verkör- 
perten Verein festgesetzt worden sind und von ihm ab- 


Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 490 f. 



126 Die Vereinsorgane. — § 8 . Die rechtliclj^ Stellung der Vereinsorgane. 


geändert werden können, läuft schließlich die Fülle der 
Befugnisse, die einem Beamten kraft der Statuten zustehen, 
auf eine Vollmacht seitens der den Verein darstellenden 
Mitgliederversammlung hinaus. Überdies ist ja jeder Vereins- 
beamte für seine Amtsführung der Mitgliederversammlung 
verantwortlich, vor der er sein Amt nach Ablauf der Zeit 
niederzulegen hat.^ 

Freilich kann man nicht feststellen, inwieweit publi- 
zistische Anschauungen hier einen Einfluß ausgeübt haben. 
Ägypten war ja von jeher eine absolute Monarchie und 
hatte den Begriff eines selbständigen Amtes ausgebildet; 
seine Staatsgewalt stand zweifellos einer Bildung von festen, 
unabhängigen Ämtern auch bei den Vereinen günstig gegen- 
über. Zur Frage des Amtes als Pflicht oder als Recht läßt 
sich aus unseren Urkunden wohl wenig beitragen. Immer- 
hin scheint mir der Gedanke der Vollmacht bei den Vereins- 


^ Vgl. IG. XII 3, 330, Z. 286 ff. (210 — 195 v. Chr.): st öe xa akXov 

ekrjxaL ro xolvov yQa/iifiazocpt’Xaxa, djiodMoei xcot mge^evxi fxex^ avxov h 
ovXkoycoi dl djiokdyov; Dittenb. Sylt* II, 641, 45 f. (3. Jahrh. v. Chr.): xni 
xfji ÖEvxegai Xoyov djio{ö)dvxa)oav (oi ejit/n^inoi) jxgd xov ö/j/nov xxX.; vgl. 
weiter Dittenb. Sylt* 727, 16 ff. (278/7 v. Chr.): öeöcbxaoiv dk Xdyov xai 
Ttdvxwv wv dimixrjxaoiv , . . . dedöx^ai xoTg i^iaocdxaig, EJtaivtoai xxX . ; 
IG, II, 611 , 9 f. (300/299 v. Chr.) ; IG. II 5, 623 c 6 f. ; vgl. auch Dittenb. Sylt* 
II 1, 641, 46; dazu Ziebarth a. a. 0. S. 148 f. und Poland a. a. 0. S. 423. 
Vgl. auch die römischen Beispiele, Bruns, Fontes’ Nr. 178, 2 ff.: [Cui 
magisteriujm ex h(ac) l(ege) capere gerere licebit, s[i is magister factus 
erit, ei, nisi luci palJam in conlegio aquae paticabulura, quo die mag(i- 
stei'io) [abibit, iuraverit se hoc conlegium rejmque hoiusce conlegi, quod 
quidquid penus sese venit, [recte administravisse, neque se adversus h.] 1. 
fecisse scientem d(olo) m{alo) in suo magisterio, suosque prohibuisse, 
[quo minus adversus h. 1. facerent, quod eius satjis sit a(8sium) D multa 
esto; Fontes’ Nr. 177, 10 ff. (167 n. Chr.): seque eis, qui presentes fuerunt, 
rationem reddedisse, et si quit eorum (h)abuerat,reddedis8et sive funeribus, 
et cautionem suam, in qua eis caverat, recepisset; vgl. Waltzing a. a. 0. 1 
S. 404 f. 




Die Vereinsorgane. — §8. Die)|rechtlic}ie Stellung derVereinsorgane. 127 


ämtern das Ursprünglichere gewesen zu sein. Man könnte 
eine Stelle in den Statuten der oft angeführten Kultgenossen- 
schaft des Sobk von Tebtynis vielleicht in dieser Richtung 
interpretieren, dem. P. Cairo Cat. 30606, 25 (158/7 v. Chr.); 
30605, 25 (157/6 v. Chr.); 31179, 26 f. (148/7 v. Chr.), ob- 
wohl die demotische Ausdrucksweise ziemlich ungenau ist. 

Wir kommen nun zu den Wirkungen der Vertretung 
durch die Vereinsbeamten bei den ägyptischen Kor- 
porationen. Die herrschende romanistische Lehre, von der 
Willens- und Handlungsunfähigkeit der Vereine ausgehend, 
schließt selbstverständlich die Möglichkeit der unmittelbaren 
Vornahme einer Rechtshandlung seitens eines collegium aus. 
Die Vereine werden durch ihre actores vertreten und können 
nur durch diese handeln. Da im römischen Rechte der Grund- 
satz galt, daß die direkte Stellvertretung durch freie Per- 
sonen unzulässig sei, konnten die Vereine aus Kontrakten, 
die durch ihre Vertreter abgeschlossen worden sind, nur 
subsidiär mit prätorischer A"" klagen und haften, ebenso 
wurde der Prozeßvertreter der Korporation Prozeßsubjekt. 
Es galten dabei dieselben Grundsätze, die bei der Ver- 
tretung der Gemeinden zur Anwendung kamen, abgesehen 
natürlich von den sich aus dem publizistischen Charakter 
der Gemeinden ergebenden Rechtsvorschriften. ^ Nur aus 
der mangelhaften Ausbildung der Vertretungsidee läßt sich 
z. B. der Rechtssatz erklären, daß die Gemeinde, der Verein 
und auch die societas nur dann für ein von ihren Organen, 
beziehungsweise vom geschäftsführenden Gesellschafter für 
sie aufgenommenes Darlehen zu haften hatten, wenn das 
Geld tatsächlich in die Kasse eingezahlt worden war. Man 
mußte also zum Rechtsgrunde der Bereicherung greifen, 

* Mitteis, Privatrecht S. 402f., 380 £F.; Gierke, Genossenschafts- 
recht UI S. 163 ff. 




128 Die VewiDsorgane. — § 8 . Die recHtli^e Stellung der Vereinsorgane 

um eine Haftung des Vertretenen zuzulassen. Die lex 27, 
D. 12, 1 (ülpian) sagt ausdrücklich: Civitas mutui datione 
obligari potest, si ad utilitatem eius pecuniae versae sunt, 
alioquin ipsi soli, qui contraxerunt, non civitas, tenebuntur.^ 
Hervorzuheben ist hierbei, daß dieser Rechtssatz mit 
der juristischen Person und ihrer Handlungs- 
unfähigkeit als solcher nichts zu tun hat, sondern 
bloß aus der formellen Ungültigkeit der Stellver- 
tretung durch libera persona entstanden ist, so 
daß genau dasselbe Prinzip auch bei der societas 
gilt, denn es sagt Papinian in D. 17, 2, 82: Jure socie- 
tatis per socium aere alieno socius non obligatur, nisi in 
communem arcam pecuniae versae sunt. Für die Vereine 
wichtig ist in diesem Zusammenhänge eine vor kurzem 
veröffentlichte Inschrift (Forschungen in Ephesos, publ. vom 
österr. archäol. Inst., Bd. II gr. Inschr. Nr. 23). Sie enthält 
ein Reskript der Kaiser Marcus undVerus aus dem Jahre 
162/3,2 an den koyioxrig der Gerusie von Ephesos ^ über 

* Über diese Stelle haben sich die Glossatoren im Mittelalter den 
Kopf zerbrochen; vgl. Glossa zum 1. c., welche die Geltung der lex ci- 
vitas auf alle Korporationen ausdehnt: idem dici seiet in quibuslibet 
omnino collegiis; die Ansichten der Kanonisten, Legisten und der späteren 
Praxis hat Gierke, Genossenschaftsrecht III S. 335, 339 f., 486 ff., 737 
zusammengestellt. Die romanistische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts 
hat diese Stelle wieder herausgeholt und ihr verschiedene Deutungen 
gegeben, je nachdem sie in die einzelnen Systeme paßte oder nicht; 
vgl. Savigny, System II S. 294; Pernice, Labeo 1 S. 288 f.; Kleinschrod, 
Über 1. 27 Dig. de reb. cred., Heidelberg 1851 ; Dernburg-Sokolowski, 
System d. röm. Rechts I S. 112, 4; Windscheid-Kipp, Pandekten®, II § 370, 
16 u. a. m. Gierke, Privatrecht I, S. 526, 44. 

Zur Datierung vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 508 adn. 1. 

® Über die ysQQvaia in Ephesos vgl. L4vy, Revue lilt. gr. VIII (1895) 
S. 203 ff. Liebenam, Städteverwaltung S. 565 f. und das neue inschrift- 
liche Material, u. a. Foraihungen in Ephesos II, gr. Inschr. Nr. 20; Nr. 28 
und die große Stiftungsurkunde des C. Vibius Salutaris, jetzt zusammen- 
gesetzt in Nr. 37. 



Die Vereinsorgane. — § 8. Di| rechtliche Stellung derVereinsorgane. 129 


verschiedene Angelegenheiten dieser wichtigen Korporation. 
Die für uns in Betracht kommende kaiserliche Entscheidung 
betrifft folgenden Rechtsfall : Der servus publicus Saturniiius 
hatte Forderungen der yegovola einkassiert und das Geld 
ganz oder teilweise veruntreut. Wie er zur Eintreibung 
berechtigt war, ist uns nicht gesagt, wahrscheinlich war 
er servus actor des Synedrion^ und hatte dabei seine Voll- 
macht überschritten (vgl. Z. 34: cß jTQooijxov tjv). Die 
Kaiser entscheiden, daß diesen Zahlungen nur dann libe- 
rieronde Wirkung zukommen soll, wenn das Geld in die 
Kasse der Gerusie entrichtet worden ist; im gegenteiligen 
Falle müßte die Korporation zuerst im peculium oder son- 
stiger Habe des drj/uoöiog Befriedigung suchen, wenn aber 
dieses riieht ausreichte, durfte sie unter Wahrung des Rechtes 
und mit Zuhilfenahme dos Präfekten von ihren Schuld- 
nern unbedingt wiederholte Zahlung verlangen.* Die 
Kaiser scheinen sich der Härte dieser Vorschrift für den 
Schuldner wohl bewußt gewesen zu sein, nichtsdestoweniger 
aber schärft Kaiser Alexander später nochmals dasselbe 
Prinzip ein, C. J. XI, 40, c. un. : Cautiones servorum publi- 


^ Über ovviÖQiov hier gleich yEQovoin vgl. L6vy a. a. 0. S. 231, 8. 

* Vgl. Z. 30ff. : El f.ih> yd() ri F.larjveyxFv, (ov a[jietki](psv, ovö' äXXo] 
TiaQo. Tovto eh] öidq^ogov, ori ovy, (o jTQOoi]xev, eöooav oi Sdineg, oidv tl 
xai 6 [xQdxiorog f)ye]jiicov ev ror(<r) iSioig xfjg ijfiexeQag olxlag koyiojiioTg 
TiQooexa^ev (pvXdooe[oi9ac, yxo^lg Tof5] ßkdTixeodai xiva xaid x?]v xa>v Jigoo- 
d)JiO)v haXXaytjV t(ov djieiXtjijydiwv, [xdre ovöe'luia JiagijxoXoviXrjaev, 

Et [,5]J xdxeivoL Seöioxaoiv, to fiy Tigoofjxor »}r, x\ai 6 djioXa]ßu)V tt)(pdrioev 
xa xo[fuo{}evxa, xoxe], ev fiev xi evgioxotxo iSiov y eyiov r) xaxaX£[XotJid)g] 
ixeivog, xd öy 7iQooa[yoQev6fievor jTe]xovXior, xovxo ovX.Xe^aoi^ai näv dq?e{- 
Xetg' [ft x«[t] ovTcog vji'eg xy\y 8vv\a.]iiv ry[%' e)cei]vov jrgoadeT xi xy 
yegovola xd>v E!o7XQay&evi]ü)y {l]7i avxov xai xaxEny[y/i]EV(ov, £Jiiyv\(b]i^cov 
d xgdxioxog dv{Xv 7 iaxcg y£VEo\pio 6^iöao[x6]iE}vo^l^n6 öov, Tigog ov[oxi]vag 
ijraveAi !^ f [ tT '] oe öeiv x6jv exei'vco xaxaßEßXyx6xw[v, öiaHQtvcov*^] xai ex xov 
XQovlov rov ]iE'\xa^v xai x[cl)]v [atxY\y)^v xxX. 

San Nicolo, Ägyptisches Veroinswesen II. 9 




130 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 


corum ita demum firmam securitatem debitoribus praestant, 
si curatorum adsignantium vel eorum quibus exigendi ius 
est auctoritate subnixae sunt. § 1. Cum autem is qui ex- 
solvisse dicitur solam scripturam actoris suscipientes pe- 
cuniam promet, ea tantum defensio consuevit admitti, si 
quod exsolutum est rationi rei publicae profecisse 
doceatur. § 2. Sane curator vester si fraude servi constiterit 
effectum, ut interciperentur a curatore illatae a debitoribus 
quantitates, de peculis eius quod eo modo deest restituet. 

Diese kurzen Ausblicke ins römische Recht sollen bloß 
zeigen, wie eine erneute Quellenuntersuchung bezüglich 
der Organschaft bei den römischen juristischen Personen 
noch manche Ergebnisse liefern dürfte. Im Rechte der 
Papyri bestehen übrigens diese Schwierigkeiten nicht, denn 
einmal sind dort die Genossenschaften nachweislich willens- 
und handlungsfähig, und zweitens gelten dort infolge der 
Anerkennung der direkten Stellvertretung die Handlungen 
der Korporationsorgane ohne weiteres als Handlungen der 
Korporation, denn diese wird daraus verpflichtet und be- 
rechtigt. 

Die Vertretungstätigkeit der Korporationsorgane äußert 
sich hauptsächlich in zweifacher Richtung: erstens beim 
Abschlüsse von Rechtsgeschäften und bei der Vornahme 
von Leistungen, und zweitens als Prozeßstellvertretung bei 
der Vornahme von prozessualen Handlungen für die Ge- 
nossenschaft. 

Was das erstere Gebiet anbelangt, so finden sich im 
außerägyptischen griechischen Rechte und in den Papyri 
Beispiele genug dafür. Gewissermaßen als einen Muster- 
fall der Vertretung möchte ich die Darlehensurkunden von 
Arkesine (Recueil inscript. jurid. XV A und B) anführen, 
denn in dieser Hinsicht ist zwischen öffentlichen und 
privaten Körperschaften kein weiterer Unterschied zu 



Die Vereinsorgane. — § 8. Die j^echtliche Stellung der Vereinsorgane. 131 


machen. Die Darlehensverträge werden zwischen den von 
der Stadt zu ihrer Vertretung gewählten daveimai und den 
Darlehensgebern abgeschlossen. > Schuldner wird aber dabei 
sofort und ausschließlich die Stadtgemeinde, oder deutlicher 
ausgedrückt, sämtliche Bürger und Inwohner von Arkesine. 
Die Gläubiger haben im Falle des Zahlungsverzuges das 
Recht, sofort Exekution gegen die solidarisch haftenden 
Gemeindeinwohner, wie gegen Privatscliuldner, zu führen.* 
Die daveiarai, welche Vertreter beim Vertragsabschluß ge- 
wesen sind, haften als solche weder selbständig, noch soli- 
darisch mit der Stadt für das empfangene ddveiov^ sie 
können vielmehr nur in ihrer Qualität als Bürger, gleich 
jeder anderen Person in der Gemeinde, vom Gläubiger 
exequiert werden. ^ Hier ist die Wirkung der Handlungen 
des Korporationsorganes für den Vertretenen so klar und 
scharf formuliert, daß es einer weiteren Erörterung gar 
nicht bedarf. 

Sehr zahlreich sind die Beispiele in den Papyri; da 
wir sie schon oben bei der Erörterung der einzelnen Ver- 
tretungsformeln besprochen haben, so beschränken wir uns 
hier darauf, die Schlüsse aus dem bereits behandelten 


' Vgl. Recueil inscr. jurid., gr. loschr. XV A, 6 f. : öaveioxwv 
dafxoaiai nQ(x}xo^d%ov . , . ;vaT[d] x6 ö eIjie ; gr. 

Inschr. XV B, 6f. : dav^sioxwv aiQE^h\x(x)v xxX.] dazu Herausgeber I, 
S. 327 f. 

^ Vgl. Inschr. XV A, 22 ff. : 'Edv öe dnobwoiv x6 aQyvQiov xaxd 
Ta ‘yEyQaf^f^Eva, d)fxoX6y?]oay xal Öisd^Evxo ^ÄQXEOiVEig öcpEikEifi Uga^dx^lEX 
E^ xdXavxa' xal e^eoxco Jigd^aoüai Uga^ixlEi xavxa xd ^gd^Ei 

:^dotji f[«] xe xüjp xoivcbv x[ci)]v ’*Agx[E]oivEO}v Jtdvxwy xai ex xatv \l\di(ov 
xüjv AgxEaivsüJv Ä:[a<] e\x xöjv] olxovvxxov ev AgxEoiviji xai e^ kvdg [«]«d- 
oxov äjxav xd dgyvgioy \x^al djidvxcovy xgojKoty (o dv imoxrjxai, xa&djtEg 
bixrjv dxpXrjxdxcov h xfjt exxXi^xcoi xxX. ; vgl. XV B, 26 ff. 

* Es ist von den bavsioxai übeihaupt nicht mehr die Rede, vgl. 
Herausgeber I S. 328 und oben S. 124. 


9 * 


132 Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtlyhe Stellung der Vereinsorgane. 


Material zu ziehen. Schon der Umstand, daß die Ver- 
tretung der Vereine und Korporationen in genau derselben 
Form stattflndet, wie die private direkte Stellvertretung, 
deutet darauf hin, daß auch sachlich kein Unterschied 
vorhanden ist und daß die Handlung des Vertreters die 
Genossenschaft selbst berechtigt und verpflichtet. Weiter 
darf man auch im Vertretungsschema 3 : ol delveg (Vertreter) 
xal TO xoivöv (bezw. ot '&iaoa>Tai) und in 4: ot öeTveq (Vertreter) 
xal ol Xomoi {d^iaocDTai) in klarer Weise denselben Gedanken 
ausgesprochen sehen: Die Handlung des Vertreters 
geschieht für und auf Rechnung des Vertretenen; 
aus einem durch ein Organ abgeschlossenen Vertrag er- 
wirbt die vertretene Genossenschaft selbst Rechte, wie 
auch die Pflichten ihr zufallen. Ist das Anführen des xoivov^ 
beziehungsweise der abwesenden Xomoi neben dem Ver- 
treter der Gesamtheit nicht der beste Beweis dafür, daß 
der Vertrag für die Genossenschaft als solche, für die Ge- 
samtheit der Genossen, abgeschlossen wurde? Wenn in 
P. Grenf. I, 31 (104/3 v. Ohr.) der Erianoupis und ol ow- 
i%aohai als Darlehensgeber angeführt werden (in Wirklich- 
keit wird wohl der Erianoupis allein gehandelt haben, 
außer es liegt ein Gesamtakt der Genossenschaft vor), so 
werden doch die Mitglieder des ’&'uwog Gläubiger und die 
jzQä^ig gegen den Nechoutes steht ihnen zu,^ wenn sie sich 
auch bei der Führung der Exekution wieder ihres Vor- 
standes bedient haben werden. Ebenso schließen zwei- 
einhalb Jahrhunderte später in P. Lond. II S. 191 f. die sechs 
fjyovfiEvoL der Priester des Soknopaios einen Pachtvertrag 
über eine dem Tempel gehörige Mühle ab. Verpächter ist 
aber die vertretene Priesterkorporation, denn ihr ist das 
geschuldet, Z. 15f. : änddojoig Excpoqiov (sic) seg to 


Vgl. oben S. 114 u. 122. 


Die Vereinsorgane. — § 8. Die nächtliche Stellung der Vereinsorgane. 133 


Tiktjd^og^ erog ägyvgiov dga^judg xxL^ wenn es auch in 
Wirklichkeit den fjyovfiEvot gezahlt werden wird. Man 
könnte noch ein Dutzend ähnlicher Fälle nennen, aber ich 
finde eine Wiederholung der obenS. 115f. angeführten Papyri 
müßig. 

Dieselbe Vorstellung wie beim Abschlüsse von Rechts- 
geschäften liegt auch der Prozeßvertretung von Genossen- 
schaften zugrunde. Nach griechischem Rechte lassen sich 
die Korporationen vor Gericht entweder durch ihre Be- 
amten ^ oder durch eigene, in der Genossenversammlung 
dazu gewählte Organe, avvötxoi oder exöixoi genannt,® 
vertreten. Es ist wohl zu bedauern, daß uns so wenig Ur- 
kunden über Prozesse von Korporationen, insbesondere von 
Vereinen erhalten sind. Aber auch aus den spärlichen 
Nachrichten läßt sich die Bestätigung des Grundsatzes ge- 


^ Vgl. auch P. Teb. 310, 3f. (186 n. Chr.): exy^oyQfjoe reo 7iXr\{^i xojv 
if.QEoyv\ über nlfj^og vgl. unten Kap. Terminologie. 

* Vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 182; Poland a. a. 0. S. 404; Meier-Schö- 
mann-Lipsius, Att. Prozeß S. 759 ff., 767 f. 

* Beide Ausdrücke kommen in alter Zeit bei öffentlichen und pri- 
vaten Körperschaften gleichmäßig zur Anwendung; vgl. für ovvbiKog in 
Dittenb. Syll.2 II, 432, 18 f. (4. Jahrh. v. Chr.); Syll.» I, 304, 9 (2. Jahrh. 
V. Chr.).; Or. Gr. II, 629, 15 (137 n. Chr); IGR. III, 883; D. 3, 4, 1, 2 
(Gaius); D. 3, 4, 6, 1 (Paulus); D. 43, 24, 5 § 10 (Ulpianus); D. 50, 4, 
18, 13 (Arcadius Charisius); IG. III 1, 23, 36 (die Eranistai von Alopeke); 
vgl. für Exdixog: Dittenb. Syll.MI, 928, 28 (2. Jahrh. v. Chr.) ; Or. Gr. II, 
458, 64 (augusteische Zeit); IG. IX 1, 61, 7; Cic. ad fam. XIII 56, 1; 
Plinius ad Trajan. ep, 110; IGR. 1, 729, 3; IGR. III, 50, 8 (102-114 n. Chr.) ; 
u. a. m., vgl. Poland a. a. 0. S. 404 f. Mit Recht nimmt Liebenam, Städte- 
verwaltung S. 303 f. einen Unterschied zwischen ExSixog und atfvSixog 
der Städte in römischer Zeit an; vgl. IGR. III, 64 u. a.; ebenso neuer- 
dings P. Ramadier in l^tudes offertes ä Girard I S. 259 ff. (La reprösen- 
tation judiciaire des citös); über den Exöixog, defensor civitatis vgl. 
Brandis, Pauly-Wissowa V, 2160 f.; Wileken, Grundzüge S. 81; Mitteis, 
Grundzüge S. 31 und die dort Zitierten. 



134 Die Vereinsorgane. — §8. Die rechtliche Stellung derVereinsorgane. 


winnen, daß auch hier, wie bei der Vornahme sonstiger 
Rechtshandlungen, die Organe die Genossenschaft direkt 
vertreten haben, so daß letztere selbst im Prozesse Partei 
war und die Prozeßvertreter nur als Vertreter der ab- 
wesenden Gesamtheit der Genossen verhandelten. Im Rechts- 
streite des Kultvereines der ElxadeXg^ wird der Verein, be- 
ziehungsweise, genauer ausgedrückt, die Gesamtheit der 
Vereinsgenossen, ausdrücklich als Partei genannt. Es heißt 
in IG. II, 609, 7 ff. (324/3 v.Chr.): (sc. eneiör] uvag) wTg dixa- 
Cofievoig Eixadavoiv ovvdtxovoiv vjtavavua xdig Elxadevoiv xal 
fjLEiiaQxvQTqxaotv Inl xov dixaoxrjQiov am ßXdßai xov xoivov xov 
Eixadecjov ipevöeTg juagxvQiag xxX., die pflichtvergessenen auv- 
dixoi der prozeßführenden Eixaöeig hatten zu ungunsten des 
von ihnen vertretenen Vereines Zeugnis abgelegt, scheinen 
aber dabei nicht die Wahrheit ausgesagt zu haben, denn 
jetzt strengt der Vereinsbruder Polyxenos gegen sie die 
dixY} %i)avdofmQxvQia}v an. Für diese Tat erhält er vom 
Verein einen Kranz, und eine Kommission von drei Mit- 
gliedern wird bestimmt, die ihn in der Durchführung des 
Prozesses unterstützen soll (Z. 12flf.). 

Im Rechte der Papyri werden die Genossenschaften 
ebenfalls durch ihre Organe vor Gericht vertreten. Die 
Vertretung kann, wie bei der Prozeßstellvertretung ein- 
zelner Personen, nur eine direkte sein;^ der Prozeß wird 
für und gegen den Verein, die Korporation geführt. Die 
Einführung des römischen Prozeßrechtes in Ägypten hat 
dieses griechische Institut nicht umgeworfen und etwa die 
römischen Prinzipien an seine Stelle gesetzt. Das zeigt 
uns ein Prozeßprotokoll der Genossenschaft der Weber und 

' Über die EiHadFl; vgl. Ziebarth in Pauly-Wissowa V, 2098 und 
Vereinswesen S. 182. 

* Ich verweise hier bloß auf die vortreffliche Darstellung von Wenger, 
Stellvertretung S. 122—156. 



Die Vereinsorgane. — § 8. Die rechtliche Steilung der Vereinsorgane. 135 


Walker des Arsinoitischen Gaues zur Zeit des Marcus und 
Verus, P. Teb. 287 (= Wilcken, Chrest. Nr. 251). Obwohl 
in diesem fragmentarischen Stücke die direkte Vertretung 
nicht ausdrücklich erwähnt wird, läßt sich doch aus dem 
Texte deutlich herauslesen, daß die gesamten Genossen 
der Zunft als Partei, für und gegen welche der Streit ging, 
angesehen wurden. Der Rhetor Longinus führt für die Ge- 
nossenschaft die Verhandlung, 1 ganz wie bei der Prozeß- 
vertretung einzelner Personen. ^ 

Da wir über die Haftung der Vereine für rechtswidrige 
Handlungen ihrer Organe unten Kap. VI sprechen werden, 
so erübrigt sich hier noch, von den Handlungen korpora- 
tiver Organe zu sprechen. Wir haben schon oben S. 54 f. 
gesehen, daß der Vorstand eines Vereines manchmal aus 
einer Mehrheit von Personen bestand {fxrjviaQxony nQoeorcbxBg^ 
TZQsoßiksQoi) und daß auch bei anderen Korporationen 
(Priestergenossenschaften, xoivov Ttjg xcoiirjg) solche kollek- 
tive Organe {nQeoßvxeQoi) bestanden haben, S. 115 ff.; 117, 2. 
Es ist klar, daß die Genossenschaft nur durch eine Gesamt- 
handlung des Kollektivorganes vertreten werden kann, was 
aber nicht zur Folge hat, daß bei der Vornahme der Hand- 
lung alle Organteile mitwirken oder zugegen sein müssen: 
es kann vielmehr auch innerhalb des Organes eine Ver- 
tretung stattfinden. Diese Vertretung ist ebenfalls eine 
direkte und der vertretenen Korporation gegenüber haften 
wohl alle Organteile gleichmäßig, nur innerhalb des Or- 
ganes wird es manchmal zu einer eventuellen Regreßnahme 
der nicht handelnden gegenüber den handelnden Organteilen 

' Vgl. P. Teb. 287, 16 f.: Aovyeiveg gi^x[coQ eiJiev' iv[h]vxov 

ö[of] ol övvfjyoQovfjLBvoi . . .; vgl. Z. 8ff.: oi fik]v e/[öt] yvaxpeig o[i (5e] ßa- 

...; (Z. 6): EVETvxov xco rjys/iövi xal ävE7iE[j.y)EV avzovg xxkr, Vgl. 
Z. 15 u. ö. 

* Über den Rhetor im Prozeß vgl. Wenger a. a. 0. S. 150 fif. 


136 Die VeröiDSorgane. — § 8. Die rechtliche Stellung der Vereinsorgane. 


gekommen sein. Schon Wenger hat a. a. 0. S. 113 f. auf 
diese Verhältnisse aufmerksam gemacht, ich brauche da- 
her hier bloß darauf hinzuweisen und ein oder zwei Bei- 
spiele zu nennen. In P. Fay. 39 (183 n. Chr.) berichten die 
7tQ€oßvT£Qoi des Dorfos Theadelphia an den Steuerpächter. 
Die Adresse lautet Z. 3flf.: Tiagä K. xal ""üq. xal "H. xal 
NixdvÖQov ^Qgiyivovg d[t]d rov nargog ""Qgl^yhovg xal xal 
A. xal IT. xal M. twv oxto} xal tojv Xol7i{ü)v) ngEoßiyxegayv 
xcofirig 0Ea6el(piag. Wirklich gehandelt haben hier bloß die 
acht genannten Ältesten, während der Rest des Kollegiums 
durch sie vertreten wird. Ebenso in P. Lond. II S. 117 f. 
a.d. J. 136 n.Chr. (= Wilcken, Chrest. Nr. 272): die Adresse 
lautet Z. Iff. : .Soxjurjvig ZoxfiiqvEog xal ^Amcov ^HgaxXEidov 
\xai\ Axgrig Ihd^Ecog xal Ajiokkconog Acoöcogov xal Ilaoo^ig 
^Hgäxog xal ^'ügicov ^Qgtcovog xal IlxoXXiwv Xaig'i^juovog xal 
*Hga)v KaXUov xal "'Hgcov IlgaxkEcSov xal Xagouiäg Mvodov 
xal ol Xoin(pi) JxgEo{ßvxEgoi) x(jOjU7]g Kag{avidog) xov x (Exovg) 
Adgiavov Kacoagog xov xvgiov ^QgUovi^Qgioovog ya^igEiv), Von 
den ngEoßvxEgoi der xch/iirj sind hier zehn genannt, die anderen 
mit ol Xomoi bezeichnet. Aber auch die zehn, nominatim an- 
geführt, handeln nicht alle, im Gegenteil: der^Qglcov'Qglayvog 
ist sogar Adressant und Adressat zu gleicher Zeit, was deut- 
lich darauf hinweist, daß die Adresse bloße Formel war. Ge- 
handelt haben hier in Wirklichkeit bloß vier, wie man aus 
der subscriptio Z.21 flf. ersieht; der eine der Ilaoo^ig "Hgäxog 
war durch seinen Vater vertreten, öid xov 7iaxg[dg] 

Z. 21 f. 


Drittes Kapitel. 

Das Verefnsvermögen. 

Wir kommen nunmehr zur Besprechung des Vermögens 
der Vereine. Jede Genossenschaft hatte wohl auch im Alter- 
tum ihre Genossenschaftskasse, in Rom arca collegii, arca 
communis genannt, aus welcher die gemeinsamen Auslagen 
bestritten wurden. Außerdem aber besaßen die meisten 
Vereine noch sonstiges Vermögen, unbewegliches und beweg- 
liches, dessen Ertrag, insoweit er nicht speziellen, stiftungs- 
mäßig bestimmten Zwecken zugeführt werden mußte, in 
die Vereinskasse floß. Wir wollen hier zuerst den Grund- 
besitz und das bewegliche Vereinsvermögen, dann die 
übrigen Einnahmequellen der Vereinskasse betrachten und 
zum Schlüsse eine kurze Darstellung der wichtigsten ge- 
meinschaftlich zu tragenden Ausgaben geben. 

§ 9 . 

Vereins vermögen in engerem Sinne. 

Ziebarth a. a. 0. S. 158 ff. und Poland a. a. 0. S. 452 ff. 
haben gezeigt, daß der Grundbesitz für das Bestehen und 
die Entwicklung der Korporationen in Griechenland eine 
sehr wichtige Rolle gespielt hat und aus einem lichtvollen 
Kapitel in Guiraud, La propriete foncihre en Gröce,' er- 
fahren wir, welchen großen Anteil an Grund und Boden 
die Vereinigungen besessen haben. Was in den zitierten 
Werken von Griechenland gesagt wird, gilt wohl größten- 


Guiraud, Propridtd fonci^re S. 382 ff. 



138 Veremavermögen, — § 9. Vereinavermögen in engerem Sinne. 


teils auch für die übrige hellenistische Welt, soweit nicht 
mit der Zentralisierung der Landbewirtschaftung durch 
die Staatsgewalt Einschränkungen gegeben sind. Letzteres 
bezieht sich nicht nur auf das Seleukidenreich, sondern 
auch auf manches andere kleinasiatische Königreich.^ 

Ebenso war das Immobiliarvermögen der römischen 
Collegia ein mächtiger Faktor ihres Glanzes, obwohl gleich 
zu bemerken ist, daß der größte Teil davon aus Stiftungen 
stammte, was zur Folge hatte, daß über die Verwendung 
der jährlichen Einkünfte genaue, oft bis ins Detail gehende 
Verfügungen vom Stifter selbst getroffen worden waren, 
ein Umstand, der den wirtschaftlichen Wert der Grund- 
stücke erheblich verringerte. 

Eigenartig gestaltet sich die Sachlage in Ägypten: unter 
den Lagiden galt der König grundsätzlich als Eigentümer 
des gesamten Bodens und damit war ja der Bildung von 
freiem Privateigentum von vorneherein ein unübersteig- 
bares Hindernis in den Weg gelegt. Auch das einzige, 
noch offen stehende Mittel: die Landschenkung seitens des 
Königs, scheint zu keinem vollen Eigentum für den Be- 
schenkten geführt zu haben, da er z. B. keine Herren- 
rechte gegenüber seinen Pächtern ausüben durfte, diese 
Rechte vielmehr dem Könige zustanden, der wahrscheinlich 
das Obereigentum an der Scoged behielt. * Unter diesen 
Umständen ist es wohl klar, daß, wenn trotzdem hie und 
da Grundbesitz von Vereinen begegnet, dieser, soweit es 
sich nicht um bloß gepachtete yfj ßaodixrj oder iv äcpeoei 
handelt, von keinem größeren Umfange sein kann und 
wohl mehr zu Kultzwecken verwendet, oder gar der Gott- 

^ Vgl. z. B. Diod. V, 45 f. (bezüglich des panchäischen Staates des 
Euhemeros: xa^^oXov yag ovöev i^eortv ldi(f xxi^aao^ai nXrjv olxlag xal 
xyjrov xxX. ; dazu Rostowzew a. a. 0. S. 282. 

* Vgl. oben Bd. I S. 143 ff. 



Das Vereinsvermögen. — Vereins vermögen in engerem Sinne. 139 


heit geweiht, als wirtschaftlich ausgenützt gewesen sein 
wird. Die Eroberung Ägyptens durch die Römer hat, wie 
wir oben gesehen haben, ^ große Änderungen in den Boden- 
verhältnissen des Landes mit sich gebracht. Obwohl jetzt 
in der Bildung von Privateigentum ein Aufschwung ein- 
tritt, der die Grundverteilung ganz verändern wird, ist 
uns auch in dieser Periode vom Grundbesitze der Korpo- 
rationen äußerst wenig bekannt. Noch spärlicher sind die 
Quellen für die byzantinische Zeit; die Zahl der Innungen 
und Vereine, besonders der Zünfte der Gewerbetreibenden 
aller Art, nimmt ungemein rasch zu; von einem Land- 
eigentum derselben kann man aber trotzdem kaum sprechen. 
Vereinzelte, nicht ganz sichere Beispiele berechtigen uns 
nicht, an eine ähnliche Situation wie in Rom zu denken, 
wo zu dieser Zeit der Grundbesitz der Kollegien, haupt- 
sächlich derjenigen, die der annona, oder allgemein der 
Staatsverwaltung dienten , eine bedeutende Ausdehnung 
hatte. ^ Ägypten tritt hierin wieder in direkten Gegensatz 
zu den römischen Verhältnissen. 

Schon aus diesen Gründen ist einer Darstellung des 
Immobiliarvermögens der ägyptischen Vereine ein geringes 
Ausmaß von vorneherein vorgezeichnet. Dazu kommt noch 
die Spärlichkeit des Materials. So ist mir aus ptolemäischer 
Zeit kein Fall in Ägypten bekannt, wo ein Verein land- 
wirtschaftlich ausgenützte Grundstücke besessen hätte. Die 
als Genossenschaft organisierte ägyptische Garnison auf 

' Oben Bd. I S. 145 ff. 

* Vgl. insbesondere die pistores: C. Th. XIV, 3, 13 (a. 869); XIV, 
3,19 (a. 896); für die fundi dotales, auch praedia pistoria genannt, vgl. 
Nov. Val. XXXIV (a. 451); Gassi od. Varia VI, 18; weiter für die navicu* 
larii, vgl. C. Th. XIII, 6: de praediis naviculariorum (— C. J. XI, 8); end- 
lich Nov. Theod. VI: de bonis fabricensium (a. 438); vgl. dazu Waltzing 
a.a.O. II S.296f.; 372 ff. 



140 Vereins vermögen. -- § 9. Vereinsvermöge n in engerem Sinne. 

Thera: ol Iv GriQai xaaodjULevoi orgaridnat bildet wohl hier 
eine Einzelerscheinung. Aus IG. XII 3, 327 (Mitte des 
3. Jahrh. v. Chr.) erfahren wir, daß der König der Ge- 
nossenschaft einige konfiszierte Ländereien geschenkt hatte, 
Z. 8 ff.: dovvai avrolg rd ävedYjjUfieva vno xov oixovö/biov elg 
xd ßaoihxdv x(OQia' x6 TEioayoqeiov xal xd Kaoxiveiov xal 
xd xaXovfXEva Kalhoxgaxeta xal d elx^ Ti^axQixa,^ Die Grund- 
stücke hatten ein jährliches Erträgnis von einhundertelf 
ptolemäischen Drachmen, Z. 12ff. : dcp' wv xdg nQooodovg 
ä7iE(paivEV yivEO'&ai xax’ iviamdv jTxolEjudixdg (dgax/idg) 

Deren Verwendung hatte der König selbst im Schenkungs- 
brief genau vorgeschrieben, Z. 14 f.: önoyg excooiv Eig xe xdg 
{hmag xal xd alEififia damiväv. Das Wort äkEijUjua läßt auf 
einen Zusammenhang der Stiftung und der orgaxiöjxai mit 
dem yvfivdoiov auf Thera schließen, was auch durch den 
Fundort der Inschrift bestätigt wird.^ Dieser vereinzelte 
Fall zeigt uns am besten, wie das ptolemäische Ägypten 
ein ganz anderes Bild bot als Griechenland, wo nicht nur 
die einheimischen, sondern auch viele ausländischen Korpo- 


* Mit dvalafißdvFiv wird die Konfiskation durch den Staat bezeich- 
net, vgl. auch BGÜ 992, col. 1, 6 (162 v. Chr.); derselbe Ausdruck wird 
auch für das Einziehen der bloß auf Lebenszeit ausgegebenen xXrjQoi 
gebraucht; vgl. Rostowzew, Kolonat S. 24 und öfters, Wileken, Grund- 
züge S. 282. 

2 Die Lesung ist richtig gestellt in Add. S. 320 zu IG. XII 3; vgl. 
auch Arch. I, 204 Nr. 13. 

* Es ist überdies auf der linken Seite der Stele eine einfachere 
Inschrift eingemeißelt, weiche die 168 Namen derjenigen verewigt, die 
während 5 Jahren einen jährlichen Beitrag von 16 Drachmen zur Be- 
streitung der Auslagen elg tt^v etiioxev^v tov yvi-ivaaiov gespendet haben. 

Es scheinen übrigens solche Landschenkungen an außerägyptische 
Garnisonen ziemlich oft vorgekommen zu sein, vgl. IG. XII 3, 466 (ca. 
204 V. Chr.) u. a. Es ist freilich fraglich, inwieweit diese Garnisonen 
einen genossenschaftlichen Charakter hatten. 




Das Vereinsvermögen. — § 9. Veremsvermögen in engerem Sinne. 141 


rationen Grundbesitz hatten: nur ein Beispiel sei zitiert, 
Dittenb. Syll.» 11, 551, 38flf. (333/2 v. Chr.): ded6x&at xS>i 
drjiJiOit, dovvat roTg ijUTioQOig rcov Kmemv ev>ct7]oiv ;f[cüJp/ou 
iv (Li lÖQVGOVTm x6 Ieqov xrjg ''Aq)Qodirrjg, xa&djieQ yal ol 
Alyvmioi xd xrjg ^loidog leQov lÖQvvxai. Ein Umstand sei hier 
noch erwähnt, der dem durch freigebige Donationen von 
Ländereien hervorgerufenen Aufblühen der Vereine im 
Wege stand: die Stiftungen von Todes wegen, die in 
Griechenland entweder bereits bestehenden oder neu zu 
gründenden Vereinigungen zugedacht zu werden pflegten, 
wurden in Ägypten, der alten nationalen Sitte gemäß, immer 
zugunsten der Priesterkollegien der verschiedenen Tempel 
gemacht und diesen übergeben. 

Häufiger ist in den ptolemäischen Inschriften von Grund- 
besitz schlechthin die Rede; der dabei zur Anwendung 
kommende Ausdruck ist r/mog. Wenn auch darunter, was 
übrigens nicht immer sicher ist, ein Grundstück zu ver- 
stehen sein wird,i so ist er doch von den Ländereien 
der griechischen und römischen Vereine getrennt zu halten, 
da er entweder als Mittelpunkt des genossenschaftlichen 
Lebens erscheint und mit dem Vereinshaus oder mit der 

^ Vgl. insbes. Poland a.a.O. S. 453, Anm. 6: „Tojiog bezeichnet auch 
bloß die „Stätte“, die durch mannigfaltige bauliche und sonstige Tätig- 
keit für die Zwecke der Genossenschaft zu einem Heiligtum, einer 
Opferstätte u. dgl. umgestaltet wird“ ; vgl. auch rojto? im Gegensatz zu 
olxr]TijQLa in einer Inschrift des ager Lindionum aus dem 1. Jahrh n. Chr., 
IG. XII 1, 937. Unrichtig ist bei Poland das Zitat IG. XII 3, 331, 42 f.: 

h' twi EmqmvEOTaxoji xojicoi zov yvfÄvaoiov y da hier zojiog allgemein für 
Ort genommen ist; vgl. z. B. Dittenb. Or. Gr. II, 737, 22. Andererseits 
kann der rojiog auch Baulichkeiten, die auf dem Vereinsgrundstücke 
stehen, bezeichnen; vgl. u. a. gr. Inschr. XV in Annales du Service 1918 
(S. 88 ff.), worin zöjzog dvotxoöofifj&rj steht, was wohl nur auf Baulich- 
keiten bezogen werden kann ; ebenso gr. Inschr. Nr. 228 in Keil-Premer- 
stein II (Wien. Denk. LIV, 1911). 



142 Das Vereinsvermögen. — § 9. Vereins vermögen in engerem Sinne. 

Kultstätte verbunden ist, oder aber solchen Zwecken dient, 
die zur unmittelbaren Vereinstätigkeit gehören: mit a. W. 
der xonoQ darf als produktives Land nicht angesehen werden. 
Das ergibt sich unter anderem auch daraus, daß der rdjrog 
oft der Gottheit geweiht ist, z. B. bei zwei Epheben- 
vereinigungen aus dem Faijüm; Lage und Dimensionen 
des Grundstückes sind dabei genau angegeben, vgl. Or. 
Gr. I, 176, 4flf. (98 v. Chr.): ^ovyoyi d^eon fieydkcoL rdnog xcov 
x6 ß' L iq)Yjßevx6xcov xrjg ^Afifimviov aigeoecog, ov juhga v6xov 
im ßoggäv ly^ Xißdg eji* ähcoxrjvA £C0Q 'ifwy/iov; ebenso Or. 
Gr. I, 178 (95 v. Chr.).* Ebenso besitzt der in Preisigke 
SB. Nr. 1106 genannte Verein seinen eigenen xöjzog und 
die unter ägyptischem Einfluß stehende Genossenschaft 
der akei(p6jiievoi auf Thera lobt in einer langen Inschrift 
ihren yvfivaoiagxog^ der sich auch um den Vereins-Tojrog 
verdient gemacht hatte, IG. XII 3, 331 (3./2. Jahrh. v. Chr.). 

Auch mit der Einführung des römischen Regimentes 
trat scheinbar im Landbesitze der privaten Korporationen 
und Vereine keine Änderung ein; die Nachrichten sind so 
spärlich wie vorher und man darf darum wohl annehmen, 
daß hierin die Römer die Politik der Ptolemäer weiter 
verfolgt haben. Vom Besitze irgendwelcher bebauten 
Ländereien ist mir nichts bekannt. Den P. Cattaoui II 
(207 n. Chr.) darf man kaum dafür heranziehen, wie dies 
Preisigke, Girowesen S. 80 tut. Denn wenn auch die darin 
erwähnte djioHaxahjcp^eiof] alyiaXixi yfj (Z. 9) tatsächlich der 
Genossenschaft der Staatsbauern von Soknopaiou Nesos 

^ Hic incuria lapicidae numerum cubitorum excidisse statuit Ma- 
haffy, recte sine dubio; Dittenb. a. a. 0. S. 256, 5. 

* Ähnlich möchte ich auch die Inschr. Nr. 8 in Arch. III, 131 (An- 
fang 1. Jahrh. V. Chr.) auffassen; der Isisverein weiht wohl der *'Ioig 
^Easyx^ßtg seinen rojtog. An eine Schenkung denkt indessen Strack, 
Arch. III, 131. 



Das Vereinsvermögen. — § 9. Vereinsver mögen in engerem Sinne. 143 

=:= = = 

zustand, so ist dieselbe doch immer nur als gemeinsames 
Pacbtgut und nicht als Privatland anzusehen. Dagegen 
sind wieder auch aus dieser Periode einige Vereins-Td;roÄ 
— denen jetzt übrigens die römischen loci entsprechen^ — 
zu verzeichnen. Es wäre der xojiog der xixxoveg Txgeoßvxegoi 
aus Ptolemais nach IGR. I, 1155 (45 n. Ohr.)* und der 
einer Genossenschaft von Steinmetzen (Xa^oi) aus der Um- 
gebung derselben Stadt, IGR. I, 1151 und Arch. I, 209 gr. 
Inschr. Nr. 26 a,^ zu nennen. Die Deutung der beiden letzten 
Inschriften ist schwer; m. E. wird vom aQiiJiQvxavig von 
Ptolemais auf dem xonog der genannten Xa^oi den Dioskuren 
etwas geweiht.^ Weiter erwähne ich den xonog der ysgöioi 
von Abydos® und endlich noch den des noXixevjuaxog 
'&(hxovy eines Privatvereines von Theadelphia aus dem 
Jahre 95 n. Chr., in gr. Inschr. XV der Annales du Service 
1913, S. 88ff.6 

' Waltzing a. a. 0. 1 S. 223; vgl. C. I. L. VI 2, 10350, 14 f.: cu[r(atores)] 
loc(um) coll(egio) et Nym(phis) d{e)d(icarunt) ; C. I. L. 111,4038 u. a. m. 

* Dieser xonog scheint auch bloß eine Kultstätte gewesen zu sein. 
Gegen den Einwand von Th. Reil, Beiträge etc. S. 27, 4 bemerke ich, 
daß auch der /o/zog von Gertassi alle seine Heiligtümer in den Stein- 
brüchen hatte. 

* Vgl. über das Datum oben Bd. I S. 92, 2. 

^ Bezüglich des Dioskurenkultus s. unten Nachtrag. 

^ Vgl. gr. Inschr. Nr. 6 in Revue 6pigr. N. S. I (1913) S. 146 a. d. J. 
263 n. Chr. 

® In BGü 27, einem Briefe aus Rom (2./3. Jahrh. n. Chr.), sagt der 
vavxXriQog Elgi^vaTog in Z. 8 ff. : Aveßijv Sk eig . . . xai nageSe^ato 

i^fiäg 6 xonog. Das faßt Wilcken, Chrest. S. 524 als den „Grund und 
Boden des collegium naviculariorum in Rom*' auf, zu welchem die 
ägyptischen Eornschiffer natürlich in Beziehungen standen; dagegen 
Deißmann, Licht von Osten* S. 147. 

Leider läßt sich nicht feststellen, ob der von fünf Personen geweihte 
xonog in IGR. I, 1329 (98 n. Chr.) auch wirklich einer Korporation 
gehörte. 



144 Vereinsvermögen. — § 9. Vereiy vermögen in engerem Sin ne. 

Etwas mehr ist über die häufig vorkommenden öe- 
nossenschaftshoiligtümer und Vereinshäuser be- 
kannt, eine Tatsache, die sich leicht erklären läßt, wenn 
man bedenkt, von welcher Bedeutung dieselben nicht nur 
für das Vereinsleben, sondern auch unmittelbar für die Er- 
reichung des Vereinszweckes waren. Da, wie oben bezüglich 
des Landbesitzes bemerkt wurde, die römische Herrschaft in 
dieser Beziehung die Verhältnisse der ptolemäischen Zeit 
nicht modifiziert hat, wollen wir die Quellennachrichten 
aus den beiden Perioden einheitlich besprechen. 

In Griechenland hatten wohl die meisten Vereine ihre 
eigenen Heiligtümer, worin sie der Vereinsgottheit zu 
huldigen pflegten; nur wenigen Korporationen war es 'er- 
laubt, sich in den öffentlichen Tempeln zu versammeln 
und dort Kulthandlungen vorzunehmen. ^ In Rom galt das 
später sogar als eine Art Auszeichnung und es sind Kol- 
legien bekannt, denen es gestattet wurde, in den öffent- 
lichen Tempeln zusammenzukommen, nicht nur um dort 
dem Kulte obzuliegen, sondern auch um allerlei Vereins- 
handlungen vorzunehmen. 2 

In Ägypten sind hierin die Verhältnisse wiederum eigen- 
artig. Wir wissen ja, daß im Pharaonenlande das Kult- 
moment bei Vereinen von wesentlicher Bedeutung war, 
wenn auch dies nicht bei allen Arten von Genossenschaften 


' Vgl. das Dekret der IlEiQang^ IG. II 1, 573b (S. 421) a. d. 4. Jahrh. 
V. Ohr., dazu Ziebarth a. a. 0. S. 163, anders jedoch z, B. auf Zypern: 
vgl. gr. Inschr. Nr. 8 in Athen. Mitteil. IX (1884) S. 137, worin drei i>iaooi 
im Apollotempel ihr trptW opfern, so auch in Delos: vgl. Michel, Recueil 
Nr. 998 (2. Jahrh. v. Chr.), dazu Poland a. a. 0. S. 454, Anm. 9. 

* Vgl. Bruns, Fontes’ Nr. 175 (136 n. Chr.): Genehmigung der Vereins- 
Statuten; Nr. 176 (153 n. Chr.): jährliche Gastmahle in templo divorum 
auf dem Palatin; C. I. L. XI 1, 126 (Ravenna) u. a. m.; Waltzing a. a. 0. 1 
S.210f. 


Das Vereins vermögjen. -^§9. Vereinsvermögen in engerem Sinne. 145 


gleichmäßig hervortrat. Trotzdem aber sind die Nachrichten 
über Verefnsheiligtümer verhältnismäßig gering. Allerdings 
darf ^n nicht vergessen, daß wir weit weniger Inschriften 
aus Ägypten als aus Griechenland und Rom besitzen. Die 
Papyri dürfen hier nicht mitgerechnet werden, da das Wesen 
und der Inhalt der darin aufgenommenen Urkunden von 
dem der griechischen und römischen Stein- und Metall- 
denkmäler ganz verschieden sind. Ich glaube, daß die Haupt- 
ursache dieses Mangels an Quellen eine andere ist: die 
ägyptischen Genossenschaften waren, besonders auf dem 
Lande außerhalb der Städte, durchschnittlich nicht so ver- 
mögend wie die griechischen, um die Kosten eigener Heilig- 
tümer, Vereinshäuser und sonstiger Baulichkeiten, die ge- 
nossenschaftlichen Zwecken dienten, zu tragen. Immerhin 
waren auch in Ägypten die öffentlichen Tempel der Versamm- 
lungsort mancher Genossenschaft : ^ dies ging sogar noch weiter, 
indem sich um solche Tempel Vereinigungen gruppierten, 
die dann ihre nähere Bezeichnung vom Heiligtum erhielten.** 
Manchmal war die Gründung eines Tempels sogar der Anlaß 
zur Bildung eines Vereines unter den Tempelgründern xTioTai^ 


^ Vgl.Ditteiib.Or.Gr.lI,737,2f. (2. Jahrh. v.Chr.), worin bezeugt wird, 
daf3 das rcor fiaxaiQoqntinov mit einer anderen Korporation (über 

das jioUiEvjua und die ’Jd(Wfial(>i vgl. Bd. I S. 200, 5) eine nvvaycoyrj — 
er TMi ävcj ’AjioUayvEiMi hielt. Höchstwahrscheinlich ist der vabg zov 
Aiovvoov in Ptolemais, welcher in den zwei Techniteiuschriften, Dittenb. 
Or. Gr. I, 50, 12 und 1, 51, 25 (ca. Mitte des 2. Jahrh. v. Chr.) erwähnt 
wird, ein öffentlicher Tempel, wie es auch aus den Beziehungen der 
dionysischen Künstler zu den Staatskulten zu erwarten wäre. Ebenso 
hielt die ovvoSog ^F.ßanzj) aus BGU 1137 (6 v. Chr.) eine owayatyr) — 
Teil Uagazofian, einem unbekannten öffentlichen Orte in Alexandrien. 

* Vgl. die beiden miteinander eng verwandten, wenn nicht iden- 
tischen Vereine der Baodioxai, die sich um den Tempel des Bacchus 
auf Essehel gruppieren. Dittenb. Or. Gr. 1, 111, 24 ff. und Or. Gr. 1, 130, 5 
(Mitte des 2. Jahrh. v. Chr.). 

San Nicolü, Ägyptisclios Vereinswesen II. 


10 



146 Vereinsvermögen. — § 9. Voreinsvermögen in engerem Sinne. 


die dann im gegründeten Heiligtum den Mittelpunkt des 
Vereinslebens sahen. ^ 

Wenn wir hier die Nachrichten über genossenschaft- 
liche Tempel und Heiligtümer zusammenstellen wollen, so 
ist aus ptolemäischer Zeit zuerst das legov des Aresnuphis 
auf Philae zu nennen, gr. Inschr, in Arch. III, 356 if. (173/72 
V. Chr.), das wohl der ovvoöog rov ^HgaxkEtovg^ einer trotz 
ihres griechischen Namens ägyptischen Kultgenossenschaft 
gehörte, da sie es auch renovieren läßt; weiter der Tempel 
eines unbekannten Vereins aus Euhemereia,^ dem die äovUa 
gewährt werden soll, Dittenb. Or. 6r. II, 736 (69/8 v. Chr.). 
Wichtiger ist wohl P. Giss. 99 (2. Jahrh. n. Chr.), der von 
einer Genossenschaft, deren Name leider nicht erhalten 
ist* und welche in Hermoupolis ein iegöv mit jiEgißoXog xal 
Ta ovvxvgovra (Z. 27) besaß, berichtet. Der Tempel war 
von derselben Kultgenossenschaft schon im Jahre 80/79 
V. Chr. gebaut und dem Apollo xal roig ovvEoxioig '&Eoig ge- 
weiht worden.“* 

Für die römische Zeit ist der in einer Reihe von In- 
schriften bezeugte Fojtwg von Gertassi aus der ersten Hälfte 
des 3. Jahrhunderts anzuführen. Dieser war ein (vgl. oben 


' Vgl. das xoivov rd)v xtiotwv aus Memphis, Breccia, Iscrizioni Nr. 143, 
das im 2. Jahrh. v. Chr. ein Tempel lijiöUcovog xal Ai6g x[al . . . grün- 
dete und über 170 Mitglieder hatte; weiter die xrioTai eines eingefrie- 
deten tegöv in Hermoupolis, die ebenfalls eine Genossenschaft bildeten, 
welche eine sehr große Anzahl Mitglieder, hauptsächlich Soldaten, be- 
saß, Milne, Greek Inscriptions Nr. 9296 (80—69 v. Chr.); vgl. Bd. I 
S. 201. Siehe dagegen den einzelnen xjwiijg rov xöxov in Preisigke, 
S. B. 1106. 

* Darauf läßt das Wort xoivog yqafifjLaxBvg in Z. 29 schließen. 

* Vgl. P. Giss. 99, 23 ff. : oi [e(pEdgEv]pvxEg ev '^Eq^iov 7i6X(Ei) [xfj fxs- 

iydXfj) . . .joTOf. 

* Es ist fraglich, ob das KXeojidxgEioy in Dittenb. Or. Gr. II, 738 
(116—108 V. Chr.) ein Vereinstempel ist, vgl. Bd. I S. 29, 2. 


Das Vereinsvermögen. — § 9. Vereinsvermögen in engerem Sinne. 147 


Bd.I S. 122 fif.) dem Vorbild einer griechischen Kultgenossen- 
schaft nach geschaffener Berufs verband aus der Dodeka- 
schoinos, der sich mit Steintransporten befaßte. Seiner 
weit ausgebildeten religiösen Organisation entsprechend, 
besaß der rb/io?-Verein mehrere Heiligtümer, deren Reste 
teilweise noch heute zu sehen sind. Der Hauptgottheit 
des Vereines, UovQoeji/iovvig war wohl die große Kultstätte 
in der Steinbruchwand geweiht (Zucker a. a. 0. S. 45) ; die 
zweite Gottheit I^Qovjinxig besaß ein Kaka/ucßv genanntes 
während der Isis, die hier unverkennbar hinter den 
beiden nubischen Gottheiten zurücktritt, als 0otßi]Tgia^ ein 
anderes legov gewidmet war, GIG HI, 4987 (214 n. Chr.).* 
Ansonst war aber, wie oben gezeigt wurde (Bd. I S. 23 ff.), 
der Kultus der Isis in dieser Gegend sehr verbreitet und 
hat lange, auch in christlicher Zeit, weitergedauert; eine 
von Zucker a. a. 0. S. 164 erst richtig gelesene griechische 
Inschrift aus dem 4. Jahrhundert erwähnt die Errichtung 
einer Halle zu einem Isi Stempel chen in Taifa, welches der 
dortigen Isis-xXi'vrj gehörte; vgl. Z. 2ff. : Zwa/uän ^nolr^oev 
oTod ^.syerai xdvr (ägypt. hnt; dazu Zucker a. a. 0. S. 161 ff.). 

Zum Tempel gehörte meistens auch eine Einfriedung, 
negißokog^ die außer dem Heiligtum noch einen mehr oder 
minder ausgedehnten Raum umfaßte,^ P. Giss. 99, 26 f. : 

» Vgl. CIG. III, 5000, 3 ff. (200 oder 224 n. Chr.): dlg UgFcog tov 
r6(A.ov, nQooxdxov xov xaivov KaXajuajvog und CIG. III, 5082, 2 ff. (213 bis 
220 n. Chr.): [sQeog Pofiov xal jTQOoxdxov xov xaivov ifqov xfjg Hvglag 
^Qovjixixiog \ da die beiden Inschriften von derselben Person sprechen, 
identifiziert Zucker a. a. 0. S. 41 den Kakaficoy mit dem Heiligtum der 
IgovTixlxig, Über den KaXafiwv und sein Verhältnis zu den Attributen 
der Göttin vgl. Zucker a. a. 0. S. 49. 

2 Darüber s. Zucker a.a.O. S. 45 und S. 46, 2; Otto a.a.O. I S.129,9. 

® Dazu Zucker a. a. 0. S. 45 f. 

* An einen freien Raum außerhalb des Tempels, etwa an Anlagen, 
läßt z. B. auch Dittenb. Or. Gr. I, 97 (193 — 181 v. Chr.) denken, worin 

10 * 


148 Vereinsvermögen. — § 9. Vereinsvermögen in engerem Sinne. 


6 TZEQißokog xal rä avvxvgovra^ ebenso Milne, Greek In- 
scriptions Nr. 9296, Z. 2. Fraglich ist es, ob es sich bei 
Dittenb. Or. Gr. II, 655, 2 ff. (24 v. Chr.) wirklich um einen 
Genossenschaftstempel handelt. ^ 

Neben den Tempeln gehören zu den Bestandteilen des 
Immobiliarvermögens der Vereine noch die verschiedenen 
Häuser und Gebäude, die man mit olxiai^ oix^/uara oder 
olxog^ bezeichnete. Sie hatten ebenso wie in Griechen- 

von der Weihung einiger Peraeabäume die Rede ist. Über den Persea- 
bäum vgl. jetzt die Richtigstellung von Wiedemann in Wochenschr. f. 
klass. Philol. 1913 Sp. 825. 

^ Sonstige Beispiele vgl. IGR. 1, 1171 (21/2 n. Chr.); IGR. I, 1161 
(49 n. Chr.); IGR. 1, 1168 (149 n. Chr.). 

2 Poland a. a. 0. S. 459 ff. drückt sich beim Unterscheiden zwischen 
otxog und olxca etwas undeutlich aus. M. E. ist kurz folgendes zu sagen: 
olnog ist gegenüber oixla der generellere Begriff, indem oixog nicht bloß 
das Vereins- und Versammlungshaus bedeutet, vgl. z. B. Dittenb. Syll.^ 
11, 439,33 (4. Jahrh. v. Chr.): t6v Aexüua>v oixov; SyW 11, 587, 24 (329/8 
V. Chr.): Krjgvxcav oixog; weiter it/uvog xal oixog vavxXtjQixog in IGR. III, 4 
(70/71 n. Chr.) und den oixog des ägyptischen Vereines der Ilaianoxai 
in Rom, IG. XIV, 1084 (146 n. Chr.) und XIV, 1059 (196 n. Chr.), son- 
dern auch das Genossenschaftsheiligtum bezeichnet, vgl. z. B. Dittenb. 
Sy 11.^ II, 571, 2 ff. : Iv rd)]/ tc/uIvu [zoyv K?i]vTidwv [o]r«o»' je^itnov Ieqov 
oi[xo]do/i7joao(}ai, vgl. auch Z. 25. Andererseits aber kann mit oixog auch 
eine selbständige, private Kapelle, vgl. z. B. IG. VII, 2233 (römische Zeit), 
oder ein in einem Hause eingebauter Saal gemeint sein, vgl. IGR. I, 
1325, 3 f . (186 n. Chr.): xr/v owoixlav oin’ xf} dxrf/ xai T(o ol'xo) dno &s- 
fixliov xaxeoxEvaoEv ] vgl. Delamarre in Revue Et. gr. XXVII, S. 160; 
Wilhelm, Beiträge S. 51 f. Aus der ersteren Bedeutung ist wohl die 
Vereinsbezeichnung oixog abgeleitet worden, IGR. I, 604, s. unten Kap. 
Terminologie. 

Ebenfalls unzutreffend ist es, wenn Poland a. a. 0. S. 462 aus dem 
Ausdrucke: xai djioxal^EoxafiEva (die geliehenen 7V6 Artaben Gerste) eig 
oixov TTQog ainovg (sc. xovg otjvd^iaoixag) in P. Grenf. I, 31, 7 f., auf ein 
dem Vereine gehöriges Haus (o^Vo?) schließt, denn hier ist der Ausdruck 
in einem technischen Sinne gebraucht. Er soll nämlich, wie auch 
Preisigke, Girowesen S. 77 bezüglich P. Flor. 41,20 (140 n. Chr.) bemerkt, 


Das Vereinsvermögen. — § 9^ Vereinsve rmögen in engerem Sinne. 149 

land^ und in Rom* auch in Ägypten eine große Bedeutung 
für das genossenschaftliche Leben. Sie bildeten neben den 
Heiligtümern, und in Ägypten, wo das religiöse Moment 
nicht bei allen Vereinen so stark in den Vordergrund tritt, 
noch mehr als in anderen Ländern, den Mittelpunkt der 
Interessen. Dort war der Versammlungsort, wo über die 
Vereinsangelegenhoiten Beschluß gefaßt wurde; dort war 
der Treffpunkt der Mitglieder zu den festlichen Mahlen, 

damit bloß die Girobankzahlung ausgeschlossen werden. Das Gegen- 
stück zu Etg olxov ist dann die Wendung dia otxov, in ana- 

loger Bedeutung (Preisigke a. a. 0. S. 216), die so oft in den Darlehens- 
urkunden begegnet; vgl. z. B. in den alexandrinischen BGU 1175, 4 f. 
4 V. Chr.); BGU 1167, 22. 40 (12 v. Chr.); BGU 1161 (17/6 v. Chr.) und 
auch sonst: BGU 713, 22 (41/2 n. Chr.); P. Oxy. 1130, 8 f. (484 n. Chr.) 
u. a. m. 

Eine eigene Bewandtnis hat es mit dem öfters bezeugten oixog 
ji6Xe(üg, womit das Stadtgut bezeichnet wird (Preisigke, Städt. Beamten- 
wesen S. 16, Wilcken, Grundzüge S. 308), P. Hamb. 36 (2. Jahrh. n. Chr.), 
P. Fay. 87 (155 n. Chr.) und P. Fay. 88 (3. Jahrh. n. Chr.), ebenso P. Nicole 
Nr. 54 (142/3 n. Chr.), publ. Arch. 111, 226. Hiermit ist wohl eine andere, 
allgemein-griechische, auch in römischer Zeit vorkommende Bedeutung 
des Wortes, als Vermögen, res familiaris, in Zusammenhang zu bringen, 
vgl. P. Oxy. 88, 1 f. (179 n. Chr.); nQovorjxi^g oixov yvfivaoidgxMv 'O^vgvy- 
Xcov jrdAfw? (dazu Preisigke, Girowesen S. 81f.: „Der bewegliche und 
unbewegliche Besitz“). In der noch allgemeineren Bedeutung von Ver- 
mögensverwaltung, Haushalt (sei es staatlicher, städtischer oder privater) 
begegnet das Wort in den byzantinischen Papyri oft, vgl. der '&stog 
olxog in P. Cairo Cat. 67019 verso, 16 (548—551 n. Chr.); P. Cairo Cat. 
67024, 7 (551 n. Chr.), wohl gleich dem SEOJionxog olxog von P. Lond. II 
S. 286 f., 6. 20 (346 n. Chr.) und der {^eioidtT] olxla von P. Oxy. 1134, 4 
(421 n. Chr.) ; weiter vgl. o Evdo^og olxog V^vgvyxiTMv und T.fjg Kvv(bv 
uioXswg in P. Oxy. 127; ebenso bei großen privaten Wirtschaften, vgl. 
P. Oxy. 1131, 2 (5. Jahrh. n. Chr.); P. Oxy. 1043, 2 (578 n. Chr.) und 
andere Papyri des 6. Jahrhunderts. 

1 Vgl. Poland a. a. 0. S. 459 ff. 

2 Vgl. schola, domus bei Waltzing a. a. 0. 1 S. 211 ff. ; Liebenam a. a. 0. 
S. 275 ff. 



150 Vereins vermögen. — § 9. Vereins vermögen in engerem Sinne. 

■ ' ■■■■■■ ■■■■ ■ e......-, .. — . 

zu den Spielen oder wohl auch einfach zum Zeitvertreib. 
Ebenso wie in der übrigen hellenistischen Welt sind wir 
auch in Ägypten nicht im mindesten berechtigt, die oixta 
als ein Wohnhaus, sei es für den Vorstand, sei es allgemein 
zur Benützung für die Mitglieder zu denken; vgl. Poland 
a. a. 0. S. 462f. Gemeinsame Wohnungen der Genossen 
einer Korporation, in Griechenland olxrjx'^Qia genannt, i 
lassen sich in Ägypten nicht nachweisen, was vielleicht 
mit den eigenartigen Wohnungsverhältnissen des Landes 
zusammenhängt. Auf die nach Gewerbsleuten benannten 
Straßen und Quartiere haben wir schon anderenorts hin- 
gewiesen (vgl. Bd. I S. 69 f.). 

Auch über Vereinshäuser und sonstige Baulichkeiten 
ist in Ägypten verhältnismäßig wenig bezeugt; außer den 
Speisesälen zweier Vereine aus dem Faijüm und einem Fest- 
lokal des oben erwähnten /o/^og-Vereins aus der Dodeka- 
schoinos* sind bloß noch ein ngonvlaiov (wahrscheinlich 
zu einem Tempel) und drei oxoal einer Genossenschaft der 
vavxkrjQoi und ejuTzoQoi IlakjuvQrjvoi in Koptos zu nennen.® 


* Vgl. IG. XII 1, 937, 10 f. (1. Jahrh. v. Chr.); ebenso später in Thya- 
teira: CIG. 3480 (3. Jahrh. n. Chr.); Poland a. a. 0. S. 464. 

* IGR. I, 1120 (79 n. Chr,): to SiJirtjorT^Qiov iy rganeCwr, eines leider 
nicht genannten Vereines und IGR. 1, 1122 (109 n. Chr.); dijivrjaTfjQtov 
jiQ6oß\neQ(ov jEQÖiojv aus Theadelphia. In CIG. III, 5028 (222 oder 226 
n. Chr.) wird ein Ieoevc; lofiov genannt, der auch jigoaidirig xov xaivov 
xcofiaaiTjgiov war. Das VTort bezeichnet ein Yersammlungsgebäude 
(Otto a. a. 0. 1 S. 129 f.), wohl für das prunkende Gelage, das sich an 
den xüjiüog anschloß; Poland a. a 0. S. 465, Anm. 2; Zucker a.a.O. S. 45 
und hier Bd. I S. 15, 2. Über xcofiaaiygiov vgl. P. Lond. I, S. 166 ff., 
Z. 408 (78/9 n. Chr.), dazu Wilcken, Arch, II, 310, 2 und Synesius, de 
provid. p. 73 A und 94 D. 

^ Vgl. gr. Inschr. in Bull, de la Soc. fran^. des fouilles arch^ol. III, 2 
S. 65, Z.4ff. (2. Jahrh. n. Chr.) : dvaaxTjaavxa ouzo i&sfieXhv x6 7iQonvX\aiov\ 
xal xdg oxovdg (sic) xQsXg xxX. 



Das Vereinsvermögen. — § 9. Veremsvermögen in engerem Sinne. 151 


Von den Vereinshäusern im eigentlichen Sinne sind die- 
jenigen olxiat und andere Gebäude zu unterscheiden, die 
den Korporationen wohl gehörten, die aber von ihnen nicht 
benützt, sondern entweder selbständig oder zusammen mit 
den Grundstücken, auf welchen sie gebaut waren, vermietet 
wurden und infolgedessen rein produktives Vermögen dar- 
stellen. ^ So bestimmt z. B. der Verein der AioaxovQioTal 
ovvßaodiaxat aus dem 3. Jahrh. v. Chr., daß die Einkünfte 
gewisser der Genossenschaft gehörenden olxiijuara zur Be- 
streitung der Auslagen eines monatlichen Opfers zu ver- 
wenden seien, gr. Inschr. Nr. 2 in Arch.V, 158, Z. 3 ff.: ek 
rag d'voiag zag xaxä firjva yivofihag xi]v tiqöooöov xrjv äjid 
x(bv olxfjfKxxcov, 

Zum Schluß noch einige Worte über die byzantinische 
Periode. Trotz der Spärlichkeit des Materials, welche sich 
nach dem oben Gesagten leicht erklären läßt, glaube ich 
außer dem schon erwähnten Tempelchen der Isis-xklvrj von 
Taifa^ noch einen Fall von genossenschaftlichem Im- 
mobiliarvermögen anführen zu können. Ich möchte in dem 
Posten: jT(apri) rov xoivov x(ov ysco^ycifv v{jtEQ) idL{ag) yrjg^ 
aus P. Oxy. 999 descr. (616/7 n. Chr.), eine Zahlung einer 
Innung freier Bauern (im Gegensatz zu den ivanoygacpoi) 
für eigenes Land an den Verwalter eines Gutes des Flavius 
Apion erblicken; vielleicht hängt diese Zahlung mit dem 
patrocinium zusammen. ^ 

' Vgl. die fiia^cDoig eines dem Vereine der dygecöveg gehörigen legov 
zusammen mit evcoixodo/usvai oixiai in Dittenb. Syll.* II, 937, 6 f. (306/5 
V. Chr.) und bei einer anderen Vereinigung der ogysibvEg aus dem 4. Jahrh. 
V. Chr., IG. II, 610, finden wir genaue Bestimmungen über die Verwen- 
dungen des Mietzinses einer der Vereinigung gehörenden oixia samt 
Brunnen; vgl. Poland a. a. 0. S. 460 und Ziebarth a. a. 0. S. 159. 

* Vgl. gr. Inschr. publ. von Zucker a. a. 0. S. 164; vgl. oben S. 147. 

» Obwohl, wie Bell zeigt, in P. Lond. IV 1419, Z. 1234. 1239. 1253 
(704 n. Chr.) Zahlungen von Grundsteuer seitens ZUnften der texioveg^ 



152 Vereinsvermögen. — § 9. Vereins vermögen in engerem Sinne. 

■ ■ ' — , , 

Soviel bezüglich des Immobiliarvermögens. Was nun 
das bewegliche Vermögen der Genossenschaften und Vereine 
anbelangt, so ist außer den Einrichtungen der Tempel und 
Vereinslokale, ^ worunter die teilweise aus privaten Schen- 
kungen stammenden Opferaltäre, * Kultbilder,» Ehrenbilder^ 
nebst allerhand Geräten hervorzuheben sind, noch über 
den sonstigen Mobiliarbesitz, besonders Geld und Fungi- 
bilien, die im Verkehr an Geldes Statt traten, zu 
sprechen. 

Die Genossenschaft der ßaodixol yecjogyol von Tebtynis 
besaß z. B. im 2. vorchristlichen Jahrhundert vierzig jigo- 
ßara legd — wahrscheinlich Opfertiere — , P. Teb. 53, 5 ff. 
(110 V. Chr.): xcov vnaQxovuov xoiq ex xrjg xw/biYjg yeaygyoTg 

xegaiieiQ und eXaiovQyoi Vorkommen, scheint es sich hier um exzeptio- 
nelle Verhältnisse zu handeln. Wahrscheinlich war das Land bloß zu 
gewerblichen Zwecken gepachtet und nicht etwa Eigentum der ge- 
nannten Korporationen. Noch in anderen Steuerbüchern zahlen die Hand- 
werkerzünfte eine Grundsteuer, da aber die Grundstücke, für welche 
gezahlt werden sollte, nicht angeführt werden, wird die Vermutung zu- 
treffen, daß es sich bei dieser Grundsteuer bloß um eine Art Nachtrag- 
steuer handle, die von den Gewerbetreibenden zu zahlen war, um das 
Verhältnis zwischen der von den possessores entrichteten eigentlichen 
Grundsteuer und der Gewerbesteuer einigermaßen auszugleichen; vgl. 
dazu Bell in P. Lond. IV S. 222 und P. M. Meyer, P. Hamb. I S. 200. 

' Vgl. P. Giss. 99, 26ff’. : t6 dvF-^rjKav x^al xdv nEQißoX\ov xai 

rd ovv'\>cvQo[v']T[d\ und Milne, Greek Inscriptions Nr. 9296, 2. 

^ Vgl. den von xo/nsyhai und ^laoeTiai aus Taposiris gestifteten 
ßwfwg, Dittenb.Or. Gr. 1,97 (193 — 181 v. Chr.), der auf einem mit Persea- 
bäumen bepflanzten Grunde gestanden zu haben scheint; weiter noch 
IGR. I, 604 (160 n. Chr.). 

® Vgl. IGR. 1, 1051 (20/21 V. Chr.): A. A. nQo[o\taTr)aag dve&rjxev t[6]v 
dvdgidvra rov ^eydXov Hagamdog; IGR. 1, 1303 (13 V. Chr.); IGR. I, 1320 
(24 n. Chr.) u. a. 

* Vgl. Dittenb. Or. Gr. 1, 51, 22 (267 — 39 v. Chr.); gr. Inschr. aus 
Omboi, Arch. V, 415, Z. 9 (136/5 v. Chr.); IGR. 1, 1114 (17 v. Chr.); IGR. 
1,1117 (3 n. Chr.); Breccia Iscrizioni Nr. 135 (1. Jahrh. n. Chr.), u. a. m. 


Das Vereinsvermögen. — § 9. Vereinsvermögen in engerem Sinne. 153 


jiQoßdtcov lEQOJv,^ In P. Grenf. I, 31 (104/3 v. Chr.) geben 
die ovv'd'taoiTai von Pathyris ein Darlehen von 7 Vs Artaben 
Gerste an einen gewissen Nechoutes. Von den alexandri- 
nischen Igavoi^ BGÜ 1133 — 1136, war schon im ersten 
Bande S. 217 ff. die Rede. Hier seien noch die recht frag- 
mentarische Urkunde BGÜ 1190 aus dem Ende der Ptole- 
mäerzeit und der Vereinsbeschluß von BGÜ 1137 (6 v. Chr.) 
an geschlossen. Im ersteren der beiden Papyri sind, soweit 
man lesen kann, Maßregeln enthalten, die ein Soldaten- 

^ Der Papyrus enthält eine Eingabe des Hirten der Schafe, Z. 7 f. : 
(ov tvyxdvco :;zgo{o}£OTij>ec6Cf ebenfalls eines ßaoiXixog yBcogyoc; aus Kerke- 
osiris, an den ^ccjfwygajufiatsvg gegen einige Kleruchen, die die Tiere ge- 
raubt batten. Das Petit ist prozeßrecbtlich sehr interessant, da der Hirt 
außer dem üblichen Sach- und Prozeßbegehren noch beantragt: Jigo öe 
7t.6.v\t^<dv ol xXijgol avxojv xaraoxs^ojoi iv xwi ßaaiXixMi, Z. 24 ff. Der 
xco/uoygafifiaxsvg leitet die Eingabe weiter und fügt hinzu: avatpegun iva 
eav dX(X)(vg (paivtjxai ovvxd^t)g xaxx£yyv(äv) avxtov xovg xX(r}govg)y 
Z. 27 f. Es fällt dabei gleich auf, daß während der Petent das xaxsxf^tv 
der xXfjgot der Schuldigen verlangt, der xco/Äoygafijnaxevg in seinem Be- 
gleitschreiben nur von xaxeyyväv spricht, ln welchem Verhältnisse 
stehen beide Ausdrücke zueinander? KaxEyyväv und ÖiEyyväv xt bedeutet 
in den Papyri „beschlagnahmen, mit Arrest belegen“ und wird allgemein 
bei beweglichen und unbeweglichen Sachen gebraucht: P. Amh. 35, 23 
(132 v.Chr.) ; P. Hib. 48 (255/4 v.Chr,); P.Teb.490 descr. (1. Jahrh. v.Chr.) ; 
vgl. Partsch, Griech. Bürgschaftsrecht I S. 124 und 309, 2. Es läßt sich 
schwer sagen, welche Wirkungen dies für die xXrigoi hatte ; man dürfte 
wohl annehmen, daß Arrest und Zwangsverwaltung mindestens zu 
Sicherungszwecken eintraten, vgl. den Hinweis auf die yen^/naxa in 
P. Teb. 53,29 und P. Hib. 48, 2 ff.: xd onegfiaxa xwv dtr/yyvrjf^hojv xXt]- 
gcov xivi ygdip[a]g EÖcoxag; ov ydg Evgioxo) ev xotg ßvßXioig. Nicht hierher 

gehört P. Theb. Bank. 11 a. d. J. 130 v. Chr. (Rostowzew, Kolonat S. 142, 1), 
worin ein xXfjgog h öieyyviqpiaxi gesetzt wird, jedoch nur für zukünftige, 
eventuell entstehende Verpflichtungen. Etwas mehr kann man über das 
xaxExeiv xXrjgov sagen: es ist dies die staatliche Beschlagnahme der 
xXfjgoi ; sie kommt schon im 3. Jahrh. vor (P. Lille 4, a. d. J. 218/7 v. Chr.) 
und in zahlreichen Tebtynis-Papyri des 2. Jahrhunderts, vgl. Wilcken, 
Grundzüge S. 282. 


154 Veroinsvermögen. — § 9. Vereins vermögen in engerem Sinne. 


verein aus dem Herakleopolites zur Sicherung einer For- 
derung vornehmen läßt, während in BGÜ1137 der alexan- 
drinische Kultverein ovvodog JEeßaoirj eine einem Mitglied 
und Vereinspriester vorgestreckte Geldsumme als gemein- 
same Vereinsschuld anzurechnen beschließt. Alle diese ver- 
schiedenen von den Genossenschaften abgeschlossenen Ge- 
schäfte erlauben uns m. E. das Vorhandensein gewisser 
Geld- und Naturalienbestände, eines gewissen Barvermögens 
der Vereine anzunehmen. 

Der Willkür des Zufalls ist es zuzuschreiben, daß 
weitere, ähnliche Hinweise erst in byzantinischer Zeit 
wieder zu finden sind. Dafür ist aber die Urkunde, die 
uns über diese Periode Aufschluß gibt, verwaltungsrecht- 
lich sehr wichtig. Sie enthält die eidlich bekräftigten De- 
klarationen mehrerer Zünfte von Oxyrhynchos über ihre 
Bestände an Rohmaterial und an Produkten ihres Ge- 
werbes am 30. Athyr 338. Die Deklarationen sind an den 
XoyLoxr]g ''O^vQvyyeixov adressiert, der bekanntlich in Zunft- 
und Gewerbesachen zuständig warp ihre Zahl kann man 
leider nicht festsetzen, da der P. Oxy. 85 aus zwei Stücken, 
die sich nicht vollständig zusammenfügen lassen, besteht. 
Es scheint hier ein Bruchstück der amtlichen Liste der 
Eingaben sämtlicher gewerblichen Innungen der Stadt, die 
wohl alle zur Abgabe der Deklaration aufgefordert sein 
werden, vorzuliegen. Erhalten sind uns nur fünf, die der 
ägxoxÖTtot^ Cvd'ojxw^ai^ ilaiojtoüai^ fiehooovgyoi und ;^aA;tfoA- 
kt]xal und unleserliche Fragmente einer sechsten. Die Vor- 
stände der Zünfte trugen bloß ihre Namen in den bereits 
geschriebenen Formularen ein; die Quantität der auf Lager 
gehaltenen Waren und der Rohmaterialien war im vor- 


• Vgl. P. Oxy. 58 (316 n. Cbr.); P. Oxy. 84 (816 n. Chr.); P. Oxy. 88 
(327 n. Chr.); Preisigke, Städt. Beamtenwesen S. 62, 2 u. a. m. 



Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 155 


gelegten Formular schon enthalten, was auf Gewerbe- 
vorschriften bezüglich eines Mindest- oder Meistquantums 
schließen läßt. 

Weiter deuten die in LD. VI gr. 378 (5. Jahrh. n. Clir.)^ 
enthaltenen Bestimmungen über Verteilung von Geschenken 
darauf, daß die drei Isisvereine im nubischen Talmis eigenes 
Vermögen besaßen. 

Von Sklaven der Vereine hören wir aus den bis jetzt 
bekannten Urkunden nichts, obwohl natürlich die Tatsache 
nicht zu leugnen ist, daß sie solche, ähnlich wie in Griechen- 
land und in Rom , 2 wenn auch in beschränkterem Maße, 
besessen haben werden. Allerdings war hier das Bedürfnis 
nach einem servus actor und sonstigen geschäftsführenden 
Sklaven nicht vorhanden. 


§ 10 . 

Einnahmen. 

Die Einnahmen der Genossenschaftskasse sind in ordent- 
liche und außerordentliche einzuteilen. 

I. Zu den ordentlichen Einnahmen gehört zuerst der 
Ertrag des Korporationsvermögens, wovon schon 
oben die Rede gewesen ist. Dieser setzte sich zusammen 
aus den Früchten der Immobilien, sowohl fructus na- 
turales und deren Erlös, als auch Pachtzinsen und sonstigen 
fructus civiles und zweitens aus dem Erträgnisse des Bar- 
vermögens, welches nicht unproduktiv in der Kasse ruhte, 
sondern fruchttragend in Verkehr gesetzt wurde. P. Grenf. 
I, 31 (104/3 V. Chr.) ist ein klares Beispiel dafür und in 
Griechenland sind die Fälle, wo Vereine sich mit Kredit- 

' Neu herausgegeben von Wilcken, Arch. 1, 411 ff.; vgl. Bd. I S. 24. 

Vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 157; Waltzing a. a. 0. I S. 455; II S. 448, 
455 und die sonstige Literatur. 



J56 Vereins vermögen. — § 10. Einnahmen. 


und Hypothekengeschäften hpfassen, sehr zahlreich. ^ Es 
konnte aber auch Vorkommen, daß gewisse Vermögons- 
massen abgesondert zu verwalten waren, wenn deren 
Ertrag speziellen Stiftungszwecken zuzuführen war, also 
für das allgemeine Vereinsbudget nicht in Betracht kam. 
In Ägypten ist mir allerdings bis jetzt kein solcher Fall 
bekannt, eine Erscheinung, die ihren Grund darin hat, daß, 
wie schon oben bemerkt, in Ägypten die Stiftungen nicht 
an Vereine, sondern an die Priesterkorporationen der öffent- 
lichen Tempel anvertraut wurden. 2 

Außer dem Erträgnis des Vereins Vermögens sind noch 
zu den ordentlichen Einnahmen zu zählen: 

1. Eintrittsgelder. Das Eintrittsgeld des Mitglieds 
heißt bei den griechischen Korporationen eloödiov, später 
la7]Xvoiov.^ Seine Höhe scheint meist in den Statuten be- 
stimmt gewesen zu sein, doch gibt es auch Fälle, in denen 
der Neueintrotende nicht eine bestimmte Summe zahlte, 
sondern eine Quote der Vereinskosten zu tragen hatte.“* In 


^ Vgl. z. B. beim Epiktetaverein IG. XII 3, 330, 149 ff. (210—195 

V. Chr.): i:yöavEiCf:odw vjio tmv aigEMvicov Ey[d]avEioxäv ejiI vjio&rjxaig 
Eyyaioig d^ioxQEoig xrk,, u. a. m. 

^ Vgl. z. B. Dittonb. Or. Gr. I, 177 und 179 (96/5 v. Chr.). 

^ Vgl, beim Verein der in Delos lebenden Ägypter, gr. Inschr. 
S. 240 f., Z. 17 in BGH. XIII (1889); weiter gr. Inschr. bei Fränkel, In- 
schr. von Pergamon, II S. 211 f. zu Nr. 273; Dittenb. Syll.^ II, 737, 37. 
61. 103 (ca. 178 n. Chr.); IGR. IV, 353d, 13 f. u. a. m. ; dazu Poland 
a. a. 0. S. 492 f.; Ziebarth a. a. 0. S. 156 f. 

^ Vgl, z. B. die zitierte Stelle der Statuten der pergamenischen 
Hymnoden, IGR. IV, 353. Sehr interessant ist die Bestimmung des vo^og 
eines alten athenischen Eranistenvereines, IG. II 5, 618b (3. Jahrh. v.Ohr.), 
wonach für die neueintretenden Mitglieder die auf sie entfallende Jahres- 
quote der aufzuteilenden Vermögenserträgnisse als Eintrittsgeld gilt, 
Z. 18ff. : ETidv xaxaßdXwoiv x6 imßalXo[v] avxotg xov vnaQxovxog aQyvQLOV 
xaxd To[v v]6[fwv] ev rrp igdvq). Weiter soll der aufgenommene ovv^ia- 



Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 157 

■ -- - — ■- rrr- == — 

Rom ist das Eintrittsgeld seltener bezeugt und heißt kapitula- 
rium, beim collegium Dianae et Antinoi in Lanuvium, 
Bruns, Fontes^ Nr. 175, col. 1, 20 f. (136 n. Chr.), scam- 
narium beim Militärverein von Lambaesis, Bruns. Fontes^ 
Nr. 179, 30 (203 n. Chr.).i 

In Ägypten ist uns eine Eintrittstaxe nur bei den Reichs- 
verbänden der Athleten und der dionysischen Künstler be- 
kannt. Sie wird beide Male ivrdyiov genannt, was vielleicht 
mit xaTaxdooEiv zu verbinden ist;^ ihre Höhe betrug bei 
den Athleten 100 (P. Lond. III S. 214 flf., Z. 6. 43. 70), bei 
den Techniten 250 Denare^ und war in den Statuten fest- 
gesetzt, vgl. P. Lond. III S. 214 fif., 5f. : dnodEÖcDxoTa xd 
xaxd xbv vo^iiov f Evrd^yLov näv ex nXrjQovg [ (5]/;rdp/.a Exaxov.^ 

2. Mitgliedsbeiträge. Wie Ziebarth a. a. 0. S. 157 
treffend hervorgehoben hat, bildeten ^ Griechenland die 

Z. 20 f. : evyQaq)8ia) ö'f fxaarog avxov xov avxov avaXojfxaxi. in die 
Vereinsliste. 

^ Vgl. auch die unsichere Lesung in Bruns, Fontes’ Nr. 181, 25 f. 
(Zeitalter des Hadrian); Liobenam a. a. 0. S. 172. Über kapitularium 
vgl. noch lex metalli Vipascensis, Bruns, Fontes’ Nr. 112, 12; Pernice, 
Parerga in Sav.Z. 5, S. 104, 4. 

* Das Verbum bedeutet .einreihen, aufnehmen, eintragen“ und be- 
zieht sich auf das aufzunehmendo Mitglied, vgl. BGU 1074,21. 24. 19; 
P. Lond. III S. 214 ff., 6. 68; dazu P. Viereck in Klio VIII S. 422. Das 
hxdyiov wäre dann eben das .fee for registration“, wie Kenyon meint. 
Im Sinne von Empfangsbestätigung kommt das Wort noch in P.Lond. 
III S. 273, 7 ; P. Lond. III, 273 f., 7 f. ; P. klein. Form. 388, 7 ; 436, 3 ; 294, 3 ; 
P. Oxy. 1323; P. Oxy. 1326 u. ö. in ähnlichen spätbyzantinischen Ur- 
kunden; ebenso als cnTÄ.iMit in den kopt. PER. II, 80, 6; PER. II, 112,6; 
PER. II 230, 2 und in der vollen Form in Crum, CO. 318; CO. 409; CO. 
420; CO. 424 u. a. m. 

^ BGU 1074, 15: djTodeScoxoxa xaxd xov vofiov (Viereck) xov ßaoi- 
Xixov h'xdyiov Jiäv ex TiktjQovg X ov; also dieselbe Formel wie 

in dem Londoner Papyrus. 

* Ebenso Z. 43 f. und BGU 1074, 15. Was in der letzten Stelle unter 
vö^og ßaadixög zu verstehen ist, wurde schon oben Bd. 1 S. 54 gesagt. 



158 


Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 


Mitgliedsbeiträge durchaus nicht eine bei allen Vereinen not- 
wendige Erscheinung, sie kamen aber doch bei den meisten 
vor und zwar entweder als regelrechte Monatszahlungen oder 
als wiederkehrende Leistungen zu den Opfern. ^ Ebenso 
häufig wie die griechische (poQo. erscheint bei den römischen 
Collegia die stips oder stips menstrua, wie sie genannt 
wurde.* 

Für Ägypten sind die Nachrichten über Beiträge der 
Mitglieder, dank einigen gut erhaltenen Urkunden, ver- 
hältnismäßig zahlreich. Als besonders lehrreich erscheinen 
für die ptolemäische Zeit die sechs demotischen Papyri 
der Kultgenossenschaft des Suchos von Tebtynis Die Mit- 
glieder der „Sechserschaft“ mußten monatlich ihr ‘1-Silber^ 
zahlen; die Höhe desselben wird, da die Statuten auf 
ein Jahr abgeschlossen wurden, auch jährlich festgesetzt 

* Gewöhnlich (poga genannt; vgl. IG. II, 630, 11 (58/7 v. Chr.) ; Dittenb. 
Syll.^ II, 737,47 u. a. m.; oft aber auch avfj.ßoh], vgl. Michel, Recueil 
Nr. 998, 44 (ca. 170 v. Chr,); vgl. weiter den bei den ogyeojveg des 
Amynos, Dittenb. Syll.* II 725, 11 (ca. 325 v. Chr.?): allgemein über die 
Mitgliedsbeiträge Poland a. a. 0. S. 493 f. 

Die Ehrenmitglieder wurden wohl ohne Zahlung der Taxe auf- 
genommen, vgl. bei der oxn’oöog der Ägypter in Delos, gr. Inschr. S. 240 f. 
in BCH. XIII (1889) Z. 16fF. : ngooXa\ßEa\d^ai tc avrovg elg xr^v ovvodov 
rov xadrjxorzog elooöiov xx^., und kein xoivdv der Baxxioxojv auf Thera, 
Dittenb. Or. Gr. II, 735, 22 ff. (159 — 145 v. Chr ). Vgl. auch den gratis 
adlectus inter navicularios von C. I. L. XIV, 409 (2. Jahrh. n. Chr.). 

* Vgl. Bruns, Fontes’ Nr. 175, col. 1, 11 aus dem Kaput ex SC. 
p(opuli) R(omani)); D. 47, 22, 1 pr. (Marcianus); Tertull. Apol. 39; 
Waltzing a. a. 0. I S. 451 ff.; Liebenam a. a. 0. S. 171; Kornemann in 
Pauly-AVissowa IV, S. 469f. ; über stips als Kultbeitrag vgl. außer Varro 
de 1. 1. V, 182, die bei Marquardt, Röm. Staatsverwalt.* III S. 456, zitierten 
Quellen. 

* So wird in den Statuten wohl der Mitgliedsbeitrag dieser Genossen- 
schaft genannt, vgl. z. B. dem. P. Cairo Cat. 31178 5; dem. P. Cairo 
Cat. 30606, 7; 30605, 6; 8; 81179, 7. 


Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 159 


worden sein.i Für das Jahr 180/79 v. Chr. betrug der 
Mitgliedsbeitrag zwei dbn Silber, » mag aber, wenn wir 
die ziemlich hohen Posten in dem. P. Cairo Cat. 30619 a 
+ b, verso betrachten (72 Silber dbn), später (133/7 
V. Chr.) wohl mehr ausgemacht haben. Außerdem mußten 
die „Leute der Anstalt“ (n^ ])] c) als regelmäßigen Beitrag 
eine als ht bezeichnete Summe^ zahlen und nach dem. 
P. Cairo Cat. 30619a, 5 noch einen „ Liturgiebeitrag“. ^ Das 
war aber noch nicht alles, die Mitglieder der Sechserschaft 
hatten noch andere Verpflichtungen. Am Tage der Jahres- 
versammlung zur Festsetzung der Statuten scheint eine 
Opfergabe dargebracht worden zu sein, zu welcher jedes 
Mitglied zwei Brote beizusteuern hatte, ^ und ebenso waren 

' Vgl. dem. P. Cairo Cat. 30605,6: mtu-n fj pe-n ht rl hr )bd nb, 

^ Vgl, dem. P. Cairo Cat. 31178, 5. Über das dbn vgl. Metrology 
in dem. P. Ryl. III S. 414. 

3 Vgl. dem. P. Cairo Cat. 30605, col. 1, 6; 31179, col. 1, 7. Die Be- 
deutung „Amt“ ist, wie Spiegelberg S. 21, 10 hervorhebt, durch das 
Determinativ ausgeschlossen; so übersetzt er die Gruppe mit »Vieh- 
Silber“. Man könnte vielleicht dabei an Opfertier denken; vgl. die 
zwei mj' sh — Vorsteher der Herden — in dem. P. Cairo Cat. 30619 a + b, 
col. 1, 9; „Amts (V)-Silber“ in dem. P. Cairo Cat. 30619 a -f b, 5 ist Druck- 
fehler. 

^ Dem. P. Cairo Cat. 30619 a -f b, 5: nlw-n ht wp.t (?). Da die Lesung 
unsicher ist, muß man sich wohl jeder Vermutung enthalten. 

^ Vgl. schon in den Statuten des Jahres 180/79, dem P. Cairo Cat. 
31178, 3 »Wir geben zwei Brote und sind festlich versammelt“, ebenso 
die detaillierten Bestimmungen in den Statuten späterer Jahre, dem. 
P. Cairo Cat. 30605, col. 1,8; dem. P. Cairo Cat. 31 179, 9. Nach einer 
brieflichen Mitteilung des Herrn Professor Spiegelberg ist die ursprüng- 
lich als Eeramion bezeichnete Gruppe an allen den genannten Stellen 
jetzt mit „Brot“ zu lesen. Danach ist also n fi als „Brotgabe“ zu 
übersetzen von fJ, bringen, tragen; kopt. qei). Die „Bewertung“ eines 
Brotes mit 5 dbn Silber könnte man als die allfällige entsprechende 
Geldleistung ansehen; wir müssen jedoch in der Deutung sehr vor- 
sichtig sein, da das Zeitwort nicht ganz einwandfrei lesbar ist. 



jgQ Das Vereins vermögen. — § 10. Einnahmen. 


für die alljährlich bestimmten Feiertage, welche hier die 
Hauptrolle im Vereinsleben spielten, von den „Leuten der 
Anstalt“ Gelder aufzubringen. Auf solche Geldleistungen 
bezieht sich, wenn die Lesung richtig ist, eine Bestimmung 
in den Statuten verschiedener Jahre. ^ Außer Geld scheinen 
noch Gaben von Salbe Kränzen Qclm)^ Öl (ihm) 

und Fett ('/) vorgeschrieben gewesen zu sein.^ 

Bei manchen Vereinen traten, ähnlich wie in Griechen- 
land, die Beiträge zu den Festlichkeiten,^ da man in diesen 
vielfach den eigentlichen Zweck dieser Vereine sah, an 
Stolle der monatlichen Beischüsse, so z. B. bei den Baoi- 
harnt auf der Bacchusinsel. ^ 

In römischer Zeit sind die Verhältnisse unverändert: 
Die Posten von 1 ()odiov, beziehungsweise 1 xegd/uiov Wein, 
die in Ostr. Theb. 142 a. d. 2. Jahrli. n. Chr. begegnen, darf 
man wohl als die regelmäßigen Beiträge der Mitglieder 
des Amenothesvereines auf fassen. Weiter wird es beim 
Keichsverband der Techniten bestätigt, daß das neuauf- 
genommene Mitglied, der Schreiber M. Aurelios Apollodidy- 
mos, die Beiträge zu den Festlichkeiten des Jahres gezahlt 
habe.^ Endlich kommt in der Ausgabenliste einer Privat- 

1 Vgl.dem.P.CairoCat.30606,col.l, 10(158/7 v. Chr.); 30605, col. 1,9 
(157/6 V. Chr.) 31179 col. 1,10 (148/7 v. Chr.). Vielleicht bezieht sich 
die Silbereinnahme der Rechnung, dem. P. Cairo Cat. 30618, col. 1 und 
col. 2 (138/7 V. Chr.) auf ein solches Fest. 

2 Dazu Spiegelberg a. a. O. S. 69, 2. 

Vgl. dem. P, Cairo Cat. 30619 a -f b, 6. 

Ta rag {h'oiag genannt; vgl. z. B. IG, XII 3, 330, 227 (Thera); 
Dittenb. Or. Gr. 1, 326, 25 f. (152/1 v. Chr.). 

^ Dittenb. Or. Gr. 1, 130, 11 ff. (146 — 116 v. Chr.): ra uigog rag d'voiag 
xal onovöag zag tnojuh^ag fi' ovvobcoi xara rag Tigänag evdzag rov 
fir)vdg t'xdoTov xai rag dklag ijicovvfiovg ijjHEgag dt’ kxdoxov 8io£vt}VEyfj.Eva 
XQtifiara. 

Vgl. BGU 1074, 15: djioSEScoxdra . . . xal rä Eig zag zi^dg zov 
«of cL; freilich ist nach Viereck, Klio VIII, S. 421, die Lesung nicht 



Das Vereins vermögen. — § 10. Einnahmen. 


161 


person aus dem Faijüm im 2. Jahrh. n. Chr. der Posten 
ovvoTixov oivov ^ vor,i was wohl auch ein Mitglieds- 

beitrag sein dürfte. Selbstverständlich ist es im letzten 
Falle nicht möglich, zu sagen, ob es sich dabei vielleicht 
bloß um eine außerordentliche Auflage handelt, wie sie oft 
für Gastmähler und Begräbnisfeiern bezeugt sind. 

3. Summa honoraria. Ähnlich wie in Rom die Pflicht 
bestand, bei der Übernahme eines Vereinsamtes dem Vereine 
eine gewöhnlich schon in den Statuten festgesetzte Summe 
an Geld oder Naturalien zu zahlen, um die ehrende Wahl 
durch eine Liberalität zu erwidern, 2 begegnen uns auch 
schon bei den griechischen Vereinen solche regelmäßige 
Zahlungen der Beamten, worauf schon Ziebarth a. a. 0. auf- 
merksam gemacht hat. Er erwähnt aus hellenistischer Zeit 
die Leistungen der fm/urinoi des Epiktetavereines, IG. XII 
3, 330, Z. 139 ff. 177 ff. und weist für die römische Zeit auf 
die pergamenischen vjuvcoöoi^ und auf die athenischen 7d- 
ßaxxoi (Dittenb. Syll.^ II, 737) hin. 

Dieselbe Erscheinung läßt sich auch in den Papyri beim 
großen Atliletenverbande beobachten, indem in P.Lond. III 
S. 214 ff. Z. 84 — 102 bestätigt wird, daß der bei den großen 
Wettspielen in Sardos (m xoivd rijg ^Aoiag) amtierende 

ganz sicher, vgl. jedoch Preisigke, Berichtig. Listen. Die Zahlung dieser 
Beiträge könnte wohl Bedingung für die Aufnahme in den Verein sein, 
vgl. eine solche Bestimmung aus alter Zeit bei den Eranisten in Athen, 
IG. n 5, 618 b; vgl, oben S. 27. 

^ P. Grenf. 1, 51, 11, nach der Lesung von Wilcken, Arch. III, 120. 

2 Vgl. Pais: C. I. L. Suppl. ital. I Nr. 669: (sex) vi[ri], ex summis 
hon[ora]riis, quas colle[gio] nautarum debuerant; Ephem. epigr. V Nr. 498, 
9 ff : Si quis flam[enj esse volue[ritJ, d(are) d(ebebit) vini ampfhoras) 
tres pr[aeterea] pane(m) et salem et ci[bariaj et cet.; Waltzing a. a. 0. 1 
S.453f.; lVS.628f. 

^ Vgl. IGR. IV, 853b, 2 ff,: X)oa iwi eviavroji nagexei rfjg o 

svxoof^og; c, 2 ff.; d, 2 ff. 

San Nicolü, Ägyptisches Voreinswosen II. 


11 




162 


Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 


Priester {legaodjuevog^ Z. 86. 91. 100) 50 Denare gezahlt 
hatte. Aus demselben Rechtsgrunde läßt es sich vielleicht 
erklären, wieso der yQajufiarevg Wevrirovi^g des thebanischen 
Amenothesvereines im Einnahmenverzeichnis, Ostr. Theb. 
142, mehr zahlt als die anderen Mitglieder.^ 

Überdies darf man wohl nach Analogie des römischen 
Brauches* annehmen, daß auch in Ägypten viele der von 
den Vereinsbeamten, besonders vom Vorstande, der Ge- 
nossenschaft gemachten Geschenke einfach als Liberali- 
täten aufzufassen sind, welche an die Stelle der summa 
honoraria treten sollten. ^ Insbesondere scheint das in 
Ägypten beim Amtsaustritte üblich gewesen zu sein.^ 

4. Verkauf der Priesterstellen. Obwohl nicht bei 
allen ägyptischen Vereinen Priester Vorkommen, da in 
Ägypten der Genossenschaftskultus trotz seiner Bedeutung 
nicht überall dieselbe Rolle spielte wie in den übrigen helleni- 
stischen Ländern, so sind uns doch bei einer großen Zahl 
von Genossenschaften legelg bezeugt.^ Die Form der Be- 
setzung der Priesterstellen scheint, ähnlich wie in den 

' Die Lesung für y^aii^iaxevg in Z. 2. 8. 9. 11 ist allerdings nicht 
sicher. 

* Vgl. z. B. C. 1. L. VI, 4710; III, 633 (Philippi); V, 2794 (Patavium) 
u. a. m.; vgl. Wnltzing a. a. 0. I S. 453, 5; IV S. 367; 629. 

* Vgl. z. B. die Inschrift auf einer Statue des d(>xi^QEvg eines ale- 
xandrinischen Vereines, gr. Inschr. Nr. 22 S. 163 der Revue 6pigr. N. S. 
I (1913): Aiviag jiQootaTw\}'^ tq xä hog Kaioagog (10/9 V. Chr.) dvf'[<!^(?;ptfev)] 
xrk.; ebenso gr. Inschr. XV (95 n. Chr.) in Annales du Service 1913 
S. 88 ff., Z. 6 ff.: idjiog . . . avoLKodofirfd''!] . . . öid *'Aßdcovog Jigooxazov, 

^ Vgl. die sehr zahlreichen Widmungen und Geschenke von jrpo- 
orazyoavxEg in IGR. I, 1095 (29/8 v. Chr.) ; IGR. I, 1051 (20/21 n. Chr.); 
IGR. 1, 1114 (17 V. Chr.); CIG. III, 4684d (ca. 15 v.Chr.); Breccia, Iscri- 
zioni Nr. 135 u. a. m.; vgl. übrigens auch in Rom, C. I. L. VI, 10345: 
muner(e) func(ti) ter und bei der Entlastung von der Geschäftsführung: 
C. LL. VI, 10380: curatores collegii a cura soluti donum dant. 

‘ Vgl. S. 67 f. 



Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 163 


öffentlichen Tempeln, ^ neben Wahl, Los und Vererbung 
auch Verkauf gewesen zu sein.* Diese Erscheinung läßt 
sich zwar mit Deutlichkeit erst bei einem Berufsverbande 
der späteren römischen Zeit wahrnehmen, wir sind jedoch 
berechtigt, anzunehmen, daß es bloß der Mangelhaftigkeit 
der Überlieferung zuzuschreiben ist, wenn uns Belege aus 
einem früheren Zeitpunkte noch fehlen; zweifellos war 
schon unter den Ptolemäern die Besetzung der genossen- 
schaftlichen Priesterstellen durch Verkauf zulässig.* Der 
Verein, auf welchen hingedeutet wurde, ist der oft er- 
wähnte rdfioQ von Gertassi (vgl. Bd. I S. 122 ff.). In einer 
Reihe auf den Verein sich beziehender nQooxvvrijuaza 
sind Aufwendungen verzeichnet, die für yöjuog^ legwovvrj^ 
beziehungsweise äQXLSQcoovvt]^ womit man das Priesteramt 
der Genossenschaft bezeichnete, geleistet wurden darin 
haben nun Otto a. a. 0. 1 S. 251 f. und nach ihm genauer 

^ Darüber vgl. Otto a. a. 0. I S. 240 ff., der diese Art der Besetzung 
als eine Neuerung des hellenistischen Zeitalters betrachtet (S. 244), je- 
doch mit Unrecht, vgl. dem. P. Ryl. 1 (643 v. Chr.), der das „sale of a 
priesthood“ enthält. Wie ich jetzt sehe, hat W. Otto seine Behauptung 
in Hermes XLIV, S. 596 wieder zurückgezogen. 

* Verkauf des Vereinspriesteramtes kommt auch sonst vor, vgl. 

beim xoivov Nixojudxsiov in Chalkedon. Dittenb. Syll.'“* II, 595, 2 ff. : t«v 
lEQC0T8[tav Töjv x(bv övcodexa leQioxF.vaFX K\jii C(od<; kay^o^iFvog (3. Jahrh. 

V. Chr.), weiter in Erythrai, Dittenb. Syll.^ II, 600, 94 (ca. 278 v. Chr.): 
aiÖF iFQfjxEiaL E7iQ6.{^r)oav F(p* LEQOJtoiov ^Ajiaxovgiov ; gr, Inschr. Nr. 7, 
Z. 13 ff. in Revue Et. gr. VI (1893) S. 171 f.; vgl. Poland a. a. 0. S. 418; 
Ziebarth a. a. 0. S. 146 und Herbrecht, De sacerdotiis apud Graecos 
emptione venditione, p. 9 (Dies. Straßburg 1885). Wir haben es hier sogar 
mit einer vorhellenistischen Einrichtung zu tun, vgl. gr. Inschr. in Ab- 
handl. Berl. Akad. 1908 S. 20 f., publ. von Th. Wiegand; dazu Otto, 
Hermes XLIV, S. 594 ff. 

* Es scheint mir gewagt, die Zahlung „legcoviav* in P. Teb. 119,32 
(105—101 V. Chr.) in diesem Sinne aufzufassen. 

Für diese Deutung von lofiog vgl. Zucker a. a. 0. S. 30 und 44 f. 

11 * 



104 Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 


Zucker a. a. 0. S. 37 flf. mit Recht den Kaufpreis erblickt, 
den die legeTg Fofiov für die Erlangung ihrer Würde zahlen 
mußten.^ Die ausgelegten Beträge sind recht groß und 
schwanken sehr: so hat z. B. Maxgelvog die Stelle achtmal 
bekleidet und dafür zusammen 240 aurei gezahlt, für den 
sechsten und siebenten yojuog allein aber hatte er 110 aurei 
ausgegeben, während der zweite und fünfte ihm bloß je 
16 aurei kosteten.* 

Aus diesen Zahlen kann man sehen, daß der Verkauf 
der Priest erstellen eine einträgliche Einnahmequelle für 
den Verein sein mußte, denn wir dürfen annehmen, daß der 
Kaufpreis der Vereinskasse zugute kam.s Hervorzulieben 

^ Die Annahme vonP. M. Meyer, Heerwesen S. 140, daß die Priester- 
stellen beim /b/zoc hirovQyiai gewesen seien, wahrscheinlich so auch 
Fitzier a. a. 0. S. 147 gegen Otto a. a. 0. I S. 251, ist nun von Zucker 
a. a. 0. S. 31) widerlegt worden. P. Giss. 11 (118 n. Chr.) spricht durch- 
aus nicht dagegen, wenn man nicht die Zustände heim Jo/aog von Ger- 
tassi auf alle Vereine ausdebnen will, was ja unzutreffend wäre. Die 
gezahlten Beträge einfach als summa honoraria zu erklären, scheint 
mir wegen ihrer so verschiedenen Höhe nicht geboten. Dagegen spricht 
wohl die wechselnde Größe der eingezahlten Summen für den Kauf 
(zweifelnd Zucker a. a. 0. S. 39, 1; entschieden den Kauf verneinend 
Fitzier a. a. 0. S. 147) und zwar für die Versteigerung, wie sie bei der 
Besetzung der Priesterstellen in den Tempeln üblich war, vgl. P. Teb. 
296 (123 n. Chr.); P. Teb. 294 (147 n. Chr.); P. Bibi. Nat. Paris {= Wilcken, 
ehrest. Nr. 81) aus dem Jahr 197 n. Chr. 

* Die Berechnungen sind ziemlich kompliziert, vgl. Otto a. a. 0. 1 

S. 251. Zucker hat aber die Posten tabellarisch zusammengestellt und 
die Summen, die der MaxgeXvog gezahlt hat, aus den sich darauf be- 
ziehenden Inschriften, CIG. III 5009 (243 n. Chr.); 5003 (235 n. Chr.); 
5007b (250/1 n. dir.); 5005 (246 n. Chr.); 5007 (251 n. Chr.); 5002 (233 
n. Chr.) präzisiert, vgl. a. a. 0. S. 37 ff., S. 79. Sonstige Verkäufe der Priester- 
würden beim CIG. III 5010 (249 n. Chr.); 5008 (245 n. Chr.); 

5014 (nach 243 n. Chr.) ; 5001 (234/5 n. Chr.); 5006 (244 n. Chr.). 

* Nicht etwa in ein davon verschiedenes Tempel vermögen. Die 
Ausdrücke ävado&hxa . . . ovo^axog xov ^eov in CIG. III 5001, 5 f. und 



Das Vereins vermögen. — § 10. Einnahmen. 


165 


ist schließlich, daß in CI6. III, 5009 (243 n. Chr.), dem 
jiQooxvvrjfia^ worin die acht Priestertümer des Makreinos 
verherrlicht werden, noch erwähnt wird, er habe außer 
dem Kaufpreis für die acht legmovvai (240 aurei), weiter 
60 aurei für die acht yöjLioi, die er bekleidet hatte, aus- 
gegeben, Z. 9 ff. : {ed(Dxev) xal ävaXw^dxmv twv g FofiMV äXla 
XQvo(ä) i^YjxovTa xxL^ Diese Beträge sind wohl als Liberali- 
täten, die der Makreinos während seiner verschiedenen 
Amtsperioden etwa dem Tempel oder für die Genossen 
gemacht haben wird, aufzufassen. ^ 

II. Zu den außerordentlichen Einnahmen zählen: 

1. Außerordentliche Beiträge der Mitglieder und 
sonstigeUmlagen. Außer den oben dargestellten regel- 
mäßigen Leistungen der Vereinsgenossen waren in den 
Statuten mancher Genossenschaft Bestimmungen enthalten, 
daß bei Eintreten gewisser Umstände oder bei besonderen 
Anlässen von den Mitgliedern Beiträge, deren Höhe fest- 
gesetzt war, zu entrichten waren. So heißt es in den 
„Regeln“ einer Choachytengenossenschaft a.d. Jahre 107/6 
V. Chr., dem. P. Berlin 3115, S. 7 : „Wem ein Knabe geboren 
wird, der soll 30 dbn Silber zahlen“, wohl damit dieses 
Ereignis gefeiert werden konnte, ein Brauch, der auch 
seine griechische Parallele hat.-*^ Meistens gab aber bei den 

5008, 8 f., womit der Zahlungsempfänger gemeint sein könnte (Preisigke, 
Girowesen S. 151), sind wohl zusammen mit der Wendung irntQ svoe- 
ßeiag xdQi%', mit Zucker a. a. 0. S. 98, als bloße Frömmigkeitsformeln, 
wie es sich in einem jiQooxvvrjfia gehört, aufzufassen. 

^ In Z. 10 ist wohl rj statt g zu lesen, wie das in Z. 3 und Z. 7 
schon durch den Steinmetz geschah; vgl. den kritischen Apparat bei 
Zucker a. a. 0. S. 110; S. 70; S. 39 und die Vermutung von Wileken bei 
Otto a. a. 0. I S. 252, 2. 

* Zucker a. a. 0. S. 39 spricht von „Aufwendungen zur Bestreitung 
von Ausgaben während der Amtsdauer*, vielleicht meint er auch an 
dasselbe. 

® Dittenb. Syll.* II, 737, 128 ff. : og d* dv xwv ioßdxx(ov kdxfj xki^Qov 



166 Ver einsvermögen. •— §^10. Einn ahmen. 

ägyptischen Vereinen der Tod eines Mitgliedes oder eines 
Angehörigen seiner Familie den Anlaß zu einer außer- 
ordentlichen Umlage, denn die Sorge um eine angemessene 
Bestattung hat im Leben der Ägypter jederzeit eine wich- 
tige Rolle gespielt. Da über die Fürsorge für die Ver- 
storbenen an einem anderen Orte (vgl. unten § 13 a) die 
Rede sein wird, mag hier dieser Hinweis genügen. 

Bei manchen Vereinen, die nicht übergroße Geldmittel 
verfügten, wurden oft die Ausgaben für die Gastmahle, 
welche bei verschiedenen Gelegenheiten abgehalten wurden, 
durch Beiträge der Mitglieder bestritten. Sie müssen daher 
hier erörtert werden. 

Außer der Liste der „Silbereinnahme für ein Fest“ der 
Genossenschaft des Sobk zu Tebtynis,^ gibt uns die Rech- 
nungsrolle eines Schmausevereines aus ptolemäischer Zeit 
(2. Jahrh. V. Chr.) hierüber Aufschluß. Am 17. Athyr des 
betreffenden Jahres wurde in Tebtynis die Totenfeier ^ des 
Kalatutis ab gehalten; für Wein und Brot sind 2190 dr. 
ausgegeben worden; die Beiträge der Teilnehmenden zu 
100 dr. betrugen 2200 dr., was einen Überschuß von 10 dr. 
zugunsten der Vereinskasse ergab. Bei einer anderen Feier 
drei Tage später wurden für einen Kranz 120, für Wein 
2000 dr. ausgegeben ; die teilnehmenden Personen zahlten 
2300 dr., woraus wieder ein Überschuß von 180 dr. er- 
wuchs; dagegen mußte am 25. Tybi bei einem ähnlichen 

^ xeifii^v y rd^ir, ti&eto) zoTg ioßdxxoig ojtovdyv d^iav irjg id^ewg, ydfiayv, 

yevvyoEMg, xxX. Die Leistung in Sylt* II, 734, 52 ff. (3./2. Jahrh. n. Chr.) 
ist wohl mehr als Eintrittsgeld (Eioaydjyiov) aufzufassen. 

* Vgl. dem. P. Cairo Cat. 30618, col. 1 (138/7 v. Chr.); die Lesung 
ist aber unsicher. 

^ negideiJivovi P. Teb. 118, 1; P. Teb. 120, 117 (1. Jahrh. v. Chr.) ; 
P. Teb. 177 (112/1 oder 76/5 v. Chr.); P. Teb. 209 (76 v. Chr.) ist wohl 
das nach der Bestattung stattfindende Mahl oder Trinkgelage; nicht 
richtig m. E. Ziebarth, Berl. Phil. Wochenschr. 1906, Sp. 364. 



Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 


167 


Anlaß die Genossenschaftskasse 20 dr. daraufzahlen. ^ Auch 
diesmal war der Mitgliederbeitrag 100 dr. gewesen, wahr- 
scheinlich auf Grund einer statutarischen Bestimmung, da 
immer dieselbe Summe begegnet. Bescheidener ist eine Ge- 
nossenschaft der yegdioi aus dem Faijüm, die für ein Fest- 
mahl im Epiph des Jahres 153 n. Chr. von ihren Mitgliedern 
einen Beitrag von 4 dr. erhebt (einer zahlt sogar bloß 2 dr. 
und zwei 16 Obolen!), P. Teb. 584 descr.: A6y(og) h]fi(ju)a- 
{rog) Eig dg[§fir]oiv "^Ecpln rov ig 'Qkovg) '‘Avxcovivov Kaioagog 
rov xvgiov Enm i juerd xrjv lonarogiav ysgöiayv. Eine eigene 
Kolumne enthält die Beiträge der: rohg im^hovg xal ev 
xfi jurjzgoTioXEi rov ig AvxoivLvov Kaioagog xov xvgiov,^ 

Um Zahlungen von außerordentlichen Umlagen anläßlich 
von Festlichkeiten scheint es sich in P. Teb. 119, 25 (105 
bis 101 V. Chr.): äoxs Etg xi]v ovvoöov Eagarntjoig^ zu han- 
deln und vielleicht ebenso in einem koyog dval^cojuaTog) 
oivov aus römischer Zeit, P.Lond.III S. 193 ff. (258/9 n.Chr.), 

' Diese Ißterpretation von P. Teb. 118 läfst sich, glaube ich, aus 
den Ausdrücken iv (nx(p, Z. 8. 15 und tmig dv>;(Aw//aro?) in Z. 19 recht- 
fertigen, da die Ziffern zu den Überschüssen und zum Ausfall mit den 
Summen übereinstimmen. Zur Lesung iv oikco möchte ich auf P. Teb. 
120, 116 (1. Jahrh, v. Chr.) hinweisen. 

’ Ähnliche Festgelage, für welche die Mitglieder feste Beiträge 
zu leisten hatten, kommen auch sonst in den Tebtynis Papyri vor, 
vgl. u. a. P. Teb. 224 (2. Jahrh. v. Chr.); der Beitrag der Genossen war 
hier 105 dr. pro Kopf. Auffallend ist, daß die ^evoi auch die Quote 
zahlen. Darunter sind wohl nicht Gäste, sondern eher einfach Nicht- 
mitglieder zu verstehen, vgl. P. Teb. 118: ovvdsijivot im Gegensätze zu 
^hoi. Wohl aber gab es in beiden Klassen ärpeaifjioi (immunes?), die 
nichts zahlten (P. Teb. 224); für sie mußten die andern Teilnehmer auf- 
kommen, vgl. P. Teb. 226 (Ende 2. Jahrh. v. Chr.): a(pe(ia(Tog) ^e{vcov^) 
rj dv(a) e [i. Ein anderes jisgideutvov, an welchem auch ^evot teilnahmen, 
ist in der Ausgabenliste P. Teb. 177 (112/1 oder 76/5 v. Chr.) erwähnt. 
Ebenso spricht P. Oxy. 736, col. 3, 36 ff. (1 v. Chr.) von einem Jisgidinvoy 

) yvacpecog, für welches Spargeln ausgegeben wurde. 



168 Vereinsvermög^n. — § 10. Eionahmen. 


indem darin Leistungen von dixcoga Wein und von Geld 
an drei verschiedene Vereine, immer vjikg Adomov, ge- 
bucht sind, Z. 70 f. 72 f. 119. 122 f.i 

Von den soeben besprochenen Umlagen sind jene ver- 
schieden, die von den Mitgliedern zum Bau eines Vereins- 
lokales, eines Heiligtums, zu Restaurierungsarbeiten, zur 
Errichtung von Statuen, erhoben wurden. Bei diesen Ge- 
legenheiten, die im römischen Vereinsleben zahlreiche 
Parallelen haben, ^ handelt es sich meistens um freiwillig 
zusammengeschossene Gelder, die für das Vereinsvermögen 
nur insoweit als Einnahme in Betracht kommen, als die 
gestifteten Objekte ins Eigentum der Genossenschaft über- 
gehen, oder dadurch Vereinseigentum wieder in Stand ge- 
setzt, beziehungsweise erneuert wird. 

2. Strafgelder. Zweifellos bildeten die Strafgelder 
eine nicht unbedeutende Einnahmequelle, denn in sämtlichen 
uns bekannten Statuten ägyptischer Vereine sind Geld- 
strafen, und manchmal auch recht hohe, für alle möglichen 
Vergehen und Übertretungen vorgesehen.^ Darüber wird 
in einem anderen Kapitel ausführlich gehandelt werden. 

3. Erbschaften und Schenkungen. Es kam in 


' Meine Annahme, daß Adotnov ein Fest sei, darf jedoch nur als 
Vermutung ausgesprochen werden. Die Herausgeber P. Lond. III hatten 
das Wort im index of places aufgenommen; mich bestimmten jedoch 
Z. 128 f. und 253 darin eher eine Festlichkeit zu erblicken und Mr. H. 
J. Bell ist, nach einer brieflichen Mitteilung, auch dieser Ansicht. Mit 
Z. 122 f. aber: vtieq dggaßd)vog Adoiuov, weiß man bei beiden Annahmen 
nichts anzufangen. 

^ Vgl. die verschiedenen Bauten ex aere collato oder ex pecunia 
collata, C. I. L. IX, 3383 (Aufinum); VI, 10258; III, 11255 (Camutum); 
VI, 10332; VI, 4421; X, 5968 (Signia) u. a. m.; vgl. Waltzing a. a. 0. 1 
S.464f.; IVS.645flf. 

^ Vgl. vor allem die Statuten der S)s(n).t von Tebtynis und die Liste 
von Cff/uiat in descr. P. Teb. 226 (2. Jahrh. v. Ohr.). 


Das Vereinsvermögen. — § 10. Einnahmen. 


169 


Griechenland und in Kleinasien ebenso wie in Rom^ oft 
vor, daß Erbschaften und Legate an Vereine hinterlassen 
wurden.* Welche Bedeutung der Erbfähigkeit der privaten 
Korporationen für die Beurteilung der juristischen Peisön- 
lichkeit derselben im römischen Rechte zukommt, braucht 
hier wohl nicht betont werden.® Leider versagen die papyro- 
logischen und inschriftlichen Quellen aus Ägypten auf 
diesem Gebiete vollständig, da uns, wenigstens bis jetzt 
nicht ein Beispiel einer einem Vereine hinterlassenen Erb- 
schaft oder einer sonstigen letztwilligen Verfügung zugunsten 
eines Vereins bekannt ist. Immerhin wäre, auch bei vor- 
handenem Material, die Möglichkeit, daraus Schlüsse auf 
die römische Praxis zu ziehen, nicht ohne weiteres gegeben, 
zumal die Privatrechtsfähigkeit der Vereine in Ägypten 
— unter dem Einflüsse des griechischen Verbandsbegriffes — 
wohl anders zu beurteilen ist, als die der römischen Vereine. 
Doch darüber später. 

Was nun die Schenkungen betrifft, so ist es durchaus 
nicht auffallend, wenn in Ägypten, ähnlich wie in der 
übrigen hellenistischen Welt und später auch in Rom,^ 
Liberalitäten an Vereine und Genossenschaften sehr häufig 
und in großem Umfange verkommen. Denn die spontanen 

^ Als Beispiele vgl. Bruns, Fontes^ Nr. 175 (136 n. Chr.); Nr. 177 
(153 n. Chr.); Nr. 180; C. I. L.Vl, 7458; C. L L. XII, 731 und die zahl- 
reichen Inschriften bei Waltzing a. a. 0. I S. 457 ff. ; Liebenam a. a. 0. 
S. 247 ff. 

2 Nur als Beispiele seien Dittenb. Or. Gr. I, 326 (ca. 152/1 v. Chr.); 
IG. XII 3, 329 (2. Jahrh. v. Chr.); IG. XII 3, 330 (210—195 v.Chr.) ; CIG. 
II, 3028 (römische Zeit); Judeich, Altertümer von Hierapolis, gr. Inschr. 
Nr. 133b auf S. 114 und Nr. 342 auf S. 174 erwähnt; dazu Ziebarth a. a. 0. 
S. 161. 

* Vgl. statt anderer Mitteis, Privatrecht S. 399 ff. 

^ Vgl. Ziebarth a. a. 0. S. 161 f.; Poland a. a. 0. S. 481 ff.; für Rom 
vgl. Waltzing a. a. 0. 1 S. 456 ff. ; II S. 449 f.; Liebenam a. a. 0. S. 245 ff. 



170 


Das Vereios vermögen. — § 11. Ausgaben. 


Freigebigkeiten treten gegen die Anzahl solcher Zuwen- 
dungen, die entweder in Erwartung künftiger, oder als 
Dank für bereits verliehene Ehren gemacht wurden, ent- 
schieden in den Hintergrund. Wir haben ja oben gesehen, 
daß das Vermögen der Genossenschaften, insbesondere das 
unbewegliche, fast ausschließlich aus Schenkungen stammte, 
daher brauchen wir an dieser Stelle bloß darauf hinzuweisen.^ 
Ebenso haben wir bereits bei der Besprechung der summa 
honoraria hervorgehoben, daß viele der von neugewählten 
oder aus dem Amte scheidenden Vereinsorganen an die 
Genossenschaft gewidmeten Gegenstände als ein Ersatz 
für den nach den Statuten zu leistenden Amtsbeitrag an- 
zusehen sind. Dasselbe gilt auch für die von Beamten, 
meistens von den Vorständen, vorgenommenen Renovie- 
rungen und Herrichtungen der Heiligtümer oder Ver- 
sammlungslokale der Genossenschaft. Eine Aufzählung der 
aus Ägypten bekannten Fälle kann hier, mit Rücksicht 
auf frühere Darlegungen, unterbleiben. 

Ziebarth a. a. 0. S. 161 zählt unter den außerordentlichen, 
nicht etatmäßigen Einnahmen der Vereine noch die Ein- 
nahmen aus den Opfern und die Sammlungen unter den 
Mitgliedern zur Unterstützung der Vereinskasse auf. Leider 
sind uns wegen der Spärlichkeit des Materials keine Bei- 
spiele dieser Art aus Ägypten bekannt, was selbstverständ- 
lich noch nicht den Beweis liefert, daß es solche nicht 
gegeben habe. 


§ 11 . 

Ausgaben. 

Wenn wir die einzelnen Posten der Ausgaben ägypti- 
scher Vereine betrachten, so sehen wir auf den ersten 

' Vgl. oben S. 138 ff. 



Das VereiDSvymögen. — § 11. A usgaben. 171 

Blick, daß sie den Auslagen der griechischen und römischen 
Genossenschaften derselben Kulturepoche gleichen.^ Wesen, 
Zweck und Bedeutung des einzelnen Vereines sind für die 
Größe und die Natur der Ausgaben maßgebend. Zutreffend 
ist dabei eine Bemerkung Ziebarths a. a. 0. S. 162, daß 
bei den antiken Vereinen die Aufstellung eines Vereins- 
budgets im Sinne einer im voraus stattfindenden Abwägung 
von Einnahmen und Ausgaben gegeneinander für einen be- 
stimmten Zeitabschnitt (etwa ein Finanzjahr) nicht vorkam. 
Das ist m. E. leicht erklärlich: denn erstens finden wir 
eine solche Finanzeinrichtung auch bei größeren Wirtschafts- 
körpern nicht und zweitens bestanden zur Deckung der 
meisten Auslagen eigene, dazu bestimmte Fonds. Die 
übrigen Ausgaben wurden aus den Einnahmen der Ver- 
einskasse, oder durch außerordentliche Beiträge der Mit- 
glieder gedeckt. 

Ebenso wie die Einnahmen, sind auch die Ausgaben in 
regelmäßige und außerordentliche einzuteilen. 

1. Einen regelmäßigen Charakter haben die Auslagen 
für Festlichkeiten, Kultushandlungen, wiederkehrende Opfer 
und Schmausereien, welche sehr oft den eigentlichen Ver- 
einszweck ausmachten, jedenfalls aber bei den meisten Ge- 
nossenschaften vorkameu. Einige Beispiele davon sollen 
hier genügen: bei den Daodiarai von Dittenb. Or. Gr. 1 130 
(146 — 116 V. Chr.) werden onovöni und am neunten 

Tage der ersten Dekade jedes Monats und an den ^no)- 
vvjuoi fjjuLEQaL abgehalten, ^ während in Or. Gr. I, 111 (kurz 

^ Vgl. für Griechenland: Ziebarth a. a. 0. S. 162 ff. Für Rom: Walt- 
zing a. a. 0. I S. 479 ff.; Liebenam a. a. 0. S. 254 ff.; Komemann in Pauly- 
Wissowa IV Sp. 440 ff. 

* Vgl. Dittenb. Or. Gr. I, 130, 11 ff. : ica(i x)a TiQog xag -d'voiag xal 
OJiovöag xäg eoofiivag h xfji ovvoöcoi xaxa xäg jiQwxag evdzag xov fzrjvog 
ixdoxov xal xdg äkkag ejKovv^ovg rjfie^ag exdoxov elaevrjyeyfxeva 



172 


Das Vereinsvermögen. — § 11. Ausgaben. 


vor 163 V. Chr.) bloß von eviavoiai iograt und der Feier an 
der yEveMiog fjfiEQa xov Borj'&ov die Rede ist (Z. 18f.).i 
Bei den agonistischen Vereinen, bei den Epheben und 
sonstigen Jugendvereinigungen treten noch die Ausgaben 
für die Spiele und andere mit den Leibesübungen zu- 
sammenhängende Veranstaltungen hinzu.* 

2. Unter den außerordentlichen Ausgaben sind zuerst 
die Instandhaltung des Grundbesitzes, Reparaturen, Renovie- 
rungen und eventuelle Neuerrichtungen von Vereinsgebäuden 
und Heiligtümern zu nennen, falls hier nicht irgendein Mit- 
glied die Arbeit auf eigene Kosten besorgen ließ, wovon 
ja schon oben gelegentlich die Rede war. Dazu kommen 
noch Stiftungen von Statuen und allerhand Weihgaben an 
die Götter, die Ausbesserungen und Ausschmückungen von 
öffentlichen Tempeln und Heiligtümern. ^ 

Außerordentliche, durch besondere Veranlassungen ver- 
ursachte Bankette und Festlichkeiten mußten auch, wenn 
nicht spezielle Beiträge von den Mitgliedern dazu erhoben 
wurden, aus der Vereinskasse bestritten werden.*^ 

Besonders große Kosten verursachten die häufigen 
und mannigfaltigen Ehrungen an verdiente Mitglieder, an 
Herrscher und an hervorragende Persönlichkeiten des öffent- 


^ Vgl. gr. luscbr. Nr. 2 in Arch. V, S. 158, 3 ff. : ek rag dvoiag tag 
xaxa fiTjva yivoßtvag jjjv jiqoooöov Dittenb. Or. Gr. II, 735, 28 (2. Jabrh. 
V. Cbr.); IGR. I, 1077, 9 f. (1 v. — 1 n, Cbr.): W/i» Öajidrrjv «[.... vEo]fXTjviaxag 
V/i^leac], 

* Vgl. z. B. IG. XII, 3, 327, Z. 13 f.: Ojicog rjrcooir eig re r«; dvoiag 
xai to äXei^^ia dajiaväv, IG. XII 3, 331 passim u. a. m. 

» Vgl. z. B. Dittenb. Or. Gr. I, 130, 11 (eine öxtjkr))) Or. Gr. I, 97, 9: 
ein Altar und Perseabäume; gr. Inschr. in Arcb. III, 356 ff. , die avvo6og 
‘HgaxkEiovg erneuert den Tempel des Aresnupbis; dem. Inscbr. in Äg. 
Z. 50 (1912), S. 86 ff. aus der Zeit des Augustus. 

* So z. B. für die negidsutva von verstorbenen Mitgliedern, vgl. 
oben S. 166 f. und unten § 13 c. 



Das Vereinsvermögen. — § 11. Ausgaben. 173 


liehen Lebens, die sich entweder um den Verein verdient 
gemacht hatten, oder deren Gunst man sich sichern wollte.^ 
Darüber sollen hier bloß einige Worte gesagt werden. 

Über jede zu verleihende Ehre wurde von der Genossen- 
schaft in der Versammlung ein Beschluß gefaßt, dessen 
Wortlaut in einer Urkunde niedergeschrieben wurde. Eine 
Abschrift derselben wurde meistens dem Geehrten zugestellt, ^ 
während die Ehrenurkunde selbst, in Stein oder Erz ge- 
graben, iv rep Emepaveardrep romp in den Vereinsräumlich- 
keiten, oder in einem Tempel, oder endlich auf einem 
öffentlichen Platze aufgestellt wurde. ^ 

Unter den verschiedenen Formen von Ehrungen war 
der Kranz, entweder der Laubkranz {f}aUov oxEepavog) 
oder der goldene, wohl die verbreitetste.'* Daneben kam 
auch das Ehrenbild, meistens eIxcov genannt, oft vor.** 


' Mit Recht hebt Ziebarth a. a. 0. S. 166 die großen Kosten der 
Vereine in römischer Zeit für Ehrenausgaben an die Kaiser, öffentliche 
Beamte und andere außerhalb des Vereines stehende Personen hervor; 
doch begegnet diese Sitte im monarchischen Ägypten auch vor der 
Römerzeit. 

Ich habe davon abgesehen, eine detaillierte Darstellung der von 
den Genossenschaften verliehenen Ehren zu geben, denn das neue 
Material bringt kaum etwas sachlich Neues zu den trefflichen Aus- 
führungen von Ziebarth S. 164 ff. und Poland a. a. 0. S. 423— 445. Daher 
beschränkte ich mich hier der Vollständigkeit halber auf einige Bei- 
spiele ägyptischer Herkunft. 

2 Vgl. Dittenb. Or. Gr. II, 737, Z. 22 f.: xal fiezaSo^^vai aviov (sc. 
\\)Y\(pioiiaxo(;') dvxiyqaq>ov xibi AicoQiwvi^ iv* Eidiji xxk, 

3 Vgl.z.B. lG.XII3,331,40ff.; Dittenb. Or. Gr. I, 50, 10 ff.; Or.Gr.I, 
51, 23 ff. 

* Vgl. Dittenb. Or. Gr. II, 737, Z. 15 und Z. 19, wo der Kranz mit 
Rücksicht auf seine Kostbarkeit genannt wird; IG. XII 3, 331, 8: 

i^aAAoC axecpavog \ weiter Z. 27 und 38: oxe(pdvovg\ Dittenb. Or. 

Gr. I, 50, 5 und Or. Gr. I, 51, 16: xixxov axEq?avog; u. a. m. 

® Vgl. IG. XII 3, 331, 28 f. und Dittenb. Or. Gr. I, 51, 22, wo von sixwy 



174 Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


Eine dritte, seltenere Ehre, war der Erlaß gewisser, oder 
aller Beiträge, die eine Einbuße der Vereins- 

kasse bedeutete und daher zu den Ausgaben zu rechnen ist.^ 

Außer diesen wenigen Punkten läßt sich über die Aus- 
lagen der ägyptischen Vereine nichts sagen. Es ist vor 
allem zu bedauern, daß wir über die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse der Zünfte und Gewerbeinnungen vollständig im 
Dunkeln sind; es gäbe hier viele Fragen, die man gerne 
beantwortet finden würde, wie z. B. der Ankauf von Roh- 
material zur gemeinsamen Verarbeitung, oder die Errichtung 
gemeinsamer Werkstätten und derlei mehr, doch ist die 
Aufstellung solcher Fragen, solange die Antwort noch voll- 
ständig fehlt, müßig. 

Zum Schlüsse möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß 
uns Bruchstücke der Einnahmen- und Ausgabenbücher 
einiger Genossenschaften erhalten sind, die manches Inter- 
essante für die Wirtschaftsgeschichte bieten, doch müssen 
wir uns hier leider damit begnügen, darauf hinzuweisen.* 

§ 12 . 

V ermögensrecht. 

Die Frage, wer als Subjekt der Rechte am Vermögen 
der Genossenschaft zu betrachten sei, ist für die Quali- 
fizierung des Körperschaftsbegrififes von entscheidender Be- 

ygaittt/, das malerische Bild ira Gegensatz zum plastischen (dxwv /a/i«rj) 
gesprochen wird; vgl. Poland a. a. 0. S. 432. 

' Darüber später bei der Besprechung der Privilegien. 

* Vgl. dem. P. Cairo Cat. 81178 (180/79 v.Chr.); 30606, col.2 (158/7 
v.Chr.); 30605, col. 2 (157/6 v. Chr.); 31179, col. 2 (148/7 v. Chr.); 30619 
a + h (138/7 v.Chr.): 30618 (137/6 v.Chr.); P. Teb. 118 (Ende 2.Jahrh. 
V. Chr.); P. Teb. 177 (112/1 oder 76/5 v.Chr.); P. Teb. 224 (108 v. Chr.); 
P. Tob. 226 (Ende 2. Jahrh. v. Chr.); Ostr. Theb. 142 (2. Jahrh. n. Chr.) 



Das Vereinsvermögen. — §12. Vermögensrecht. 175 


deutung. Bekanntlich stehen die deutschrechtliche Doktrin 
und die herrschende romanistische Dogmatik hierin in einem 
so scharfen Gegensatz, daß man diesen Punkt geradezu als 
das Unterscheidungsmerkmal zwischen dem römischen und 
deutschen VerbandsbegrifF anzusehen pflegt. Nach der gang- 
baren romanistischen Annahme ist die Körperschaft, als 
juristische Person, Eigentümerin des ganzen Korporations- 
vermögens; da sie aber nicht als Gemeinwesen, son- 
dern als eine Einzelperson für sich rechtsfähig ist, 
tritt sie als selbständiges, koordiniertes Individuum an die 
Seite der Mitglieder, was notwendigerweise zur Folge haben 
muß, daß eine Verbindung zwischen den Rechtssphären 
beider Teile durch die Vermittlung der korporativen Rechte 
ausgeschlossen ist. Daher ist das Genossenschaftsvermögen 
den Mitgliedern gegenüber als eine res aliena zu betrachten. 
In ausgesprochenstem Gegensätze zu diesem römischen 
Alleineigentum der juristischen Person hat sich im deut- 
schen Privatrechte durch die Ausbildung der Genossen- 
schaft zur Körperschaft, aus dem Gesamteigentum der alten 
germanischen Genossenschaft der komplexe Begriff des 
„korporativen Gesamteigentumes“ entwickelt, 
welcher eine eigenartige, mit dem römischen Eigentums- 
begriffe unvereinbare Teilung der Eigentumsbefugnisse 
zuläßt. ^ 

Gegen die Annahme absoluter Unabhängigkeit des Ver- 
mögens der Genossenschaften und insbesondere der Vereine 
von den Mitgliedern im römischen Rechte, und ebenso gegen 
den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der deutschrecht- 
lichen und romanistischen Auffassung, wie sie Gierke auf- 

^ Vgl. Gierke, Genossenschaftstheorie S. 817 ff.; Genossenschafts- 
recht II S. 325 ff. ; S. 893 ff. ; S. 908 ff. ; Privatrecht I S. 589 ff. ; II S. 375 ff. ; 
Gierke in Holtzendorff, Rechtslexikon I S. 468; 478; ßeseler in System 
(4. Auflage 1885) S. 323 ff. 



176 


Das Vereinsvennögen. — § 12. Vermögensrecht. 


gestellt hat,^ hat sich in letzter Zeit Mitteis ausgesprochen 
(Privatrecht S. 341 ff.). Er nimmt, ohne sich in die Frage 
näher einzulassen, auf Grund der lateinischen Quellen, das 
„Vorhandensein privater Mitberechtigung der Korporations- 
mitglieder am Verbandsvermögen“, wenn auch in beschränk- 
tem Maße, an. Es bedeutet einen großen Schritt zur Er- 
kenntnis der wahren Natur der römischen juristischen Person, 
wenn dieser Satz, der schon früher als Ergebnis dogmatischer 
Betrachtungen ausgedrückt worden war, 2 jetzt auch von den 
Rechtshistorikern behauptet und durch Quellennachweise 
begründet wird. Dabei ist es natürlich, daß zur Unter- 
stützung der ebenso spärlichen wie auch oft mißhandelten 
Digestenstellen sich unser Augenmerk auf die epigraphischen 
Quellen und die Papyri richtet. Zweifellos würde eine strenge, 
rechtshistorische Bearbeitung der zahlreichen lateinischen 
Inschriften in dieser Richtung schöne Resultate zutage 
fördern, was um so wertvoller wäre, da das Papyrusmaterial 
der römischen Zeit auf diesem Gebiete so karg ist, daß 
sich daraus nur wenige, direkte Beweise für das Vorhanden- 
sein der genossenschaftlichen Elemente im Korporations- 
vermögensrechte gewinnen lassen. 

Auszugehen wird zunächst auch hier vom griechischen 
Rechte sein. Während das römische Recht nach der durch 
Jahrhunderte vertretenen dogmatischen Auffassung nur das 
Alleineigentum der juristischen Person amVerbandsvermögen 
zuläßt und die Rechte der Mitglieder daran höchstens als 

^ Gierke, Genossenschaftstheorie S. 318; Genossenschaftsrecht II 
S. 329; III S. 43 ff.; S. 90 ff.; S. 148 ff. und öfters. 

* Vgl. z. B. Jhcring, Geist des röm. Rechtes III 1, S. 356 ff.; Kniep, 
Societas publicanorum 1 S. 281 ff.; Hölder, Natürliche und juristische Per- 
sonen S. 169 ff.; Binder, Problem der Jurist. Persönlichkeit S. 74ff. u.a.m. 
Es sei hier wieder bemerkt, daß wir von einer Zitierung der bekannten 
romanistischen Literatur im allgemeinen absehen. 



Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


177 


jura in re aliena, meistens aber als bloße Forderungsreohte 
gegen die juristische Person erklärt, ließe sich schon aus der 
Struktur des griechischen Verbandsbegriffes, für welchen 
eine innige Verbindung zwischen Mitgliedern und Korpo- 
ration wesentlich ist, erwarten, daß die Beziehungen der 
Genossen zum Genossenschaftsvermögen einen festem in- 
dividualrechtlichen Charakter annehmen würden. Die, schon 
aus dogmatischen Erwägungen erschließbaren, mitglied- 
schaftlichen, dinglichen Berechtigungen am Korporations- 
vermögen lassen sich nun in den Quellen tatsächlich nach- 
weisen und liefern dadurch ihrerseits wieder einen Beweis 
dafür, daß im griechischen Rechte der Korporationsbegriff 
nicht ein abstraktes, in der Luft schwebendes Gebilde war, 
sondern durch den engen Zusammenhang mit seinen Mit- 
gliedern organisches Leben genoß. 

Wir finden nämlich bei den griechischen privaten und 
auch bei manchen öffentlichrechtlichen ^ Genossenschaften 
feste, mit der Mitgliedschaft verbundene Individualberechti- 
gungen der Genossen am Genossenschaftsvermögen bezw. 
an Teilen desselben, welche die Substanz des Vermögens 
direkt ergreifen, teilweise Eigentumsbefugnisse enthalten 
und sich andererseits nicht ohne weiteres in den aus dem 
römischen Rechte bekannten Klassen dinglicher Rechte 
unterbringen lassen. 

Nach römischem Rechte wären Eigentumsbefugnisse 
der Mitglieder am Korporationsvermögen nur in der Form 
von Miteigentum möglich.* Ein solches liegt aber bei 

* Ich werde hier sowie auch an anderen Orten meine Darstellung 
nicht ausschließlich auf die Vereine beschränken, sondern auch Bei- 
spiele von öffentlichrechtlichen Korporationen anfQhren, soweit sich bei 
jenen dieselben Grundsätze nachweisen lassen; vgl. auch oben S. 109 und 
bezüglich Rom auch Mitteis, Privatrecht S. 402. 

* Die Annahme von Baron, Gesamtrechtsverhältnisse im röm. Rechte 

San Nicol 6, Ägyptisches Vereins wesen II. 12 




178 


Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


den griechischen Genossenschaften unter keinen Umständen 
vor, da das Anteilsrecht der einzelnen Genossen nie als 
freier Bestandteil seines eigenen Privatvermögens angesehen 
wird. Wie das Korporationsvermögen, als selbständige Masse, 
vom Privatvermögen der Mitglieder getrennt gehalten wurde, 
ersieht man deutlich aus dem Daneionvertrag von Arkesine, 
Recueil des inscr. jurid. XV A, worin dem Gläubiger das 
Befriedigungsrecht f|;<] xf rayy xoivcbv x\ß>]v ''AQ}i\E"\oiveayv 
jidvTcoy xal ex twv xwv AQXEOivEwy xxL (Z. 25 f.) 

eingeräumt wird. Weiter war eine Teilungsklage der Mit- 
glieder schon durch die Notwendigkeit des unabhängigen 
Bestehens der Genossenschaft ausgeschlossen, damit aber 
auch das Vorhandensein eines Miteigentumes im römischen 
Sinne. ^ Ebensowenig gewährte das Anteilsrecht des einzelnen 
am Genossenschaftsgut ein individuelles, direktesVerfügungs- 
recht über das Vermögen oder einen Teil desselben; die Ver- 
fügung über die Substanz stand vielmehr immer nur der 
Genossenschaft zu. Daher ist es z. B. die Genossenschaft, 

(1864) ist heute von der Dogmatik allgemein abgelehnt worden; vgl. 
8teinlechner, Das Wesen der juris communio etc. I S. 116 fif. ; S. 163: 
Gierke, Genossenschaftsrecht 111 8.39, 14; Privatrecht II 8.376; Dernburg- 
Sokolowski a.a.O.IS.329; Windscheid-Kipp a.a.O. §57. Sehr interessant ist 
aber eine Stelle des Cippus Abellanus, auf welche mich Herr Prof.Wenger 
aufmerksam gemacht hat. Es heißt darin Z. 44ff. : Avt püst föihüis 
püs fisnam amfret, eisei terei nep Abellanus nep JSüvlanüs pidura tri- 
barakattins. Avt thesavriim püd esei terei ist, pün patensins, müinikad 
ta[n)ginüd patensins, inim pid efisei] thesavrei pükkapid ee[stit] afittiüm) 
alttram alttrfüs hjerrins (Text nach der Ausgabe von Buck, Elementar- 
buch der oskisch-umbrischen Dialekte 8. 128). Die Bestimmung; ad 
thesaurum qui in eo territorio est, cum aperirent, communi sententia 
aperirent, et quidquid in eo thesauro quandoque extat, portionum 
alteram alteri caperent, deutet doch auf Gesamteigentum der zwei Stadt- 
gemeinden hinsichtlich des Tempelschatzes. 

^ Vgl. die deutschrechtlichen Verhältnisse bei Gierke, Genossen- 
schaftsrecht II 8. 379. 



Das Vereins vermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


179 


welche entweder durch eine Gesamthandlung oder durch ihre 
Organe^ die Liegenschaften des Vereines, der Korporation 
verpachtet, die Pachtzinse einzieht, ^ oder ihre Kapitalien, 
zur Erzielung eines Ertrages, verzinslich ausleiht. ^ Gleichfalls 
steht nur der Gesamtheit das Recht zu, einen bestimmten 
Teil aus dem Genossenschaftsvermögen auszuscheiden und 
ihn z. B. den Mitgliedern zu überlassen. So beschließt bei 
Dittenb. Or. Gr. II, 488 die lydische xwjurj (PdadeXcpkov : 

yevojukrjg exx^rjoiag vjto ryg yeQovoiag xal tcov XoLm7)v xü)^ 
fiYjTiDV ndvTCJDV, xol ßovkevoajuEVMv avralv dteXead'at rdv 

^ Das Organ — meistens, aber nicht notwendigerweise der Vorstand — 
handelt hier selbstverständlich immer nur als Vertreter der Gesamtheit 
der Genossen, indem er entweder bloß den Beschluß der Körperschaft 
bezüglich der vorzunehmenden Verfügung über den betreffenden Be- 
standteil des Korporationsvermögens ausföhrt, oder manchmal einfach 
kraft der ihm mit dem Amte von der Genossenschaft übertragenen 
Vertretungsbefugnis die Verfügung selbst trifft. Jedenfalls ist seine 
Tätigkeit immer Stellvertretung der Genossenschaft und seine Hand- 
lung wirkt direkt für und gegen die Genossenschaft; vgl. oben S. 131 ff. 

^ Vgl. Dittenb. Syll.^ II, 641, 28 ff. (B./2. Jahrh. v. Chr.): nvai rä vno- 
>ceifiEva x\cii\va >cal tovq EJi([^i\t)v(ovg i6 Sf rt'inrog tJvai \noi]vov 

[^rjat 7[o?V F^jTLfirjvtovQ ey^iaOonv xal ro ftioihofja xal ro P>'//[pd]ö/or xofn- 
CofiEvoi xil,; IG. VII, 43, 7 ff. (3. Jahrh. v. Chr.): tov öl TEjLiEvong rot'nov fro»- 
yivofiFVOJ’] ff6Qo\r\ X\afiß(i\vov\iF\g oi Aiyood’E^’iTai jigooifflETaynar xrX.; IG. 
II 1, 600, 1 ff. (300/299 v. Chr.): ÖEÖö/y&ai Avn{XEvaiv) jtuoüwaai lö ;fcopiov tö 
Mvqqivovvti t6 xoirov AiHi?Jo)r AimÖmqwi xaza ovvdrixag xdoör xxl. u.a.m. 

* Vgl. z. B. beim Verein der Epikteta auf Thera, IG. XII 3, 330 (210 
bis 195 V. Chr.), Z. 149 ff, : Ey^^'^^^^^oO'co vjio rwv atQE{lh’TCüv Ey[ö]avEioTäv 
ijil vjio§‘/]xaig iyyaioig d^io/^fysoig xrX .. ; ebenso bei der xw/ny tojv Mvxa- 
vecjov, IG. IV, 498, 3 f, (ca. 197 — 195 v. Chr.): ÖEÖ6x[&at xd xQ7}iiaxa ex- 
öavEiCEod^at,, vg xa jiQüaiQCtn’Tai xol xfo[/iExai xxX. ; weiter gr. Inschr. Nr. 117 
S. 106 (2. Jahrh. n. Chr.) bei Kern, Inschr. von Magnesia, Z. 11: ]^ayd£>«c 
6 dnjxag X t»/ äxiva xal exöavEiCFTai vjio rd>[v fivoxü)v xxl. Dasselbe auch 
bei dem von den {XiaoTxai eines Ortes in der Thebais dem Nechoutes 
gewährten Darlehen, P. Grenf. I, 31 (104/3 v. Chr.); vgl. auch den Be- 
schluß der alexandrinischen ovvoöog T^Eßaoxr) bezüglich der Schuld des 
Jucundus in BGÜ 1137 (6 v, Chr.); vgl. oben S. 50. 


12 * 




180 


Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


vJi[dQx^ovTa avroi^ Aygov ev tolg löloig ogotg xtX. (Z. 1 ff.). 
Das einzelne Mitglied kann sich bei solchen Verfügungen 
über das Korporationsvermögen bloß als ein Teil der be- 
schließenden Gesamtheit beteiligen, kommt aber auch tat- 
sächlich dabei in Betracht, weil eben die griechische Genossen- 
schaft keine von der Gesamtheit ihrer Genossen geschiedene 
Einzelperson, sondern ein Gemeinwesen ist. Nur steht dem 
einzelnen Mitglied kein individuelles Recht zu, solche Ver- 
fügungen zu treffen, er hat bloß ein korporatives Recht, 
das für sich allein keine Wirkungen hervorzurufen vermag 
und nur in der Gesamtheit zum Ausdrucke kommen kann. 

Andererseits aber liefert die zuletzt genannte Urkunde 
wiederum den Beweis, daß den Mitgliedern doch ein in- 
dividuelles, selbständiges Recht an der Substanz des Ver- 
bandsvermögens zusteht, ein Recht, welches sogar Eigentums- 
befugnisse in sich schließt: denn wir sehen dort, daß, sobald 
das Genossenschaftsband, wenn auch nur bezüglich des 
Eigentumes einer bestimmten Sache gelöst wird, freies 
Eigentum der Genossen zu aliquoten Teilen eintritt, so 
daß jetzt der bisherige dygdg xoivog unter ihnen aufgeteilt 
werden kann. Am besten aber zeigt sich die Existenz und 
Natur solcher Berechtigungen bei der gänzlichen Auflösung 
der Körperschaft, da das Vermögen in einem solchen Falle 
ins freie Eigentum der Mitglieder übergeht. Das trifft nicht 
nur für das griechische Recht zu, denn Mitteis hat zutreffend 
nachgewiesen, daß auch bei den römischen Vereinen den 
Mitgliedern ein Heimfallsrecht am Vermögen des Vereines 
zustand.^ 

* Vgl. Mittels, Privatrecht S. 346 f. nach den zwei Marcianusstellen 
in D. 47, 22, 3pr. und 47, 22, 1 § 2 und weiter Bruns, Pontes^ Nr. 177, 
10 ff. (167 n.Chr.): seque eis, qui presentes fuerunt, rationem reddedisse, 
et si quit eorum (h)abuerat, reddedisset sive funeribus sqq. bei der Auf- 
lösung des Collegium funeraticium Albumense. 



Das VereinBTenn^en. — § 12. V ermögensrecht. 181 

Sollte nun dieses Recht der Mitgheder erst mit der Auf- 
lösung des Verbandes bezw. mit der Ausscheidung eines be- 
stimmten Bestandteiles aus dem Gemeingute zur Entstehung 
gekommen sein? Eine solche Annahme liegt viel ferner als die 
andere, da£ zum Inhalte der mitgliedschaftlichen Sonder- 
rechte der Genossen an den Yerbandsgütern auch ein An- 
teil an der Substanz selbst des Korporationsvermögens ge- 
hört habe. Wenn auch, um das Bestehen der Körperschaft 
unabhängig vom Willen des einzelnen zu ermöglichen, 
dieses Anteilsrecht während des Bestandes der Genossen- 
schaft sich auf eine bloße Anwartschaft beschränkt, so 
entwickelt sich diese Anwartschaft doch bei Auflösung 
des Genossenschaftsbandes zum freien Eigentum an 
einem bestimmten Teil des gewesenen Gemein- 
gutes.i 

Den Kern des individuellen Rechtes der Genossen am 
Genossenschaftsvermögen bildet aber bei den griechischen 
Körperschaften der Nutzungsanteil am Korpora- 
tionsgut. 

Grundsätzlich sollte wohl das ganze Vermögen diesem 
sachenrechtlichen Nutzungsanspruche unterworfen sein. 
Das ist nun freilich nicht leicht möglich, sobald körper- 
schaftliche Interessen vorhanden sind, die von den indivi- 
duellen Interessen der Mitglieder verschieden sind; denn 
zur Förderung und Erreichung dieser Zwecke müssen ge- 

Der Rechtssatz, daß, falls bei Auflösung eines Vereines nicht durch 
Beschluß Uber das Schicksal des Vermögens verfügt worden ist, dieses dem 
Fiskus zukommen soll, vgl. die Nachweisungen bei Regelsberger, Pan- 
dekten S. 337, 1, ist erst im Mittelalter entstanden; vgl. Gierke, Genossen- 
schaftsrecht III S. 412 ff., der auch die mittelalterlichen Quellen anführt. 
Über die Ansicht der Glossatoren vgl. Gl. zu 1. 7 § 2 D. 3, 4 v. „nomen 
universitatis“, dazu Gierke, Genossenschaftsrecht III S. 237. 

' Vgl. für die deutschrechtlichen Verhältnisse Gierke, Privatrecht I 
S. 540 f., der Gleiches auch bei der Aktiengesellschaft annimmt. 



182 Das Ve reipsvermögen. — § 12.^ Vermögensrecht. 

wisse Vermögensmassen ausgesondert und ihre Erträg- 
nisse dazu verwendet werden. Diese Vermögensbestandteile 
werden somit den individuellen Nutzungsberechtigungen der 
Genossen entzogen. Bei einer entsprechenden Steigerung- 
der genossenschaftlichen Interessen korporativer Natur kann 
sogar das ganze vorhandene Vereinsvermögen für diese Inter- 
essen verwendet werden und dann fallen die Nutzungsanteile 
der Mitglieder leer aus. Andererseits aber werden bei 
Korporationen, die keine solche streng körperschaftliche, 
eigene Interessen verfolgen, vielmehr ausschließlich den 
individuellen Interessen ihrer Mitglieder dienen, diese ein 
Nutzungsrecht an dem gesamten Korporationsvermögen 
haben. Zwischen diesen beiden Extremen ist eine Reihe 
von Abstufungen möglich, die sich in Deutschland teil- 
weise als historische Entwicklung von der reinen Ge- 
nossenschaft (im deutschrechtlichen Sinne) zur Körper- 
schaft bildeten, teilweise wieder, als der Körperschafts- 
begriff gebildet war, dadurch zur Entstehung kamen, daß 
bei den einzelnen Korporationen (Zünften usw.) entweder 
das alte genossenschaftliche oder das neuere körper- 
schaftliche Moment einer einheitlichen Verbandsperson 
mit eigenen Zwecken die Überhand bekam. ^ 

Im griechischen Rechte, wo eine solche Entwicklung 
in den Quellen der historischen Zeit nicht nachweisbar ist, 
hängt der objektive Umfang des Nutzungsrechtes der Kor- 
porationsmitglieder hauptsächlich vom Zwecke und Wesen 
der Korporation selbst ab. Leider handelt es sich in den 
meisten uns bekannten griechischen Urkunden immer nur 
um einzelne Vermögensmassen, die nicht notwendig das 
ganze Genossenschaftsvermögen auszumachen brauchen und 
die meistens einem bestimmten korporativen, z. B. re- 


Vgl. Gierke, Genossenschaftrecht II S. 865 ff. 



Das Vereins vermögen. — § 12. Vermögensrecht. 183 


ligiösen Zwecke zu dienen haben, daher einen sonderrecht- 
lichen Nutzungsanspruch der Genossen ausschliefien. Aus 
diesem Grunde läßt sich der objektive Umfang des uns 
beschäftigenden Sonderrechtes im einzelnen Falle nicht 
genau bestimmen. 

Aber nicht nur bezüglich des Umfanges, sondern auch 
bezüglich des objektiven Inhalts war der mitgliedschaft- 
liche Nutzungsanspruch einer Einschränkung fähig. Es 
gab Genossenschaften des öffentlichen und privaten Rechtes, 
bei welchen die Nutzungsrechte der Genossen in einer un- 
mittelbaren Einwirkung auf die Sache selbst bestanden und, 
bei Immobilien, auf landwirtschaftliche Benützung und 
Fruchtgewinnung gerichtet waren. So wird z. B. bei einer 
Stiftung an einen Familien verband (T/joromra/?) von Myra^ 
angeordnet, daß die Mitglieder tx^Tcooiv Trjv 
jiFiHTETeiyjof^^vov xrjTiiov xal tow tv avru) olxrjjüidKov otxayv 
xarnytuDV Öim xal rdrv xaf amo)v dvayEiiov Öih) xxl, (Z. lOflf.). 
Ferner hinterläßt ein uns unbekannter Stifter der xnxoixla 
TEiQtjVüJV^ das Recht: x^Qr]\odai rol/oyc xal xagnle^ag AyQo\y 
xa^ovit^]hoi> xxh (Z. 6 ff.). Die Gemeindemitglieder sind 
aber berechtigt, dieses Feld zu ihrem Nutzen zu bewirt- 
schaften: tVa of xal xa\Qmr}v\xai avxio ovv 

xoiQ 7rg[ooyEvojuh>^oi(; eXe(7)oiv xxX, (Z. 10 ff.).^ 

Bei anderen Genossenschaften dagegen schränkt sich 
das unmittelbare Nutzungsrecht auf das Bezugsrecht eines 
bestimmten Teiles des Ertrages bestimmter Liegenschaften, 
sei es in natura, sei es in Geld, ein; vgl. Lebas-Waddington, 

^ Petersen-Luschan , Reisen in Lykien S. 36, gr. Inschr. Nr. 56 
(Kaiserzeit). 

* Über die kleinasiatischen vgl. Bd. I S. 176 f. ; Rostowzew, 

Kolonat S. 262 ff.; Buresch, Aus Lydien S. 2 ff.; Chapot, La province 
romaine d’Asie S. 98 ff. 

* Gr. Inschr. auf S. 57 f. der Athen. Mitteil. III (1878). 



184 


Das Vereinsvenn ögen. — § 12. Vermögensrecht. 


I 

Voyage III Nr. 1611 S. 376, Z. 22flf. (Anfang des 1. Jahrh. 
n. Chr.): diataoodixEvoQ xal ägyvQixdg öiadöoeig rocg noXeixaig 
xa^* Sxamov eviavrov Ix rcov Ttgooddcov, cov äniXmev äyQ(5v elg rö 
[xoLvbv^ avv Toig Xoijiötg or[c] l(piXod6^r]oev i^ddv xrX. Des- 
gleichen geht bei angelegten Kapitalien das Nutzungsrecht 
der Genossen in ein Bezugsrecht einer Quote der Zinsen 
über: dies ist z. B. bei der Stiftung des L. Antonius Aga- 
thopus in Philadelphia der Fall, wo: dva^evra xfj juev 
ßovkfj Xd^ xai xfj yeQovoia Xdr ngog xd x6v dn avxcov xoxov 
öiavijLieoi^ai xoTg ßovXevxaig xal yegovoiaoxaig,^ 

Wenn wir nun zur Betrachtung des objektiven Um- 
fanges dieses Nutzungsrechtes der Genossen am Verbands- 
vermögen zurückkehren, so bleiben noch diejenigen Ver- 
mögensmassen zu besprechen, an denen ein solcher in- 
dividueller Nutzungsanspruch nicht bestand. Wie 
schon bemerkt wurde, gehören diejenigen Bestandteile des 
Korporationsgutes hierher, welche zur Erreichung eines 
bestimmten, von den individuellen Interessen der Mit- 
gieder verschiedenen, sei es allgemeinen oder speziellen 
Korporationszweckes dienten und deren Erträgnisse, falls 
welche vorhanden waren, dazu verwendet werden mußten. 
Als solche kommen nicht nur Liegenschaften samt Inventar 
oder Kapitalien, sondern bei privaten Vereinigungen haupt- 
sächlich die Vereinskasse in Betracht. 

Was nun die erste Klasse von Gütern anbelangt, so 
ist sie bei den griechischen Vereinen reichlich vertreten 
und begegnet sogar in den wenigen erhaltenen Urkunden 
aus Ägypten. Zu den eigenen körperschaftlichen Zwecken, 
für welche diese Bestandteile des Genossenschaftsvermögens 

' Gr, Inschr. Nr. 8 S. 123 der Athen. Mitteil. XXV (1900); vgl. auch 
gr. Inschr. Nr. 40 S. 23 bei Keil-Premerstein, Zweite Reise in Lydien 
(Denk. Wien. Akad. LIV (1911); CIG. II, 3417 (Philadelphia). Alle drei 
Inschriften gehören der Kaiserzeit an. 



Das Yereinsvermögsii. — § 12. Vermögensrecht 185 


geschaflfen und erhalten werden sollten, gehörten in erster 
Linie, der Charakteristik der griechischen Verbände ent- 
sprechend, Kultzwecke und darunter nahmen die Opfer, 
^olai, wiederum den ersten Platz ein. NachSyll.*!!, 728, 
22 ff. (2. Jahrh. v. Chr.) stiftete der gewesene rajulag der 
Aiovvoiaoral: elg x6 xoi\vbv dga^fiäg ÖTKog änö 

rrjg TiQoaödov ^veiv xcbi xa[xd jtifjva ^xaarov] xaxä xä 

ndxQia; auf dieselbe Weise gibt Euergetes I. (245— -221 
V. Chr.) der Garnison auf Thera gewisse Grundstücke, Sncog 
excooiv etg xe xdg ‘§votag xai xd äXeifi^a öanaväv (IG. XII 3, 
327, Z. 13 f.). Der Verein der owßaodioxal xal Aioaxovgia- 
axai bestimmt in gr. Inschr. Nr. 2, Arch. V, 158 Z. 3 ff. 
(1. Hälfte des 3. Jahrh. v. Chr.) elg xdg d^voiag xdg xaxd 
/xfjva yivojuevag xi]v jigöoodov xrjv dno xd)v otxr) jLidxcov zu 
verwenden. Ebenso sollen beim Verbände des Diomedon 
auf Kos, SylL* II 734, 69 ff. (3./2. Jahrh. v. Chr.) die 
Einkünfte aus den geschenkten Liegenschaften nur zu 
Reparaturen und zur Bestreitung der Opferausgaben ver- 
wendet werden: äv de xi öerji imoxev\äg ... de] d[g^yvgiov 
dno xd)v ngoo6ö[(DV xcbv nijixovoco^v and xov xe/uev^ovg xai 
xov xr}nov xac] xcov ^evcdvcov, öoo\y dv doxfji l]xavdv elvaC 
xd de xaxa[xex(vgiojiiev]o[v] xal xd e^aigrjfiaxa d\tekeTv ^ax^d 
l^egr}^ elg de ^voi\av xmi l\mßdkkovxL fi^^gei 

Ixg^do^at,^ Hier wird jedes Nutzungsrecht den Mitgliedern 
ausdrücklich abgesprochen, Z. 80 ff. : fxr] e^eoxco dk xoTg xoi- 
vcovovoi xcov legco[y yecojgyeiv xd xejuevrj, juijd* iv xoTg ^[evcocx 
f\voixeiv jurjd’ iv xfjc olxiai xf]i enl [xov xe^jueverg^ firjd* dno- 
•^Yixrji x[fjL avX\rji xfji iv xcdi legem firjd* iv xcoi negi- 

ndxco[i\^ mit einer einzigen Ausnahme (Z. 86): d]/e fxt) no- 
kijULog Manchmal wird statt dessen verboten, die Ein- 
künfte, oder gar das Kapital selbst unter die Mitglieder 


Vgl. darüber Ziebarth a. a. O. S. 8 f. 



186 


Baa Vereins vermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


aufzuteilen, wie z. B. in einer römischen Inschrift aus 
lasos (Revue Et. gr. VI (1893) S. 171 Nr. 7): . . . 

diekwoiv Tr]v 7iQÖolod]ov rov Öiacpogov ro agxcuov, änoTei- 
odro) xtX. (Z. 5 f.). Auch aus diesen Verboten sieht man, 
daß gewöhnlich Nutzungsansprüche der Mitglieder am 
Vereins vermögen vorhanden waren. 

Außer den jetzt erwähnten fruchttragenden Gütern sind 
diejenigen Immobilien und Baulichkeiten der Genossenschaft 
hierher zu zählen, die, wie die Tempel und Vereinshäuser 
samt deren Inventar und Einrichtungen, ein Erträgnis über- 
haupt nicht abgaben. 

Diese Liegenschaften und Räumlichkeiten dienten den 
geselligen und religiösen Bedürfnissen der Gesamtheit als 
solcher und es konnte ein Sonderrecht des einzelnen auf 
Nutzung daran nicht bestehen. Der korporative Zweck 
ist hier derart primär, daß dadurch die individuellen 
Nutzungsanteile der Mitglieder ausgeschlossen werden. 

Bei der Mitbenutzung des Vereinshauses oder bei Teil- 
nahme an einer dort stattfindenden Schmauserei oder an 
einem Opfer im Vereinstempel wird, abgesehen von even- 
tuellen Verpflichtungen, kein individuelles Recht ausgeübt, 
sondern bloß ein korporatives Recht, welches jedem ein- 
zelnen Genossen als Mitglied und Teil der Gesamtheit zu- 
steht. ^ Infolgedessen können diese Rechte durch einen 
Willensakt der Gesamtheit oder ihrer verfassungsmäßigen 
Vertreter jederzeit modifiziert und eingeschränkt werden. 
Die Genossenschaft kann z. B. die Benützung des Vereins- 
hauses an gewissen Tagen untersagen oder nach Urteil 
und Recht ein Mitglied von der Teilnahme an einer Fest- 

' Vgl. z. B. Dittenb. Sylt* II, 728, 24 ff.: JiagFoxevaosv Sk joTq Aiovv- 
otaaraTg, n-' fxmoiv ;|'oa[a^at avroTg, xat ;|jpi;(7e6]/iaTa xai aQyvQWfiaxa xal 
TTjv Xoi 7 tr)v eig ra hga, xal rojtov c/]? ov 

ovviovTFg xa^' t'xaorov firjva fie&s^ovöiv xibv iegwv xxX.; Sylt* II, 729, 13 ff. 



Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


187 


lichkeit ausschließen, ^ oder endlich die Schmausereien zu- 
gunsten der Opfer einschränken usw. Ein absolutes Wider- 
spruchsrecht steht hier dem einzelnen Mitglied nicht zu.* 

Diese korporativen Mitberechtigungen der einzelnen 
Genossen stehen in oiBfenem und augenfälligem Gegensätze 
zu den im Anfänge dieses Abschnittes besprochenen in- 
dividuellen, mit der Mitgliedschaft organisch verbundenen 
Rechten der Genossen auf einen Nutzungsanteil am Ge- 
nossenschaftsvermögen. Es ist nach den vorliegenden 
griechischen Urkunden im einzelnen Falle oft schwer zu 
entscheiden, ob Berechtigungen der ersteren oder der 
zweiten Art vorliegen. ^ Immerhin glaube ich sicher an- 
nehmen zu dürfen, daß bei manchen griechischen Ver- 
einigungen Nutzungssonderrechte der Mitglieder am Kor- 
porationsgut gar nicht vorhanden waren: dann nämlich, 
wenn das ganze Vermögen zu streng körperschaftlichen 
Zwecken verwendet wurde. Trotzdem aber muß ein An- 
teilsrecht des einzelnen Mitgliedes am Vermögen bestanden 
haben, denn sonst würde das organische Band zwischen 
der Genossenschaft und ihren Mitgliedern zerstört werden 
und man müßte dann zu den Fiktionen der romanistischen 
Dogmatik mit ihren juristischen Einzelpersonen als Ver- 
mögenssubjekten gelangen, was m. E. mit dem Entwick- 
lungsstadium, auf welchem das griechische Recht stand, 

^ Darüber und besonders über das ineu:xstv ruji' xoivwv s. unten S. 194 f. 

’ Über die ganz ähnlichen deutschrechtlichen Verhältnisse bei den 
Zünften vgl. Gierke. Genossenschaftsrecht II S. 909 ff. 

® Vgl. z. B. die Verhältnisse bei den /wnrat von Amorion: in gr. 
Inschr. A der Revue Et. gr. II (1889) S. 19 f., Z. 7 ff.: äfiTtücjv . . . nXe- 

{^Qov k'v x\e rj]fuo[v] ix^QioavTo {ol fivoxai), ojiajg r^v avxwv Ji()öo[o]dov 
xaxaxfjöivxai xaTg xaxa hog [8]0^{^oig Tj/biegaig xxX.; etwas anders in gr. 
Inschr. B dortselbst S. 20 f., Z. 1 ff. : U. F. .... d^i[7it]X(ov . . . jile^ga 

Tsooaga ijfuov, . . . dxcog xrjv avxöjv \xaQ\neiav xaxaxQäo^ai(yy €[^e]Xovoiv 
oi ovvegxdfxevoi xal d'grjoxevovxeg xxX. 




188 


Das Vereinsvermögen. — § 12. VarmögenBrecht. 


unvereinbar ist. Nur glaube ich, daß in solchen Fällen 
das mitgliedschaftliche Sonderrecht während des Bestehens 
der Genossenschaft einen recht geringen Inhalt hatte, indem 
es einen Nutzungsanteil überhaupt nicht gewährt, sich 
vielmehr auf eine bloße Anwartschaft auf die 
Substanz beschränkte. 

Ähnlich wie bei den zu rein korporativen Zwecken zu 
verwendenden Bestandteilen des Korporationsgutes, lagen 
die Verhältnisse bezüglich der Vereinskasse. Auch hier 
ist ein Anteilsrecht der einzelnen Mitglieder bezüglich der 
Nutzung ausgeschlossen, denn die Vereinskasse soll zur 
Deckung allerhand korporativer Bedürfnisse dienen, sie 
muß für die Bestreitung der Auslagen, für Reparaturen 
und Instandhaltung der Vereinsbaulichkeiten, für die Ver- 
anstaltung der mit den kultlichen Pflichten verbundenen 
Opferfeste und sonstiger Schmausereien, für die Errichtung 
von Statuen und zur Vornahme von Ehrungen an verdiente 
Persönlichkeiten, ebenso wie für die laufenden Kosten der 
Korporationsverwaltung aufkommen.^ Mit einem Worte: 
die Vereinskasse soll die korporativen Bedürfnisse nach 
den Beschlüssen der Gesamtheit bestreiten, und nicht den 
Bedürfnissen und Interessen des einzelnen unterworfen sein, 
deswegen ist ein Nutzungssonderrecht der Genossen, etwa 
in der Form des Rechtes auf einen Teil der Einnahmen, 
nicht zulässig. Daher beschränkt sich auch hier das mit- 
gliedschaftliche Sonderrecht auf die bloße Anwartschaft, 
kraft welcher jedoch bei Auflösung des Vereines oder der 
Körperschaft die Vereinskasse sofort ins freie Eigentum 
der Genossen übergehen würde. 

Einen eigenen Charakter hat m. E. die Vereinskasse 
der im ersten Band (Exkurs S. 212 ff.) besprochenen alexan- 

* Vgl. oben S. 171 ff. Für die ähnlichen Verhältnisse bei den mittel- 
ftlterlichen deutschen Zünften vgl.Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 894 ff. 


Das VereinByermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


189 


drinischen ^loaroff-Vereine. Wir haben dort^ a. a. 0. S. 225, 
die Frage offengelassen, ob diese eQavoi nur an ihre Mit- 
glieder oder auch an außerhalb der Genossenschaft stehende 
Personen Darlehen gewährten. Eine definitive Beantwortung 
dieser Frage vermag ich auch jetzt nicht zu geben; wenn 
man aber an die nahe Verwandtschaft mit der Sgavog- 
Societas denkt, so scheint mir die erstere Auffassung die 
wahrscheinlichere zu sein; jedenfalls werden wir auch die 
zweite Möglichkeit nicht aus den Augen verlieren. Immer- 
hin steht es in beiden Fällen fest, daß als Zweck dieser 
g^avot-Genossenschaften die Gewährung von Darlehen aus 
der Vereinskasse anzusehen ist. 

Wenn man nun annimmt, daß solche Darlehen nur an 
Mitglieder gegeben wurden, so sind die egavoi Kredit- 
vereine und den Mitgliedern steht dann das Recht zu, unter 
gewissen Modalitäten (Bürgenstellung, Ausstellung einer 
Exekutivurkunde usw.) das Darlehen zu begehren und zu 
erhalten. Es fragt sich nur, welcher Natur dieses Recht 
ist? Handelt es sich um einen bloßen unbestimmten An- 
spruch auf eine Unterstützung gegen die Genossenschaft 
oder liegt ein festes Sonderrecht der Genossen vor? Ich 
glaube, daß die Antwort nach dem bereits früher Gesagten 
und nach den hierfür in Betracht kommenden Urkunden^ 
nicht schwer sein wird. 

Das Vermögen dieser egavoi-Y eveine, ihre Kasse, sollte 
nicht für korporative Zwecke, sondern zum Nutzen der 
Mitglieder verwendet werden ^ und hatte die Bestimmung, 
dem Einzelnen billig Geld zu verschaffen, welches er in 
eigener Wirtschaft zur Befriedigung seiner Interessen ge- 


' BGÜ 1133-1136 der augusteischen Zeit. 

® Vgl. Plinius ep. 93 (94) : concessum est erauos habere, . . . . si tali 
collatione ... ad sustinendam teuuiorum inopiam utuntur. 




190 


Das Veremsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


brauchen durfte. Hiermit war schon nach den oben be- 
sprochenen, in den griechischen Korporationen vorhandenen 
Rechtsanschauungen, der sonderrechtliche Anspruch der 
Mitglieder auf die Nutzung des Vereinsv.ermögens be- 
gründet. Nur ist hier die Art der Nutzbarmachung der 
Kapitalien statutenmäßig eine andere als bei den sonstigen 
Genossenschaften ; denn dort werden ja die Kapitalien ver- 
zinslich ausgeliehen und der Nutzungsanteil des einzelnen 
Genossen besteht im Anspruch auf einen aliquoten Teil 
des Ertrages (Zinsen). Hier dagegen gewährt der sonder- 
rechtliche Nutzungsanspruch dem einzelnen Mitglied das 
Recht, einen bestimmten Teil des Korporationsvermögens 
für eine gewisse Zeit in eigener Art und Weise nutz- 
bringend zu verwenden und den Ertrag einzustecken. Die 
Mitglieder durften aber nicht einen beliebigen Betrag, 
sondern nur bis zu einer bestimmten, statutenmäßig fest- 
gesetzten Summe verlangen, wie es deutlich aus BGU 1133 
(19 V. Chr.) hervorgeht. Artemidoros, mit seiner Frau als 
Bürgen, braucht mehr Geld, als er verlangen darf, und er- 
sucht daher den Chairemon, vom Verein auch ein Darlehen 
zu verlangen (Z. 3f. : etiA 7TaQaxh]{}eig 6 Xa[i]()ijjU(ov 
ayTo{v) \iQTE[ jiiiddj\oo{v) xai xijg ^EQfu6vrj(g) ovvaviQtjTai 
(xho{ig)). Chairemon tut dies und überläßt dann den er- 
haltenen l'gavog dem Artemidoros zur eigenen Verwendung 
(Z. 9 ff.). Dafür aber verpflichtet sich dieser zur Rück- 
zahlung der beiden Darlehen (dvojuaia dvo Z. 5 u. 16) und 
verspricht, den Chairemon schadlos zu halten (Z. 10 ff.). 

Hinsichtlich der Darlehensverpflichtungen stehen sich 
wohl Genossen und Verein wie zwei selbständige Rechts- 
subjekte gegenüber; der Entleiher muß Bürgen stellen, 
eine Konventionalstrafe für den Fall der Nichteinhaltung 
der Rückzahlungsraten versprechen, auch sich anderen 
Bedingungen unterwerfen, wie ein gewöhnlicher Darlehens- 



Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


191 


Schuldner. 1 Andererseits aber muß die Genossenschaft 
unter den genannten Modalitäten ihm und nur ihm als 
Genossen das Darlehen gewähren, denn das entspricht 
ja dem Zwecke, für welchen das Vermögen da ist. 

Der feste, privatrechtliche Anspruch des einzelnen Ge- 
nossen auf Gewährung des Darlehens zu eigener Ver- 
wendung ist mit der Mitgliedschaft derart organisch ver- 
bunden, daß man m. E. auch bei den tpavof-Genossen- 
schaften der alexandrini sehen Urkunden das Vorhandensein 
mitgliedschaftlicher Sonderrechte am Korporationsvermögen 
annehmen darf. Die Ähnlichkeit mit den Statuten der 
Kölner Münzergenossenschaft von 1341 ist so auffallend, 
daß ich nicht umhin kann, einige Bestimmungen derselben 
mitzuteilen ^ und gleichzeitig auf die vortrefflichen Aus- 
führungen von Gierke, Genossenschaftsrecht II S. 378 ff. 
hinzuweisen. 

Sollte aber bei den alexandrinischen fparos-Vereinen 
die Sachlage anders gewesen sein, nämlich so, daß auch an 
Nichtmitglieder Darlehen gewährt wurden, dann wäre die 
Sache selbstverständlich anders: ein fester Anspruch auf Ge- 

' Vgl. BGU 1133, 15 t‘. und 19 f. (19 v. Chr.); BGU 1134, 15 ff. (10 
V. Chr.); BGÜ 1135, 15 ff. (10 v. Chr.); BGÜ 1136 (10 v. Chr.). 

* Vgl. Ennen-Eckei tz, Quollen zur Geschichte der Stadt Köln ( 1860) 
I S. 303 f. : die zweilf hundert maic, die wir hauen up der Münzen, 
nummer van uns noch van unsen Nakumelingen gedeih insolen werdin . . . 
vort so wilch huysgenoisse hundert rnarc intfeit van den vurgenanten 
zweilf hundert marken, de sal aewege einen bürge mit Ime setzen, de 
huisgenoisse si, ... vort sal eyn ekelich saichwalde, de eyn wif hait, 
mid jme geloben, sicherin inde bekennen, . . . vort so wilch huisgenoisse 
dat gelt hait, de sal dat selue gelt up der Münzen dat jar uns wenden 
inde kerin, also dat he dat hailfscheyt de winnynegen, dye koympt van 
deme gelde, dat he hait, ain argelist mit deme hoiftgude, na deme dat 
sein brief beheilt, by sime eyde weder geuen sal inde bezailen den 
huißgenoissen, of deme sijt beuelint. 




192 


Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


Währung des Darlehens würde nicht bestanden haben ; ein 
Nutzungsanteil am Vermögen wäre dann für die Genossen 
nicht vorhanden, da die Darlehen alle zinslos waren und 
dasVermögen ötgenen, körperschaftlichen, philanthropischen, 
von den Interessen der Mitglieder durchaus verschiedenen 
Zwecken dienen und die Gestalt einer eigentlichen Ver- 
einskasse im oben besprochenen Sinne annehmen würde. 

So viel über Umfang und Inhalt der mitgliedschaft- 
lichen Sonderrechte am Korporationsvermögen. Als nächste 
Frage drängt sich die nach der Veräußerlichkeit und 
Vererblichkeit solcher Sonderanteile auf. Grundsätzlich 
sollten diese Rechte, da sie mit der Mitgliedschaft organisch 
verbunden sind, unvererblich und unübertragbar sein. Es 
wäre allerdings möglich, daß auch im griechischen Rechte, 
ähnlich wie in Deutschland, ^ sobald das vermögensrecht- 
liche Element in der objektiven Grundlage eines Vereines 
stark zum Ausdrucke kam, sich eine mehr oder minder 
freie Dispositionsbefugnis der Mitglieder über ihre Sonder- 
anteile entwickelt hätte. Freilich kann diese Übertragbar- 
keit der Mitgliedschaft und der damit verbundenen Sonder- 
rechte nie von der Genossenschaftssatzung unabhängig 
werden, im Gegenteil, sie wird im Interesse des Gemein- 
wesens immer vielen Einschränkungen und Bindungen unter- 
worfen gewesen sein. Aus den griechischen Quellen läßt sich 
keine Stütze für unsere Annahme gewinnen, denn die wenigen 
Fälle der Vererblichkeit der Mitgliedschaft sind bloß als eine 
von den Statuten eingesetzte Nachfolgeordnung anzusehen.* 
Wohl aber ist eine Gruppe von Papyri aus der Großen 
Oasis, welche von den Innungen der dortigen vexQojdcpoi im 

* Vgl. für die deutschrechtlichen Verhältnisse Gierke, Genossen- 
schaftstheorie S. 221 f.; Genossenschaftsrecht II S. 285 f. und 878 f. 

* Vgl. z. B. Dittenb. Syll.* II, 734, 10 ff. und 51 ; Syll.^ II, 641, 12 ff. 
(3./2. Jahrh. v. Chr.) und besonders oben S. 31 f. 




Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


193 


3. Jahrhundert n. Chr. handeln, hier anzuführen. Diese 
Vereinigungen befaßten sich mit der Leichenbestattung, 
xrjdeia vexQora(pixrj, innerhalb bestimmter größeren Bezirke. 
Die mitgliedschaftlichen Sonderrechte - sch^ipen dabei in 
Anteilen am Unternehmen bestanden zu liaben und um- 
faßten hauptsächlich das Bezugsrecht eines bestimmten 
Teiles der Bestattungsgelder. Die Beisetzung der Leichen 
und die Kosten hierfür und für sonstige damit zusammen- 
hängende Zwecke oblagen natürlich den Mitgliedern. 
Diese Anteile, die auch teilbar waren, wurden nach Bruch- 
teilen bestimmt und es war dem einzelnen Genossen er- 
laubt, auch mehrere Anteile zu besitzen.^ Die Anteile 
waren nun vererblich* und veräußerlich, P. Grenf. II 7 1 , 
col. 1, 13 ff.: Ttdvra rd vnaQyrpvrd /tiov T[d(^Jf, ek'&ovTa elg ijuk 
. . . änd dLxaialg] (hvfjg rjrot juegeot , . . xr]\ Sei ]ag VEXQora(pt- 
x'^g ev '‘Ißi xal h rätg jiEQfj xdy/jiaig Jidoaig ojLtolcog x[ai 
Ifovoi xal ev xatg jifQrj xchfiaig xxXr, vgl. weiter P. Sayce 1, 
10 f.; P. Grenf. II, 68, 3 ff. (247 n. Chr.); P. Grenf. II, 70, 
7 flf. (269 n. Chr.) u. a. Es fragt sich nur, ob der Erwerb 
eines solchen Anteiles an und für sich die Mitgliedschaft 
der Genossenschaft nach sich zog, oder ob die Veräußerung 
etwa nur an Mitglieder gestattet war; letzteres scheint 
nicht der Fall gewesen zu sein, denn in P. Grenf. II, 68 
schenkt der vexQÖxacpog Ävgi^Xiog IleroaTgig einem gewissen 
IlexE^CDv: dno x^g vjiagxovorjg juioi xrjdeiag vExgoxa(pLxr]g iv 
Kvöel . . . jj^egog xeiagxov (Z. 5 ff.); zwölf Jahre später dagegen 
wird in einer Urkunde der JIexexcov schon als vexgoxdqpog 
dnö KvoEcog bezeichnet, P. Grenf. II, 70, 7 ff . (269 n. Chr.). 

^ Vgl. P. Grenf. 11 71, 15 (244—48 n. Chr.): fiegeoi xri[dei]ag vbxqo- 
xa(pixfjg xtX. ] P. Sayce 1, 10 f.: xri[iSi]eiag VEXQOT\(i(pi\xrjg h Kv[au /aigog 
oy]Soov. 

2 Vgl. P. Grenf. II, 71, 18 ff: iX^ovra Etg ifie dno xkrjQOVOfxiag xov 
TtaxQog . . . fj^EQEOi xT][d£l]ag vEXQoxafpixrjg ev ''Ißi xxX. 

San Nieolb, Ägyptisches Vereinswesen II. 


13 




194 


Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


Anschließend daran möchte ich die Frage aufwerfen, ob 
das häufige ijletexeiv oder juirEivai xdov xoiv(J5v^ ausdrücklich 
das individuelle Anteilsrecht der Genossen am Vermögen 
bezeichnet, oder bloß ein allgemeiner Ausdruck ist und 
auch die korporativen Rechte umfaßt, kurz sich auf alle 
Rechte eines Mitgliedes an der Genossenschaft bezieht. 
Letzteres ist wohl das Zutreffende; die angeführte Rede- 
wendung hat keine spezifische Bedeutung, sondern umfaßt, 
ohne irgendeinen Unterschied zu machen, alle Rechte, die 
einem Mitgliede zustehen: insbesondere die Teilnahme an 
dem Kultus, 2 an den Ämtern,» an den Ehren und Vorrechten* 
und an anderen mit dem einheitlichen Vereinszwecke ver- 
bundenen Veranstaltungen^ usw. Manchmal scheint darin 
auch das Recht auf gewisse Einkünfte des Genossen- 


' Vgl. IG. II 1, 610, 14; Dittenb. Syll.* II, 729, 45 (2. Jahrh. v. Chr.): 
[jii]Eiy:^ovTa xcüv xoivcor xaxa xov r(>7.<o[r]; Dittonb. Or. Gr. I, 339, 85 (ca. 
120 V. Chr.); vgl. im öffeutl. Leben, Syll.^ II, 935, 28; vgl. noch Dittenb. 
Or. Gr. 11, 735, 23 ff. (2. Jahrh. v. Chr.): xai i^iFxovoiav ai’[T()rc; a>]?'jT[e£> x]ai 
roh; äkko(; ihaolrlai; //f’TfJar/r. Anders das fiexrx^^^’ roD xoivov; vgl. IG. 
XII 3, 830, Z. 145, 165, 177, 218; IG. II 1, 630, 13 (58/57 v. Chr.); Dittenb. 
Syll.* II, 893, 27 ßsxrxsiv x?]; ovvööov] Dittenb. Or. Gr. I, 352, 32 (163 — 130 
V. Chr.) ; IG. XII 5, 662, 12 f. (166 — 169 n. Chr.): roh; . . . xijv ysgovoiav 
firrixovoi; ebenso IG. XII 5, 659, 12 f. (138 — 161 n. Chr.); gr. Inschr. 
Nr. 138, 10 f. in BCH. XV (1891) S. 194 u. a. m., womit die bloße Mit- 
gliedschaft und Teilnahme an dem Verein gemeint war; vgl. Poland 
a. a. 0. S. 288 und oben S. 194. 

Vgl. Dittenb. Syll.^ II, 728, 26; Syll.« II, 734, 53; Syll.« II, 653, 9. 85 
u. a. m. 

* Vgl. Dittenb. Syll.« II, 734, 144 ff.: "Av de xi; v6{^og wv 
yvtoa^^i fiexexf^iv t(ov ie()d>[v, E^eaxco avxhoi fiexe/jiv xcöv \ie\Qcoovv(bv. 

^ Vgl. Dittenb. Syll.« II, 730, 13 f. : xov; drjfLionxov; (XExexeiv roiv de^ 
do/Lievcov vjid xu)V dgyewvwv (ptkart\)atJt(ov. 

Vgl. das fxsxExeiv xov aleififiaxo; in Dittenb. Syll.« II, 681 , 2 f. (2. Jahrh. 
V. Chr.); Or. Gr. I, 339, 65. 74 (133-120 v. Chr.); dazu Poland a. a. 0. 
S. 103. 



Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


195 


Schaftsvermögens inbegriffen gewesen zu sein;^ unter 
keinen Umständen aber ist der letztgenannte Punkt für 
die Charakterisierung des Ausdruckes fieTexstv t(ov xomßv 
maßgebend. . Denn xoivov ist das Korporationsvermögen, 
beziehungsweise ein Teil desselben, in ganz allgemeinem 
Sinne, also nicht nur dann, wenn daran ein Nutzungsrecht 
der Genossen besteht, sondern überhaupt, auch wenn die 
Güter oder das Geld, was es immer sei, zu rein körper- 
schaftlichen, einheitlichen Zwecken verwendet werden, so 
daß daran ein Nutzungsrecht der Genossen nicht angenom- 
men werden darf; vgl. z. B. Dittenb. Syll.^II, 641, 27 ff. 
(3. oder 2. Jahrh. v. Chr.): ^Av (5[t] jurj änodidmi jurj 
xagneveiv, elvai rd imoxelfieva ?e[ot]rd xal rovg lm[fJL\rjviov(; 
iyöidovat, rb Öe xejiifvoQ elvai \Hoi\vbv [x^al t[ov? f\m^Jir}vlovg 
lyfiio'^ovv xal rb f.doi%ofia . . . xofuCo/uevoi , . . rd vojutC6jue[ya^ 
Tiagey^ovreg elg rdg D^voiag ndvra. 

Ich glaube, daß es nach dem Vorgebrachten nicht mehr 
möglich ist, für das griechische Recht eine völlige Ent- 
fremdung des Korporationsvermögens von den individuellen 
Rechtssphären der Mitglieder anzunehmen. Zu den für diese 
Behauptung bereits gelieferten Beweisen möchte ich, last 
not least, noch im Sprach gebrauche, der als Ausdruck des 
Volksrechtsbewußtseins nicht ohne weiteres auf die Seite 
geschoben werden darf, eine Stütze suchen. Es findet 
sich nämlich in den griechischen Urkunden bei den Ver- 
mögenszuwendungen an Vereine und Korporationen neben 
dem Ausdrucke: SMvai (et similia) t( 7) xoivw^ rfj ovvoöcn^ 

^ Vgl. Dittenb. Syll.^ II, 652, 33 ff. (2. Jahrh. n. Chr.): /tiede^ovaiv 

x\ai Ol ecftjßoi jidvisg xtov te dXXwv ojv äv 7iaQE)r[i]i rjot? h'v/LioXjiiSaig 
6 d-Qy^ixiv Tov yfvovi, y.ai tfjg di\av^ofifjg \ weiter gr. Inachr. in BCH. 
XXIV (1900) S. 322, Z. 15 ff. : 6 6e svevxag juerexhco /xov xfjg Öo)- 
QEäg ; vgl. gr. Inschr. Nr. 116 bei Kern, Inachr. von Magneaia S. 104, 
Z. 14 ff. (Hadriana Zeit). 


13 * 




196 Das Vereinsvermögen. — §12. Vermögensrecht. 


ebensooft die Wendung didövai xdig avvodekaig^ rölg ^laoL 
raig uswA Wenn es auch zuzugeben ist, daß die Beweis- 
kraft solcher Ausdrücke keine zwingende ist, so darf man 
auch nicht leugnen, daß sich dabei die Körperschaften und 
die zuwendenden Personen wohl bewußt waren, daß die Zu- 
wendung nicht der Korporation, als einer übernatürlichen, 
leblosen Person gemacht wurde, sondern ins Eigentum 
eines Rechtssubjektes überging, welches in organischer 

^ Vgl. IG. IV, 498, 2ff. : Aa/io/dgiov . . . [deöioHOTog . . .] rat Kcj^ai 
XMV J\Iv>cavi(j)v; Dittenb. Sy 11.* II, 728, 22: fjteöcoxev öt stg rd xoivov xzX.] 
IG. VII, 43, 2 ff. : 'Avari&rjoiv Af)hrj A. ... no xoiv(p tojv Aiyood'Evntov, 
. . . dyoQaaaon JiaQa xcdv AiyooO'FviTüiv; Z. 8f. : X[afAßa]vov[TE]g oi Alyo- 
odEvXxiu xxX.\ IG. IX 2, 1107, 12 f.: e\jie6wxev el'g xe xwv 'd'Ewr xifxrjv [xai 
xd xoi]Fdv xfdv vjzooxoImv xxk , ; IG. Xll 3, 330, 23 f. : xai ödiiEv x<7) xtnvcp xxk. 
ADdererseits vgl. CIG. II, 3028, 4: olg (ol iv ^E(fEo<f) tgydzai jigoTivkElxai) 

xai xa{)'iEga)OEV dt/rdgia xxX, und 6 f. : *ixdixfjoovoiv xai Exngd^ovoiv xai 
jTOUjaovoiv Ol EV ’EqjEon.) Tigo/iihgat; CIG. II, 3071, 3 ff . : [ToTs]AxTahoTaTc;, 
woxE vjidgxEiv avxotg xai xd oxgcdfxaxa; Dittenb. Syll.“ II, 641, 13 ff.: ITo- 
OEiöwviog ^laxg. vtie^i^xev xoTg Eg mvxov xai xoXg ex xovxcov yirofiEvotg ex 
XE xdiv dgaivajv xai x(dr i}r}lEixdv xxX.; gr. Inschr. Nr. 153 in Judeich, 
Altertümer von Hierapolis, Z. 4 ff.: [/)]aaav Se ol MaxEÖovixoi roXg orj^ua- 
g/dgoiQ Tov Ag^x^yEinv xxl.\ gr. Inschr. Nr. 117 bei Kern, Inschr. von 
Magnesia S. 106, und unzählige andere; hier noch einige Beispiele aus 
Ägypten: IG. XII 3, 327 (245—221 v. Chr.), Z. 8f.: öovvai avxoXg xd 
dvEUrjfxfih’a vnd rov oixovdfiov Etg xd ßaoiXixdr IGR. I, 1084 

(25 n. Chr.): E. dvh^-rjxEv mnr'fSfg OEgjLioi’ß'iaxrji; ebenso IGR. I, 1328 
(31 n. Chr.); dagegen IGR. 1, 1114 (17 v. dir.); hierher gehören auch 
die sonstigen Leistungen an und seitens der verschiedenen Genossen- 
schaften; vgl. z. B. die Zahlungen: rors £[la]iomdkaig firjxgojidhwg in P. 
Giss. 10, 9 (118 n. Chr.) und die weiteren in den byzantinischen P. klein. 
Form. 899; 941; 944; anders die Leistungen xf/ nvvoSgj xcdv ßovxdXxov \x. sl. 
in P. Lond. III, S. 193 ff. Z. 70. 72. 119. 122: weiter die Zahlungen itagd 
ysgöiayv difd) Aßslovg W. xai xwv koiJiwv und jxagd dajuoolcov yscogycdv 
in BGU 471, 1 ff. (2. Jahrh. n. Chr.) ; ebenso ixagh^ov ol oidr]g{ovgyol) u. ä. in 
P. klein. Form. 836 und 838; 839; 850; 852 u. a. m.; dagegen nagsoxsv 
f} sgyaoia xcdv xpovaxagicov in P. klein. Form. 840; 841; 842; 878, alle 
a. d. 6. und 7. Jahrh. n. Chr. 



Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


197 


Verbindung mit seinen Mitgliedern stand. Daraus allein 
ein Anrecht der Genossen am Vereinsvermögen abzuleiten, 
wäre freilich gewagt, aber als eine bloße Zutat zu den 
anderen, direkteren Beweisen des Vorhandenseins solcher 
Berechtigungen erscheint mir diese Ausdrucksweise der 
Quellen nicht irrelevant. 

Es bleibt jetzt noch die Frage zu erörtern, wie sich 
nach dem Gesagten das Eigentumsrecht am Vereins ver- 
mögen nach griechischem Rechte gestaltet und wie sich 
die individuellen Anteilsrechte der Genossen mit dem 
Eigentumsrecht der Genossenschaft vereinbaren lassen. 
Die Ähnlichkeit der griechischen Verhältnisse mit den 
deutschrechtlichen springt sofort ins Auge und kann auch 
durch die häufigen Hinweise auf Gierkes Darstellung 
des deutschen Gonossenschaftsrechtes leicht nachgeprüft 
werden. Es liegt daher nahe, die Konstruktion dieser 
Rechtsverhältnisse im deutschen Privatrechte heranzuziehen, 
um zu untersuchen, ob wir eine ähnliche Auffassung auch 
für das griechische Recht annehmen dürfen. 

Nach der von Gierke formulierten Theorie (Genossen- 
schaftstheorie S. 317 flf.; Genossonschaftsrecht II S. 175 ff., 
S. 177ff., S. 229ff., S. 325ff., S. 905 ff.; Holtzendorffs Rechts- 
lexikon I S. 494 f. ; Deutsches Privatrecht I S. 538 flf. ; II S. 382 f .), 
die überwiegend Annahme fand,i lassen sich solche Ver- 
hältnisse nur durch den Begriff des sogenannten „kor- 
porativen Gesamteigentums“ erklären. Dieses besteht 
darin, daß der Befugnisinhalt des Eigentumsrechtes unter 
verschiedenen Rechtssubjekten geteilt wird: „Die im Eigen- 
tum enthaltenen Verfügungs- und Verwaltungsbefugnisse 
werden der juristischen Person zugewiesen, dagegen wird 


1 Vgl. Beseler a. a. 0. S. 323 ff.; Schröder, Rechtsgeschichte ^ S. 710; 
dagegen entschieden ablehnend Stobbe, Deutsches Privatrecht II 1, S. 312. 



198 


Das Vereinsvermögen. — § 12. Vermögensrecht. 


der Nutzungsinhalt ganz oder in der Hauptsache in der 
Form von sonderrechtlichen Anteilen den Mitgliedern über- 
eignet“ (Genossenschaftstheorie S. 321 f.). 

Wir haben bezüglich der griechischen Genossenschaften 
und Vereine gesehen, daß die Verwaltung und Verfügung 
über die Substanz des Korporationsvermögens tatsächlich 
immer der Gesamtheit — also der Körperschaft selbst — 
zustand (vgl. oben S. 178f.). Ebenso aber sind individuelle An- 
teilsrechte am Korporationsvermögen nachweisbar, die ent- 
weder in einer unmittelbaren Nutzung oder in einem Anspruch 
auf einen Teil des Erträgnisses bestanden (vgl.obenS.181ff.). 
Allerdings wird oft dieses Nutzungsrecht der Mitglieder 
dadurch ausgeschlossen, daß das ganze Genossenschafts- 
vermögen oder wenigstens ein Teil desselben laut statu- 
tarischer Bestimmung zu rein körperschaftlichen, von den 
individuellen Interessen der Genossen verschiedenen Zwecken 
verwendet wird (vgl. S. 181 f. 188). Aber auch in diesem 
Falle fällt das Anrecht der Mitglieder am Korporations- 
vermögen nicht weg, da wir immer eine von den Quellen 
bestätigte Anwartschaft auf das Vermögen für den Fall der 
Lösung des Genossenschaftsbandes gefunden haben. Die 
Ähnlichkeit mit dem deutschen Rechte ist um so größer, als 
auch bei den griechischen Körperschaften diese Anteils- 
rechte der Mitglieder, so gering auch ihr Umfang sei, 
doch Eigentumsbefugnisse sind, welche beim Wegfallen 
der Rechte der Korporation, z. B. bei deren Auflösung, 
den vollen Eigentumsinhalt zu gewähren vermögen. 

Da das Eigentum am Korporationsvermögen im grie- 
chischen und im deutschen Rechte dieselben charakteristi- 
schen Züge von gegenseitig sich ausschließenden Befug- 
nissen der einzelnen Mitglieder einerseits und der Gesamtheit 
andererseits zeigt, liegt eigentlich nichts im Wege, auch für 
das griechische Recht den Begriff des „korporativen Eigen- 



Das Vereinsvermögen. § 12. Vermögensrecht. 199 


tumsrechts mit den geteilten Befugnissen“ anzunehmen. 
Nur läßt sich leider im griechischen Rechte die Entwick- 
lung bis zur Ausbildung des Begriffes nicht so verfolgen 
wie im deutschen Mittelalter, abgesehen davon, daß der 
Ursprung der gewillkürten Genossenschaften hier ein ganz 
anderer ist als dort. Denn während in Deutschland die 
Körperschaft aus der alten germanischen Genossenschaft 
durch Erhebung derselben zur Verbandsperson entstanden 
ist, läßt sich in Griechenland der Zusammenhang der ge- 
willkürten Genossenschaften mit der societas nicht ver- 
kennen.^ Obwohl Aristoteles den gewillkürten Genossen- 
schaften eine eigene originäre Wesenheit zuschreibt und 
sie eine Bildung zur Erreichung vereinzelter Zwecke im 
Staate bezeichnet,* so schimmert doch die hier zugrunde- 
liegende Gemeinschaft schon in seinem Sprachgebrauche 
durch, indem er nicht nur den Staat, sondern auch alle 
anderen Verbände als xoivoniat bezeichnet, ^ welcher Aus- 
druck doch meistens für Gesellschaft und sonstige Gemein- 
schaftsverhältnisse angewendet wird.^ 

' Vgl. Ziebart a. a. 0. S. 13 f. ; S. 18 f. ; darüber später; für das deutsche 
Recht s. Gierke, Deutsches Privatrecht II S. 383. 

Vgl. Aristoteles, Polit.VII c. 10 p. 1330 sqq.; dazu Gierke, Genossen- 
schaftsrecht III S. 29 f. 

^ Vgl. Aristoteles, Polit. 1 c. 1 p. 1252 a: der Staat als xoivoyria jioXt- 
riXT) ist tj jiaoojv xvQiandTi] xai jidoag: rag äXlag; daneben 

sind Vermögensgenossenschaften und ebenso alle anderen Vereinigungen 
xoiviovim, vgl. Eth. Nicom. p. 1160a, 14. 

Der Gebrauch von xoivcovia im Sinne von Gesellschaft ist ja ganz all- 
gemein, vgl. z. B. abgesehen von Beispielen aus klassischen Quellen, P.Oxy. 
103, 8 (316 n.Chr.); P.Thead. 8, 12 (306 n.Chr.) ; ebenso xoivovia jigog ydfwv 
in P. Oxy. 905 (170 n.Chr.); vgl. auch die :xgdg ßwv xoivunda in BGÜ 
1051, 9; BGÜ 1052, 8; BGU 1099, 6; 1100, 10 aus der Zeit des Augustus. 
Koivcovdg bezeichnet den Gesellschafter, den Teilnehmer, vgl. z. B. P. 
Straßb. 23, 78 (1./2. Jahrh. n. Chr.); BGU 1123,4 (Zeit des Augustus); 
P. Gentilli 3, 3 (132/3 n. Chr.) und andere Beispiele, vgl. Bd. I S. 150, 1 ; 




200 


Das Vereins vermögen. >- § 12. Vermögensrecht. 


Bevor wir die Untersuchung schließen, möchte ich 
noch hinzufügen, daß auch auf dem Gebiete des Obliga- 
tionenrechtes ähnliche sonderrechtliche Verhältnisse be- 
gegnen, wie die beim Eigentum wahrgenommenen. Denn 
auch hier können die individualrechtlichen Gestaltungen 
von Schuld und Forderungsgemeinschaft nicht zur An- 
wendung kommen, es muß vielmehr bei Gesamtverbind- 
lichkeiten eine durch die Struktur der Korporation ge- 
gebene „organische Verknüpfung von einheitlicher Körper- 
schaftshaft und vielheitlicher Sonderhaft“ eintreten,^ der 
bei genossenschaftlichen Gesamtforderungen eine Verbin- 
dung zwischen der einheitlichen Forderung des Verbandes 
und den vielheitlichen Forderungen der einzelnen Mitglieder 
entspricht. Besonders klar und deutlich kommt diese mehr- 
fache Haftung für eine Genossenschaftsschuld in den 
Daneionurkunden von Arkesine zum Ausdrucke, indem 
dort dem Gläubiger das Exekutionsrecht t\x\ xt noy xoi- 
v(öv x[(o\v *Agx[€]aivt:cov navTcoy xal tx rcßv \j.]dia)v xcöv 
WqxEoivkoy x[al\ ^\x r(x}v\ . . . xal ii f:vdg [^f\xdoT()v änav xb 
dgyvQioy x\ al | äjidvxan’f rgoTran *<Jh äv mioTi]rai (Recueil 


ebenso P. Thead. 30, 3 (322 n. Chr.); P. Thead. 31, 4 u. ö. (319/20 n. Chr.) ; 
dagegen aber werden in P. Thead. 50,3 (324 n. Chr.); P. Thead. 34, 4 
(325 n. Chr.) ; P. Thead. 36, 5. 13. 23 (327 n. Chr.) die ma^dQxai und die 
foyazior als xotvcovoi bezeichnet, da sie Mitglieder der be- 
treffenden Beamtenkollegien waren. Im selben Sinne heißen die Vereins- 
abgaben xotviovixd, vgl. P. Teb. 5, 59 (118 v. Chr.); P. Teb. 100, 10 (117/6 
V. Chr.); P. Teb. 119, 12 (105 — 1 v. Chr.). Schließlich • wäre auch noch 
zu bemerken, daß xoivozjjg in P. Cairo Cat. 67001 (514 n. Chr.) und in 
mehreren koptischen Texten (vgl, unten Term.) statt des üblichen 
xoivor gebraucht wird, während dasselbe Wort in P. Lond. I, S. 208 f. 
(595 n. Chr.) einfach ^Gemeinschaft“ bedeutet. 

' Vgl. Gierke, Genossenschaftstheorie S. 338 ; Genossenschaftsrecht 
IIS. 881 ff.; 919, der solche Verhältnisse im deutschen Privatrechte 
konstatiert; dazu stich Besoler a. a. 0. S. 280. 



Das Vereinsvennöeen. — § 12. Vermögensrecht 


201 


inscr. jurid. XV A Z. 25 flf.) zugestenden wird. Und zwar ist 
hier die singuläre Haftung der Genossen aufs schärfste zu- 
gespitzt, denn es liegt nicht etwa eine Prinzipalhaftung der 
Gemeinde unter subsidiärer Mitverhaftung der Einzelnen 
(Gierke, Genossenschafterecht IIS, 384) vor, sondern es haftet 
vielmehr jeder einzelne Gemeindegenosse solidarisch mit der 
Gemeinde mit seinem ganzen Vermögen für die Genosson- 
schaftsschuld. Diese Schärfe wird allerdings nur eine ge- 
wollte gewesen und nicht regelmäßig bei jeder derartigen 
Schuld eingetreten sein, da man sonst die Gemeinde 
Arkesine kaum als eine ausgebildete Korporation ansehen 
dürfte. Immerhin aber bleibt dieser Fall trotz seiner exzep- 
tionellen Natur eine wichtige Stütze für unsere Behaup- 
tung der innigen Verbindung zwischen der Korporation 
und ihren Mitgliedern im griechischen Rechte. 

Nachdem wir nun versucht haben, den Standpunkt des 
griechischen Rechtes bezüglich des Eigentumsrechtes am Ge- 
nossenschaftsvermögen klarzulegen, kehren wir nun zu un- 
serem eigentlichen Thema, zu den Vereinen im ptolemäischen 
und römischen Ägypten zurück. 

Wie schon am Eingänge dieses Abschnittes bemerkt 
wurde, tragen die Papyri und die ägyptischen Inschriften 
zur Lösung der Frage nach der Mitberechtigung der Ge- 
nossen am Vereinsvermögen nicht viel bei. Die spärlichen,' 
diesbezüglich in Betracht kommenden Urkunden sind daher 
an den betreffenden Stellen zusammen mit dem außer- 
ägyptischen Material besprochen worden. Trotzdem glaube 
ich annehmen zu dürfen, daß auch in Ägypten die Ge- 
nossenschaftsmitglieder Anteilsrechte am Körperschafts- 
vermögen besessen haben und zwar nicht nur in ptole- 
mäischer, sondern auch in römischer Zeit. Denn obwohl 
die wenigen erhaltenen Quellen, die dafür sprechen, ^ uns 

^ oben S. 185 und 193 f. 



202 


Das Vereinsvermögen. — § 12^ Vermögensrecht. 


vielleicht zu einer Verallgemeinerung nicht berechtigen 
würden, läßt sich doch die gegenteilige Ansicht m. W. 
nirgends belegen. Und warum sollten bei den ägyptischen 
Vereinen der römischen Periode keine Anteilsrechte der 
Mitglieder am Vereinsvermögen bestanden haben, wenn 
sie, wie wir nachgewiesen zu haben hoffen, im griechischen 
Rechtsgebiet allgemein waren und sich, wie Mitteis auf- 
gezeigt hat,^ auch bei den römischen Genossenschaften 
vorfanden? 

Eine eigene Stellung unter den römischen V ereinen nehmen 
die Zünfte der byzantinischen Zeit ein. Bekanntlich verfolgen 
in dieser Periode die meisten Geweifbeinnungen nicht mehr 
ihre eigenen privaten Zwecke, sondern stehen direkt im öffent- 
lichen Dienste. Daher hat natürlich auch der Staat jetzt 
ein großes Interesse, daß den Korporationen immer ein 
genügendes Vermögen erhalten bleibe, damit sie den ihnen 
auferlegten Pflichten nachkommen können. Daraus er- 
klären sich die vielen Gesetze und Verordnungen über die 
Gebundenheit des Privatvermögens der Zunftgenossen und 
über das Erb- und Heimfallsrecht der Zünfte selbst. * Das 
Vermögen dieser corpora bestand teilweise aus staatlichen 
Dotationen, meistens Immobilien (fundi dotales),^ im übrigen 
aus den sonstigen, durch Konfiskation, Abtretung und Ver- 
erbung oder Heimfall, vom corpus erworbenen Gütern und 

^ Vgl. Mittels, Privatrecht S. 345 ff. und oben S. 176. 

* Vgl. nur einige Stellen: C. Theod. XIV, 3, 2 (a. 355); C. Theod. 
XIV, 3, 14 (a. 372); C. Theod. XIII, 6, 2 (a. 365); C. Theod. XIV, 4, 8 
(a. 408); Nov. Theod. VI, 3 (a. 438); C. J. VI, 62, 1 (a. 326); C. Theod. 
XIII 5, 19 (a. 890): C. Theod. XIV, 4, 7 (a. 397); Nov. Valent. XXIX g 1 
(a. 450) u. a. m.; vgl. Waltzing a. a, 0. II S. 285 ff.; 372 ff. 

» Vgl. Cassiod. Varia VI, 18; C. Theod. XIV, 3, 7 (a. 864); C. Theod. 
XIV, 3, 13 (a. 369); Nov. Valent. XXXIV (a. 451); außerdem noch die 
pistrina und officinae der pistores, vgl. C. Theod. XIV, 3,7; C. Theod. 
XIV, 17, 3 (a. 368); Waltzing a. a. 0. II S. 372 f. 



Das Vereinsvermö|en. — - § J2. Vermögensrecht. 203 

Geldern. Es ist einleuchtend, daß sich hier das Eigentums- 
recht an diesen Vermögensmassen eigenartig gestalten mußte. 
Man könnte sogar annehmon, daß der Staat an den fundi 
dotales trotz der Schenkung das Eigentumsrecht behielt und 
daß die Zünfte daran bloß ein dauerndes Nutzungsrecht 
hatten; jedenfalls läßt sich bezüglich dieser Dotationen 
eine strenge staatliche Aufsicht über deren Verwaltung 
nachweisen.i Das übrige Vermögen charakterisierte sich, 
wie gesagt, dadurch, daß es dem Zwecke, den die Kor- 
porationen in der öffentlichen Administration zu erfüllen 
hatten, erhalten bleiben mußte. Daß daran sonderrechtliche 
Anteilsansprüche der Mitglieder nicht bestehen konnten, 
ist wohl leicht erklärlich, wenn auch die Quellen die Exi- 
stenz derselben nicht so ausdrücklich verneinen, als es zu 
erwarten wäre,^ denn das Vermögen dieser corpora hatte 
schon einen solchen stiftungsähnlichen Charakter angenom- 
men, daß für individuelle Berechtigungen der Mitglieder 
daran kaum mehr Platz war. Der Staat dürfte sich sogar 
den Heimfall dieses Vermögens für den Fall der Auflösung 
des coryus gesichert haben und damit war die bei den 
sonstigen Genossenschaften vorhandene Anwartschaft der 
Mitglieder ausgeschlossen; denn das Zunftvermögen sollte 
doch staatlichen Zwecken dienen und die Auflösung des corpus 
konnte damals nur auf Grund staatlicher Erlaubnis, oder 
aber als selbständige Verwaltungsmaßregel stattfinden. 

» Vgl. C. Theod. XIV, 3, 19 (a.396); Nov. Valent. XXXIV, 4 (a.451); 
Waltzing a. a. 0. II S. 377 und S. 433 f. 

2 Sogar Waltzing, der überall eine juristische Person annimmt, 
sagt a. a. 0. II S. 377, daß man nicht weiß, ob wirklich das ganze Ver- 
mögen im Eigentum der Korporation, als juristischer Person, stand, oder 
ob es nicht etwa teilweise auch den Mitgliedern gehörte, und bemerkt 
dazu: „les lois ne sont pas claires; les unes parlent du collöge (corpus), 
les autres parlent des membres.*^ 



204 


Das Vereinsvermögep. — § 1^, Vermögensrecht. 


Trotz diesem möglicherweise vollständigen Ausschluß 
jeder mitgliedschaftlichen Sonderberechtigung am Vermögen 
der byzantinischen Zünfte ist es noch immer nicht notwendig, 
zur Annahme des Alleineigentums einer juristischen Person 
als Einzelsubjekt greifen zu müssen, denn es sind hier An- 
teilsrechte der Genossen nur deshalb nicht zulässig, weil 
das Vermögen dieser corpora zu einem reinen Zweck- 
vermögen geworden ist, welches individuelle Rechte 
einzelner Rechtssubjekte zu eigenen Interessen nicht dulden 
kann. Andererseits aber durfte nicht einmal die Kor- 
poration als solche über die Substanz des Vermögens frei 
verfügen. 1 ^ 

Inwieweit die Verstaatlichung der Gewerbeinnungen in 
byzantinischer Zeit sich in Ägypten nachweisen läßt, wollen 
wir in Kap. V erörtern; hier sei nur erwähnt, daß uns die 
Papyri keine Anhaltspunkte bieten, um eine Änderung der 
vermögensrechtlichen Zustände in den xoivä von Gewerbe- 
treibenden annehmen zu können. 


' Vgl. z. B. C. Theod. XIV, 4, 5 (a. 389) ; C. Theod. XIII, 6, 2 (a. 365); 
vgL Waltzing a. a. 0. II S. 452. ^